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Die Stimme · 1933-10-05 · Heft 303 (5.10.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 303 (5.10.1933)
Date
1933-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 303 — 3. Oktober 1935 jJTE STIMME Seife 5 Ussischhin-Tage in Wien Der zlonlstlsdie Parteirat huldigt Usslsdikln Mittwoch den 27. September, abends, versammelte sich im großen Saale des Bundes jüdischer Frontkämpfer der zionistische Parteirat, um Ussischkin zu huldigen. Der Präsident des Parteirates, Prof. Moses Rath, begrüßte den illustren Gast in einer hebräischen Ansprache, in der er u. a. ausführte: Wir beehren uns, den großen Gast, die große Leuchte der zionistischen Bewegung Rabbi Menachem Ussischkin hier zu empfangen. Die Zionisten Wiens begehen jetzt eine Doppelfeier. Die Feier des 70jährigen Jubiläums Ussischkins und die Feier des 50jährigen Bestandes der zionistischen Bewegung. So wie Ussischkin immer für den Jischuw in Palästina ein Tröster und Ermutiger war, so wurden wir da curch seine begeisternden und zündenden Reden getröstet und gestärkt. Wir haben ihn gehört und haben empfunden, daß Ussischkin noch jung und voller Schöpfungskraft ist, noch schwere, mühevolle und segensreiche Arbeit zu leisten imstande ist. Ich gestatte mir, Sie im Namen der Zionisten zu beglückwünschen. Mögen Sie noch Ihre gesegnete Arbeit viele, viele Jahre fortsetzen und unser Wegweiser bleiben. Eine Reihe von Fragen über Alijah, Boden, Sledlungsmöglichkeit wurde dann von Ussischkin ausführlich beantwortet. Zum Transfer-Vertrag mit Deutschland führte Ussischkin folgendes aus: «Es wurde hier Vieles übertrieben. Die Juden in Deutschland, die sich aus ihrer Hölle retten wollen, sind berechtigt, alles anzuwenden, um ihr Leben und Vermögen aus diesem Lande zu retten. Die zionistische Organisation hat diesen Vertrag nicht abgeschlossen, aber sie bewarb sich hier um die Kontrolle, um darauf zu achten, daß die deutschen Juden diesen Vertrag nicht mißbrauchen sollen und daß nur Juden, die wirklich nach Palästina übersiedeln, sich dieses Vertrages bedienen mögen. Was den Orangenvertrag betrifft, ist ailes aus der Luft gegriffen. In der Frage der Beschäftigung jüdischer Arbeiter in Palästina gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kolonisten. Der jüdische Kolonist war in den ersten Jahren gewöhnt, arabische Arbeiter zu beschäftigen, denn er war billiger. Es kamen dann die Chaluzim und bald entstand eine Kluft zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, dehn der Kolonist bildete sich ein, daß er eigentlich der Pionier ln Palästina sei und der jüdische Arbeiter ihn mit Respekt behandeln müsse. Der stolze jüdische Arbeiter teilt aber diese Meinung nicht. Die Situation ist jetzt besser. Die Zahl der jüdischen Arbeiter in den Kolonien wird von Tag zu Tag größer. Es gibt nur einen Ausweg, daß der jüdische Kolonist nicht arabische Arbeiter beschäftigt, daß die jüdischen Kolonien fern von den arabischen Siedlungen liegen. Man muß dafür sorgen, daß der Nationalfonds immer Bodenreserven hat, damit der Bodenkäufer nicht gezwungen wird, zum Bodenspekulanten zu gehen. Boden kann man heute in Palästina noch viel kaufen — hätten wir nur das Geld dazu.» Ueber den Mittelstand sagte Ussischkin: «Was ist eigentlich Mittelstand? In London gehört der dem Mittelstand an, der 5000 Pfund Im Vermögen hat, und in Lodz wird als Mittelständler bezeichnet, der keine Schulden hat. Derjenige, der nach Palästina kommt und nicht auf den Keren Hajessod angewiesen ist, wird als Mittelständler bezeichnet. Wir haben im Waadi Hawareth Boden an die Mittelständler verteilt. Wir haben heute keinen freien Boden für die Kolonisation. Wir haben nur Boden für Industrie In Reserve. Was die Heilquellen Palästinas betrifft, hätte ich jedem Arzt, der nach Palästina geht, den Rat erteilt, sich auch seine Patienten mitzunehmen. In den großen Städten Palästinas ist kein Platz mehr für Aerzte.» Den überaus interessanten und instruktiven und von Ussischkins eigenem Mutterwitz erfüllten Ausführungen lauschte das zahlreiche Publikum m:t gespannte ster Aufmerksamkeit und feierte den illustren Gast zuni Schluß durch stürmische Ovationen. Bekenntnis Ussischkins zum Allgent. Zionismus In der gleichen Versammlung des Wiener Zionistischen Parteirates wurde an Herrn M. M. Ussischkin auch die grundsätzliche Frage