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Die Stimme · 1933-09-28 · Heft 302 (28.9.1933) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 302 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE STIMME Nf. 302 — 28. September 1933 Sefftf 9 Englisch-Unterricht einzeln und in Gruppen. Spezialkurse für Palästina-Reisende. Mäßiges Honorar. Dr. phil. Fini Böhmer,!., Neutorgasse 18/6. Sprechstunden: 8 bis 10 Uhr, 1 bis 3 Uhr. tion, einem neuen Namen zurückzukommen, der aus dem Beratungssaal ins Plenum fällt und von hier aus morgen vielleicht in die entlegensten Winkel jüdischen Lebens hinausflattern wird. Im Zentrum fallen zuerst die Palästinenser auf. Im Gegensätze zu den anderen sind sie in erster Linie gründliche Kenner aller Jischuw-Probleme. Außerdem geradezu unermüdlich im Aufstellen immer neuer Konzeptionen. An der Einheit ist ihnen vor allem gelegen. Sie trachten mit einer möglichst breiten Koalition neue Stellungen zu erobern. Verschieden die Menschen, verschieden die Typen. Suprawski, ein schweigender, ernster Riese, wirkt wie ein Brennpunkt enormer Schaffenskraft — man könnte ihn für den Generaldirektor eines gigantischen Konzerns halten. Ihn unterstützt Dr. Bograczow, nervös, beweglich, sprudelnd voll Verve und Eloquenz. Kein Mensch würde ihm den Generadirektor ansehen. Von Grund aus kennt er das praktische Leben und erörtert alle Probleme der Emigration, der Histadruth und des Kapitals wie ein geborener Politiker. Dr. Mossinsohn hält sich etwas abseits. Vornehm und majestätisch, mit einem herzischen Profil, begnügt er sich mit dem Präsidieren, mengt sich nur ungern ins Getümmel der Parteikämpfe. Will er sich nicht allzu sehr exponieren — man munkelt bereits von seiner Kandidatur in die Exekutive — oder möchte er nur immer auf den Höhen des Herzl- Profils wandeln? Im Dämmerlicht der Korridore ist schwer etwas aus dieser diplomatisch geschlossenen Miene zu enträtseln. Immer wieder werden neue Kandidatennamen herumgetragen. London, Jerusalem, wo, wann, für welche Ressorts — davon wird nicht gesprochen. Vor allem: eine möglichst breite Koalition. Die kann man aber nicht aus dem Aermel schütteln, wenn Rabbi Meier Berlin und Chawer Berl Locker, Vertreter zweier polar ententgegengesetzter Welten, sich an den gemeinsamen Beratungstisch setzen. Das Zentrum versucht zu vermitteln. Aber auch bei ihm selbst ist ebenfalls so eine kleine Polarität fühlbar. Die Gruppe aus Ostpolen zieht mit erstaunlicher Solidarität nach einer Seite, die Amerikaner zugleich nach beiden. Die Waage hält leidlich England mit der westpolnischen Delegation und Palästina. Der Rest Improvisiert außerhalb oder ohne Programm. Eine Koalition mit der Misrachi wünschen eigentlich alle Gruppen, aber zu einer Koalition, wie zu einer Ehe gehören zwei. Der Misrachi möchte die «Ketuba» mit Vorbehalten schreiben, als ginge es nur um eine Probeehe. Außerdem aber paßt Farbstein der Linken als Partner gar nicht. Eine leidenschaftliche Debatte tobt um Programmpunkte, weiche die Alijah, religiöse Vorbehalte u. a. betreffen — alles scheint so richtig, so vernünftig und gerecht zu sein — und doch sind alle Wege verrammelt und es geht nicht eiaen Schritt vorwärts. Trotz Motzkin, der bereits zornig durch alle Beratungszimmer stürmt und mit der vorzeitigen Schließung des Kongresses droht Da beginnen Verhandlungen schon jenseits der Barrikaden. Misrachi wird auf dem Wege gelassen, das Zentrum bleibt mit der Linken allein. Aufgewühlt und von Haß gepeitscht setzen wir uns wieder an den grünen Tisch. Ben G u r i o n, wie ein von revolutionärem Feuer stets lodernder Vulkan, führt das Wort. Fuchtelt fortwährend mit den Armen, stößt