Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 301 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3 DIE STIMME Mus der indischen Gemeinde Von 3>t. Josef XAncnAeu Vizepräsident und Finanzreferent der Wiener Kultusgemeinde (Auseinem Gespräch) , Einleitend möchte ich auf die Bedeutung Hinweisen, daß nach sechsjähriger Vakanz nun endlich die Oberrabbinerstelle mit einem Mann besetzt werden konnte, dessen Wahl allgemein zustimmend begrüßt wurde. Auch die Besetzung der Rabbinerstelle im zweiten Bezirk durch eine so bedeutende Rabbinerkraft wie Doktor Taglicht war ein glücklicher Griff. Die allgemeine Zufriedenheit mit der Wahl des Oberrabbiners kam besonders deutlich in der vor einigen Tagen unter allen Zeichen eines feierlichen Ereignisses erfolgten Installierung des neuen Oberrabbiners zum Ausdruck. Präsident Dr. Friedmann kennzeichnete in seiner Ansprache die Bedeutung dieser Stelle, die er als höchste Würde des österreichischen Judentums bezeichnete, die in der Not der heutigen Zeit mehr als sonst an Bedeutung gewinnt. Sehr begrüßenswert ist auch die Bestellung des bisherigen Vereinsrabbiners Dr. Schwarz Im Tempel des XVIII. Bezirkes. Auch hier ist ein bedeutender Mann der Wissenschaft, und ein charaktervoller Mann für die Währinger Judenschaft gewonnen worden. Die durch Dr. Taglicht vakant gewordene Stelle im Tempel des XV. Bezirkes ist bereits ausgeschrieben und dürfte In nächster Zelt zur Besetzung gelangen. lieber die Finanzen der Gemeinde wäre folgendes zu berichten: Der Voranschlag für das Jahr 1933 sah einen Abgang von 405.000 Schilling vor, zu dem sich noch ein Defizit früherer Jahre in der Höhe von 185.000 Schilling hinzugesellte. Dies war für die Gemeinde untragbar. Ueber Vorschlag der Finanzkommission hat daher der Vorstand der Wiener Gemeinde beschlossen, einen zwanzigprozentigen Zuschlag zu der Kultussteuer vorzuschreiben, um diesen Abgang zum Teil zu decken. Es ist mit besonderer Genugtuung festzustellen, daß die Wiener jüdische Bevölkerung für die Lage der Wiener Juden und der Gemeinde vollstes Verständnis gezeigt und auf den Appell der Gemeinde tatkräftig reagiert hat. Die Eingänge aus diesem Kapitel sind recht erfreulich. Sie haben bis nun den Betrag von über 200.000 Schilling gehracht. Andererseits muß mit Betrübnis festgestellt werden, daß die Zahl der Steuerzahler um zirka 4500 zurückgegangen ist und daß auch die Steuerbemessung weit hinter der vorjährigen sich bewegt. . Zur Herstellung des budgetären Gleichgewichtes yar es notwendig, auch' an die Opferwilligkeit der Angestellten der Wiener jüdischen Gemeinde zu appellieren. Zu Ihrer Ehre sei festgestellt, daß auch sie der Lage der Gemeinde Verständnis entgegengebracht haben. Freilich, der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde war von vornherein darauf bedacht, die kleinen Angestellten ln ihren Bezügen weitgehendst zu schonen. Aber ln einer Zeit, wo alle öffentlichen und piivaten Körperschaften zur Sicherung ihrer bisherigen Tätigkeit vielfache Reduktionen in ihrem Angestelltenbudget bereits durchgeführt haben, konnte auch der Wiener Kultusvorstand auf ejne aus diesem Kapitel erwachsene Ersparnis nicht verzichten. Nach Verhandlungen mit unseren Angestellten wegen Kürzung der Bezüge ist eine Ersparnis von 200.000 Schilling erzielt