Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 301 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE ST1MMV Nr. 301 — 20. September 193$ Qjoidk - HascflaHafi. 5694 Sammlung Betrachtung von Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang «Nicht Deine Sache ist es, das Werk zu vollenden; Du bist aber nicht berechtigt, Dich von ihm loszusagen.» In gewissem Sinne gilt das von der Stellung des Weltjudentums gegenüber dem Palästinawerk. Allerdings. Es mag Juden geben, die keinerlei Sinn oder Interesse für Palästina haben. Es gibt sicher viele Juden, die herzlich und aufrichtig für Palästina fühlen und empfinden, die dortselbst geleistete Arbeit mit Freude sehen oder fördern, jedoch jeder politischen Einstellung zur Palästinafrage abhold sind. Millionen Juden sprechen mit inbrünstiger Andacht die Namen Zijon und Jeruscholajim; Millionen ist Erez Israel Zukunft, Hoffnung und ein lebendiges Stück greifbarer Gegenwart. Feindliche Gesinnung und Stellungnahme, gehässige Zurückweisung werden wohl jetzt kaum bei irgend einem denkenden und fühlenden Juden zu finden sein. Kein Wunder. Stand und stehen doch Zijon, Jeruscholajim, Erez Israel seit der Zerstörung des Heiligtums im Mittelpunkt unserer alltäglichen und festtäglichen Andacht. Der geschichtliche und religiöse Zusammenhang ist niemals zerrissen worden. Die Versuche, den Zusammenhang dadurch zu lösen, daß man in Ritus und Gebeten liberal gerichteter Judenkreise die Erinnerungen an ihn strich, sind fast ganz gescheitert. Die jüdische Seele sträubte sich instinktiv oder bewußt dagegen. Geschichte und Literatur der Juden legen zu laute und glaubwürdige Zeugenschaft ab. — Der «Zionismus» und das «Nationaljudentum» haben also keine Entdeckung gemacht. Deren scharfe Betonung und Politisierung, die vielfach beabsichtigte Loslösung des nationalen vom religiösen Judentum haben Gegensetzlichkeiten und Gegnerschaft bis zur Befeindung geschaffen. Es wird vergebliche Mühe sein und bleiben, Juden, die ihr Judentum nur konfessionell empfinden und betätigen, zu zeigen und zu beweisen, daß dieser Rahmen zu eng sei und dem Geist und Wesen der jüdischen Geschichte nicht entspreche; ebenso, rein national gerichteten Juden sagen zu wollen, daß jüdische Kultur onne den innersten Kern, die jüdische Religion, ein Bruchstück bleiben müsse. Die Vergangenheit hat die Zusammengehörigkeit und Einheit beider Teile nie verneint, nie bezweifelt. Es war nicht nötig, die eine oder andere Seite besonders hervorzuheben oder gar den einen Teil gegen den anderen auszuspielen; den einen Teil auf Kosten des anderen zu verkleinern oder zu vergrößern. Der historisch festgewurzelte Jude — ob strenggläubig oder liberal — fühlte sich als ganzer Jude. Und die jüdische Masse dachte nicht im Traume an eine mögliche Spaltung des Begriffes «Jude», wenn sie auch in verschiedenen Lagern lebte. An solcher Verschiedenheit hat es fast in keinem Zeitalter gefehlt und Streit der Anschauungen hat es immer gegeben. Im neuen Palästina nicht mehr und nicht weniger als im alten; in der jüdischen Welt außerhalb Palästinas heute wie ehedem. Ein ausschließliches und unbedingtes Recht, alleinige und einzige Geltung hat keine Seit« für sich in Anspruch nehmen können. Es sei denn, daß Grundwahrheiten und Grundeinsichten von einer oder der anderen Seite geleugnet oder verletzt worden wären. In diesem Falle kam es zum Kampf der Geister und Parteien; oft zu erbittertem Kampf, der das Judentum in seiner Totalität bedrohte und gefährdete. Es hielt aber Stand. Denn alle, bis auf die zum Abfall Bereiten und Geneigten, waren und blieben einig im Willen zum Judentum. Schließlich bildete das Judentum der Welt eine Union, war es e i n K o n g r e ß, ein Zusammenschluß aller Teile zu einem Ganzen. Gleiches oder ähnliches geschichtliches Erlebnis in alter und neuer Zeit mit selbstverständlichen Varianten, Schicksalsgemeinschaft und Religionseinheit waren festgeschmiedete Ketten, welche die in jeder menschlichen Gemeinschaft herrschende Verschiedenheit der Teile zusammenhielten. In jeder menschlichen Gemeinschaft, bis auf die kleinste, die blutverwandte Familie. Auch in dieser gibt es Entfremdung bis zur Gegnerschaft. Haß und Feindschaft in ihr sind wider die Natur. Ebenso ist es wider die Natur, wenn Judengruppen einander