Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 302 (28.9.1933)
- Date
- 1933-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 902 — 28. September 1039 fl® STIMM! Ziun VeMö&uingjta#. tKojigteßßUidüi1 Vom. 2. f. tftmkototoim i. Saka£cw tfhic&t Wir kennen Sokolow als Redner. Ein kultivierter Stil, literarischer Schwung und ein enzyklopädisches Wissen bilden die Elemente einer Beredtsamkeit, die durchwirkt von feinster Ironie mit einem Feuerwerk von Metaphern, Gedanken,. Wendungen und Zitaten das Publikum zu blenden versteht Einer unserer «great o 1 d men», dessen wirkliches Geburtsjahr eigentlich niemand aus einer authentischen Quelle kennt. Jedenfalls altert Sokolow nicht —* zumindest seit zwei Jahrzehnten. Unermüdlich liest er noch und studiert, schreibt über Spinoza und die hebräische Grammatik, Ist ein erstklassiger Gelehrter und Publizist, ein Politiker und Diplomat von europäischem Format, ein Redner, der von Witz und Temperament sprudelt und dabei ein fabelhafter Lebenskünstler. Er hat für alles Zeit und für alles Interesse. Er steht mit den Staatsmännern der ganzen Welt in Korrespondenz, überschüttet die Gelehrten mit Material aus allen Wissensgebieten, führt mit sich auf Reisen eine ganze Bibliothek mit und ist dabei stets vollkommen ausgeglichen und emsig tätig. Er leitet eine Organisation größten Stils, diktiert, konferiert, agitiert und verhandelt in Metropolen der ganzen Welt. Er vereinigt ein phänomenales Wissen mit vollendeter Lebensklugheit und diese Kennerschaft sprüht förmlich aus seinen kleinen, durchdringend blickenden Augen, die seinem charakteristischen Gesicht das Gepräge eines buddhistischen Priesters verleihen. Diesen Eindruck erweckt er auch unwillkürlich auf der hohen Kongreßtribüne. Ein Lama. Zum zweitenmal trat er bei dieser Tagung mit einer großangelegten Rede über die Weltsituation des Judentums hervor und spielte damit zugleich auf seine Art einen Possen der Presse, der diese Rede einen Tag vorher vom Kongreßbureau zur Veröffentlichung zugeschickt wurde. Er hielt slchüberhaupt nichtandenText. Die Phantasie dieser wundersamen Persönlichkeit ist immer tätig, sucht immer neue Wege, neue Horizonte und hält sich nie an die Schablone. Er verändert sich ebenso unaufhörlich, wie er unaufhörlich tätig ist. Dieser Rede lauschte eine internationale Zuhörerschaft mit nicht erlahmender Aufmerksamkeit durch volle zwei Stunden. Diesmal sprach Sokolow jiddisch. Wie kommt zu Sokolow dieses saftige, heimische, vom lebendigsten Hauche der jüdischen Masse getränkte «Jiddisch»? Seit Jahren lebt Sokolow fern von den eigentlichsten jüdischen Zentren. In der Pariser oder Londoner Society bekommt man diese Sprache gewiß nicht zu hören. Man hat den Eindruck, als würde er Tag für Tag auf dem «Nalewki» oder auf dem «Kazimierz» jiddisch sprechen und diskutieren. Daß er so blitzschnell die sprachliche Brücke schlug vom europäischen Weltmann, der auf seinem Rücken eine Last von überreifen siebzig Jahren trägt, bis zu dem *) Siehe Rosoh Haschana-Nr. der «Stimme». 