worden. Diese Ersparnis kommt wohl im Jahre 1933 nicht mehr voll zur Geltung, da die Lohn-, Gehalts- und Pensionskürzung erst seit 1. Juli 1933 in Kraft zu treten hat. Eine ganz gewaltige Sorge bildete in den letzten Monaten die Frage der Deutschlandhilfe. Der Kultusvorstand hat sich sofort an die Spitze eines Hilfskomitees für die Flüchtlinge gestellt. Das Ergebnis seiner Sammlungen in der respektablen Höhe von 100.000 Schilling ist bereits zur Gänze aufgebraucht. Dies hat auch darin seinen Grund, daß der Zustrom der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zum größten Teil nach Oesterreich zuständige Juden brachte, die hier ohne Aussicht auf Verdienst und Erwerb das Proletariat des Mittelstandes nur vermehren. Nach langen Verhandlungen ist es dem Vorstand der Kultusgemeinde gelungen, einen Familienschutz zur Versicherung der Kranken, der Begräbniskosten usw. zu organisieren. Sehr erfreulich ist auch, daß im Zusammenhang mit der Organisierung des Familienschutzes die Erjüdischen Delegierten nicht in der Eröffnungssitzung erschienen. Die Situation ln Kongreßkreisen ist sehr gespannt und man erwartet allgemein ein Fiasko der Tagung. In der Kongreßsitzung gab der Vertreter der deutschen Minderheiten Dr. Roth eine programmatische Erklärung ab, in welcher betont wird, daß die Minderheiten deutscher Sprache bereits im Juli dieses Jahres die Forderung aufstellten, der Berner Kongreß möge über die nationale Dissimilation beraten. Die deutsche Nation fühle sich durchaus berechtigt, die Juden aus ihrer Volksgemeinschaft auszuschließen, welche Ansicht auch die deutschen Minderheiten stets vertreten hätten. Wenn die Juden durch die nationale Dissimilation eine Minderheit werden, müsse man ihnen Minderheltenrecbte {«sprechen. Mit Rücksicht a«f diese Auslassung haben die Vertreter der jüdischen Minderheit beschlossen, an den Beratungen des Bemer Minderheitenkongresses afcht teilzunehmen. richtung einer Gemilat-Chesedkassa (Darlehenskassa für die Kleingewerbetreibenden und Kleinhänder) ermöglicht wurde. Die Vorbereitungen für diese Kreditkassa, die ihre Darlehen unverzinslich erteilen wird, sind bereits so weit gediehen, daß mit der Tätigkeit im Oktober begonnen werden wird. Die Kassa wird hoffentlich jenen unzähligen stillen, armen Kleingewerbetreibenden und Händlern, die ln Not ihr Leben fristen, die Möglichkeit geben, ihre Betriebe weiterzuführen und ihre Lebensexistenz zu sichern. Der Arbeitsnachweis wird ebenfalls demnächst reorganisiert werden. Sehr erfreulich Ist auch die Entwicklung auf dem Gebiete des Schulwesens. Es zeugt für die unbeugsame Energie der Männer im Vorstande, daß trotz der wirtschaftlich würgenden Not die Wiener Judengemeinde in der Lage war, alle Institutionen vollauf zu erhalten und vielfach auszubauen und einzelne sogar, wie die Hauptschule in der Malzgasse und das Chajesrealgymnasium, mit erhöten Subventionen zu versehen, sowie das Hebräische Pädagogium, diese einzige Lehranstalt zur Heranbildung hebräischer Lehrer, in seinem Fortbestände zu sichern, schließlich die Erhaltung und Fortführung der Theologischen Lehranstalt ln Wien, die noch vor einem Jahre vor der Sperre stand, zu ermöglichen. Dies letztere ist um so bedeutungsvoller, als ihre Schwesterinstitution in Berlin bereits geschlossen werden