Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 301 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DTE STIMME . Nr. 301 — 20. September 1933 Kunst und Wissenschaft gespickt. Und sie hat gewiß den guten Willen, dem Judentum nach Kräften zu dienen. Trotz allen Nörgeleien über das Prinzip der Machtteilung, trotz allen Kombinationen über den Schlüssel fifty-fifty. Vielleicht haben wir selbst zu viele Hoffnungen an dieses Gebilde Weizmanns geknüpft, vielleicht haben unsere ewigen Nörgler und unsere ekligen Streitigkeiten das hochfliegende Ideal vom «K 1 a 1 Israel» verzerrt. Die Zuhörerschaft lauscht schweigend den Ausführungen und bald beginnt die Debatte. Da greifen auch die Zionisten ein. Sofort kommt ein lebendigeres Tempo herein. Und eine neue Sprache erklingt. Ein Delegierter spricht jiddisch und im Nu wenden sich die ergrauten Köpfe zum Sprecher hin. Nicht alle scheinen ihn zu verstehen, aber bei allen ist dieselbe gespannte Aufmerksamkeit. Ein lebensspendender Hauch aus dem zweiten Saal. Er dringt auch hier herein. Und belebt dies so kühle Ensemble. Lautere Fragen ertönen,! lautere Antworten folgen. Die Notablen empfinden die Aktualitäten des Tages, steigen ab von den Kothurnen. Angelegenheiten der englischen Politik, die Namen French’, Wauchopes und Samuels flirren in der Luft, Ziffern bekommen Leben, Postulate füllen sich mit Blut — der Ruf eines lebendigen, zum Leben erwachenden Volkes dringt plötzlich mit heißer Welle in diesen stillen, abgeschiedenen und hinter Vorhängen schlummernden Saal. Nach einigen Stunden bekommt die Jewish Agency ein anderes Gesicht. Unwillkürlich erwacht die Erinnerung an jenen erhabenen Moment in Z ü r i c h, als unter Weizmanns und Marshalls Führung der feierliche Pakt besiegelt wurde. Marshall ist bald verschwunden, die Riesenvermögen der Führer der Agency hat die Krise in den Orküs mitgerissen und so blieb nur ein blinkendes Lieh dein, das kaum brennt. Im Anfang war es ein Areopag, fast wäre es nun ein Pantheon gebliebehf Die heutigen gedämpften und gedrückten Debatten bedeuten vielleicht eine Wende. Palästina wurde zu einer brennenden Wirklichkeit und das uferlose Elend der deutschen Judenschaft zu einer Forcierung des Tages. Vielleicht liegt es nur an uns, diese steife Society der jüdischen Notabein mit unserer flammenden Sehnsucht zu einem neuen Leben anzufeuern. Vielleicht warten s i e nur auf unsere Losungen und die Agency wird ein stolzer und tätiger Faktor unserer Organisation. In Prag sind sie mrr unsere Nachbarn — aber vielleicht könnten sie schon morgen unter derselben Fahne über das Schicksal eines geeinten und durch seine Einheit tausendfach erstarkten Volkes beraten ... Zn UnlKhklns 70. Geburtstag Ussisthhin — 70 Jahre alt Von Adolf Böhm, Wien Schon der Name wirkt wie ein KraftstoB; der Mann, der ihn trägt, ist oft ein Roche# de bronze des Zionismus genannt worden. Er ist seine lebendige Geschichte: Beim Aufbruch der Bilu 1882 stand er schon in ihren Reihen, leider bestimmte ihn die Auslosung nicht dazu, mitzuziehen. Leider — für ihn, nicht für ans, denn Ussischkin konnte in den ersten Jahrzehnten des Zionismus in der Diaspora sicher viel Bedeutenderes leisten, als er es in Palästina hätte tun können. Den Etappen seiner zionistischen Laufbahn nachzugehen, heißt die