Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 297 (29.8.1933)
- Date
- 1933-08-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seffe 9 DIB STIMME Nr. 297 — 29. Angtrtf 1933 Schlage die ganze! t,:;'ingsfrage klären. Seine Bereitwilligkeit ztir Annahrv v. er Präsidentschaft würde ohne Zweifel auch jene Teile zu einer Revision ihrer Einstellung Dringen. Doch Weizmann schweigt. Und niemand weiß dieses Schweigen zu deuten. So schwirren Gerüchte durch die Luft, die immer dichter und unklarer werden. * Will man indessen eine Zwischenbilanz über den bisherigen Kongreßverlauf ziehen, so stellt sich zur Stunde die Situation folgendermaßen dar: Durch den Verlust der zwei ersten Arbeitstage, die mit dem Kampf um das Kongreßpräskiium zur Gänze ausgefiillt waren, wurde die ganze Tagesordnung zerrissen. Referate, die sonst das allgemeine Interesse hervorgerufen hätten, mußten wieder von der Tagesordnung abgesetzt und verschoben werden. So erhielt die Tagesordnung den Charakter der Improvisation. Erst in den letzten 48 Stunden hat sich in der Kongreßarbeit eine gewisse Methodik und Kontinuität herauskristallisiert. Der Kongreß hat ein gut Stück Arbeit geleistet: Die wichtigsten Berichte der Exekutive sind dem Kongreß bereits erstattet worden. S o k o 1 o w entrollte in seiner großen Rede über die Lage der Juden in der Welt das deutsche Judenproblem in seiner ganzen Tragik; zu den brennendsten Problemen der Frage der Aufnahmsffihigkeit neuer Einwanderer in Palästina und der Frage der Erwerbsmöglichkeiten daselbst sprach Dr. Arthur R u p p i n. Ueber die politische Lage und die zionistische Außenpolitik erstattete Prof. Brodetsky ein ausgezeichnetes Referat, lieber die Arbeiten des Keren Kajemeth berichtet M. Ussischkin, über die des Keren Hajessod Leib Jaffe, Aber die Arbeiten und Aufgaben des Organisationsdepartements referierte sein Leiter Beri Locker und schließlich Wilkansky, der Leiter der landwirtschaftlichen Ver- } suchsstation der Jewish Agency, und Färbst ein über . Wirtschaftsiragen und industrielle Entwicklung in Palästina.! Auf Grund dieser Berichte und Referate schritt der Kon- I greß bereits zur Annahme der vielleicht wichtigsten Reso- | lutionen im gegenwärtigen Augenblick: der Deutschlandresofution und der dazugehörigen PalMstinaresolution. Die Donnerstag-Nachtsitzung, in der die Deutschlandresolution zur Annahme gelangte, gestaltete sich zu einer mächtigen Abwehrkundgebung des jüdischen Weltparlaments gegen die Entrechtung und Versklavung der Juden in Deutschland. Turbulente Szenen, teilweise im Saale, mehr aber in den Wandelgängen, haben den Ernst der Stunde, in der die Führer des jüdischen Volkes im Vollgefühl der schweren Verantwortung so gewichtige Entscheidungen trafen, nicht zu beeinträchtigen vermocht. Eine ganze Welt verfolgte in diesen Tagen mit gespanntester Aufmerksamkeit die Verhandlungen des Kongresses gerade in der deutschen Frage. Der Kongreß, heute nunmehr auch von den nichtzionistischen Juden als einzige parlamentarische Tribüne des jüdischen Volkes anerkannt, hat sich durch die Tatsache, daß er sich in der wirklich ersten Arbeitsperiode seiner Session der deutschen Judentragödie mit Ernst und vollster Verantwortung zuwandte, auf der Höhe des Augenblicks gezeigt. Das ist einer der wenigen Lichtpunkte in diesen so stark umdüsterten Tagen. Mit der Annahme der Deutschlandresolution hat der Kongreß seinen außenpolitischen Höhepunkt erreicht. Möge dies ein Wendepunkt, ein Auftakt zu lichtvollen Ereignissen werden. Mit der Eröffnung der Generaldebatte ist der Kongreß wieder in eine neue Arbeitsphase getreten: Die parlamentarische Arena ist im Prager Smetanasaal wieder geöffnet. verscmranosprozeO gegen die Revisionisten in Palästina Am 22. August wurden die 14 palästinensischen Revisionisten, die anläßlich einer Razzia vor einiger Zeit verhaftet