gerichtet, wie er zum Allgemeinen Zionismus stehe. Die reserviert gehaltene Einleitung der darauf folgenden Rede Ussischkins ließ fast glauben, daß er die Beantwortung gerade dieser letzteren Frage vermeiden wolle. Das wäre schließlich zu begreifen, da Ussischkin als Präsident des KKL, welcher ein Instrument der zionistischen Gesamtbewegung im Dienste des jüdischen Volkes und dessen Palästinaaufbauwerkes ist und bteiben soll, damit rechnen mochte, ja keine Empfindlichkeit bei irgendeiner zionistischen Fraktion oder sonstigen Gruppe zu wecken. Um so bedeutsamer ist es deshalb, daß Ussischkin seine Rede in ein rückhaltloses Bekenntnis zum Allgemeinen Zionismus ausklingen ließ und diese seine Stellungnahme ausdrücklich und eindeutig begründete. Es Hegt wohl im Interesse der breiten jüdischen Öffentlichkeit, wörtlich zu erfahren, wie ein, durch sein Leben hingebungsvoller Arbeit für den Zionismus bewährter Kämpe gleich Ussischkin über diese Frage denkt, welche durch den CARO & JELL1NEK Spedliions- und Lagerhaus AMienges. Wien. I., Deutschmeisterplatz Nr. 4 Telephon A 18-5-80 Serie Internationale Transporte Spezial verkehr nach und voh Palästina per mare und per Donau. Auskünfte aller Art über Palästina werden bereitwilligst erteilt. Palästina-Zolltarif steht den Parteien zur Verfügung. Vertretung in Palästina: Friedrich Katz, Haifa, P. O. B. 17, Alexander Fried, Jaffa, P. O. B. 171, Tel-Awiw, Geula Street 42. Verlauf des letzten Kongresses eine Bedeutung von hoher Aktualität gewonnen hat: «Alan hat mich hier auch Interpelliert, wie Ich zum Allgemeinen Zionismus stehe. Bis zum letzten Kongreß war die Frage des Allgemeinen Zionismus nicht aktuelL Sie wurde es schon durch die Wahlen zum Kongreß. Abraham Schwadron, einer der ergebensten und verdienstvollsten Zionisten gab öffentlich seiner Verwunderung Ausdruck, daß ich es erlaube, mich auf die Liste der Allgemeinen Zionisten zu setzen, da ich doch mit der Linken, der Arbeiterschaft, so gut stehe. Darauf konnte und kann Ich nur antworten: Zur Linken oder einer anderen Fraktion müßte ich erst hineingehen. Warum aber soll ich aus dem Allgemeinen Zionismus hinausgehen? Für mich ist der Allgemeine Zionismus der Zionismus. Bel den anderen aber muß man erst fragen, was sie eigentlich wotfen. Hier erinnere ich mich an den V. Zionistenkongreß, als die erste Sondergruppe, die «Demokratische Fraktion», sich bildete. Ihr schlossen sich Buber, Feiwel, Weitzmann und viele andere junge und wertvolle Kräfte an. Ais diese mich nun drängten, warum denn nicht auch ich beitrete, da gab ich ihnen den Bescheid, daß ihre Abspaltung immer wieder neue Abspaltungen provozieren werde. Und so geschah es auch. Es folgte die Gründung einer Menge Fraktionen, wie Misrachl, Hitachduth, Poale-Zion, Revisionisten, Judenstaatler und was weiß noch! Alles Vernünftige kann ich verteidigen, wenn ich!m Zentrum stehe. Doch wenn Ich mich in eine Sondergruppe separiere, muß ich als Parteimann oft genug eine falsche Sache verteidigen. Wer das ganze Volk befreien will, darf nicht an der Spaltung unserer Organisation teilnehmen. Das genügt wohl!» Fesikommers zu Ehren Ussischkins Zu Ehren Ussischkins v eranstalteten die «H i s t adruth Iwrith» und der Keren Kajemeth Sonntag, den 2. Oktober, im Festsaal des Hotel de France einen Kommers, zu dem sich z-irka 100 Gäste aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens eingefunden hatten. An dem Bankett, das einen sehr hübschen Verlauf nahm, waren erschienen: Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Herr Dr. Desider F r i e d m a n n, der Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees Herr Dr. Michael Steinberg, der Präsident der Histadruth Iwrith Dr. David Roth bl um, der Präsident der Bnei Brith Kommerzialrat Kiemperer, Leiter des Theologischen Lehrerseminars Prof. Dr. Kraus, Leiter des österreichischen Palästina-Amtes Dr. Simon Horow i t z, Regierungsrat Dr. F u c h s g e 1 b, Mitglied der KKL- Kommission Dezent Dr. Siegfried P1 a s c h k e s, der Leiter des österreichischen Keren Kajemeth Dr. Chaim Tartakower u. v, a. Dr. R o t h b I u m eröffnete mit einer kurzen hebräischen Ansprache das Bankett Der Präsident der jüdischen Gemeinde Dr. Desider Friedmann führte in seiner kernigen Ansprache aus: Ussischkin möge sich die besten Eindrücke aus dem jüdischen Wien mitnehmen und überzeugt sein, daß er hier