3L jZcfZ-üidxA Cm VoxCetd. Die Stadt Z. in der Schweiz — sie lag in einem Tal, zwischen zwei Bergen eingegraben — war in feuchten Nebel gehüllt. Den ganzen Tag über hatten die Bergspitzen geraucht, zerrissene Wolkenfetzen zogen über den Himmel. Vor Abend senkte sich der Nebel Ins Tal unb hüllte die schöne Stadt mit ihren Spitzen und Türmen in blau-graue Farbe. Ein kalter Wind setzte ein, drang durch Mark und Bein. Trüb und ungemütlich, erinnerte er plötzlich daran, daß der Winter nicht fern sei. Der berühmte Z—er See, der den Sommer über ruhig in seinen Ufern liegt und sich zufrieden In Lichtstömen badet, sah erkältet aus. Zitternd eilten unruhige kleine Wellen über ihn hin und es war, als zöge er in Erwartung der Kälte die Schultern ein. Tagsüber irrte die Sonne hinter dünnen Wolkenschleiern umher, glanzlos, lustlos, wie in Trauer. Jetzt war sie hinter dem Berg verschwunden und nur rötlicher Abglanz war noch hie und da zu sehen. Die Nacht kam heran. ln den Straßen,* in den Schaufenstern, in der Straßenbahn flammten Lichter auf. Ihre schwachen Strahlen rissen Löcher in den Nebel und zerflossen nach allen Seiten. Etwas wie Trauer hing in der Dämmerung. Man glaubte, Seufzer zu hören, ausgestoßen an der Grenze von Tag und Nacht. Neinl Die Z—er Bürger, die In den Alleen am See spazieren gingen, hörten keine Seufzer. Dieses Bergvolk, geeinstigen Warschauer Jüngling ans den Zelten des «fsraelit» oder der «Hacephirah» — dieses Kunststück grenzt schon wahrlich an ein Phänomen. Seine Ansprache begann Sokolow mit einigen dem Gedächtnis Nor da us gewidmeten Worten, dessen traditionelle Reden über die Situation des Judentums Jahre hindurch das Kongreßauditorium zu begeistern pflegten. Diese Erinnerung fordert unwillkürlich zu einem Vergleich heraus. Auch Nordau war eine Individualität von einem ähnlich enzyklopädischen Wissen und überströmender Eloquenz. Beide wandeln auf der Höhe europäischer Kultur und wurzeln mit Ihrem Wesen in dem Boden jüdischer Ethik. Nur sprach Nordau immer wie ein Tribun des jüdischen V o 1 k e s, der Donner schleuderte und mit seiner Empörung und Verzweiflung jedes Herkommen zerbrach, während Sokolow vielmehr mit einer literarischen und philosophischen Grandezza das jüdische Leben von einer Warte der Kongreßtribüne schildert. Nordau war synthetisch, Sokolow episch und wortreicher. Nordaus Beredsamkeit entflammte bis zur Leidenschaft, schleuderte brennende Fackeln des Ingrimms und der Revolte, während Sokolows behutsame und maßvolle Eloquenz eher für die Großen dieser Welt als für das Gewissen der Massen bestimmt zu sein scheint Zwei Stunden sprach Sokolow und ließ vor dem Kongreßauditorium die ganze Hölle des jüdischen Leides vorüberziehen. Ais er unter einem Beifallsorkan schloß, hallte noch lange ein Echo nach. Es war das Echo der Ewigkeit, welche diese faszinierende Individualität umweht Das Echo des Ewigen Juden. v 11. £äte Jfadteteimf Vier Uhr morgens. Auf den Galerien und Tribünen harrt noch eine ansehnliche Zahl von Gästen, die mit bewunderungswürdiger Geduld den Debatten folgen und trotz allgemeiner Ermüdung ihren Gefühlen stürmischen Ausdruck geben. Zwischenrufe fallen, zuweilen schallt lauter BeifaU und Händeklatschen. Unten im Parterre ballt sich zu einem dunklen Haufen die Masse der Delegierten. Trotz der vorgerückten Stunde dauern die erregten Diskussionen fort. Nach der mühseligen Hetzjagd von 14 Tagen sejzt eine Art «tempo furioso» ein. Der Kongreß geht zu Ende. Motzkin hat heute die Obmänner aller Kommissionen zusammengerufen und ihnen in seiner Art ein Ultimatum gestellt Sie haben Zeit bis Montag früh — dann ist Schlußl Motzkin, sonst so gemütlich