ruckartig das spitze Kinn hervor, stürmt leidenschaftlich auf den Gegner los und durchbohrt Ihn förmlich mit den Blicken. Sein Partner Elieser Kaplan Dabei summt er ununterbrochen die Kol-Nidre-Meiodie vor sich hin und der nasse Wind summt leise mit: «Uschwuej — wacharomej — uknossej — a-a-a —» Warum hat er vom Direktor keinen Urlaub heute genommen, um in den Tempel zu gehen? Und was wird wirklich .nach dem Tod sein? Am Ende ist das alles wahr, mit der Hölle — wirklich, er hat schon ganz vergessen, daß er ein |ude ist. «Dindarno — a-a-a—aa-.» Zum Couplet «Und das ist die leere Tasche» paßt die Melodie ganz ausgezeichnet. Und er übjerlegt schon die Bewegungen, die er dabei zu machen hat, und die Miene, die er aufsetzen muß. Und sieht schon das ganze Theater dröhnen vor Gelächter, wenn er das Couplet «Und das ist die leere Tasche» mit der Melodie von Koi-Nidre singen wird. Glänzender Einfall ... das Herz lacht ihm im Leibe. Doch — warum ist ihm eigentlich so trüb zumute? Was nagt so am Herzen?! — Ein Komiker hat nicht traurig zu sein, wie soll er denn vors Publikum treten in dieser Stimmung? «Mijoim kipurim se — a-a-a — —I» Wieso bin ich eigentlich Komiker geworden? Komischt Nach der Hochzeit lernte ei Schochet Als er aber keine Anstellung bekommen konnte, wurde er Badchen, Spaßmacher bei jüdischen Hochzeiten. Und irgendein Zufall warf ihn auf Bretter eines zweitrangigen Varietes. Hätte er damals irgendwo in einem Nest eine Stelle als Schochet erhalten, •tttnde er jetzt wie alle Juden in der Schul, in Kittel und Tallis gehüllt, weinte wie sie und schlüge sich «AI chet», ■ad Heugerucb stiege ihm in die Nase . . . Neinl Bin trauriger Komiker taugt zu nichts 1 Br verlachte die trübseligen Gedanken zu verscheuchen und eilte bMXiticiif / schweigt dafür beharrlich. Ein Diplomat, der seine Karten für den letzten Wurf aufzusparen scheint. Dazu kommt es jedoch nicht, da er icMießMcIt nur mit dem Kopfe nickt und die Sitzung aufhebt, ftoffla locuta. Nichts au machen. Trotz des Eingreifens Jakobsohn^der als alter diplomatischer Tausendsassa dem Zentrum mit dem ganzen Arsenal der Kunststücke aus Montreux und Genf beispringt. Alle seine Argumente verpuffen an dem sitzen Kinn Ben Gurions. Wir können nicht Schluß. — «Wollt Ihr also allein die Exekutive bilden?» fragt Jemand unvermutet — «Wenn uns nichts anderes bleibt — die jüdische Masse steht hinter uns. Die Kraft und das Selbstgefühl der Linken sind erstarkt Sie sprechen fast wie Diplomaten. Und stellen beinahe ein Ultimatum. Es wird fünf Uhr früh. Die Abstimmung geht zu Ende und noch ist kein Zipfel einer Exekutive au sehen. Jeden Moment tritt ein Ordner auf einen der Delegierten zu und holt ihn in die Couloirs. Die Verhandlungen sind in vollem Gang. Im Saal werden neue Grundlagen für die Organisation gebildet und in den Couloirs wird um die Verwirklicher unserer Gedanken für die nächsten Jahre hart gekämpft Die Augen fallen vor Müdigkeit zu — die Gedanken kreisen wirr im Kopfe. Nur MotzUns gleichmäßige Stimme ith inunriiffll Von meinem Chef, dem Präsidenten des KKL-Direktorlums und Leiter des Jerusalemer Hauptbureaus, soll ich erzählen? Daß ich dies ungeniert als zionistischer Weggenosse tun darf, rühmt allein schon unsem Jubilar. Ein bequemer Herr ist er nicht. Gönnte sich und den andern keine Ruhe, von jung an bis in sein heutiges, ehrwürdiges Alter. Mit klarem Blick für den Wert nationaler Einheit und zionistischer Disziplin, hat er es dennoch gewagt, sie zu brechen, wenn er den Zionismus in einem Kernpunkt bedroht sah. So hat er 1903 in Charkow den Aufstand der zionistischen Kreisvorsteher Rußlands gegen den Beschluß des Uganda-Kongresses und