Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 300 (14.9.1933)
- Date
- 1933-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 9 41E STTMME Nr. 300 — 14. Sepfembef 1933 > ii.— «■.—■ —.ui.«.. Cstmark Von Dr. Hugo Spiegler Als Karl der Große die Ostmark gründete, wollte er ein Bollwerk zum Schutze der abendländischen Kultur gegen die von Osten immer wieder heranbrandenden Horden der Barbarei errichten. Dieses strategische Ziel wurde erreicht: Avaren, Ungarn und Türken wurden hier in ihrem Siegeslauf teils aufgehalten, teils ganz gehemmt. In diesen Tagen feiert Wien die 250. Jährung seiner und damit ganz Europas Befreiung von der Türkengefahr. Just der geeignete Moment, wieder einmal eine «Ostmark» zu gründen, freilich nicht in Form einer Markgrafschaft, sondern in Gestalt einer neuen Zeitung, nicht mit dem Ziele, den Westen vor den Greueln des Ostens zu schützen, sondern mit der entgegengesetzten Tendenz, den längst pazifizierten Osten mit der kulturfeindlichen Seuche zu infizieren, die Oesterreich jetzt vom Westen her gefährlich bedroht. Welche Wandlung in einem Vierteljahrtausend I Die Aufhebung der Türkenbelagerung brachte die Gründung des Wiener Kaffeehauses mit sich, das 250. Jahr steht im Zeichen der Gefährdung der Wiener Kaffeehausgemütlichkeit durch Nazibombenattentate. Ein lehrreicher Vergleich zwischen den Greueln von einst und jetzt... Die Türkengefahr fand eine abwehrbereite Phalanx pflichtbewußter Verteidiger vor: Sachsen, ja sogar das ferne Polen sandten Entsatzheere mit ihren Herrschern an der Spitze zur Rettung Wiens. Die Nazigefahr hat bisher noch keine gemeinsame Abwehrfront aller von ihr Bedrohten zusammengeschweißt. Die Energie, mit der die österreichische Regierung den Uebergriffen der Hitlerianer Einhalt gebietet, soll nicht verkannt werden. Aber was nützt die erfolgreichste Abwehr der feindlichen Hauptmacht, wenn man versprengten Detachements der Feinde willig die Tore öffnen will? Als die griechische Hauptmacht vor Troja erkannte, daß sie die Stadt nicht erobern könne, zog sie sich mit ihren Schiffen zurück und ließ nur ein kleines Detachement kühner Männer im Bauche des hölzernen Pferdes zurück. Diese kleine, aber auserlesene Schar hat dann Troja vernichtet. Eine bekannte Geschichte, die sich schon einigermaßen herumgesprochen hat; trotzdem wiederholt sie sich immer wieder aufs neue, immer wieder erlebt man das erschütternde Schauspiel, wie erfolgreiche Verteidiger einer guten Sache sich schließlich um den Endsieg bringen, indem sie mehr oder weniger geschickt getarnten Feinden selbst den Weg bahnen, den diese aus eigener Kraft nie zu vollenden vermocht hätten. Solch ein trojanisches Pferd ist die neue «Ostmark». Das Blatt steht dem Herrn Dr. Walter Riehl nahe. Seine Gründung erfolgte unmittelbar nach dessen Hinauswurf aus der Hitler-Partei. Für Dr. Riehl hat solch jäher Wechsel seiner Parteizugehörigkeit längst den Reiz der Neuheit eingebüßt, diesmal war er für ihn aber doch nicht ganz reizlos. Die Erkenntnis, wie aussichtslos die Treue zu Hitler in Oesterreich geworden ist, wie viele ungeahnte Chancen dagegen ein Bekenntnis zu Oesterreich hierzulande plötzlich bietet, hat ihren Niederschlag in dem neuen Zeitungstitel «Ostmark» gefunden. Und siehe: das Erhoffte wird wirklich Ereignis: Die «Reichspost», von dem vaterländischen Klang des neuen Zeitungsnamens bezaubert, zeigt dem getarnten Naziprodukt freundliche Nasenlöcher, fciethos tf&dHetOfi, Jüdisches in U. S. A. Mehr als lange Berichte charakterisieren