Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 302 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 302 — 28. September 1938 JMM __________ Plc SUMME bad oder Vichy ein paar Wochen als Erholung gönnt, to nur, um die erneute Kraft dem KKL zu weihen, in Jerusalem (Mid rings im Land und auf anstrengenden Propaganda» fahrten quer durch Europa und übers Weltmeer nach Amerika. Der ganze Einlauf des Hauptbureaus geht durch seine Hand. Paar Worte an den Briefrand oder ein kurzes Ge» sprach mit dem Referenten bringen jeden Fall rasch ins Geleise. Die wichtigsten Dinge kommen vors Direktorium, das etwa allmonatlich tagt. Von neun Direktoren wohnen ihrer sieben in Erez zerstreut, sind aber zur Sitzung voll» zfihlig am Platz. Die lange Tagesordnung wird verblüffend rasch aufgearbeitet, unter der vorzüglichen Leitung dieses Präsidenten. Er trägt den Fall selbst vor, läßt ihn dann vom referierenden Beamten im Detail ergänzen und eröffnet die Debatte. Schließlich formuliert Ussischkin einen Antrag, der alles Vorgebrachte glücklich auf einen Nenner zu bringen weiß und darum meist glatt, ohne weiteren Disput, einhellig durchdringt. Kommt es schon zur Abstimmung, dann fällt der Präsident, wie beim Kriegsgericht der Oberste, auletzt sein Votum und behält fast immer recht. Und, oh Wunder, obgleich die Direktoren verschiedenen Fraktionen angehören — Links, Mitte, Rechts — und obgleich es um lehr reale Interessen geht, herrscht hier eitel Friede; kaum einmal braucht Ussischkin den schöngezierten Hammer, den ihm vor Jahrzehnten die Chowewe Zion geschenkt, mah» send rühren. Ussischkin hat eben seine Leute erzogen, das Wohl der Fraktion hinter das der Nation zu stellen. Wird pchon mal ein verdächtiger Fraktionsantrag forciert, so nur Das Jahr 5693 wird in der jüdischen Geschichte denkwürdig bleiben. Entweder als ein Jahr der Geseroth, der Juden tragödien, wie das Jahr 4856 (1096) der ersten Kreuzzuges, an welches uns die Bußgebete Selichoth erinnern, oder es wird der Anfang einer bösen schweren Zeitfolge sein, ln der hunderttausend« müder jüdischer Menschen dazu leben, um eine Sehnsucht nach tiefer RKihe, den Durst nach der Wohltat des Todes zu haben. O liebe Jugend 1 Manches Schwere ist den Juden auferlegt. Es ist das große Unrecht, das wir erdulden müssen. Es ist eine traurige Geschichte der Juden, die wir miterleben, Wie wenn draußen der Nebel vom Dache tropfen wüide, ein stetiges, geschäftiges Flüstern, eine unheimliche traurige Geschichte, die die Nacht sich erzählt. Wenn auch die Wut heiß in die Glieder fährt, der Jude, die jüdische Jugend darf nicht jähzornig weiden. Das bohrende beständige Denken an die Ausartungen des fremden, grundlosen Hasses mit dem Gefühl des Widerwillens, mit fast körperlichem Schmerz, muß dem Tröste der Erhebung welchen. Deshalb kommt die Jüdische Jugend ht den Tempel,*) um Trost zu empfinden und die jüdischen Mitmenschen zu trösten und ihnen in die Seele zu reden. Vor 17 Jahrhunderten hat der gelehrte Rab in Babylonien seinem leidenden Volke helfen wollen. Da schuf er das Neujahrsgebet und teilte es in drei schöne Teile und ließ sie durch Posaunentöne begleiten. Majestät und Einfachhielt enthält der erste Teil, die Maichijoth, die Zukunftsmelodie von der Königshernschaft Gottes. Wie em Feenmärchen erzählt es uns von der «Furcht