Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-09-20 · Heft 301 (20.9.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 301 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054055--3745-3059288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 30t 20. Septembef 1933 DIE STIMME Seite T ' iKoJtpieß(ti(UU/z, Von Z. F. Finkelstem Der Verfasser veröffentlichte in seiner Eigenschaft als Berichterstatter des Kongresses in der Krakauer Tageszeitung <N o w y D z i e n n i k» eine Reihe von Skizzen, die momentane Stimmungen festzuhalten versuchten. In dieser und in der nächsten Nummer bringen wir eine kleine Auslese davon. Die Uebersetzung aus dem P;i!n:«oh •: besorgte Dr. Viktor E. Porde: I. efat UUti4C&kin Der heutige \ongreiiabenu war ganz Ussischkin gewidmet. Siebzig Lebensjahre und mehr als fünfzig Jahre «ines härten, nationalen Dienstes haben ein enthusiastisches Echo in den Herzen einer nach Tausenden zählenden jüdischen Elite geweckt, die in gehobener Stimmung allen zu Ehren des Gefeierten gehaltenen Reden lauschte. Unter den schöpferischen und repräsentativen Männern unserer Bewegung ist Ussischkin heute vielleicht die e i nzige historische Persönlichkeit, deren Namen zu einem wahren Symbol unseres Kampfes um den palästinensischen Boden wurde. Von dem Orden «Bnei Mosche* um Achad Haam über die «Chowcwe Zion» aus der Odessaer Zeit um Pinsker und Lilienblum bis auf die großen Wandlungen der Herzischen und der letzten Epoche blieb nur Ussischkin sich unwandelbar treu. Und immer derselbe. Ohne Kompromisse, ohne jedwede Schwankung, unveränderlich und unerschütterlich, stand er wie eine im Boden fest verwurzelte Eiche, die allen Stürmen und Gewalten der letzten Jahrzehnte trotzte. Dieses düstere, meistens schweigsame, in seiner finsteren Verbissenheit fast monumentale Antlitz wurde mit der Zeit zu einem Sinnbild dieser ebenso harten, ebenso sphinxhaften palästinensischen Erde, die der Hauch einer dreitausendjährigen Geschichte umwittert. Er wurde zum Volks ge wissen, als er zur Zeit, da die Haskalah die russische Judenschaft überflutete, als einer der ersten die Fackel der jüdischen Renaissance entzündete. Er war der Fahncntiäger auf dem Rückweg zum Sefbstbewußtsein und historischer Tat der B i I u - L e u t e und er $1*^ von den ersten Anfängen des Nationaifonds sein hervorragendster Propagandist und' sein geradezu fanati- &cher Verwirkliche r. Es ist die palästinensische Erde, die durch ihn seit Jahren mit Tausenden von Stimmen der Sehnsucht, der Verzweiflung, der Ermunterung und Verheißung um ihre Erlösung förmlich in die Welt hinausschreit. Geulath Haarez — das ist sein tönendes Credo. Und letzter Ruf, Vor den Wagen dieses Grundprinzips unserer Wiedergeburt möchte er die ganze" Organisation, alle Energien des Jischub und des Weltjudentums spannen, Caeterum censeo — alle Kongresse, alle Beschlüsse und Manifestationen unserer nationalen Aspirationen beurteilt er seit Jahren nur unter dem Gesichtswinkel dieses einzigen Leitgedankens. Manche sehen ln ihm nur eine Verkörperung des Trotzes und der Verbissenheit. Manche können ihm eine gewisse Brutalität des Denkens und Handelns nicht verzeihen — wer aber Ussischkin kennt, der weiß, daß seine Härte und Unnaehgiebigkeit nur der tiefsten Ethik des verantwortlichen Volksführers und der geschichtlichen Ueberzeugung entspringen. Er fühlt es zutiefst, daß einzig und allein ein Verwachsender Judenschaft mit ihrem historischen Boden eine wirkliche, nationale Renaissance verbürgen. Die blauweiße Sammelbüchse und die K a t a s t r a 1 k ar t e Palästinas — das sind zwei unzertrennliche Wahrzeichen dieses Mannes, Er ist das Schwert