Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 301 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DTE STIMME sefirrv Nr. 301 — 28. September 1933 i>ie Zukunft des JÜtgemetnen Zionismus Von Dr. Michael Steinberg Auf dem XVII. Kongreß wurde der Verband der Allgemeinen Zionisten gegründet. Damit gaben die Allgemeinen Zionisten zu verstehen, daß sie ihre bisherige Rolle, das einzige weiße Lamm unter reißenden Wölfen zu sein, nicht weiterspielen wollen. Bis zu diesem Zeitpunkte war der Allgemeine Zionismus ein nahezu negativer Begriff — die Verneinung der Partei in der zionistischen Organisation. Da aber dessen ungeachtet das zionistische Parteiwesen zu einer geschichtlichen Tatsache geworden ist, so mußte er auch nolens volens Partei ergreifen, wenn er ein politischer Faktor bleiben wollte. Hatte dieser Gedankengang einmal Fuß gefaßt, so war es nur folgerichtig, daß der Allgemeine Zionismus sich dann eine eigene Organisation und Instanzen schuf, dazu bestimmt, seinem politischen Wollen Ausdruck zu verleihen, seine als richtig erkannten Gedanken in die jüdischen Massen zu tragen und seinen Ideen sichtbare Gestalt zu geben. So wurde er zur p o U t i s c h e n Partei und sein Inhalt zum positiven Begriff. Sein Parteiwerden mag von vielen, die in der «alten guten Zelt» der Einheitlichkeit der zionistischen Organisation aufgewachsen sind, bedauert werden Aber das politische Leben richtet sich nicht nach noch so gutgemeinten Wünschen und schönen Träumen. Und so mußte sich auch der Allgemeine Zionismus der historischen Gegebenheit fügen, daß sich die zionistisch« Organisation zu einem Konglomerat von verschiedenen Parteien entwickelt hat, in dier nun einmal nur Menschen und Gruppen willensbildend mitwirken können, die parteimäßige Bindungen einzugehen gewillt sind. Während der letzten zwei Jahre arbeitete der Allgemeine Zionismus an der Konsolidierung seiner Organisation und an dem Ausbau seiner Ideologie. Seine Entwicklung zu einem einheitlichen festgefügten Parteigebilde schien bereits festzustehen und auf dem XVIII. Kongreß sollte er die Feuerprobe seiner Schlagkraft und Fähigkeit, einen gewichtigen politischen Faktor zu bilden, bestehen. Diese Prüfung hat er jedoch nicht bestanden. Die bereits vor zwei Jahren zutage getretene Spaltung in zwei Gruppen, die man schon als glücklich überwunden glaubte, wurde wieder zu einer scheinbar unüberbrückbaren Kluft aufgerissen. Beide Gruppen gingen eigene Wege und damit hatte der Verband seine Rolle auf diesem Kongreß ausgespielt. So unerfreulich diese Tatsache auch vom zionistischen Standpunkt überhaupt sein mag, so darf jedoch keinen Augenblick übersehen werden, daß sowohl die Awie die B-Gruppe nach wie vor am Programm des Allgemeinen Zionismus festhalten. Es handelte sich ja gar nicht um Programm- und Prinzipienfragen, sondern einzig und allein um Probleme der Taktik,' d. h. der Anwendung des von allen auch weiterhin hochgehaltenen Programms auf die auf dem Kongreß plötzlich aufgetauchte politische Konstellation. Daß aber rein taktischen Fragen eine so weitgehende Spaltung Hervorrufen konnten, hat unzweifelhaft auch seine tieferen Gründe. Es gibt überhaupt in der Welt kaum eine politische Partei, in der nicht verschiedene Richtungen, Strömungen und Flügel vorhanden wären, welche sich aus der verschiedenartigen Betonung der einzelnen Programmpunkte oder aus taktischen Divergenzen ergeben. Umso weniger kann gerade der Allgemeine Zionismus diesem Schicksal entgehen. Denn der Allgemeine Zionismus will kein einseitig begrenzter Teilzionlsmus, sondern ein Vollzionismus sein, allumfassend und vielseitig. Er muß alle Meinungs- und Interessenschattierungen in sich vereinigen und darf keine Klasse oder Weltanschauung bevorzugen. Er hat sowohl die Interessen der Arbeiter, als auch die Existenzberechtigung des Privatkapitals beim Aufbau werk im Auge zu behalten. Sein Interesse gilt ln gleichem Maße der nationalen Kolonisation und der jüdischen Arbeit, wie der Heranziehung einer nat'ona'gesinnten Privatinitiative. Der Allgemeine Zionismus betrachtet die Chaluzluth als eine unerläßliche Voraussetzung des Aufbaus, aber auch der jüdische Unternehmer hat auf seine Ueterstützung und Hilfe Anspruch, wenn er den nationalen Arbeitsraum vermehrt. Er hat sich die soziale