Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 298 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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sm* DIE STIMME1 Nr, 298 — 1. September 1939 fler ZSonistenkonareB im Schatten flrlosoroffs (Von unserem J. R.-Korrespondenten) Prag. Was befürchtet wurde, ist eingetreten: der Schatten des vor* wenigen Wochen meuchlings ermordeten jungen Arbeiterführers A r 1 o s o r o f f lagert seit 48 Stunden über dem Kongreß. Alle so wichtigen Fragen, bei deren Beratung noch am Freitag die Gemüter aufeinanderprallten. sind plötzlich verschwunden, nur ein einziger, allerdings schwarzer Punkt steht heute auf der Tagesordnung der Zionistischen Welttagung: der Mord an Arlosoroff. Förmlich über Nacht, beinahe ebenso plötzlich wie der Mord in jener fürchterlichen Juninacht am Tel-Awiwer Strande selbst, ist der Schatten des toten Arbeiterführers emporgetaucht und hat alles andere in dichten Nebel gehüllt. Der ganze Kongreß wurde ln den Bannkreis jener Ereignisse gezogen, die in den bestürzenden Nachrichten an die Arbeiterfraktion des Kongresses in so erschreckender Welse zutage traten. Von der raschen Liquidierung — soweit man hier von einer Liquidierung noch sprechen kann — dieser Angelegenheit, die die sittlichen und geistigen Fundamente nicht allein der revisionistischen, sondern der gesamten zionistischen Bewegung zu erschüttern droht, hängt auch das Schicksal des Kongresses selbst ab. Denn sollte sich das als wahr erweisen, was die von den palästinensischen Behörden angeblich als authentisch bezeichneten Mitteilungen enthalten, so hat die moralische Kraft der Bewegung einen fürchterlichen Schlag bekommen. Schon der Gedanke an die Möglichkeit einer so entsetzlichen Verirrung, eines Brudermordes, ließ erschauern. Seit den UnglÜckstagcn des August 1920 hat kein Ereignis die zionistische Welt und insbesondere das junge Palästina so zutiefst aufgewühlt wie die so verhängnisvolle Mordtat an Chalm Arlosoroff. Fürchterlicher und schwerer als die* 13Q Toten, die durch Mörderhand feindlicher aufgewiegelter Araber fielen. Damals waren es 130 junge Pioniere, die auf der Walstatt der Verteidigung ihrer aft-neuen Heimat blieben. Heute nur ein einziger, allerdings prächtiger Führer und Mensch. Und doch: Chaim Arlpsoroffs Tod hat In den Herzen der palästinensischen Arbeiter eine Wunde geschlagen, die noch lange nicht vernarbt, immer wieder zu bluten beginnt, sobald man auch nur leise an sie rührt. Und man rührte nicht leise an sie, man wühlte ln Ihr. Denn was beinhaltete das Telegramm, das die Arbeiterdelegation aus Palästina vorgestern erhielt und das den Kongreß so in Erregung versetzte? Im Tbgebuch eines nebulösen Mystikers und politischen Desperados, des Führers der sogenannten Akt i v i s t e n innerhalb der Revisionisten, dessen wahnwitzige Ideen und Theorien von Blut ünd Eisen wir bei der Wiener Revisionisten-Konferenz vor einem Jahr schon kennen lernten, sollen Stellen gefunden worden sein, die eine schwerwiegende Belastung palästinensischer Revisionisten in der Arlosqroff^Affäre beinhalten. Die Revisionisten in Prag, deren gemäßigter Teil schon früher gerne von der palästinensischen Gruppe abrttckte, stellen diesen immerhin schweren Anschuldigungen bloß schwäche Argumente entgegen, indem sie in einem Flugblatt erklären, die inkriminierten Stellen im Tagebuch betreffen andere Dinge und beweisen noch lange nicht die Schuld dieses oder jenes Revisionisten. «Jeder ist unschuldig, solange er.nicht durch ein Gerichtsverfahren als schuldig ü b e r f ü h r t worden i s t» — jst die Quintessenz der Stellungnahme der Revisionisten, die es ihrer Loyalität und Toleranz schuldig zu sein glauben, die beschuldigten palästinensischen Genossen ihrer Sympathien zu versichern , .. Heute kann man schon sagen: es war bewundernswert, wie die Linke, die durch die Ermordung ihrer bedeutendsten und fähigsten Führerpersönlichkeit den schmerzllchßten Verlust erlitten hat, fast eine ganze Arbeitswoche des Kongresses hindurch in keiner ihrer Reden oder Erklärungen die Arlosoroff-Affäre auch nur erwähnte. Selbst bei der ersten Kraftprobe, beim Kampfe um das Kongreßpräsidium, bei ihrer starren Weigerung, mit den Revisionisten im Präsidium zusammenzusitzen, wurde