wichtigsten Ereignisse der zionistischen Geschichte rekapitulieren. Eine lange Wegstrecke ist er mit dem leider früh verblichenen Tschlenow gegangen und dieses Dioskurenpaar leitete durch Jahrzehnte die russische Organisation, die bis zum Kriege das Kernstück der zionistischen Bewegung war. Pinsker, Achad Haam und Herzl waren die Lehrer und Vorbilder Ussischkins, doch war er stets ein Selbständiger: er blieb zwar Achad Haam treu, doch machte er dessen Gegnerschaft zum politischen Zionismos nicht mit, er schloß sich vielmehr begeistert Herzl; an. Dennoch entfachte er einen wahren Aufstand gegen ihn, als Herzl von Uganda träumte. Es folgte knapp vor Herzls Tod die denkwürdige Versöhnung der beiden Führer. Er kämpfte gegen Weizmann, als dieser die Schaffung der Jewish Agency propagierte, doch als die überwiegende Mehrheit der zionistischen Organisation für diesen Plan gewonnen war, fügte er sich dem Beschluß. Seine Unbeugsamkeit, die man oft fälschlich als Starrheit auslegte, galt den letzten Grundprinzipien: «Wir haben drei Heiligtümer» sagte er auf dem 16. Kongreß: «Religion, Land, Sprache.» Religion: Ussischkin blieb Zeit seines Lebens der gläubige Jude, der er ist, doch er schloß sich dem orthodoxen Flügel nicht an, denn er wollte niemals einer Partei im Zionismus angehören. Sein Einheitsbewußtsein vertrug das nicht. Sprache: Ussischkin war stets einer der unbeugsamsten Vorkämpfer für die hebräische Sprache. Er war führend auf der Minsker Kulturkonferenz 1902, er hat neben Weizmann die Schaffung der Universität schon 1912 durchgesetzt Ussischkin hat für die Durchsetzung der hebräischen Sprache im zionistischen Leben mehr getan, als irgendein anderer Zionist, Ben Jehuda ausgenommen; und als er 1919 hörte, daß beim Empfang der zionistischen Delegierten bei der Friedenskonferenz diese nicht hebräisch sprechen werden, schloß er sich ihnen an, sprach hebräisch und erzielte damit einen tiefen Eindruck. Land: Ussischkin war von allem Anfang an ein Fanatiker des Palästininismus. Schon in den Zeiten, in denen Erez Israel den westlichen Zionisten nur ein geographischer Begriff war, hat Ussischkin in Nachfolge Pinskers als Vorsitzender des Chowewe-Zion-Komitees in Odessa praktische Kolonisationsarbeit geleistet. Während der Periode Herzls organisierte er in Palästina die Kolonien und die Lehrer, er kämpfte gegen den Charterismus und war in der Aera Wolffsohn ein Führer für die Durchsetzung der praktischen Palästinaarbeit der zionistischen Organisation, deren Aufnahme endlich 1907 beschlossen wurde. Doch Ussischkin rastete nicht, bis die Leitung unter Wolffsohn, die nur zögernd diese Bahn betrat, gestürzt wurde. Nach dem Kriege übersiedelt er in das Land und führt dort die Exekutive (Waad Hazirim) bis 1920, tritt auf der Jahreskonferenz in heftige Opposition gegen Weizmann, Brandeis und die Amerikaner und demissioniert. Kurz darauf tritt er an die Spitze des KKL-Direktoriums. Ussischkin, von den Chowewe Zion kommend, die die «Erlösung des Bodens» auf ihre Fahnen geschrieben hatten, nicht die Nationalisierung, Ussischkin, der zu den Schätzern der Privatwirtschaft gehört und stets Sieh! «ach rechts neigte als nach linke, fand —. fast i I 60 Jahre alt — den Weg zu den KKL-Prinzipien. Als 1 Ussischkin sich noch mit Tschlenow in das Reich des