Gerechtigkeit zu einem »einer Ziele gesetzt und will die Auswüchse eines kapitalistischen Freibeutertums in Palästina vermeiden. Der Allgemeine Zionismus ist als solcher weder einseitig bürgerlich, noch sozialistisch, er will vielmehr allen Tellen des jüdischen Volkes und nicht einzelnen Klassen und Stünden dienen. Als Synthese muß er also naturnotwendlg weitläufige Berührungsflächen und Schnittpunkte mit anderen Gruppierungen haben und es ist unvermeidlich, daß sich immer wieder Meinungsverschiedenheiten darüber ergeben werden, wie weit der Pendel auf die eine oder andere Seite ausschlagen darf, damit das Gleichgewicht seines Gedankenbaues nicht verlorengehe. Ein mechanischer Maßstab, der mit mathematischer Sicherheit die politische Mittellinie anzeigt, die diese Bewegung, wenn sie einen Bestand haben soll, einhalten muß, ist noch nicht erfunden worden. Er wird also immer nur von Gefühl, Temperament, Neigung, geistiger und weltanschaulicher Einstellung der Führer und der Masse der Anhänger abhängen. Aber diesen harmonischen Ausgleich der Meinungen und Interessen zu suchen und zu finden und jedes Extrem zu vermeiden, ist ja eben die Berufung des Allgemeinen Zionismus. Kann er das nicht, so hat er seinen Sinn verloren. Die Spaltung auf dem Kongreß hat sich nun bekanntlich aus der Verschiedenheit der Auffassung über das Verhältnis zur Arbeiterpartei (nicht zur Arbeiterschaft!) und über die Bildung einer Exekutive mit dieser ergeben. Während die eine Gruppe unter allen Umständen eine Koalition mit der Linken wollte, wollte die andere daran gewisse, für die Arbeiterschaft mehr oder minder annehmbare Bedingungen knüpfen. Bei dieser Sachlage ist es, wie bereits hervorgehoben, eine arge Uebertreibung, wenn von der einen oder anderen Seite nachträglich behauptet wird, daß der Kampf um Prinzipienfragen ging. Denn kein Programmpunkt verpflichtet die Allgemeinen Zionisten, immer und bedingungslos der Linken, ebenso wenig wie einer anderen Gruppe, zu folgen. Das würde ein Aufgeben ihrer Selbständigkeit und der Freiheit ihrer politischen Entscheidungen bedeuten. Anderseits aber kann auch die Aufstellung von Bedingungen nur als taktischer Vorgang gewertet werden. Es kann sich nun gewiß im politischen Leben eine Situation ergeben, wo prinzipielle Differenzen innerhalb Wir haben noch eine Anzahl unserer ausgezeichneten Original „1RE“-0FEN vorrätig, derenPreise wirwegen kleiner Schönheitsfehler tief herabgesetzt OFENFABRIK haben I rtDCir U>V- PRESSGÜSSE 28 ■%la l%Eil VlB Tel. B-20-2-28 einer Partei so weit gediehen sind, daß eine weitere Zusammenarbeit unmöglich erscheint. Dürfen aber rein taktische Momente, mögen sie auch in gewissem Maße Hintergründe ideeller Einstellung enthalten, als so schwerwiegend aufgebauscht werden, daß alle unzweifelhaft bestehenden Gemeinsamkeiten und die Erkenntnis von der Lebensnotwendigkeit eines einheitlichen Allgemeinen Zionismus für die zionistische Bewegung einfach über Bord geworfen werden? Mußten sich nicht die Kongreßdelegierten dazu aufraffen, sekundäre Scheidungsmomente den primären Einigkeitsnotwendigkeiten zu opfern — das ist der Vorwurf, der beide Gruppen trifft. Keine von ihnen steht ohne Schuld da. Schon d*e Gruppenbildung an sich war eine schwere Sünde wider den Geist Englisch Ml-roundSprachenschule Französisch Leitung: Dr. Luise Furcby Wien II., BOrlgasse 12 Deutsch Neue Sprachschule nach ganz modernen Prinzipien. Unterricht Italienisch für Kauileute. Vorbereitung für die Staats- und Dolmetschprü- Spanisch fung. Kmderkurse(ln Verbindung mit Musik). Bewährter Un- Hebrfllsch (erricht Mäßige Pre.se. Sprechst. tägt. 11—7*1, 0—%8 und Inhalt des Allgemeinen Zionismus. Haben Meinungsverschiedenheiten geherrscht, so durften sie nur in demokratischer Weise entschieden werden und die Minorität hatte sich bedingungslos zu fügen. Es war allerdings auch denkbar, daß nach französischem Muster innerhalb einer Partei nicht immer Klubzvvang besteht und die meisten Abstimmungen, wenn es sich nicht um prinzipüelle Fragen handelt, freigegeben werden. So oder so — eine dauernde Spaltung hätte unter allen Umständen vermieden werden müssen. Der Kongreß, der ein Markstein der zionistischen Geschichte hätte werden sollen, von dem man hoffte, daß er eine neue Epoche zu eröffnen bestimmt sei, ist zu einer unerfreulichen Episode herabgesunken. Er ist zu Ende und damit muß auch die Spaltungsepisode im Allgemeinen -JÜDISCHE BLTERM! Raaft MriNckff für eure Kinder nur in derjttdlschon Buchhandlung Hermann ViidliMitu Wien II. ECKE Tlicnncr Taborstr. 