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Die Stimme · 1933-09-28 · Heft 302 (28.9.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 302 (28.9.1933)
Date
1933-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 302 — 28. September 1933 DIE STIMME Ussischkin in Wien Die Ankunft in Wien Auf seiner Heimreise nach Palästina traf Sonntag abends Ing. M. Ussischkin, der gewesene Präsident der Zion. Exekutive in Palästina und gegenwärtige Präsident des Keren Kajemeth, in Wien ein. Eine mehrhundertköpfige Schar von Zionisten bereitete Ussischkin bei seiner Ankunft in Wien einen überaus herzlichen Empfang. Zur Begrüßung Ussischkins hatte sich am Bahnhof eine Reihe führender Persönlichkeiten aus dem jüdischen Leben Wiens eingefunden. Man sah Oberrabbiner Dr. David F e u c h t w a n g, die Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Dr. Desider Friedmann und Dr. Josef Löwenherz, ferner die Präsidentin der Wizo Frau Dr. Löwenherz und Vizepräsidentin Frau Sabine P a ß w e g, den Präsidenten der Histadruth Iwrith Dr. David Roth bl um, den Vizepräsidenten des Zionistischen Landeskomitees Dr. Michael Steinberg, den Leiter des Keren Kajemeth Dr. Tarrakower. Im Foyer hielten Oberrabbiner Dr. Feuchtwang sowie Dr. Friedmann Ansprachen an den illustren Gast, in der sie ihn im Namen der österreichischen Judenschaft und der Wiener jüdischen Gemeinde willkommen hießen. Wiens Judensdkaft huldigt Ussisdkhin Von Dr• Jakob Rosenthal Der Große Musikvereinssaal bot Dienstag abends ein erhebendes Bild. Auf dem Programmzettel stand diesmal keine Beethovensche Symphonie, kein Vortrag eines berühmten Sängers, die sonst an dieser Stätte zu hören sind. Und doch werden in der letzten Zeit die Räume des Festsaales des großen Musikvereinssaales selten von soviel rauschendem Beifall widerhallt haben, wird wenigen noch so klangvollen Dirigenten- und Sängernamen in letzter Zeit von einem zweitausendköpfigen begeisterten Publikum so herzlich gehuldigt worden sein, wie dies am Dienstag abends bei dem schlichten Vortrag des Nestors und doch ewig jungen Führers der zionistischen Bewegung M. M. Ussischkin der Fall war. Denn das war das Ereignis des Abends: Wiens Judenschaft benützte den Anlaß des 70. Geburtstages M. M. Ussischkins, um hier durch spontane Ovationen die große Verehrung der Wiener zionistischen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Die Wiener Zionisten hatten wohl ein besonderes Anrecht darauf. Aus ihrer Stadt nahm vor nahezu vier Jahrzehnten die Fackel der zionistischen Bewegung den Weg in alle Welt. An dieser Stätte, im großen Musikvereinssaal fand vor nun 30 Jahren auch jene erhebende, aber ach so schmerzliche Trauerfeier für den unersetzlichen und unvergeßlichen Führer Theodor Herzl statt. Heute, da die Idee, für die jener sein junges, großes Leben geopfert, lebendige Gestalt und Form angenommen, stand vor den Wiener Zionisten und Juden, unter denen sich wohl nur wenige aus der ersten zionistischen Generation befunden haben mögen, ein Mann,' der nicht nur der Weggenosse Herzls vom ersten Augenblick seines Auftretens in der politischen Arena des Zionismus war, sondern ein Mann, der lange vorher, lange bevor es einen politischen Charter gab, die Fackel der nationalen Renaissance des jüdischen Volkes in das russische Judentum mit unerhörter Wucht geschleudert, ein Mann, der der Führer jener ersten Biluim war, die ins Land strömten und mit ihrem Blut den Boden düngten und ihn für spätere Generationen urbar machten. Ussischkin wurde von der Wiener Judenschaft nicht nur als der repräsentative Führer der zionistischen Bewegung gefeiert, Wiens Judenschaft huldigte