wurden, dem Richter in Jaffa unter der Anklage vorgeführt, in den Jahren 1931, 1932 und 1933 mit dem Ziele konspiriert zu haben, aufrührerische Handlungen unter Anwendung von Gewalt und Terror zu begehen, gegen Verwaltungsbehörden der Palästinaregierung Widerstand za leisten, Unzufriedenheit und Unruhe unter der Bevölkerung hervorzurufen. Den Tatbestand der Verschwörung zum Aufruhr erblickt die Anklage ferner in der Veröffentlichung von Artikeln in einer illegalen Publikation «Habirjonim» und in der mündlichen und schriftlichen Aufreizung zu Ungesetzlichkeiten. Gegen einen der ursprünglich Beschuldigten, Barueh Mi 1 avsky, wurde die Anklage zurückgezogen, dagegen unmittelbar vor der Verhandlung ein gewisser Josef Katzenelson aus Jerusalem neu verhaftet und vor Gericht gestellt. Inspektor Tenenbaum von der Kriminalpolizei erklärte, er habe bei der Haussuchung in der Wohnung Acbi Meirs auf dessen Schreibtisch 16 Briefe und Aufrufe gefunden, aus denen das Bestehen eines Geheimbundes Zionim Meapechanim oder Brith Birjonim, hervorgehe. In den Aufrufen werde gegen den French-Bericht und gegen die Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina protestiert und die jüdische Jugend aufgefordert, für die Freiheit Zions zu kämpfen. Ferner seien die Aufrufe gegen die Vorschläge, betreffend eine jüdisch-arabische Round Table-Konferenz und gegen die Einsetzung eines Parlaments mit «Arabern, jüdischen Verrätern und der Palästinaregierung» gerichtet. Die Polizei, erklärte Inspektor Tenenbaum weiter, habe ferner einen Dechiffrierschlüssel und einige in chiffrierter Schrift geschriebene Briefe gefunden, in denen betont wird, daß der Brith Birjonim eine Geheimorganisation bleibe und Mitglieder nur aufnehmen dürfe, wenn es sich um verläßliche Leute von festem Charakter handelt Aus einem von dem Beschuldigten Jewin geschriebenen Brief sei zu ersehen, daß der Revisionistenführer Jabotinsky den Ausschluß der palästinensischen Extremisten aus der revisionistischen Partei verlangt habe, falls sie nicht ihre Taktik ändern sollten. Pollzeiinspektor Goffer sagte aus, er habe in Achi Meirs Zimmer dessen Tagebuch und andere Dokumente gefunden, aus denen hervorgehe, daß der Brith Birjonim im Oktober 1931 die Aktion gegen die palästinensische Volkszählung sowie die Obstruktion der Antrittsvorlesung Norman Bentwichs an der Hebräischen Universität organisiert hat. (Im- Oktober 1931 waren Achi Meir und einige seiner Anhänger verhaftet worden, weil sie amtliche Aufzeichnungen, betreffend die Volkszählung, ausradiert hatten. Eine unter seiner Führung befindliche Antivolkszählungsorganisation hat die Aufrufe verbreitet, ln denen die Juden aufgefordert wurden, die Volkszählung zu boykottieren, weil sie eine Vorstufe für die Einsetzung eines Legislative Council ln Palästina darstellt. Er war auch einer der Rädelsführer bei der Störung der Antrittsvorlesung Norman Bentwichs im Februar 1932.) Der Verteidiger der angeklagten Revisionisten Dr. Cohen erklärte, er beabsichtige, den Revisionistenführer Jabotinsky — dem die Behörden bekanntlich die Einreise nach Palästina verweigern — als Zeugen vorladen zu lassen. Ferner verlangte Doktor Cohen die Freilassung gegen Kaution derjenigen fünf Beschuldigten, die bisher noch nicht auf freien Fuß gesetzt wurden. Staatsanwalt Shitrit erhob gegen den Antrag des Verteidigers in bezug auf vier der Angeklagten keinen Einspruch, dagegen verweigerte er die Zustimmung zur Freilassung von Achi Meir, da er beabsichtigt, gegen diesen die Anklage wegen Mitschuld an der Ermordung Arlosoroffs zu erheben. Die Verhandlung wurde sodann auf den 1. September vertagt. Die Ermordung Dr. Arlosoroffs Anklage gegen Minz zurückgezogen In Jaffa wurden am 24. August die Vernehmungen in der Strafuntersuchung gegen Stavsky und Rosenblatt fortgesetzt. Zu Beginn der Verhandlung verkündete der