32 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch - zu sehr mäßigen Preisen Spesenfrei« Zusendung überallhin Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 Zionismus zu Ende gehen. Bestehen die zwei Gruppen weiter, so gibt es keinen Allgemeinen Zionismus mehr. Versuchen die Gruppen gar, einander gewaltsam zu unterdrücken, so wird damit ein innerer Kampf heraufbeschworen, der zur Zertrümmerung der Bewegung führt. Es muß also alles vermieden werden, was eine Verschärfung der vorhandenen Gegnerschaft und Verbitterung bedeutet. So rasch als möglich müssen sich Männer finden, die alles daran setzen, um die unglückseligen Zwischenfälle vergessen zu machen. Zu diesem Zwecke wäre es unbedingt notwendig, fai der allernächsten Zeit eine Konferenz der Führer beider Gruppen einzuberufen, auf der die Wiedervereinigung des Allgemeinen Zionismus herbeigeführt werden muß. Die Haßerscheinungen, die in den Tagen nach dem Kongreß in einzelnen Teilen der Bewegung aufgetaucht sind, müssen sogleich verschwinden. Es geht um die Zukunft des Allgemeinen Zionismus. Gewiß, die merkwürdige Situation, daß ein Teil der Allgemeinen Zionisten Regierungspartei sei und der andere in der Opposition stehe, läßt sich nicht leicht aus der Welt schaffen. Sollen aber darum der Riß und die Lahmlegung des Allgemeinen Zionismus zwei oder gar drei Jahre hindurch fortgesetzt werden? Sollen aus diesem Grunde allein die Gegensätze, üruppenrivalitäten und inneren Kämpfe nicht aufhören? Hat der Kongreß versagt, so muß es um so mehr das Bestreben aller, denen das Wohl des jüdischen Volkes am Herzen liegt, sein, daß der Zionismus keinen weiteren Schaden erleide, als es bereits geschehen ist. Ein richtig verstandener Allgemeiner Zionismus darf sich keinen Augenblick erlauben, Opposition zu spielen und in seiner Arbeit für den Zionismus nachzulassen. Was soll der beginnende defaitistische Kampf gegen die Exekutive oder die Phrase, daß man ihr «abwartend gegenüberstehen will?, bedeuten? Begehen Wir doch nicht dieselben unverzeihlichen Fehler, die die Opposition der früheren Jahre 'beging und die wir ihr mit Recht so sehr verübelt haben. Tst die Exekutive nun einmal gewählt, so ist sic auch unsere Exekutive und wir alle haben sofort und ohne abzuwarten, mit ihr nach Kräften mitzuarbeiten.. Das ist der einzige des Allgemeinen Zionismus würdige Standpunkt. Vergessen wir doch nicht, in welcher Zeit wir leben und daß die Verantwortung auf uns allen lastet. Sind wir von der, Notwendigkeit eines starken Allgemeinen Zionismus für das Gedeihen des Zionismus überzeugt, so müssen wir alles unterlassen, was seine Sprengung herbeiführt. Der Ichud des Allgemeinen Zionismus muß wieder Parole werden. Es geht um die Zukunft des Zionismus überhaupt. Ein Arlosoroff-Blld von Wilhelm Wachtel Wilhelm Wachte! hat nunmehr ein Bild des unvergeßlichen Führers vollendet, welches ihn darstellt, umgeben von einer Gruppe junger jüdischer Arbeiter, die seinen Worten lauschen. Das Bild ist groß und monumental, herrlich aufgefaßt und ein würdiges Andenken an die Gestalt Arlosoroffs, gleichzeitig ein Werk, das dem Maler zur Ehre gereicht. Während des Prager Kongresses schuf Meister Wachtel eine Anzahl kräftiger, lebenswahrer Porträts prominenter, charakteristischer Köpfe, welche für ein künstlerisches Album bestimmt sind. Bericht über den XVIII. Kongreß Der Kongreßdelegierte Dr. Finkei stein erstattet in Graz am Samstag, den 23. d. M., um 20 Uhr, den Bericht über die Ergebnisse des Kongresses. Alle Zionisten in Graz werden auf diesem Wege zum Erscheinen eingelnden. Grosneischliauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale ix, Berggasse 1**, re». A u. A fft-9-34 Lieferant ‘ür nellanstaltei Abteilungen tOr ig^-Flelseh untei Aufsicht des Ehrwürdiger» Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien JtulociMieiiuno «o»»enio» IX, Ber<*gasse lk XVili Währingerstraße?ü ■■ i<§< rrlilrlNB Dienstag, dun 26. Septemberva 8 Uhr abends im uroOan musihvursinssaai ||##l#%Hnin Ober die Lage im Zionismus und in Palffstina