in ihm der Personifika- Ition und dem Symbol des schöpferischen Zionismus, dem lebendigen Symbol der ganzen Entwicklung und des großartigen Aufstieges der zionistischen Bewegung. Wiens Judenschaft huldigte in Ussischkin den unwandelbaren, sich stets treubleibenden, in sich drei zionistische Generationen verkörpernden U r j u d e n Ussischkin, dessen zionistische Grundforderungen von jedem Juden, welcher Partei er immer sei, durch die eherne Prägnanz, durch die klassische Form, durch den völligen Mangel an Problematik geteilt werden. Der Abend im Großen Musikvereinssaal, der durch Begrüßungsansprachen der Herren Dr. David R o t h b 1 u m (Hebräisch), des Präsidenten der Histadruth Iwrith, und Adolf Böhm, des Obmannes der Jüdischen Nationalfondskommission für Oesterreich, die beide die bereits historische Figur des illustren Gastes Umrissen und ihn in der Stadt Herzls willkommen hießen, eingeleitet wurde, gestaltete sich zu einer imposanten und erhebenden Manifestation der Wiener Judenschaft für den zionistischen Gedanken und zu einer rauschenden Huldigung für seinen repräsentativsten Führer Ussischkin. Kinderheim .Tante imam' für 3-isiührige Wien, IX., RoBauerlSnde 29 - Tel. A 11-3-14 Altbewährt. Kinderheim ersten Ranges. Schönste Lage am Donaupromenade. Sonnige, große Räume. Beschränkte Kinderanzahl. Inu. Auslandsreferenzen. Prospekte. Internat, Externat. Beste Schulen in nächster Nähe. Kindergarten. Halb- und ganztägig. Abholung. Ueberraschende Erfolge mit schlecht essenden Kindern. Kindersprachschule. Französisch, Englisch, Hebräisch, Deutsch (für Ausländer) auf unterhaltende Art. Anfänger- und Vorgeschrittene Kurse. Rhythmisches Turnen. Im eigenen Saale. Nachmittagsheim. Schulnachhilfe, Beschäftigung, Spaziergang usw. Tante Marys Klassikerabende für junge Mädchen. Gemeinsame Lektüre der Klassiker sowie anschließender Vortrag und Diskussion Der Vortrag Itssisdhfrins Ussischkin, dem vor Beginn seiner Rede das zweitausendköpfige, Kopf an Kopf dichtgedrängte Publikum, das sich von den Sitzen erhoben hatte, eine rauschende Ovation bereitete, dankte sichtlich gerührt für die warme Aufnahme. Es sei — sagte er — keine persönliche Feier, sondern die Jubiläumsfeier der Bewegung selbst, die heute auf einen Zeitraum von über 50 Jahren zurückblickt. Man habe allen Grund, stolz zu sein. Erinnert man sich, daß in dieser Stadt der unsterbliche Herzl es nicht vermocht hatte, in seiner eigenen Zeitung über seine Bewegung auch nur eine Zeile zu schreiben, und vergleicht man dies mit dem Heute, wie seine Vertreter, die nie jene gigantische Größe seiner Persönlichkeit je erreichen werden, überall empfangen werden, so könne man zufrieden sein. Es erfülle ihn dies mit Stolz, aber auch mit Wehmut zugleich. Die Zeit habe hier tätig mitgeholfen und die Judenfeinde haben mehr zustande gebracht als es Judenfreunde je vermocht hätten. Es ist traurig, schändlich, dies feststellen zu müssen, aber ein lebendiges Beispiel steht vor uns. Das Judentum, das so stolz auf seine Errungenschaften war und den anderen Völkern auf allen Gebieten der Technik, der Wissenschaft, der Kultur so viel geschenkt hat, das Volk, das die europäische Kultur erobert, weiß jetzt, was Judenhaß bedeutet. Die Männer, die an der Realisierungg des zionistischen Ideals seit nun 5 Jahrzehnten kämpfend mitwirken, können heute, da eine ganze Welt in Trümmern liegt, da überall das Faustrecht herrscht und Stätten der Verwüstung sind, mit besonderer Genugtuung auf ihr Werk zurückblicken. Wenn das jüdische Volk trotz aller Drangsalierungen heute noch nicht ganz am Boden liege, so ist es nur deshalb, weil Erez Israel ihm das einzige