der Arlosoroff-Mord als solcher von der Debatte ausgeschieden. Der tote Führer, dieser aufgehende, am Himmel Palästinas schon hellstrahlende Stern, war den Arbeitern viel zu teuer, um ihn in den Tageskampf hineinzuzerren. Und noch etwas: die Unke mit ihren 138 Abgeordneten trägt heute die ganze schwere Verantwortung nicht nur des Kongresses, sondern der Arbeit in Palästina selbst. Und wiewohl Ben- Gurion, der Führer der palästinensischen Arbeiterpartei, in »einer Fraktionssitzung eiserne Disziplin von seinen Leuten gefordert und sie auch verbürgt erhalten hat, wußte man doch, daß es nur eines geringfügigen Anlasses bedürfe, um diesen aufgespeicherten, mit aller Gewalt in den Schranken gehaltenen Explosivstoff zur Entladung zu bringen. Dies sollte verhindert werden,- Aber es kam anders. Der Kongreß bildete — trotz Verabschiedung der Deutschland-Frage, trotz Bereinigung der ersten Kämpfe und Krisen — in diesen Tagen einen zweiten Pulverturm von Prag. Österreichs PRAM * I 40*— älteste Kintferwegenfahrlk d•r Pr»|-Ru4alkir rahrik, VL HariahUtirit*«!* 1A« Denn cfie Arlosoroff-Tragödle ist frisch. Und sie schreit auch heute noch zum Himmel, Wofür wurde dieser junge, zukunftserfüllte Mensch so grausam gefällt? Auf dem Gottesacker von Tel-Awiw neben den Gräbern der Opfer der arabischen Aufstände von 1920, 1921 und 1929 erhebt sich der noch frische Grabhügel, der Arlosoroffs durchbohrten Körper für Immer deckt. Die einzige jüdische Stadt der Welt ist zum ersten Male durch das sinnlos vergossene Blut eines Führers befleckt worden. Der Schmerz seiner Freunde, der Führer und Geführten, ist seither nicht gemildert. Sein Tod ist eine menschliche und nationale Tragödie, an die die Arbeiter auf dem Kongreß ebensowenig auch nur einen Augenblick vergessen wie die Menschen des arbeitenden Erez-Israel. Auf der Tribüne, wo die Exekutive bei der Eröffnungssitzung ihre Sitze einnahmen, blieb ein Stuhl, schwarz drapiert, unbesetzt. Er sollte daran erinnern, daß eines der besten Mitglieder dieser Exekutive, eine der prächtigsten Oestalten der zionistischen Bewegung, diesen Kongreß hat nicht erleben dürfen. Auf diesem Kongreß hätte Dr. Arlosoroff zum erstei\t^ale den Bericht über seine mit so sichtbaren Erfolgen und mit so viel Geschick geleiteten außenpolitischen Arbeiten in den letzten zwei Jahren erstatten sollen. Und als in derselben Eröffnungssitzung der grauhaarige Arbeiterpionier Berl Katzenelson in seiner hochgeschlossenen russischen Arbelterbluse die ergreifende Gedenkrede auf seinen jüngeren Freund zu halten begann, wurde auf der Estrade des Balkons, in dessen Hintergrund das große Herzlbild hing, plötzlich eine große, die ganze Estrade deckende Tafel sichtbar, die auf weißem Grunde in schwarzen Lettern den Namen Chaim Arlosoroff trug. Das blau-weiße Fahnentuch, LIOO-UEREDIfi & TEL-AVIV PIAZZALE ACHAD.HAAM. M. ELISABETTA 20 HOTEL STRASSE 52 I« KIRSCHBAlim GUTBÜRGERLICHE FAMILIENPENSIQN MIT DIREKTER SIOHT NACH VENEDIG AM STRANDE EIGENE BADEHÜTTEN GUT UND MODERN »INGERICH- TETE SUMMER MIT FLIHSSENDEM . 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Bcncsfli — Rekrtni für dos PaiasiinamaWlat (JR,) Prag, 1. September. Gestern vormittags wurde der Präsident der Zioni* stlschen Weltorganisation, der Jewteh Agency, Nahum Sokolow, der Präsident des Aktionskomitees und des Kongresses Leo Motzkin, der Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund Dr. Viktor Jakobsohn sowie der Abgeordnete im tschechischen Parlament Dr. Angelo Goldstein - vom tschechischen Außenminister Dr. Benesch empfangen. Der Minister, der bekanntlich bei d& nächsten Völkerbundsession Referent für das Palästinamandat ist, hatte mit den Zionistenführem eine längere Unterredung. Präsident Sokolow hat überdies eine Einladung des Präsidehtender Republik Masaryk erhalten. Präsident Sokolow wird nach Beendigung des Kongresses dieser Einladung Folge leisten. Das Aktionskomitee okne Revisionisten (JR.) Prag, 1. September. Die neuen revisionistischen Mitglieder des zionistischen Aktionskomitees haben in der Nachtsitzung von Mittwoch auf Donnerstag anläßlich der Behandlung der Resolution in der Arlosoroff-Affäre ihren Austritt aus dem Aktionskomitee veranlaßt. Sclioitittr tiir alle Lehranstalten, neu und antiquarisch, in