Herzl geführt, so hat er 1921 — mit Ettinger und Ruppin — namens des KKL gegen .Willen und Auftrag dessen Präsidenten Delieme den ersten großen Emekkauf getätigt. Manch einer mäkelt, Ussischkins zionistisches Instrument habe keine reiche Besaitung. Möglich; doch die Töne, welche er beherrscht, spielt er meisterhaft und mit Vollklang. Wir wollen hier, seinem Grundakkord, vom Land, nachsinnen! Unter Land meint. Ussischkin zunächst Erez Israel in seiner Gänze. Als Land der Ueberlieferung, umwittert vom Hauch der Geschichte und vom Strahlenglanz des Glaubens verklärt, und als Basis unserer nationalen Zukunft. Doch vom ganzen Land liebt er zutiefst dessen Herz Jerusalem, wo Judas Könige thronten und wo das Beth Hamikdasch stand, die «B i r r a» (Hauptstadt) von einst und — so Gott und das Volk will — für jetzt und immerdar. Als Ussischkin nach dem Weltkriege die Leitung des Waad Hazirim übernahm, fand er dessen Beamte in Tel-Awiw sitzen. Manche hatten sich dort gar ihr Heim erbaut. Das galt Ussischkin als Sünde gegen den zionistischen Geist. Er hieß Amt und Beamte stracks nach Jerusalem übersiedeln und, widerstrebend, zähneknirschend, fügte man sich. Doch dies war der erste, entscheidende Schritt zur Wiederaufrichtung der jüdischen Hauptstadt. Bald folgten die Zentralbureaus der Fonds nach: 1922 — hier rühme ich mich meiner Be- Dle zwei roten elektrischen Lampen vor dem Eingang brannten schon. Er ging hinter die Kulissen. Die bekannten Gegenstände, die vertrauten Formen beruhigten ihn einigermaßen. Das Nagen im Herzen ließ nach. Durch das Loch im Vorhang betrachtete er das Publikum. Mit der Prüfung war er zufrieden: Lauter jüdische Gesichter, Studenten, Bürger, russische Emigranten und dazu «jene» Damen — auch jüdische Kinder. «Heute mache, ich dem Publikum eine Ueberraschung,» raunte er dem Direktor verheißungsvoll ins Ohr. Doch die Ueberraschung gelang nicht ganz. Als er das Lied «Und das ist die leere Tasche» zu singen begann, so wie er es einstudiert hatte, und seine eigenen Ohren die ersten Töne der traurigen Weise hörten — da spürte er jenes Nagen im Herzen wieder und seine Stimme wurde matt und gebrochen. Das Publikum lachte nicht, lm Gegenteil, es schien unzufrieden zu sein und bückte so sonderbar . . . Er glaubte im Saal jenes leise Murmeln zu hören wie beim «Stillen Gebet» ... Und nur seiner Frechheit hatte er es zu verdanken, daß aus seiner Ueberraschung kein Durchfall wurde. Er unterbrach sich mitten im Liede und wandte sich Tan das Publikum mit den Worten: «So helfen Sie mir doch!» «OJ—oj—oj—qJ —— — —.» Und das Publikum tat es ihm zuliebe und von verschiedenen Seiten stimmte man ein: «Oj—oj—oj — wessorej —.» Eine von «jenen» Damen brach in ausgelassenes Gelächter aus und bald widerhallte der Saal von Bravol und Bis! — (Berechtigte Uebersetzung aus dem Jiddischen von * Mandelbaum.), KÖRPERPFLEGE IV., Suttnerplatz 8, Tür 7 a. Telephon A 32-7-17. bringt zur Besinnung — dafür — dagegen — dafür — dagegen. In der Luft zittert eine Stimmung bangen, nervösen Wartens. Sorge, bange, schwere Sorge tim das Judentum der Welt bedrückt das Herz. Um jenes Judentum, das auf ein erlösendes Wort vom Kongreß wartet, während dieser sich im Schlamm der P o r m e! n bis zum letzten Moment verstrickt hat Es tagt schon, als Motzkin die Sitzung unterbricht Unterbricht, nicht schließt Denn zum Schluß ist es noch weit. Die allgemeinen Zionisten versammeln sich noch gleich zu einer wichtigen Beratung und die Linke begibt sich korporativ in einen Nebensaal. Nur die verdüsterten und völlig vereinsamten Revisionisten strömen eilig dem Ausgang zu, als wollten sie baldigst alle Schauer dieser Kongreßnacht von sich