russischen Zionismus geteilt hatte, da war Tschlenow der Bannerträger des KKL gewesen, Ussischkin stand in einer anderen Arbeit. Es ist ein Zeichen der Stärke von Ussischkins Intuition, daß er im richtigen Moment die zentrale Bedeutung des KKL erfaßte und in der Arbeit für ihn sich seine Prinzipien, die weit über «Geulath Haarez» hinausgehen, zu eigen machen konnte. So bedeutet die Wendung des KKL zur städtischen Bodenpolitik und zum Erwerb von Pflanzungsboden unter Ussischkin nicht nur «Erlösung des Bodens», sondern nationale und soziale Bodenpolitik. Heute erscheint er der jüngeren Generation, die von seiner glänzenden zionistischen Laufbahn nicht viel weiß, hauptsächlich als der Felsen, auf dem der KKL gebaut ist. Mit Recht, denn unter ihm ist der KKL zu beispiellosen Erfolgen gelangt. Ussischkin war stets eine viel umstrittene Figur im zionistischen Leben, denn er h^.t niemals gelernt, Diplomatie zu treiben, sich anzupässen und andere Formen des Kampfes als Angriff und Durchbruch zu finden, Doch gerade diese seine Art befähigte ihn, die Bewegung vorwärts zu treiben, Stütze zu sein, in den Zeiten der Mutlosigkeit und das Vertrauen in die Unerschütterlichkeit der Idee wach zu halten. Immer kämpfend, den Gegner nicht schonend, doch im Kampf nur für Positives und Wesentliches streitend, ist ihm eine Fülle USSISCHKIN Von Dr. Karl ROSENFELD Sei gegrüßt, altjunger, erster Chaluz-Botel Als ans Rußlands Pogrom hüllte schwer in Traaer Und wie Pest, vernichtend, Haßorkan uns drohte — Warst Du Bilu-Stürmer, erster Ercz-Bauer! ln erstarrte, blutgetränkte Heimaterde Warfst Da ersten Samen in dem starken Glaubai. Daß aus seinem Korne Judenacker werde Und daß Eigenboden kann uns niemand rauben! Brüder! — rufst Du tröstend — niemand klage, weine, In der Welt muß unser Freiheitsrecht erschallen/ Ackert, schmiedet, traget eifrig Stein auf Steine Bis erbaut erglänzen Judas Heimathallenf Deine Tat, Dein Weckruf: Erez kann nicht warten! Werbet Boden! Felder reifen, Wiesen blühen — Wandelt Wildnis um in einen Zaubergarten, Aus den Trümmern wachsen Städte. Kolonien! von Leistungen geglückt wie wenigen anderen zionistischen Führern. Im Alter von siebzig Jahren ist er, wie sein Auftreten am 18. Kongreß zeigte, noch so kampflustig, energisch, zielbewußt und arbeitsfähig geblieben, wie nur je zuvor. Das jüdische Volk erwartet von seiner ungebrochenen Kraft noch weitere große Taten. Er aber erwartet vom jüdischen Volk, daß es der großen erlösenden Idee des Keren Kajemeth, der er seine ganze Kraft weiht, diene und opfere nach seinem Beispiel. Ussischkin predigt... Von David Rothbium Eingang des Versöhnungsfestes. Noch ist der Tag der Abenddämmerung nicht ganz gewichen. Die große Synagoge von Wilna, wo einst der große Gaon gelehrt und gepredigt, ist der Betenden übervoll Dreitausend Menschenkinder stehen gebeugt, zerknirscht vor ihrem Gott, um Gnade zu erbitten für sich und ihre Kinder, um Vergebung herabzuflehen für die begangenen Sünden. Wie es die Väter und Großväter und aü die Vorfahren geübt haben bis zurück in die fernsten Geschlechter. ln der großen Synagoge von Wilna betet man aus den Tiefen: Mimamakim. Gottes Wort aber wurde aus der Höhe der der Bundeslade gegenüber liegenden Kanzel verkündet. Diese jedoch ist lange, lange Jahre verwaist. Keines