hassen und befeinden. Der widernatürliche Haß der Parteien hat nach richtigem Empfinden entspringender Ansicht klassischer Lehrer und Führer des Judentums zur Zerstörung des Tempels und Jerusalems geführt. Mußte dahin führen; Warnendes Beispiel für uns alle. Als Hölleneingang sieht die Legende den Erdspalt, in den die revoltierende Korachgemeinde gesunken ist; einen Hölleneingang versetzt sie gar nach Jerusalem. Das sind tiefsinnige Blicke in die Zerrissenheit der jüdischen Gemeinschaft, stammend aus Zeiten religiöser und politischer Kämpfe; solcher Höllenpforten gibt es unendlich viele. Sollen Zionismus und Antizionismus zu traurigen Wahrzeichen klaffender Abgründe werden? Ist es nötig, daß sie einander feindlich gegenüberstehen? Ist nicht Palästina so tief eingegraben in Herz und Geist der Juden, daß es daraus nur gewaltsam gerissen werden kann? Abseits von Politik und einseitig nationaler SABBAT Die gold’ne Dämm'rung schmiegt sich sachte in unsere gute Stube ein, Ein Mütterchen, das segnend brachte In weißen Kelchen roten Wein. Gegrüßt die Hand, die sanft entfachte Der Sabbatkerzen milden Scheint Wer sich am Tage Kummer machte, Fühlt jetzt sein Herz von Sorgen rein. AM WEGE Ein winzig Lu hl im Fenster in einsam * röter Nacht, fsfs Liebe i-der Sorge, was dort im Zimmer wacht Wir gehen stilt vorüber, und meine Seele spricht; was es auch sei, Gott halte die Hand ob jenem Licht. Marek Scher lag Gesinnung. Aber auch unbedingt ohne Verleugnung geschichtlich und religiös festliegender Tatsachen, die man abweisen, aber nicht verneinen kann. Die Welt ist krank. Krankheitserreger werden gesucht und bekämpft. Es ist nichts Neues, daß Judenhaß im Judentum den Krankheitskeim findet. Diese wahnsinnige Ungeheuerlichkeit hat immer Gläubige gefunden, hat die jüdische Gemeinschaft der Welt zu schwersten Opfern bis zum Martyrium gezwungen, aber deren innerste Kraft nicht gebrochen. Es geht eine gewaltige Welle von Judenhaß auch heute durch die Welt. Nicht religiöser Fanatismus treibt sie hoch; es ist roheste, gemeinste Gewalttätigkeit. Hochgezüchtete Instinkte, geistige Ernährung der Keimzellen der Urtriebe und systematisch gelehrte Fälschungen der Geschichte werden zu Theorien gestaltet, welche die nichtjüdi^che Welt vergiften sollen. Im Dienste dieser WeltverSeuchung stehen führende Menschen der Wirtschaftmimd der Wissenschaft. Aber dieses haß verzerrte Weltbild hat auch, eine freundliche Kehrseite. Ungeheure Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Glück erfüllt und treibt bedeutende Menschen zu Worten und Werken der Menschenversöhnung und Weltbefriedung. Schlummernde Kräfte, die einigend wirken, sind ausgelöst und arbeiten rastlos an der Rettung der Welt aus Haß und Not. Moderne Propheten sind erstanden, die ohne Schwärmerei auf realem Boden Heilmittel suchen. Man nennt sie schwächliche (V&m fcvpK&QHtahJbaiifaus zjuK &Ut~}(&u4CÄu£) Um das Prager Repräsentantenhaus pulsiert vielfarbiges Leben. Im hellen Lichtglanz modernster Beleuchtung des Abends, vergoldet von strahlender Spätsommersonne am Tage, steht der Prunkbau da, von einem starken, jungen Volk erbaut, Symbol eines aufstrebenden nationalen Willens und Bekenntnisses zur Kultur. Diese Räume, wo sonst die erhabenen Klänge Beethovenscher Musik, die kraftvollen volkstümlichen Weisen eines Smetana erklingen, hat die gastliche und tolerante Stadt Prag der diesmaligen Tagung des Zionistenkongresses zur Verfügung gestellt. Die alte, in neuer wachsender Schönheit erblühte Stadt Prag bedeutet dem jüdischen Volk unendlich viel, ist ein Begriff in seiner Welt geworden, den es nicht mehr missen möchte. Befindet sich doch hier das älteste und interessanteste Judenghetto in Europa, das berühmte Prager Ghetto, mit seiner altehrwürdigen, berühmten Alt-Neuschul. Begreiflich, daß man vom Lärm der Unrast und Hast des Heute weg, wohl auch ein wenig enttäuscht vom Mißverhältnis zwischen glänzender äußerer Fassade und mangelndem Innenkomplex, für kurze Augenblicke flüchten, sich in die Vergangenheit versetzen will, um vielleicht so dem Erfassen historischer Zusammenhänge, historischen Geschehens und Sinnes näherzukommen. Vielleicht, daß dieser Weg der Besinnlichkeit den Weg aus dem dunklen, verschwundenen Gestern übers trübe, zerrissene Heute zu einem helleren Morgen wedst. * In