und zu Zugeständnissen bereit, kennt diesmal keinen Spaß. Noch Montag muß das neugewählte Aktionskomitee zusammentreten, am selben Tag muß die konstituierende Versammlung des neuen «Administrativ Committee» der Jewish Agency stattfinden und am selben Abend reist Motzkin nach Genf ab. Motzkin reist ab — und es ist zu wohnt, viel zu arbeiten und wenig zu denken, hatte kein Ohr für nichtgeseufzte Seufzer. Diesen kleinen, kerngesunden Schweizern fehlt scheinbar der Sinn für Trübsal. So schön und poetisch ihr Land ist, so unpoetisch und unschön muß wohl ihre Seele sein. Doch es hörte den Seufzer ln den Tiefen seines Herzens jener hochgewachsene Mann, der allein hier, spazieren geht. Scheint kein Einheimischer zu sein, er ist so in den Vierzigern, hoch, breischultrig, mit vollem, rundem Gesicht. Betrachte ihn mal näher: brünett, schwarzes Haar und — jüdische Nase. Er hat einen Zylinder auf, an den Fingern blitzen dicke Goldringe (vergoldet?), er ist glatt rasiert Wohl ein Schauspieler. Faul und nachlässig war sein Gang, faul und nachlässig seine Gedanken. Das war der Komiker eines Z—er Varietes, ein ungarischer Jude, der täglich das zur Hälfte jüdische Publikum mit seinen Versen und Witzen amüsierte, die er gewöhnlich mit jüdischen Brocken würzte. Der Komiker ist heute traurig, müde, verschlafen, der Kopf umnebelt, das Herz beklommen. Die Nacht hat er durchgebummelt, am 6päten Nachmittag war er erst aufgestanden. Miserables Wetter! Und plötzlich erinnert er sich, daß heute abend Jom-Kippur ist. Traurige, schwere Gedanken ziehen durch den Kopf. Ungebetene Gäste 1 Er will das gar nicht denken, doch es denkt von selbst. In Preßburg hat er Weib und Kind zurückgelassen — lang schon hat er sie nicht zu Gesicht bekommen. Sie schreiben ihn manchmal und er schickt ihnen von Zeit zu Zeit etwas Geld. Mehr weiß er von ihnen nicht ... Er zog i befürchten, daß ohne diesen fabelhaften Steuermann dieses von den Stürmen entfesselter Temperamente hin und her geschleuderte Kongreß schiff an der ersten besten Parteiklippe zerschellt Seine Aufforderung wirkt Wunder. Man geht stürmisch an die Arbeit. Alle Obmänner der Komissionen schlagen Alarm und bereiten in letzter Hast ihre Anträge fürs Plenum vor. Die Debatten über die Anträge der Kommissionen für hebräische Kultur, für die AMjah, für die Kolonisierung und Finanzen und die Abstimmungen darüber gehen ziemlich ruhig und ohne besondere Aufregung vor sich. Das erste Signal zur Gruppenspaltung und dem Sich-Messen gegnerischer Kräfte trägt der Berichterstatter der Organisationskommission herein. Jeder Delegierte wird sich der p r i n z ipiellen Aenderungen bewußt, welche diese Kommission mit Stimmenmehrheit beschlossen hat. Und jeder fühlt, daß bet vollster Anerkennung demokratischer Grundsätze unsere Organisation krankt, da ihr seibstauferlegte Disziplin mangelt Ein absolutes Primat der Organisationsdisziplin — schlägt die Kommission vor. Mereminski verliest lang«, vielleicht viel zu lange Begründungen und stellt die entsprechenden Anträge. Die Revisionisten versuchen die drohende Lawine mit Oppositionsreden aufzuhalten. Umsonst. Motzkin, die Uhr in der Hand, ist unerbittlich. Sie kommen mit Vorschlägen. Es hilft n ic h ts. Sie stellen Abänderungsvorschläge — eine überwältigende Mehrheit stimmt dagegen. Die Revisionisten stimmen geschlossen, die