und die Kelle zugleich, durch welche die künftige nationale Heimstätte in Erez wächst und zum Hort aller künftigen Generationen wird. Seit vielen Jahren gleitet er schweigend und fast düster von der Kongreßtribüne an uns vorüber. Er faßt In kurze und lapidare Worte sein altes und doch ewig neues Credo zusammen und kehrt an die Werkstätte seiner Arbeit in Erez zurück. Auf diesem Kongreß ergriff er ausnahmsweise in einer persönlichen Angelegenheit das Wort. Er wurde tum Mittelpunkt einer rauschenden Festlichkeit. Er, der ■eit Jahren nichts so sehr verachtet als Lobeshymnen und leere Anerkennungsphrasen. So hat er auch bei dieser Gelegenheit seine eigene Person mit Schweigen übergangen und mit keinem Worte auf die ihm gewidmeten Lobeshymnen reagiert. Eines nur sagte er: «Gebt mir eine Arbeitsmöglichkeit und ich werde Wunder Wirke nt Ich weiß nur für eines Dank: für euren Beschluß, ein großes Stück Boden anzukaufen und eine Kolonie zu gründen. Den Beschluß, daß diese Kolonie meinen Namen tragen soll, halte ich für unwesentlich — falls aber meine siebzig Jahre den Anlaß dazu gegeben haben, dann war es schon aus diesem Qrunde wert, diese siebzig Jahre auf dem Altar der nationalen Arbeit zu opfern.» Mit einem nicht enden wollenden Beifnllsarkan antwortete der Kongreß auf diese Worte. Es war der erhebendste Augenblick des bisherigen Kongreßverlaufes. Auf der Tribüne steht die massige, wie ln die Erde gerammte Gestalt des trotzigen Greises — vor Ihm geht ein Regen von , Blumengrüßen nieder und um ihn herum stehen die ragenden Gestalten des Judentums, wie Sokolow, Motzkin, Stephen W i s e, Majer Berlin, Szprinzack und Bin Gur jo n, die den Ahnen und Vater der jüdischen Renaissance umarmen und küssen. Solche Momente des Kongresses atmen Üeschichte und spornen den Willen zu neuen Taten an. Die Reden selbst entschwinden dem Gedächtnis, was aber unvergeßlich in der Erinnerung haftet, ist der Zauber des unmittelbaren Erlebnisses, das einem Großen iri Israel gilt. . II. Hatikwah tuitei JhäMH, Im ,Momente, da ich dies schreibe — dröhnt und donnert von der Rechten des riesigen Kongreßsaales ein Sprcchchor: «Tsche — ka, Mo — srim (Verräter), Tsche — ka, Mo — srim*. Es sind die revisionistischen Delegierten, die nach vollzogener Abstimmung von ihren Sitzen aufspringen, den bleichen und sichtlich verfallenen Jabotinsky umringen und jene Worte, der Linken zugewendet, im Takt ausrufen. ln dem von Tausenden vollgepfropften Saal herrscht eine Spannung, die sich jeden Moment leidenschaftlich gegen diese oder jene Seite zii entladen droht. Fast kommt es schon zu einer Schlägerei, als ein jugendlicher Delegierter in seiner Aufwallung den Versuch unternimmt, den an dem Fußboden befestigten Sessel abzubrechen. Auf der Linken sitzen — beherrscht und schweigend — die Delegierten des arbeitenden Palästinas. Sie reagieren buchstäblich mit keinem Wort! Fast hundertundvierzig jüdische Köpfe, von einer eisernen Disziplin in einem Momente höchster Erregung im Zaume gehalten, da eine Flut von Schimpfwörtern auf sie niederprasselt. Beinahe ein Wunder. Und zugleich der einzige Lichtstrahl in diesem traurigen, fast tragischen Augenblick. Ein Bruch auf der ganzen Linie. Zwei Welten, die ein Abgrund trennt. Obwohl beide demselben Ideal dienen wollen, hat das Unkraut der Politik und Leidenschaft den Weg zueinander so üppig überwuchert, daß man fast verzweifeln muß, wenn man sieht, wie nationale Energien sich sinn- und fruchtlos in diesem Kampfe verzehren. Die Sitzung begann mit einer, Traüerkundgebung für das letzte Opfer der Hitlerei: Theodor V e s 6 i n g.. ,Ein, stilles Schluchzen hört man im Saal, in welchem der Ermordete