eine große Gemeinde seiner Anhänger zurückläßt, die die hohen Ziele des Zionismus zu verwirklichen bestrebt sein werden. Die Arbeiten Ussischkins können im einem Satz zusammengefaßt werden: Die Schaffung normaler Bedingungen für das jüdische Volk, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Mit einem Toast «Jechi Ussischkin» schloß Präsident Dr. Friedmann seine Ansprache. Für den verhinderten Präsidenten der Nationalfondskommission Herrn Adolf Böhm, von dem ein Begrüßungsschreiben zur Verlesung gebracht wurde, begrüßte Dozent Dr. P1 aschkes den Gast. Kommerzialrat Kiemperer sprach im Namen der Bnei Brith und bewunderte die Kraft Ussischkins, der trotz seines hohen Alters sich in seiner zionistischen Propagandatätigkeit in Wien keine Schonung auferlegt habe, Prof. Kraus bezeichnete Ussischkin als einen Hauptpfeiler unseres nationalen Gebäudes. Möge er erleben, dieses Gebäude zu vollenden. Ussischkin heißt Menachem, das bedeutet Trost Er wird uns trösten in aller Not. Der Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees Dr. Michael Steinberg unterstrich, wie notwendig es war, daß Ussischkin gerade nach dem Prager Kongreß, der eine gewisse deprimierende Stimmung in die zionistischen Reihen gebracht hat, nach Wien gekommen ist. Seine Anwesenheit hat uns wieder in eine gehobenere Stimmung gebracht und wir danken ihm dafür vom Herzen. Es gebührt Ussischkin der besondere Dank dafür, daß er keine Mühe gescheut hat, während seines Aufenthaltes in Wien von Versammlung zu Versammlung zu gehen und überall dort vor zionistischen Massen zu sprechen, wo er das Gefühl hatte, daß sein Wort ein Echo findet. Wir werden uns bemühen, unsere zionistische Arbeit in Wien in seinem Sinne fortzu* setzen und wenn Usssischkin das nächstemal wieder zu uns kommt, dann soll er sich überzeugen, daß er jetzt hier nicht umsonst geweilt hat. Dr. Simon Horowitz (Hebräisch) versichert Ussischkin, daß die Saat, die er in unserem Her zen gesät hat, Früchte tragen wird. Schließlich sprach noch Dr. Rothblum einen Toast zu Ehren der Frau Ussischkin, die ihren großen Gatten auf seiner Reise begleitet. Die ScMußanspvache Ussischkins Ussischkin dankt für die herzlichen Reden und den Empfang in Wien, der brüderlich, jüdisch und zionistisch war. Dies alles wird aber nur dann für ihn von Bedeutung sein, wenn seine Anwesenheit ein Ansporn zu Taten sein wird. Ussischkin hofft, daß er, wenn er das nächstemal am Versöhnungstag beten werde, es nicht bereuen Werde, Jom Kippur in Wien verbracht zu haben. Es war ein Streit im Talmud, was wichtiger ist, Worte oder Taten. Nach einer langen Verhandlung wurde entschieden: Es sind wichtig die Worte, die zu Taten führen. Man soll nicht mit der Abschätzung großer Menschen übertreiben. Die größten Leute werden in einer schlechten Konjunktur vernichtet Die kleinen Menschen steigen in einer guten Konjunktur empor. In Wien hatten Sie das Glück, den großen Herzl an seiner Arbeit zu sehen. Trotz seiner großen politischen Vision brach er nach achtjähriger Arbeit zusammen und die politischen Resultate waren so gut wie nichts. Und nach ihm kam ein junger Jude aus P i n s k, Chaim Weirmann, und bekam die Balfour-Deklaration. Und nachdem bereits Weizmänn bei den großen Diplomaten der Welt bekannt war, erlitt auch er eine Niederlage nach der anderen. Die Konjunktur war gegen ihn. Jeder einzelne von Ihnen kann ein Führer werden, wenn er für die Bewegung arbeitet Moses, heißt es im Midrasch, bedeutete soviel, wie 600.000 Juden zusammen. Mathematisch ausgedrückt, bedeuten daher 600.000 Juden soviel wie Moses! Wenn Sie daher alle Ihne Kräfte vereinigen, werden Sie auch große Führer hervorbringen. Der Führer ist nur dann groß, wenn hinter ihm das Volk, die Masse steht Zum Schluß legte Ussischkin ein Selbstbekenntnis ab. Er sei nicht 70 Jahre alt, sondern zweimal 35. Man habe ihm den Rat gegeben, seines Alters wegen nicht soviel z* arbeiten. Ussischkin hätte den Rat angenommen, wenn er ihm in seinem 40. Lebensjahr erteilt worden wäre. Jetzt im 70. Lebensjahre könne er diesen Rat nicht befolgen, denn er habe nicht mehr viel Zeit. Ich genieße — sagt Ussischkin — den Ruf eines harten Versicherungs - Aktien Gesellschaft für Handel. Industrie und Gewerbe früher Pensions-Verein) Wien. I., Schellinssasse Nr. 1, Tel. R 22-1*10 und R 26-2-34

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