vor Gott», wie Gott die ganze Welt mit Angst erfüllt, wie sich die besser gewordenen Menschen den Weg aus der dunklen Schlucht in den sonnenbeleuchteten Wald erzwangen. Der Haß, der Unfriede wurden gebannt, das Böse ist niedergeschlagen und die Menschheit ist von unerträglichen Irrtümfern befreit «Sie bilden alle einen Bund.» Aber von den Märchengefilden bringt uns Rab in bie HaJIen der jüdischen Geschichte. Der zweite Teil heißt: Erinnerungen. Noa wird aus der Sintflut gerettet und eine zweite Flut wird nie wieder Icommien, versichert uns die *) Die Kultusgemeinde veranstaltet auch^feetier einen Festgottesdienst für die reifere Jugend. Dort sprach gerne unser Dr. Chajes s. A. ' Die „Pag“ teilt mit; 1. Die 12. Pag-Palästina-Reise wird am 24. Oktober d. J. unter Führung des Herrn Ing. Seiden von Wien abgehen (besonders interessante Mitteimeerfahrt). 2. Gesucht werden: a) Ein Geldmann mit £ 1000.— für große Zigarettenfabrik in Palästina; b) ein GeWmann mit £ 250/— für bereits bestehende Kappenerzeugung. 3. 0 e s u c b t werden Baugründe in Palästina. 4. Zu verkaufen sind, 20 km von Haifa entfernt, landwirtschaftl. Gründe zu 50 Dunam ä £ 8.—, zahlbar innerhalb von 4 Jahren (Option bis Mitte Oktober). Auskünfte: Dienstag bis Freitag von 9.30 Uhr bis 12 Uhr, Wien, VI., Capristrangasse 2, Tel. B 25-3-81. i zaghaft und willig, sich überstimmen zu lassen. Und braucht es noch der Erwähnung, daß Iwrith bei diesen Sitzungen wie im ganzen Betrieb des Hauptbureaus immer mehr durehdrang? Ein Großteil von Ussischkins Bureauarbeit besteht ln der Bewältigung des lebhaft zuströmenden Parteienverkehres, von Palästinensern und von Touristen aus aller Welt. Und am Sabbat gibt es förmliche Pilgerfahrten zu seinem gastlichen Tisch. Da zeigt sich der Hausherr als launiger Gesellschafter, der, aus dem reichen Schatz seiner Lebenserfahrung schöpfend, für jeden ein lehrreiches und national erhebendes Wort hat. Auch seinen Beamten gegenüber führt er, jenseits des Dienstreglements, ein patriarchalisches Regime; es steht und fällt mit seiner Person. Man sagt, daß Ussischkin seine russischen Landsleute besonders liebe. Wie natürlich, zumat sie bisnun in Hingabe an das zionistische Ideal voranleuchten 1 Wer gar aus Odessa stammt, vormals Zentrum der Chowewe Zion, der hat sicher einen Stein im Brett. Zwischen Herzl und Ussischkin bestand ein Gegensatz, der — wie mir scheint — die formelle Versöhnung überdauert hät. Doch wenn Herzl damals seinen Widerpart als «Ussischkin aus Jekaterinoslaw» treffen wollte, ist das längst überholt. Die jüdische Welt kennt und ehrt heute einmütig nur mehr «Ussischkin aus Jeruschaiajim», diese Säule des Zionismus und seines volkstümlichen, von Herzl begründeten Instruments: Keren Kajemeth. In diesem Sinne feiern wir die wahre Versöhnung beider Heroen. Bibel. Der Mensch vergißt, was er versprochen bat, aber Gott denkt an alles Vergessene. Einst hatten wir einen Staat mit unserem eigenen jüdischen Leben. Der Staat zerschellte, Millionen Juden verschwanden, irgendwo in Assyrien, wie die verlorenen zehn Stämme, und die Untergegangenen in Aegypten, zur Zeit des Propheten Jeremias. Die Mutter unseres Stammes, die legendäre Rahel, weint iun ihre Kinder und wiH sich nicht trösten, i Da ertönt ziim dritten Male die Posaune.. Verblaßt sind idle bösen