Rückgrat seelisch und physisch bietet, weil ein Stern hier leuchtet, auf den alle Bedrängten hoffen und zu dem alle enrporblicken. Bei objektiver Betrachtung, bei Heranziehung der gesamten Presse könne man die gleiche Feststellung machen, daß die einzige Rettung für das Judentum als Ganzes doch nur in der Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina erblickt wird. Die Begründer — nicht des Ideals, denn dieses wurde von jenen Juden begründet, die vor zweitausend Jahren Jerusalem verlassen mußten — die Begründer der Realisierung des zionistischen Ideals haben Grund zufrieden zu sein, denn sie haben dem jüdichen Volke in einer seiner schwersten Stunden etwas gegeben, worauf es seine Zukunft bauen kann. Unausdenkbar, welches Schicksal seiner harrte, wenn es heute keinen Zionismus, keine Balfour-Deklaration und kein blühendes, aufbauendes Erez Israel gäbe. Die harte Entwicklung der letzten 50 Jahre könne nicht ausschließlich durch rationale Momente erklärt werden. Es liege eine gewisse Mystik über all dem, wie überhaupt ein mystisches Walten den Werdegang der jüdischen Historie durchziehe. Der Weltkrieg hat den Juden unendlich viel Leid gebracht. An einem Tischa-beaw wurde der jüdische Tempel zerstört und damit unsägliches Leid über das jüdische Volk gebracht, an einem Tischa-beaw unterschrieb Kaiser Wilhelm die Kriegserklärung, die den Weltbrand entfachte und wieder unermeßliche Leiden über das jüdische Volk brachte. Doch trotz dieser Leiden hat der Weltkrieg den Juden auch die Balfour-Deklaration gebracht. Auch in Palästina haben wir ungeheure Schwierigkeiten und Kämpfe, Leiden erfüllen unsere ganze Bewegung, aber — sagt Ussischkin es gibt zwei Kategorien von Schmerzen und Leiden: Das Leiden auf dem Sterbebette, dessen Resultat der Tod ist, und die Schmerzen der gebärenden Frau, die Wehen des werdenden Lebens, die der Welt neues Leben geben. Diese letzteren Schmerzen liebt das Volk. Die Leiden, die das jüdisch Volk seit zweitausend Jahren auf dem Scheiterhaufen der Inquisition, durch die Verfolgungen späterer Jahrhunderte erdulden mußte, das sind die Schmerzen des Todes, die Wehen und Schmerzen von Safed aber, die Leiden der Malaria, der Sümpfe, das sind Schmerzen der Geburt neuen Lebens, die liebt das jüdische Volk. Der Weg ist schwer, er fordert ungeheure Opfer, aber der Sieg ist uns sicher. Ussischkin schildert ein Gespräch, das er einst mit einem englischen hohen Beamten, der zu statistischen Untersuchungsarbeiten nach Palästina gekommen war, führte, in dem sich die ehernen zionistischen Grundsätze Ussischkins kristallklar widerspiegeln. Für Engländer, sagt Ussischkin, EM ■ft dn nnlriL Salonsdiifitn ta Lloyd Triestino Abfahrten Jeden Mittwoch nm IS Uhr Ferner: * Wöchentliche Expreßllnle nach Isiaatm! wöchentliche Luxusellllnle nach Alexandrien; zweimal monatlich LtucnsellUaie naefc Bombay; _ _ monatliche Expreßllnle nach Ceylon, Singapore, Shanghai; Postlinien nach der Levante, Scbwarxo* Meer, Indien, China, Japan AesMatfa: lloy t Triuttnn.Wlra I, KSmtnening G. t«i. b-47-s-u ist Palästina das Land der Statistik, für uns Juden ist es Erez Israel. Und Juden werden die Herren des Landes werden. Die Araber und die Engländer können den Juden die Arbeit erleichtern oder erschweren, aber nie hindern. Bei Erleichterung der jüdischen Arbeit wird England achtzehn Millionen Freunde in der Welt haben, bei Erschwerung können es achtzehn Millionen Feinde sein — aber das Land wird den Juden gehören. Und auch hier ist der Glaube Ussischkins nur irrational zu erklären. Nur ein Volk, das nach zweitausendjähriger Vertreibung aus seinem Lande, der Träger der Martyriologie, das