Predigers Fuß betrat sie seit dem Tode des Gaon, der den Namen des großen Tischbipropheten getragen hat. Die Kanzel blieb seither unberührt, wie der Betstuhl Raschis, des größten Vermittlers aller schriftlichen Ueberlieferung in Worms. In der ersten Reihe der Betenden sitzt diesmal ein Gast: Ussischkin. Vor ihm brennen die vielen Kerzen, die zum Andenken an die Toten entzündet wurden. Noch hat der feierliche Gottesdienst nicht begonnen. Doch lispelt schon die Gemeinde, in Talith und Khittel angetan, die große reinigende Beichte, die als Vorbereitung zum gemeinsamen Gebet dient. Die Beichte verstummt. Geisterhaft liegt die Tempelhalle da. Unhörbare Seufzer, ungesehene Tränen erfüllen den Raum. Eine unstillbare Sehnsucht erfüllt alle Herzen. Da nähern sich plötzlich die drei Aeltesten der Gemeinde dem Gaste aus Jerusalem: Er möge die Kanzel des Gaon besteigen und zu den Betenden sprechen. Ussischkin erhebt sich und stutzt. Er ist sichtlich überrascht und verlegen. Seine tiefen blauen Augen erheben sich zur Kanzel, von dort zur Gemeinde und zurück. Er schüttelt sein Haupt: Nein. Er sei nicht würdig, den Predigerstuhl des großen Mannes zu betreten. Die drei drängen. Da sagt Ussischkin: Man möge die Gemeinde befragen. Dies geschieht. Ein zustimmendes Gemurmel geht durch die Reihen, kein Anwesender widerspricht. Da fühlt er sich als Gesandter seine» Volkes and besteigt gesenkten Hauptes, jedoch festen Schrittes, der ihm eigen ist, die Kanzel. Auch er ist mit dem weißen Gewände der Ewigkeit angetan. Der üebetmantel fällt faltenreich um seine Schulter.*Noch einmal streift sein Blick die Gemeinde, dann spricht er mit klarer, zunächst etwas zaghafter Stimme. «Er stehe auf diesem Platz, weil ihn seine Brüder entsendet haben. Er sei nicht würdig, aber der Wille des Volkes stehe über der Zaghaftigkeit des Einzelnen und so wolle er sagen, was er in dieser weihevollen Stunde empfindet.» Seine Stimme klang fester, klarer. Ino;flieh aber wuchs sichtlich seine Unruhe. Er sprach und seine Worte wurden bis in die letzten Reihen gehört;. «Dreierlei sind unsere Sünden: Unsere Sünden gegen Gott — ist das aber auch wahr?» Er schrie laut, dröhnend, daß die Seelenlichter erzitterten: «Nein und tausendmal neinL «Wo gibt es ein Volk, das seinem Gott so treu gedient, so unwandelbar treu geblieben ist in allen Zeiten, an allen Orten, gleich uns? Gingen wir nicht durch Feuer und Wasser für seinen lieben Namen? Haben wir nicht Not und Elend, Schande und Spott auf uns geladen, um unseres Gottes Willen, den wir nicht verlassen wollten, selbst dann nicht, wenn er uns verlassen hat? Gibt es noch eine Nation, die gleich uns ihr Geschick so unlöslich an Gott geknüpft hat? Ist nicht unser Leben ein einziger großer Gottesdienst, das Leben unserer Kinder nicht eine einzige Vorbereitung zu unserem Gottesdienst? Halten wir nicht seine Gebote hach und heilig? Retteten wir sie nicht aus der Not aller Zeiten? Tragen wir nicht sein Wort in unserem Herzen, wie ein unberührtes, unbeflecktes Heiligtum?» «Der Vergebung solcher Sünden kann der Versöhnung^- tag nicht dienen. Wir brauchten seiner nicht, handelte es sich urn die Vergebung dieser Sünden. Denn wir sind mit Gott das ganze Jahr versöhnt. . .» Die Gemeinde atmet schwer, die Seelenlichter brennen flackernd und trüb. )