Träume. Der Sinn der Juden wird auf das Höchste, ewig Bleibende gelenkt, wodurch Israel seine Un- Auf seiner Rückreise nach Palästina hielt steh in Wien das führende Mitglied der Histadruth, der jüdischen Arbeitergewerkschaft Palästinas, David Retnez, einige Tage in Wien auf. David Remez, der am Prager Zionistenkongreß das schwierige Amt des Vorsitzenden des Permanenzausschusses, dem die Zusammensetzung der Exekutive oblag, innehatte, äußerte sich in einer längeren Unterredung mit unserem Redakteur über die Ergebnisse des Prager Kongresses sowie die Aufgaben der neuen zionistischen Exekutive wie folgt: j. r. Drei Hauptfragen waren es, mit denen sich vornehmlich der Prager Zionistenkongreß zu beschäftigen hatte: Die Frage des Revisionismus, bie Deutschlandfrage und schließlich die Bildung einer Exekutive und die Ausarbeitung eines konstruktiven Arbeitsprogramms für die nächste Periode. Die revisionistische Frage, wie sie durch die Ereignisse im Zusammenhang mit der Arlosoroff-Affäre besonders akut geworden war, erforderte wohl eine entschiedene Lösung. Wenn die Arbeiter von ihrer Forderung nach Eliminierung der Revisionisten aus der Organisation abgekommen sind, und eine gemäßigte Haltung bezogen, so geschah dies aus dem Grunde, weil die zionistische Organisation als eine auf der freiwilligen Mitarbeit beruhende Organisation nicht über jene Machtmittel verfügt, die zu einer Eliminierung eines Teiles notwendig sind. Die Bildung der Untersuchungt.- kommission ist unter den gegebenen Umständen das einzig mögliche Ergebnis gewesen. Freilich ist durch diese mäßige Haltung der Linken nicht ihre prinzipielle Einschätzung der revisionistischen Gefahr zum Ausdruck gebracht worden. Die Methoden der Revisionisten und die Tendenzen mancher Gruppen dieser Bewegung sind nach wie vor für die zionistische Gesamtbewegung untragbar. Die zionistische Organisation kann und wird nie diese Methoden dulden. Unsere Aufgabe wird es daher sein, im Laufe der nächsten Zeit die Einstellung der gesamten zionistischen Organisation zu GeWaltmethoden so zu beeinflussen, daß die Eliminierung von Teilen, die solche Gewaltmethoden stützen, eine Selbstverständlichkeit bedeutet Ueber die neue Exekutive äußerte sich Herr Re in e z folgendermaßen: Es sei eine Fälschung der Tatsachen, wenn behauptet wird, daß die neue Exekutive eine linke Exekutive sei. Der Allgemeine Zionismus ist durch nicht weniger als .JÜDISCHE ELTERN!. Kaalf für eure Kinder nur in der JHEIsclinn Buchhandlung Harmann Tuchner ’aberstr. 52 I Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — 2u sehr mäßigen Preisen spesenfrei« Zusendung OPerafttiln Verzeichn»sse kostenlosl Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 Sterblichkeit, seine sittliche Größe gewann, die alles Barbarische, Menschenfeindliche überwinden muß. Jetzt kommt die jüdische Selbstbesinnung. Wir haben das Gesetz der •Nächstenliebe klipp und klar in den Ausdruck gebracht: Lfebe deinen Nächsten . . . Wir besitzen die Moralgesetze, die den Menschen erheben, ihm Selbstachtung verleihen, ihn aus »einer Indolenz und Herzensträgheit aufrütteln, damit er den Idealen der Zukunft huldigen, die endlose Energie des Lebens entfalten soll, um glücklich und glückselig zu werden. Das ist der dritte Teil des Neujahrsgebetes, das der geniale Rab gedichtet hat. i