Misrachisten kommen ihnen wie ein Mann zu Hilfe, als wären die Bande einer starken Disziplin auch für sie eine Bedrohung, und das Zentrum mit der Linken entscheiden. Ein Satz nach dem anderen, ein Paragraph nach dem anderen —- Hände erheben 9ich, Hände senken sich — angenommen — abgelehnt. Der scheinbar mechanische Vorgang der Abstimmung enthält zugleich einen quäl- und unruhevollen Gewissenskampf. Rabbiner Federbusch versucht die Gegensätze zu mildern. Er stellt gewisse Abänderungsvorschläge — auch ihm wird kein Pardon gegeben. Heute mir, morgen dir! Gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Die Revisionisten wissen, daß diese trockenen Paragraphen ihr Schicksal von Calais über Wien bis nach Kattowitz entscheiden. Die auf dem Kongreß gebraute «Judenstaatspartei» möchte im letzten Moment etwas abhandeln. Großmann schreit etwas von seinem Sitz — Motzkin besänftigt. Großmann stürmt auf die Tribüne, gestikuliert, spricht, liest, schreit, — seine Gestalt verschwindet hinter dem Wald der von den Delegierten hochgehaltenen Legitimationen und seine Stimme erstickt im Chaos der von den Galerien, den Logen, Tribünen und aus dem Parterre fallenden Zurufe. Angenommen — ab gelehnt — es geht wie eine Maschine. Alle Versuche zu überzeugen sind umsonst — der Parteibeschluß entscheidet und übertönt leider nur zu oft die Stimme des Verstandes und des Gewissens. In den Couloirs huschen inzwischen hastig die Söhatten der Delegierten vorüber und verschwinden in den vielen Nebensälen. Das Zentrum berät in Permanenz über die Zusammensetzung der neuen Exekutive. Jeden Moment ßtürzen aus dem Saal Parlamentäre. Einmal zu den Misrachi, dann wieder zur Linken, um von dort mit einer neuen Konstella- ■■■annnaEaneananasss&aasBaeaBaasssaai die Uhr aus der Tasche: Noch eine halbe Stunde, dann muß er ins Variete. Pfui! Hol’s der Teufell Was will dieser eklige Nebel? Jetzt war es schon ganz finster geworden. Der rote Abglanz war verschwunden. Der Wind blies, die Bäume zitterten leise. «A—a—a-Kol—Nidre-», brummt er und freut sich über b«e Melodie, die ihm plötzlich eingefallen war. Der Komiker Dirani (sein wahrer Name war ,Melamedsohn) ist beim Publikum sehr beliebt. Nicht so sehr wegen seiner Kunst, oder weil er so gerissen ist, oder gar wegen seiner Stimme. Im großen und ganzen ist er nur ein durchschnittlicher Künstler und vielleicht noch etwas weniger wie Durchschnitt. Aber sein freches Verhalten zum Publikum gefällt den Leuten. Er spricht von der Bühne herunter, wie einer, der in einer kleinen Gesellschaft über Bekannte Witze reißt. Alles trifft, ist schön und gut, und was auf der Zunge liegt, raus damit! Und das Publikum lacht, und gar erst, wenn er ostjüdische Witze reißtl «Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, werden Sie sich koscher und bekowed amüsieren,» so fangen seine Witze an. Und Freitag atjend beginnt er: «Lekowed Schabbes werde ich Ihnen heute etwas Feines erzählen, etwas kugeldiges . . .» und das Publikum ist außer sich, springt aus der Haut vor Lachen, wenn es solche «heimische» Worte von der Bühne hört «Oj—oj—oj—oj—Weessorej —», brummt er unter der Nase und es fällt ihm ein, eigentlich müßte er heute abends etwas von Jom Kippur zum Besten geben. Gewiß werden heute lauter Juden da sein. Der Gedanke rührt an seinem Beruf. Er wird ernst und vergißt die Mißstimmung.