mußte. Auch den Tempel- und Bethausvereinen wurden erhöhte Subventionen erteilt, die Ihre Erhaltung ermöglichten. Schließlich sei noch auf eine Tatsache, die von historischer Bedeutung ist, hingewiesen: Die Gründung des Gemeindebundes geht der Verwirklichung entgegen. Außer einigen burgenländischen Gemeinden haben alle jüdischen Gemeinden Oesterreichs ihre Zustimmung zur Schaffung eines jüdischen Gemeindebundes erteilt. Der Vorstand hat die Gründung des Gemeindebundes beschlossen, das Statut wurde bereits der Regierung zur Genehmigung überreicht, und es Ist zu hoffen, daß diese ln Bälde erfolgen wird. Palästina-Abteilung Internationale Transporte, Wien, II, Taborstraße 22. Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie ln Palästina: The Levant Bonded Warenhouses Co. Ltd., ranj> »wna1? nvrnon mann Haifa, Telephon 346 *?ö ne»rt Jaffa, Telephon 36 16» Spezial-Waientransporte, Uebersiedlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. Die Amtseinführung des neuen Wiener Oberrabbiners Im Stadttempel in der Seitenstettengasse fand gestern abends die feierliche Amtseinführung des zum Nachfolger des verstorbenen Professors Dr. Chajes gewählten Oberrabbiners Dr. Feuchtwang statt. Das Gotteshaus war in alle« Räumen so dicht gefüllt, daß Hunderte auf der Straße bleiben und der Zutritt gesperrt werden mußte. Das Präsidium — Dr. Friedmann, Dr. Orenstein und Dr. Löwenherz — war mit dem gesamten Vorstand und den Vertretern der Bezirke, der Vereine, der Wohlfahrtsanstalten und Aemter erschienen. Im Zeremoniensaal hielt Präsident Dr. Desider Friedmann die Begrüßungsansprache, in der er das Amt des Wiener Oberrabbiners als die höchste Würde bezeichnete, die das österreichische Judentum zu vergeben hat. ln der Not der heutigen Zeit bedeute es noch mehr als sonst. Die Juden kämpfen an vielen Orten unr die nackte Existenz. Nach einer Ansprache des Tempelvorstehers Dr. Müntz gelobte Oberrabbiner Dr. Feuchtwang ln dip Hand des Präsidenten der altberühmten Gemeinde ein aufopfernder Führer zu sein. Dann hielt er bei dem Festgottesdienst seine Antrittsrede. Die Zukunft des Judentums. ln seiner Festrede ging Dr. Feuchtwang von den gegenwärtigen Bedrängnissen aus, die schwerste Sorgen für die Zukunft des Judentums begründen. Zur Abwehr der Feindseligkeiten ist die größte Einigkeit aller Richtungen nötig, und er selbst werde seine besten Kräfte einsetzen, daß Konservative mit Liberalen, Anhänger aller Qruppen einhellig Zusammenwirken. Die Not der Zeit zwingt auch, die Blicke Nr. 301 — 20. September 1933 ftteaa erschienen f Lehrbuch der hebräischen Sprache „SdVölent" f#Frage mich" von Isak Herzberg Konversationen mit 800 der notwendigsten hebräischen Worte aus dem tätlichen Leben samt grammatischen Uebungen und einem hebräisch-deutschen Wörterverzeichnis in 20 Lektionen. Beste Methode zum Selbst unterricht Ueberafl erhältlich. Preis S 1.80. Verlag Josef Belf, Wien, I., Rabenstttg Nr. aller auf Palästina zu wenden, wo jetzt so viele ihre Zuflucht suchen. Auch die soziale Fürsorge habe dadurch erhöhte Wichtigkeit erhalten und es sind Opfer aller nötig, um die Zukunft des Judentums zu retten. Die Rede machte tiefen Eindruck. Auf der Straße wurde Dr. Feuchtwang von der Menge auf das lebhafteste begrüßt Der Chofez Chaim gestorben Warschau, 