rich- »'.qen Auflaedn zu den billigsten Preisen in J. h. Poilaks tehuibuahhandiung uttd nnitquavlat, Wien, XV., AlanaliilferstraUo 140, Tel. 1? Hö-0-84. Jedes Huch wird kostenlos zugcsteilt. Mordüberfall auf Theodor Lesfing Der aus Deutschland geflüchtete Professor Doktor Theodor L e s s i n g, der in M a r i e n b a d im Hochparterre der Villa «Edelweiß» wohnte, ist von unbekannten Tätern, die an die Mauer der Villa eine Leiter, gelehnt hatten ünd durch das Fenster schossen, durch einen Revolverschuß in den Kopf tödlich verletzt worden. Er wurde ins Krankenhaus geschafft und noch im Laufe der Nacht einer Operation unterzogen. Lcssing ist, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, gestorben. Lessing hat sich vor Jahren bei den Nazi dadurch unbeliebt gemacht, daß er während der ersten Reichspräsidentenkandidatur Hindenburgs dessen politisches Hervortreten abfällig kritisierte. Er mußte damals auf seine öffentliche Lehrtätigkeit an der technischen Hochschule in Hannover verzichten. Als bei der nächsten Reichspräsidentenwahl Hitler der Gegenkandidat Hindenburgs war, haben die Nazi in Wort und Schrift viel stärkere Ausdrücke gegen den Sieger von Tannenberg gebraucht^ ohne daß dies einem von ihnen in der Karriere geschadet hätte. Es ist grotesk, daß sie den jüdischen Gelehrten, der seit seiner Disziplinierung der zionistischen Bewegung mehr Interesse entgegenbrachte als der innerdeutschen Politik, mit Ihrem Hasse sogar fns Exil verfolgten. Offenbar halten sie ihn für den Autor von «Nathan dem Weisen»: Der gedungene Mörder selbst ist allerdings kaum ein Opfer dieser Verwechslung, Der Marienbader Wilddieb, der seinen Blutrausch bisher an den Tieren des Waldes befriedigte, bis ihm die Agenten des bekanntlich «tierfreundlichen» Dritten Reiches ein anderes Ziel für seine Mordwaffe wiesen, kennt vermutlich weder die Werke von Gotthol^ Ephraim Lessing, noch die von Prof. Theodor Lessing. Trotzdem hat er jetzt die Abhandlung des letzteren über «Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen» um ein blutiges Kapitel vermehrt. Denn es gibt doch kaum etwas S i n n 1 o ser e s als diesen Mord an sich, dem gleichwohl die kurze, aber an ähnlichen Anschlägen schon überreiche -Geschichte des Dritten Reiches einen S1 n n gibt: die handgreiflichste Warnung vor der Pestbeule, die Im Herzen Europas aufging und jetzt die gesamte Kulturwelt bedroht. Tranerknndgebuno des Zionisten' Kongresses für Professor Lessing Die Nachricht von der Ermordung des Professors Lessing hat im den Kreisen des Zionistenkongresses wahre Bestürzung hervorgerufen. Die gestrige Plenarsitzung leitete Präsident Motzkin mit einer Trauerkundgebung für Professor Lessing ein, der sich bekanntlich in den letzten Jahren dem Zionismus mit großer Hingabe gewidmet hatte. Die Trauerkundgebung wurde vom ganzen Haus stehend angehört. 81« wollen keine Revisionisten mehr sein Der Flügel der Revisionisten, der weiterhin die von Jabot! naky abgesetzte Exekutive der Wettunipn stützt und sich bisher als «demokratische Revisionisten» bezeichnet hat, hat beschlossen, auf die Bezeichnung «Revisionisten» in Zukunft zu verzichten. Die Anhänger d*» Qroßman-Richtung wollen sich in Zukunft «Jude nstaatszionlsten» nennen. Den Standpunkt seiner Gruppe hat Meir Großman im Verlauf der Generaldebatte u. a. folgendermaßen präzisiert: «Wir demokratischen Revisionisten werden gegen jeden Versuch kämpfen, die demokratischen Grundlagen der zionistischen Organisation zu erschüttern. Aus diesem Grunde haben wir uns auch von unseren Freunden getrennt, weil Versuche gemacht wurden, die Grundlagen der zionistischen Organisation zu erschüttern. ich empfinde bei dieser Gelegenheit die Notwendigkeit, im Namen unserer Fraktion und im Namen der Wähler zu erklären, daß für uns die Beschlüsse von Calais nicht mehr e x i s.t i e r e n. Wir erklären heute feierlich, daß es für jeden Zionisten und Demokraten nur einen Platz gibt, und das ist die Z i o n i s t i s c h e 0 r g a n I s a 11 o n.» Welche streng orthodoxe Familie wäre geneigt, 20Jährigetn Mädchen, Vollwaise, aus Deutschland zugoroist, streng orthodox, ln Hstlähalt und Küche vollkommen versiert. Unterkunft zu geben. Anträge erbeten unter „Auch Adoptierung“ an die Administration d. Ul