Staatsanwalt, daß er auf Grund der jüngsten Erhebungen die Anklage gegen Jehuda Minz zurückziehe. Unter lebhaften Aeußerungen der Freude verließ dieser, nachdem er Stavsky, Rosenblatt und Achi Meir die Hand geschüttelt hatte, den Gerichtssaal. Der Staatsanwalt verlas sodann die Anklage gegen Achi Meir, der beschuldigt wird, mit Stavsky und Rosenblatt den Mord vorbereitet und diese zur Tat angestiftet zu haben. Hierauf wurden dem neuen Angeklagten Achi Meir die von den früher einvernommenen Zeugen gemachten Aussagen, nämlich die Aussagen Dr. Alotins vom Hadassah-Spital, der Dr. Arlosoroff vor seinem Tode behandelt hatte, Frau Arlosoroffs und des Leiters der Kriminalpolizei Hauptmann Rice, vorgelesen. Nachdem Hauptmann Rice noch einige Angaben über die Befragung Dr. Ariosoroffs vor seinem Tode durch einen Polizisten gemacht hatte, wurde die Verhandlung vertagt. Die Frage des Weltkongresses Das Zionistische Aktions-Comitee hat sieb in einer Sitzung, die eine volle Nacht :n Anspruch nahm, mit der Frage der Einberufung des Jüdischen Weltkongresses befaßt. Während Dr Stephen S Wise, Dr. Nah um Goldmann, Leo Motzkin und Oberbaurat Robert Stricker auf die Wichtigkeit eines Weltkongresses hinwiesen, brachten zahlreich« Mitglieder des Aktions-Comitees die Befürchtung zum Ausdruck, daß ein solcher Kongreß eine Art Kon» kurrenz für den Zionistenkongreß bilden und einzelne seiner Funktionen übernehmen könnte, was zu einem Verlust des Prestiges der Zionistischen Organisation führen würde. Die Debatte über diese Angelegenheit gestaltete sich stellenweise äußerst lebhaft und stürmisch. Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft Die erste Liste der Personen, denen auf Grund des Gesetzes vom 14. Juli durch den Reichsinnenminister im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Auswärtigen die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen wurde, enthält 33 Namen, darunter die von Dr. Alfred Apfel, Gaorg Bernhard, l.eon Feuchtwanger, Alfred Kerr und Bernhard Weiß. Gleichzeitig wurde Vermögensbeschlagnahme verfügt Der allgemeine Zionismus und die Ideen des Judentums Von Norbert Adler, Vorsitzenden des Landeskomitees de« tschechoslowakischen zionistischen Landesverbandes. Man hat sich in der letzten Zeit gewöhnt, die Mitte als einen Notbehelf zu betrachten, als ein taktisch notwendiges Mittel, die Gegensätze zu dämpfen, damit sie nicht die Gemeinsamkeit sprengen. Das ist zwar eine sehr notwendige und ehrenvolle, aber keine erhebende Aufgabe. Zu ihrer Erfüllung genügt die durch das Negativum der mangelnden Fraktionsangehörigkeit zusammengehaltene, sonst amorphe Masse, als die sich der Allgemeine Zionismus in den letzten Jahren präsentiert hat. Es ist aber eine große Frage, ob die sich jetzt herausstellende Notwendigkeit, die Mitte als Notbehelf zu erhalten, ihr die Lebensfähigkeit verleihen kann, die ihr noch vor kurzer Zeit von seiten der Fraktionen abgestritten wurde. Die Fraktionen haben behauptet, daß die allgemeinen Zionisten keine genügende ideologische Unterlage haben, um mit ihren Ideen den Menschen ganz erfüllen zu können und daß dieser Mangel den allgemeinen Zionismus zum Untergang verurte.lt. Das ist falsch: Mit dieser Auffassung muß endlich ein Ende gemacht werden. Der allgemeine Zionismus ist kein Notbehelf und kein Rest Er hat seine eigenen, sehr wesentlichen, ideologischen Grundlagen. Das Judentum ist für die Welt der Träger einiger Ideen: der Idee des Monotheismus (also in Europa der Religion), der Idee des Liberalismus und des Pazifismus und der Idee des Sozialismus. Es ist nicht zu bestreiten, daß der Monotheismus und der Sozialismus von Juden geschaffen und in der Welt propagiert wurden. Es ist aber auch unbestreitbar, daß der jüdische Sozialismus nicht erst neuen Datums ist, sondern, daß schon die ganze Bibel von sozialen Gedanken getragen lat