15. September. Am 14. September Ist in Radin der «Baal Chofez Chaim», Rabbi Israel Meir Hakoben, die größte rabbinische Autorität unserer Zeit, im Alter won 93 Jahre« gestorben. Das Begräbnis fand am 17. September in Radin statt. Der «Baal Chofez Chaim», wie er kn Hinblick auf sein großes Werk über jüdisches Leben, das seinen Ruhm begründet hatte, im Volksmund allgemein genannt wurde, genoß bei der orthodoxen Judenheit der ganzen Welt höchstes Ansehen. Er selbst bezeichnete sich als einen «einfachen Juden, der an das, was die Thora lehrt, glaube und es befolge». Deshalb hatte er auch seinen Wohnsitz nicht in einem der großen jüdischen Zentren, sondern in dem entlegenen Städtchen Radin aufgeschlagen. Er lebte in äußerster Zurückgezogenheit, Einfachheit und Demut und lehnte alle Ehrungen ab. Niemals hatte er ein offizielles Amt als Rabbiner bekleidet und für seine rahbinische Tätigkeit niemals Entgelt genommen. Er pflegte das ga ize Land zu bereisen, alle jüdischen Städte und Städtchen zu besuchen und dort zur Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Iu:hrc seine Bücher zu dem Preise, der ihm gerade geboten wurde, zu verkaufen. Er gab sich stets bloß als einfachen Wariderbuchhändler aus, ohne sich zu erkennen zu geben. Im übrigen erwarb er sich seinen Lebensunterhalt als Kleinkrämer. Als er sich das erstemal ln Radin nicderließ, eröffnete er einen Häringladen, später eine Gewürzkrämerei. Als er sah, daß alle Juden der Stadt seine Kunden wurden und andere Kaufleute darunter Schaden litten, gab er den Laden auf und begann wieder das Land mit seinen Büchern zu bereisen. Später forderten ihn die ..Juden von Radin, Suf, ihr amtlicher Rabbiner zu werden, was er jedoch ablehnte. Wiederholt hatte er auch Angebote, bedeutende Rabbinerstellungen in großen Städten zu übernehmen, zurückgewiesen. Auf das Drängen der Juden von Radin, die darauf bestanden, daß er, wenn er unter ihnen lebe, auch ihr Rabbi sein müsse, nahm er diese Stellung unter zwei Bedingungen an: erstens, daß er keinerlei Gehalt von der Gemeinde beziehe und zweitens, daß seine -eligiösen Entscheidungen für alle bindend sein müßten Als einmal ein Radiner Jude sich weigerte, das Urteil des Chofez Chaim anzuerkennen, sandte dieser seinen Rabbinerkontrakt sofort der Gemeinde zurück und übernahm seitdem das Amt nicht mehr. Von jüdischen Organisationen schloß sich der Chofez Chaim bloß der Agudas Jisroei, zu deren rabbinisehRat er gehörte, an. Sehr tief war seine Verbundenheit mit Palästina; wiederholt hatte er erwogen, sich dort dauernd niederzulassen. Er galt als großer Friedensstifter, durch seine Bemühungen kam die Versöhnung zwischen den berühmten chassidischen Rabbinern von Ger und Beiz zustande. In den letzten Jahren bereitete ihm? die Verfolgung des jüdischen Glaubens in Sowjetrußland schwere Sorgen. Der Tod des Chofez Chaim erfolgte nach kurÄr, schwerer Krankheit. Schon vor etwa anderthalb Jahren schien er infolge einer schweren Krankheit dem Tode nahe, hatte jedoch trotz seines hohen Alters die Krankheit wie durch ein Wunder überwunden jüdische mifdGiien vor der doruiswaiii Dr.Kr iigerHeSra Wien, IL Malzgasse 7. Tel. A 48-0 V, Zwdjärige Fachschule für Weißnähen und Kleider machen mit Oeffentlichkeltsrecht. 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