abschütteln. (Aus dem Polnischen überaetzt von Dr. Viktor E. Pordes.) mfihuflg — jenes des KKL aus Haag und 1924 des Keren Hajessod aus London. Von seinem Jerusalem gibt Ussischkin keinen Stein preis! Zwei Drittel der Bewohner sind Juden. Doch wie dies Faktum von den vielen Kirchen und Moscheen verdunkelt wird, so auch durch das Wahlunrecht, von der Mandatsregierung konserviert, um uns im Gemeinderat zur ohnmächtigen Minderheit zu degradieren. Baß empört, will darum ein Großteil der Judenschaft die jüdischen Viertel der Neustadt Jerusalem loslösen und daraus ein selbständiges «Zion» gründen, das erblühen werde gleich Tel-Awiw... Doch Usischkin nennt das Hochverrat; warten müsse man, bis die Gerechtigkeit auf geradem Wege siegt und dürfe den moralischen Anspruch auf die heiligen Reliquien der Altstadt auch nicht vorübergehend opfern. Wie mußte nun stolzes Glück diesen Mann erfüllen, daß jetzt — dank der Hilfe des «Phönix» — in Jerusalem, auf dem ragenden Hügel von Rechawia, das Amtshaus des KKL sich erhebt und sich..auch schon zum zionistischen, Regierungspalast weitet und daß nahebei — in der Kercn- Kajemeth-Straße — das Privathaus Ussischkins für sich und seine gieichstrebenden Kinder erstand. Außer Jerusalem hatte der Jubilar für die palästinensischen Städte mit ihrem Menschengewimmel, auf schmaler Fläche, kaum viel übrig. Er fühlte mehr für das breite Feld des Bauern. Nicht nur aus romantischer Tradition, sondern voran als Pionier der nationalen Zukunft, welcher Raum schaffen will für die nachdrängenden Massen der Aliah. So stand es schon im «Unser Reich», das er zur Rechtfertigung von Charkow schrieb. Und so hielt er es noch, als ihm 1922 die Leitung von KKL-Direktorium und Hauptbureau fast automatisch zufiel. Stets lag ihm bei unserem Volksschatz, trotz gegenseitiger Durchdringung von dessen nationalem und sozialem Gehalt, der erstere näher am Herzen. Das Leitmotiv «Recht viel Land und möglichst für alle Juden I» klingt noch fort. So hält Ussischkin, ohne daß Kongreß oder Direktorium derlei je beschlossen hätten, mit größter Zähigkeit am Grundsatz fest, der KKL dürfe Land nie von Juden kaufen, sonst sei es nicht «erlöst». Darüber gab's schon manch harten Strauß, so oft der Augenblicksvorteil eine Ausnahme von Ussischkins Regel zu rechtfertigen schien. Doch im Endeffekt hat sich der vermeintliche Starrsinn wohl als Teildamm gegen die Bodenspekulation bewährt, und zwar nicht nur national, sondern sozial zugleich. Immerhin ist Ussischkin Realpolitiker genug, um sich den Erfordernissen der Zeit, mit der starken Einwande* rang in die Städte und in die Pflanzungszone, anzupassen. Hier bildet der Ankauf der vorstädtischen Böden von Haifa den sichtbaren Wendepunkt. Seit 1922 hielt Ussischkin, ln allem Wandel der innen- und außenpolitischen Lage unserer Bewegung, das Szepter über den KKL unbestritten fest. Und es gebührt ihm. Ist er doch, schon von allem anderen abgesehen, ein Muster an hingebungsvollem Fleiß. Um 8 Uhr morgens ist er im Bureau zur Stelle; auch damals schon, als es 4 km fern vom Stadtzentrum in der griechischen Kolonie lag und man oft zu Fuß durch Staub oder Kot hin und wieder stapfen mußte. Im Amt sitzt und arbeitet er täglich bis Eins, auch länger, und es muß schon eine sehr böse Attacke sein, di« ihn ins Haus bannt... Und wenn er seiner braven Frat gehorcht und sich, vor oder nach dem Kongreß, in Karls- Englische Kurse für Palästinareisende, Anfänger und Fortge» schrittene S 6.— monatlich. Einschreibungen täglich von 4—5 Uhr im Keren Kajemeth* Büro, I., Kärntnerstraße 23 UssistAbin und das füdisdke Sand Van Dr.E.M* Zweig

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