folgende wenige Zeitungsausschnitte das jüdische Leben in Amerika: Die Uniformierte jüdische Feuerwehr («Unfon of uniformed jewish Firemen») veranstaltet heute abend über den WUBE-Sender wieder einen Vortragsabend. Es sprechen der Journalist Jack Lewis, James Schabbatter und George Ballin über den Kampf des jüdischen Feuerwehrmannes um den Achtstundentag. * Jeder New Yorker Jede hat, allerdings nur theoretisch, 1457 Dollar auf der Bank liegen. Die New Yorker Juden übertreffen damit alle anderen Juden Amerikas und wahrscheinlich der ganzen Welt. * Kauft Eure Barches beim «Freitags-Bäcker-CIub», 336 Cast 86! Ihr gebt dadurch arbeitslosen jüdischen Bäckern die Möglichkeit, Sabbath zu feiern! * Ivan Frank und sein Chor singen über den WRNY- Sender Lecho daudi von Lewandovsky am Freitagabend um 8 Uhr 15, Borchu von Sulzer am Samstagmorgen um 8 Uhr 30, die Keduschah von Sulzer um 10 Uhr 30 und die Hawdala von Lewandowsky am Samstagabend um 8 Uhr 30. * Ein kleines Bankgeschäft im Castern Parkway wurde am Samstag das Opfer der Frömmigkeit seiner Inhaber. Schwätzer hatten das Gerücht verbreitet, die Bank habe geschlossen, weil sie ihre Zahlungen eingestellt habe. Doch hat die Bank wegen der Frömmigkeit ihrer Inhaber schon immer am Samstag geschlossen. Ein Trupp Radaumacher zog in die 437. Avenue und schlug der Bank alle Fenster ein. Die Behörden fahnden auf die Verbreiter des falschen Gerüchts, denn falsche Gerüchte über Banken können mit •tbweren Strafen geahndet werdab I öffnet Ausblicke auf neue Regierungskoalitionen, das von Dr. Riehl längst erträumte Justizportefeuille beginnt greifbare Formen anzunehmen: Fiat justitia, pereat mundus... Ist die «Reichspost» sicher, daß sie nicht einem faulen Zauber aufsitzt? Dr. Riehl hat durch den Titel seiner Zeitung allerdings von sich aus den Trennungsstrich zwischen seiner Politik und der des Herrn Frauenfeld gezogen. Die Kampfparolen lauten jetzt: Hie Ostmark — hie deutsche Reichsmark. Was sich in dem einen Fall als Bewährung der Mannestreue gibt, ist wahrscheinlich nur Matinestreue zur Währung, deren Rollen das germanische Grollen der Hitler-Mannen finanziert. Dr. Riehl aber hat die Konsequenzen aus dem Fiasko des Hitler-Anschlages auf den österreichischen Schilling gezogen: Man kann auch mit dem Schilling wieder eine Parteibewegung aufziehen, warum soll man es also nicht tun? Und wenn die neuen Schilling- oder Doppelschillingstücke den Kopf Dr. Seipels zeigen — um so besser! Es wird dann wenigstens e i n politischer Kopf bei der Fundierung der neuen Partei beteiligt sein und man wird aufrichtiger, als es vielfach bei der Ablegung des neuen Staatsbeamteneides geschah, den erfreuten Christlichsozialen schwören können, wie sehr man Dr. Seipel verehrt und daß man seine teuren Züge gar nicht oft genug in der kunstvollen Prägung der österreichischen Münze bewundern könne... Die Partei des verstorbenen Prälaten wird aber gut daran tun, sich der staatsmännischen Sentenzen zu entsinnen, die der Kopf des geistlichen Führers zu Lebzeiten geprägt hat. Seipel war kein Judenfreund, denn er hat sich selbst zu jener Zeit, da ihm Bundesgenossen aus allen Lagern willkommen waren, nicht zur Eliminierung des odiosen Punktes aus dem christlichsozialen Parteiprogramm, der die Zurückdrängung des jüdischen Einflusses fordert, entschließen können. Trotzdem war er der erste, der innerhalb seiner Partei gegen den Rassen antisemitismus sprach und schrieb. Daß er dabei weniger das Interesse des Luise Ullrich Paul Hörbiger Heinz Rtthmann Heimkehr ins Glück Ein Lustspiel fürs Herr Ab 15. September: Gartenbau-Kino, I., Kärntner-Kino, I., Busch-Kino, II., Ufaton-Kino, II., Haydn-Kino, VI., Stafa-Kino, VII., Kolosseum-Kino, IX., Votivpark-Kino, IX. Unlreraal-Film Karmei-oriQJnai-ulelne mit Original Palästina Etiketten aus den weltberühmten Weinkellereien s. FriaimanR a sonn.reiaeh-Tik«ah.rai8snna in verschiedenen Gattungen und Sorten sind frisch eingelangt. Zu beziehen durch IL MM, ii.. sebasün iiwimi. 