So wollen wir uns dem kommenden Jahre 5694 anpassen. Die Lehren des vergangenen Jahres müssen wir verarbeiten. Die Furcht vor den kommenden Dingen müsse« wir abstreifen, da wir nur Gott als den Herrscher aHer Dinge und Zeiten erkennen. Da kommt die lange Erinnerung an unser Judentum. Hebräische Sprache und Literatur und jüdische Geschichte müssen gepflegt, studiert und erlernt werden, überall, in den Schulen, in den Kursen und zu Hause. Vor allem pflege man die Erkenntnis der jüdischen Gegenwartsgeschicihte. Das soll ein besonderes Studium sein. Die GegenwartSigeschichfe heißt: Palästina, das Land der Juden, das Land (des jüdischen Menschen, Pflicht, Entsagung, Selbstaufopferung diktiert uns das jüdische neue Jahr. 5693 war eine schädliche Reaktion in der Weltgeschichte. Wer sich aber auf deir Berg Sinai besinnt, wird darin nur eine Schwankung zwischen Aktion zu Reaktion erblicken und nicht dem Trübsinn verfallen. Durch Reaktionen wollen wir, o jüdische Jugend, vorwärts schreiten in der Hoffnung, daß die Arbeit eines jeden jungen Juden und einer jeden jungen Jüdin eine andauernd praktische bnd wohltätige Gewohnheit und Reform bewirken wird, die die Ausschweifungen einer bösen Reaktion überleben muß. So möge uns das neue Jahr das erwartete neue jüdische Leben bringen! Abhissu Malkenu, unser Vater, •König gewähre uns ein ersehntes, gutes, neues Jahr! fünf Männer in der neuen Exekutive vertreten, während die Linke bloß vier Sitze einnimmt. Und gedeutet — fragt Remez — wirklich das Uebergewicht der Linken in einer zionistischen Exekutive eine Gefahr? In Palästina wird von der Arbeiterschaft seit fünfundzwanzig Jahren revolutionäre Arbeit geleistet. Die Arbeiterschaft in Palästina ist eine revolutionäre Bewegung und ihre Taten sind im nationale Sinne revolutionär. Was bedeutet es anderes als revolutionr* wenn man jüdische Menschen, die von allen produktiven Berufen und Schaffen abgerissen, zu produktiven Arbeiten erzieht. Die Landarbeiter, die in den Kwozoth und Moscha woth tätig sind, die Fabriksarbeiter und schließlich die Lohnarbeiter in den Kolonien, die sich mit ihrer Lohnarbeit Existenzen schaffen zu späterer unabhängiger Arbeit, bilden ein Mensohenmateriat, das früher keine wie immer geartete Beziehung zu .produktiver Arbeit hatte. Unsere Arbeit deckt sich vollauf mit den großen nationalen Bedürfnissen des jüdischen Volkes nach sozialer Umschichtung, nach Normalisierung seines sozialen Lebens. Das Programm der Arbeiterschaft, ihre revolutionäre Arbeit, ihr Tun und Handeln seit dreißig Jahren — das ist Zionismus. Der Revisionismus von heute ist eigentlich nichts anderes als ein Produkt seiner bisherigen Enttäuschungen i:i Jüdische Kunststelle II., Aspembrückengasse 2. Tel. R 48-2-91. Büro: 9—19 Es stehen den Mitgliedern ermäßigte Karten für fast alle Theater zur Verfügung, vornehmlich für: Deutsche« Volkstheater, Kammerspiele, Komödie, Scala. Konzerte: Nathan Milstein, Bronislav Hubermann. Führungen in der ersten Hälfte Oktober: Kunsthistorisches Museum, Liechtenstein-Galerie, Moderne Galerie, Albertina. Leitung: Dr. Oskar Rosenfeld, akad. Bildhauer Felix Weiß. Anmeldung bis 5. Oktober. 8694 Eine Neujahvarede an die fiidfoefae Jugend Von Rabbiner Professor Dr♦ K. Kupfer Der palästinensische Arbeiterführer über die Ergebnisse des Prager Kongresses