noch gestern den Beratungen lauschte. Motzkin sprach nur einige Worte, alles erhob sieh von den Sitzen und tiefes Schweigen herrschte, als hätte der Todesengel diese Tausende mit seinen Schwingen berührt.,. Und dann explodiert die Bombe! Kaum hat Motzkin angekündigt, daß auf der Tagesordnung die Resolution des. Aktionskomitees, betreffend die Entsendung einer Untersuchungskommission nach Palästina stehe, verlangte Jabotinsky das Wort. Das sensationslüsterne Auditorium hält den Atem an. Man hat bisher umsonst auf ein Wort dieses irrlichternden Führers gewartet. Er schwieg während der ganzen Zeit des Kongresses und entsendete nur Vertreter zweiter und dritter Garnitur. Mit lauter Stimme verliest er jetzt eine abweichende Resolution und verlangt die Eröffnung einer Diskussion. Motzkin, ein alter Parlamentstaktiker, ließ sich diesmal ein wenig von der allgemeinen Nervosität hinreißen. Er billigte eine Abstimmung über den Antrag auf Diskussionseröffnung zu, entzog aber Schechtmann, einem Revisionisten, der in einer formellen Angelegenheit sprechen wollte, das Wort. Das hat die Gemüter der Rechten noch mehr erhitzt. Für die Diskussionseröffnung stimmten der Misrachi und die Rechte — der Antrag wurde mit einer Riesenmehrhcit abgelehnt, ln diesem Moment betritt Jabotinsky wieder die Tribüne. Mit einer Stentorstimme, die höchste Erregung verrät, stellt er den Antrag, man möge die Ergebnisse der Untersuchung, die nur der gewählten Untersuchungskommission bekannt seien, dem Kongreß vorlegen. Jetzt fällt auch die Linke mit Zwischenrufen ein: «Wir haben Vertrauen zur Kommission und das Material ist Ihnen ebenfalls bekannt!» Motzkin versucht, mit seinem Hammer den Lärm und Trubel zu übertönen. Jabotinsky bleibt hoch oben stehen, wie verwachsen mit der Tribüne. Er faßt krampfhaft den Rand des Tisches und ruft mit einer Stimme, die, durch das Megaphon verzehnfacht, wie ein Orkan auf dieses Meer von Köpfen heruntergellt: «Ich habe hier eine heilige Mission zu erfüllen — lasset die Vergewaltigung der Gerechtigkeit nicht zu! Alles, was in den Materialien steht, ist scheker-bilbel (tilge und Verleumdung)!» Motzkin gibt nach und läßt über den Antrag abstimmen. Dasselbe Ergebnis. Die Riesenmehrheit ist dagegen, daß man das ganze Ergebnis der Untersuchung vor dem Plenum ausbreitet. Jabotinsky springt vom Sessel auf, ihm folgen seine vierzig Anhänger. Es folgt ein Poltern, Strampeln, johlen und Pfeifen und zuletzt ein Chorgesang, der fast zum Gebrüll wird. Der ganze Saal schweigt, wie erstaunt oder erschreckt von diesem Ausbruch der Leidenschaft. Motzkin blickt ratlos in die aufgepeitschte Menge. Seine Stimme geht unter, trotz dem Megaphon, in diesem donnernden Choral. «Die Sitzung ist geschlossen!» — das 10. Oktober 1933 veranstaltet vom Verband Jüdischer Ingenieure und Techniker für den Aufbau PaiiistinaN Technische Durchführung: Reisebüio Compass Tours Auskünfte und Anmeldungen: Wien 111., Landstr. Gürtel 9/7 und Reisebüro Compass Tours Wien IX., Spitalgasse 3 ist das einzige, was man vernimmt. Die Revisionisten bleiben im Saal und beginnen plötzlich die «Hatikwah» zu singen. Dieses herrliche Lied unserer Sehnsucht soll das Finale dieser wüsten Szene werden. Es mutet wie Hohn und Ironie an., Die Linke schweigt bis zum letzten Moment. Tut sie es aus Kraftbewußtsein oder aus Mitleid? Jetzt is: es schwer zu entscheiden. Langsam leert sich der Saal. Das Schauspiel ist zu Ende. Das Publikum hatte seine Sensation. Die Augen der Welt sind auf den Kongreß gerichtet, am selben Tage, fast vor der Pforte des Kongresses, ist ein neues Opfer des Hitler-Regimes gefallen— ln der jüdischen Gasse brennt es überall, wohin