Volk, das auf dem Scheiterhaufen der Inquisation für seinen Gott soviel gelitten und erduldet hat, vermag eine solche Kraft und Stärke zu besitzen. In Palästina haben geherrscht Babylonier und Assyrier, Perser und Römer, Mameluken und Mongolen, doch niemand von ihnen hat in dem Land Fuß fassen können. Dieses Land wartet auf seine Kinder. Nur Moses konnte Wasser aus den Felsen bervorzaubern und nur seine Kinder vermögen auf diesen Felsen und Steinen neues Leben erbauen. Englands Interesse an Palästina ist ein: geringes —- seine Interessen liegen in Kanada und Irland. Das Interesse der Araber am Lande ist ebenfalls ein geringes -rihre Interessen liegen in Syrien, in Hedschas, in Aegypten, in Marokko usw. Die Juden aber haben an Palästina hundertprozentiges Int «re s s e, denn ihre Zukunft ist mit dem Lande verknüpft. Es sei ein Gebot der Moral und der Gerechtigkeit, ein Gebot einer gerechten Lösung der Agrarfrage auf dem großen Gebiete der Nationen, daß der Boden Palästinas, jenes Landes, auf das 18 Millionen landhungrige und landlose Menschen warten, den Juden gegeben werde. Dieses Recht der Juden auf Palästina ist höchst» Moral. Es ist der größte Stolz des Zionismus, darauf beweisen zu können, daß die ganze jüdische Leistung ln Palästina mit jüdischem Blut, mit jüdischem Schweiß und jüdischer Arbeit geschaffen worden ist. Nicht mit dem Intellekt, sondern mit der schweren physischen Arbeit sollte Palästina aufgebaut werden. Mit Geld «— sagt Ussischkin — kann man Boden kaufen, mit det Wissenschaft läßt sich der Boden assanieren und verbessern, aber Herr des Bodens wird nur der, der ihn im Schweiße seines Angesichtes bearbeitet Und Ussischkin errinnert an eine Episode vor 43 Jahren, als er das erstemal nach Haifa kam. Die Gegend von Akko und Haifa war wüst und matariaverseucht. Nur in der Nähe von Haifa gab es eine deutsche Siedlung. Und einer dieser Siedler fragte Ussischkin, ob er zu jenen Juden gehöre, die diese Gegend etwa ankaufen wollen. Und als Ussischkin sich nach dem Grund seiner Frage erkundigte, sagte der deutsche Siedler: «Diese Gegend, malariaverseucht und wüst, ist für euch Juden nicht günstig. Der Boden wird bearbeitet, wird urbar gemacht werden, und dann werdet ihr mit eurem'Gold herkommen und den fertigen Boden kaufen.» Ussischkin gab ihm damals keine Antwort. Aber so oft er nach Haifa kommt, hat er immer den Wunsch, diesem deutschen Siedler von vor 43 Jahren zu begegnen und Hirn zu zeigen, welches Paradies mit jüdischem Blute und jüdischer Arbeit hier auf diesem Gebiete erstanden ist. Es ist charakteristisch für Ussischkin, für seinen ewig ertönenden, rastlosen Ruf nach neuer Arbeit, daß er trotz des befreienden, von seltenem Optimismus erfüllten Büdes über Palästinas Entwicklung, das er in seinem Herzen trägt, nicht unterläßt, auch in einer feierlichen Stimmung an die große Diskrepenz hinzuweisen zwischen dem, was bis jetzt geschaffen wurde und dem, was noch unserer harrt. Nur sechs Prozent von Palästinas Boden sind heute jüdischer Besitz, d. h. nichts anderes, als das 94 Prozent noch auf ihre Erlösung warten, nur 220.000 bis 230.000 Juden leben heute im Lande, d. h. nichts anderes, als daß Millionen Juden in der Diaspora noch immer auf Erez Israel warten. Nur wenige Städte und wenige Industrien sind entstanden, die anderen warten. Die hebräische Sprache ist bereichert worden, aber noch immer herrscht Vielsprachigkeit im jüdischen Volk und müsse noch viel gearbeitet werden, daß es aufhört, ein Zigeunervolk der Sprache zu sein. Die Hauptaufgabe ist klar,* Boden von den Nlcht.juden P&J&t-Mi m

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