3 Telephon R 43-6-39 Judentums im Auge hatte als das seiner eigenen Kirche und wie weit dabei seine weise Voraussicht die kommende Entwicklung überblickte, zeigen die Vorgänge, die sich in diesen Tagen im Schoße der evangelischen Kirche Deutschlands abspielen. Dort ist jetzt der Arierparagraph für kirchliche Würdenträger eingeführt worden. Es ist dies nicht ohne schwere Kämpfe und innere Erschütterungen des Protestantismus abgegangen, und wenn sich die dadurch bewirkte tiefe Zerklüftung der Luther-Kirche nicht auch nach außen in verhängnisvollen Spaltungen kundgibt, ist dies nur auf die brutale Machteinsetzung Hitlers gegen alle ihm unbequemen Schismatiker in weltlicher und kirchlicher Politik zurückzuführen. Aber kann äußere Gewalt einen in der Natur der Dinge liegenden inneren Zersetzungsprozeß aufhalten oder auch nur auf die Dauer verbergen? Wir Juden verfolgen diesen Entwicklungsprozeß mit ungetrübter Schadenfreude. Nach der Tragödie, die die Einführung des Arierparagraphen in fast allen weltlichen Berufen in Deutschland für das Judentum bedeutete, genießen wir um so hemmungsloser die Komik des Satirspiels, das nicht nur jene Abtrünnigen aus unserer Gemeinschaft, die sich nach berühmtem Muster mit dem Taufschein das Entreebillett zur europäischen Zivilisation erkaufen wollten, um den Kaufpreis betrügt, sondern auch viel bedeutungsvollere Abgründe zwischen den Verfassern der Evangelien und deren heutigen Nachbetern schafft. Wir Juden aber, die seit Jahrhunderten wegen der Ablehnung der christlichen Heilsbotschaft vo«i allen Kirchenkanzeln herab als «verstockt» verdonnert wurden, stehen jetzt glänzend gerechtfertigt da, wenn die evangelische Kirche selbst erklärt, daß wir in ihrem christlichen Schoße nichts zu suchen haben... Und es ist niemand anderer als Hitler, dem wir diese Rechtfertigung verdanken. Dr. Seipel hat nach diesem Dank nicht gestrebt. Er wußte, daß die Judenmission eine der schwierigsten und erfolglosesten Aufgaben, aber eine der heißesten Sehnsüchte der Kirche darstellt. Er war auch literarisch gebildet genug, um das grandiose «Antichristspiel» aus dem Mittelalter zu kennen, in dem die Bekehrung aller Juden zum Christentum geradezu als das Ziel und der Gipfel allen Weltgeschehens gefeiert wird. Der Dichter dieses Spiels hatte eine gewaltige Phantasie, trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, daß ihm der Arierparagraph dermal einst das Konzept verderben würde. An dieses Hindernis der von ihm fromm ersehnter Entwicklung hat er nicht gedacht. Dr. Seipel aber hat dara gedacht und die Gefahren erkannt, die seiner Kirche voi dem Rassenhaß drohen — auch dann, wenn sie ihre eigene Hierarchie vom Aricrparagrapheo freMiält, seine Einführung Und nun noch eine echt amerikanische Einladung, wie sie die «Chewra Schomre Hadass» in New York aus?andte: «Wir erbitten uns die Ehre Ihrer werten Gegenwan zum Chinuch Hagadir (Einweihung des Friedhofzaunes;, welche am kommenden Sonntag um 10 Uhr vormittags aui dem Union-Friedhof stattfinden wird. Der