und daß bereits in der Thora eine sehr weitgehende soziale Gesetzgebung fixiert ist. Von den Bewegungen des Liberalismus und des Pazifismus kann man wohl nicht behaupten, daß sie in den Juden ihre begeistertesten Anhänger und die größten Propagatoren gefunden haben, aber nicht nur das, man kann auch nachweisen, daß die Idee des Friedens auf der ganzen Welt, des friedlichen Beisammenseins aller Völker und der persönlichen Freiheit des Einzelnen schon vor 3000 Jahren jüdisches Gemeingut waren, zu einer Zeit, als Europa und die Mittelmeerländer, die die damalige zivilisierte Welt darstellten, für diese Ideen nicht das geringste Verständnis hatte. Wenn man die Entwicklung und Wirkung dieser Ideen, nämlich des Monotheismus, des Pazifismus, des Liberalismus und des Sozialismus in der Welt betrachtet, so werden wir konstatieren müssen, daß sich diese Ideen, dort, wo sie von ihren Trägern am energischesten, am ausschließlichsten und am weitgehendsten geltend gemaent wurden, gegen das Judentum gewendet haben. Es ist kein Zufall und keine Bosheit einzelner Päpste, daß die katholische Kirche sich die ganzen Jahrhunderte schroff gegen das Judentum stellte. Der große Organisator des Christentums Paul von Tarsus, hat diese Linie vorgeschrieben. Das Gleiche, was von den Vertretern des Christentums gut, g»lt von den Vertretern des Sozialismus. Karl Marx lehnt das Judentum rundweg ab. Ebenso kann man feststellen, daß diejenigen jüdischen Vertreter des Liberalismus und Pazifismus, die in ihrem Ideengang am weitesten gegangen sind, zu einer Negation des Judentums kamen. Gewiß eine merkwürdige Erscheinung. Wenn wir aber näher zusenen, dann werden wir feststellen, daß diese Erscheinungen außer der gemeinsamen Ablehnung des Judentums, noch alle’eine Aehnlichkeit aufweisen. Ihre Ideen sind ursprünglich ein Teil der jüdischen Gedankenwelt gewesen. Sie wurden aus ihrer Gesamtheit herausgebrochen und einzeln als Weltanschauung; selbständig gemacht Es scheint nun klar und folgerichtig zu sein, daß ein solcher selbständig gemachter Teil, der das Recht für sich in Anspruch nimmt, allein die herrschende Weltanschauung zu werden und den ganzen Menschen in Besitz zu nehmen, notwendigerweise gegen jenes Oanze wenden muß, dem er selbst entstammt. Er muß es tun, da er seine Schwäche gegenüber dem Ganzen fühlt, denn das Ganze ist immer stärker als ein Teil und wird immer stärker sein, möge es auch ohne Pretentionen auftreten und möge auch der selbständig gewordene Teil noch so kräftige Worte im Munde führen und über noch so viel reale Macht verfügen. Er muß diese Schwäche durch Bekämpfung überkompensieren und muß es um so eher tun, als er durch die Heraussprengung aus dem Ganzen etwas im Wesen anderes geworden ist, denn dieses Ganze ist keine bloße Summe der einzelnen Ideen und diese Ideen sind keine selbständig existierenden Ideen, sondern das Oanze ist ein System von Beziehungen und die einzelnen Ideen, sind die Beziehungen des jüdischen Menschen zu einzelnen Fragen und Dingen der Welt. Der Jude hat seine Beziehungen zum Absoluten, das ist zu seinem Gott, dann zu sich selbst — zu seinem Nächsten, das ist zu allen einzelnen Mitmenschen, dann zu der Gruppe, zu der er gehört, das ist zu seinem Volke, und dann durch sein Volk zu den übrigen Völkern der Welt. Der Beziehung zum Absoluten entspricht die religiöse Idee, ein monotheistischer Gottesglaube, der auf einer Verbundenheit von Mensch und Gott beruht, wie sie etwa Hugo Bergmann in seinem Artikel Kiddusch Haschern» schildert. Der Beziehung zu sich selbst entspricht die Idee der Menschenwürde, der persönlichen Freiheit und der persönlichen Verantwortung. Der Beziehung zum Nächsten entspricht die Idee der sozialen Gerechtigkeit und des Schutzes des Schwachen. Der Beziehung zum eigenen Volke entspricht die Ueberzäugung, daß das jüdische Volk der Träger eines