Prag gab es bereits Juden anfangs des 10. Jahrhunderts. Trotz häufiger Schicksalsschläge und Ausweisungen war und blieb Prag eines der bedeutendsten Zentren für jüdisches Leben. Am bekanntesten ist es wohl durch das Wirken des sagenhaften Rabbi Lttw im 16. Jahrhundert (gest. 1609), des Schöpfers des Golem. Prag ist für die Juden eine von Legenden umrankte Stadt geworden, voll rätselhafter, anziehender Mystik. Die ältesten Denkmäler jüdischen Lebens, aber auch jüdischen Leidens in Europa, sind hier zu finden. * Längst, ist die Bangigkeit gewichen, die gehetzte Menschenkreaturen erfüllte, als sie in ihrer Ungewißheit, wo sie morgen ihren Herd aufschlagen werden, mit ängstlichen, scheuen Blicken, durch die engen Gäßchen der Altstadt eilten... Heute ist diese Prager Altstadt mit ihrer Golem- Legende im Baedecker rot angestrichen, ist sie eines der interessantesten Anziehungsobjekte der Moldaustadt für Fremde aller Bekenntnisse und eines der wertvollsten Propagandamittel der Fremdenverkehrsförderung. * Der Uebergang des neuen Prag zu seiner Altstadt, in deren Mauern sich das Ghetto befindet, ist ein unmittelbarer. Wir gelangen vom Altstädter Ring und seinem alten Rathaus alsbald zum neuen, vor dessen Front das ehrfurchtgebietende Denkmal des hohen Rabbi Löw mit der hebräischen Inschrift seines Namens postiert ist. Es dürfte wohl die einzige Stadt in der Welt sein, in der vor einem öffentlichen Gebäude ein ausgesprochenes Judendenkmal mit hebräischer Inschrift aufgestellt ist. Diese Statue des hohen Rabbi Löw, in welcher alles, was das alte Prager Ghetto an Edlem hervorgebracht hat, verkörpert war, erschien dem Schöpfer des Denkmals, dem Prager Bildhauer Prof. Ladislaus S a 1 o u n, als Symbol des Ghettos. Schreiten wir die schöne und gepflegte Parisergasse entlang, kommen wir an ein ganz eingefallenes, in den Boden fast versunkenes Haus. Es ist die berühmte Alt-Neu- Synagoge, in der Rabbi Löw gewirkt und seinen berühmten Golem geschaffen hat. Die Synagoge selbst ist, von einem christlichen Baumeister erbaut, neben der von Worms die älteste aus dem Mittelalter und in ihrem gotischen Stil unverändert erhalten geblieben. Schon ihr Name ist an eine Legende geknüpft. So soll die Prager «Alt-Neuschul» mit den Steinen des Jerusalemer Tempels von den Juden, die vor Titus nach Prag geflüchtet waren, erbaut worden sein. In ihrer Hoffnung auf den Wiederaufbau des zerstörten Beth-Hanrikdasch erbauten die Juden die Alt-Neuschulin Prag «Al Tenai» (bedingungsweise), d. h. sie sollte solange als Heiligtum dienen, bis der Messiasruf der Erlösung die Exilierten nach Jerusalem zurückrufen würde. Von einer eigenen Mystik ist diese Stätte umgeben und erfüllt. Es ist historisch bekannt, daß die Judenstadt in Prag immer wieder von Bränden heimgesucht und verwüstet wurde, doch die Alt-Neuschul blieb stets unversehrt. So erzählt die Sage, daß während der Feuersbrunst im Jahre 1558 auf den Giebeln der Synagoge zwei weiße Tauben gesehen wurden, die das Dach solange beschützten, bis sie nach dem Erlöschen des Feuers in den Wolken verschwanden. In der Mitte der Synagoge befindet sich noch immer eine in den historischen Farben der Stadt Prag gehaltene Riesenfahne, die Ferdinand I. den Prager Juden für ihre heldenmütige Verteidigung gegen die Schweden geschenkt hatte. ln unmittelbarer Nähe liegt auch dei Geschichte gewordene, berühmte alte ludenfriedhof, mit einer unendlichen Zahl zusammengedrängter, in mehreren Schichten übefeinandergelagerte Gräber. Hier befindet sich auch die Grabstätte des hohen Rabbi Löw. Ein kurzer Besuch gilt noch dem alten jüdischen Rathaus, das mit seiner mit hebräischen Lettern versehenen Uhr im nächsten Umkreis liegt. Und schließlich sei hier noch auf das vielleicht am wenigsten bekannte Christusdenkmal an der zum Hradschin führenden Karlsbrücke hingewiesen, das im Jahre 1692 von den Juden als Sühne vergoldet werden mußte und seither die hebräische Inschrift: «Kadosch, kadosch, kadosch» («Heilig, heilig heilig») trägt. * Das Prager Ghetto, wo jeder Stein seine Geschichte, jeder Bau sein Schicksal, iedes Haus sein Leid hat, gibt wie keine noch so alten Archivblätter, wie keia anderes architektonisches Denkmal beredtes Zeugnis für das Leben der Juden in Europa, für den Kreuzweg der Juden in der Vergangenheit. I