Festzug wird sich von der Remington-Street Punkt acht Uhr in Bewegung setzen und bis nach Houston St. Ferry marschieren. Die Festrede wird Rev. Smith halten. Die Leitung der Feier hat unser berühmter Chasau Rev. Heller, der mit seinem Chor, bestehend aus sechs bekannten Meschorrerim (Begleitern), sich produzieren wlru. Nach der Einweihungsfeier findet ein großes Bankett statt. Indem wir alle nötigen Anstalten getroffen haben, um zur Erhöhung der Feststimmung beizutragen und Ihnen einen recht vergnügten und genußreichen Tag zu verschaffen, erwarten wir Sie mit Bestimmtheit und zeichnen in aller Achtung und Ehre . . .» Berühmte Familien mit jüdischem Einschlag Budapest, ln den nächsten Tagen erscheint in Budapest vom früheren Theologieprofessor Dr. Ladislaus Ajtay unter dem Titel «Judenspiegel» ein ungarisches Buch, eigentlich ein Namenverzeichnis von in der Welt führenden Familien, von Bischöfen, Grafen, Fürsten, Ministerpräsidenten und Herrschern, das nachweist, auf welchem Wege und zu welcher Zeit jüdisches Blut in Zweige dieser Familien eingesickert ist. Unter den ungarischen Familien findet man die Namen der Barone Döry, Fej6rväry, Lipthay, Podmaniczky, Per6ny, Pronay, der Grafen Apponyi, Bethlen, Csäky, Erdödy, Forgäcs, Gyürfy, Kärolyi, Kegelvich, Ledohovszky, Pallavicini, P6chy, Pongräcz, Räday, Szapäry, Sz^chenyi, Teleki, Vay und Zichy, der Fürsten Bathyhäny, Eszterhäzy, Festetich, Hohenlohe, Monter^ovo, Odescalchi, Pälffy, Sulkovszky und Windischgrätz, doch werden auch mehr als siebzig christliche Fürstenfamilien des Auslandes, die Herrscherfamilien von Hessen, Monaco und Uchtenstein, dann die italienischen, griechischen und preußischen Königsfamilien angeführt und schließlich wird dargetan, daß auch in den Familien der Habsburger, Bonaparte, Romanov und Hohenzollern jüdisches Blut kreist. Dr. Ajtay hat für das Buch 15 Jahre in Rom und zehn Jahre in Jerusalem Quellenstudien betrieben und darauf geachtet, seine Lebensarbeit durch keine falsche Angabe zu kompromittieren. * Wie sie ln England begrüßt werden... «Sunday Expreß» veröffentlicht auf seiner ersten Seitr unter der großen Schlagzeile «Deutschlands beste medizi nische Köpfe» ein Willkommen für große deutsche ärztliche Spezialisten, die in englischen Spitälern arbeiten werden, nämlich «ein berühmter medizinischer Wissenschaftler, der der Entdeckung eines wirklichen Heilmittels des Krebses näher ist als irgendein anderer in der Welt» (Professor Biumenthal), «die größte Autorität für Kinderpsychologie» (Professor W. Stern), «die größte Autorität für Gynäkologie» (Professor Zondeck), «drei berühmte Biochemiker, ein Pharmakologe, der als einer der führenden Männer seine* Berufes gilt, ein Mann, dessen Lebenswerk im Studium des Medizin der inneren Krankheiten besteht». * Massenadoption jüdischer Kinder aus Deutschland durch amerikanische Juden Auf der letzten Beratung des American Jewish Congreß wurde auf Antrag von Dr. S. Margoshes eine Resolution gefaßt, in der an die jüdischen Familien Amerikas der Appell gerichtet wird, 20.000 jüdische Kinder aus Deutschland zu adoptieren. Gleichzeitig wurde die Leitung des American Jewish Congreß beauftragt, die nötigen Schritte bei der amerikanischen Regierung zu unternehmen, um die Bewilligung zur Einreise dieser Kinder zu erwirken, ln der Begründung seines Antrages wies Dr. Margoshes darauf hin, daß es in den Vereinigten Staaten 750.000 jüdische Familien gebe, so daß die Adoption von 20.000 Kindern kein unlösbares Problem darstellen könne.