man blickt, und der jüdische Kongreß, der zur Tribüne eines heimatlosen Volkes werden sollte, wird durch solche Sensationen zum ZerrbildI Die «Hatikwah» klingt noch leise nach, aber Tränen umfloren den Blick... III. lewlifa oifMvcy, tagt Aus dem Kongreßsaal führt hieher der Weg <iim. ii inen Nebeneingang. Es wirkt fast wie ein Symbol dieser Versammlung. Während die gigantische Kongreßhalle von leidenschaftlichen Reden, Debatten, Zwischenrufen und all den Zeichen pulsierenden Lebens braust, herrscht im Gregoria-Saal, wodicJewishAgcncy heute zu tagen beginnt, eine feierliche Stille. Man hört nur einen sprechen. Es ist die jüdische Elite von der anderen Front der Schützengräben. Fast wie eine Art jüdischen-S dessen Mitglieder, Nichtzionisten aus allen Teilen der $fe!t, den Staub irdischer Zwistigkeiten von sich abschUtteIftmWn hier den reinsten Extrakt jüdischer Sorgen zu brauen. Schon das Antlitz des Vorsitzenden Prof. Speyer, eines vornehmen Gentlemans mit einem charakteristischen Gelehrtenprofil, atmet ungewöhnliche Ruhe und Würde; Unwillkürlich vergleicht man ihn mit Motzkin, der gleichzeitig im anstoßenden Saal präsidiert. Dieser echt russische Jude ist voll Verve und Esprit, wortreich und beinahe verschwenderisch, wenn es um die Erheiterung umdüsterter Oemüter geht, jener, Westjude in jedem Zoll, maßvoll, jedes Wort wägend, wenn er die Tagung einleitet, und voll steifer Würde eines Führers der Weltnobility. Die Verhandlungssprache ist englisch. Sprache der Society. Nichts Ist improvisiert, deshalb gibt es keine Ueberraschungen.. Alles geht nach einem genauen Programm vor sich. Begrüßung und Verifikation der Mandate. Programmgemäß erfolgt auch die Anfrage von Louis Laski, dem Vorsitzenden des Board of Deputies, die formell an die Exekutive gerichtet wird, und ebenso sachlich erfolgt die kurze Antwort Brodetskys. Ohne jede Debatte folgt auch das Referat des nichtzionistischen Mitgliedes der Exekutive Dr. H c x t c r. Es ist trocken, quellenmäßig, mit Ziffernkolonnen gespickt. Gespannte Aufmerksamkeit im Saal, manche machen eifrig Notizen. Es herrscht'eine feierliche Stille. Es fehlen hier •die Rechte, die Linke, das Zentrum und all die anderen Akzessorien unseres Kongresses, den der Atem einer leidenschaftlichen Menge stets umrauscht. Ist es die Ueberlegenheit der Kultur oder lieg; es in einer Distanz dieser unleugbar führenden Persönlichkeiten der Welt zu den Problemen jüdischen Lebens? Es fällt schwer, dies auf den ersten Blick zu entscheiden. Jedenfalls klafft ein Abgrund zwischen diesen beiden, just nebeneinander »m Repräsentantenhaus tagenden Welten. Eine stärkere Welle bringt erst Sokolow herein, der eben von einer Audienz bei Benesch zurückkommt. Die Erhebung von den Sitzen und die Begrüßung durch den Vorsitzenden geschieht fast lautlos. Sogar der humorvolle Sokolow trägt eine ungewohnt feierliche Miene. Seine Anrede wirkt wie das Exposä eines Premiers, das von einet Parlamentstribüne verlesen wird. «Das jüdische Volk ist verarmt,» führt er aus, «das Prinzip der Mitarbeit von Zi<v nisten und Nichtzionisten ist eine Forderung der Zeit. Man will die Juden eines gewissen Landes in ein Ghetto pressen. Die Idee der Jewish Agency bleibt unerschüttert. An euch istes, ihreinen neuen Gehatt zu geben!» Sokolow beendet 6eine Ansprache mit gleichmäßiger, der Atmosphäre der Großen der Weit angepaßten Stimme. Sie sind hier zwar nicht da, aber auch die im Saale Anwesenden nehmen hervorragende Steilungen in Europa ein und verfügen über großen Einfluß. Es ist die internationale Finanzwelt, mit berühmten Namen auf dem Gebiete dir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.