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Die Stimme · 1933-08-29 · Heft 297 (29.8.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 297 (29.8.1933)
Date
1933-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 29T — 29. Angns! 193S DIB STIMM* rfeneS*’ sen wir den Posten «Russisches Judentum» als einen tragischen Leidensposten bezeichnen. Als Zionisten berühren wir uns in einem tiefem Zusammenhänge mit Polen in unserer vorbehaltlosen Hingabe an das Prinzip der Nationalität. Die polnische Regierung hat mir eine Erklärung zugunsten des Zionismus gegeben, die ein würdiges Seitenstück zur Balfourschen Deklaration darstellt. Mehrfach hat sich Polen bemüht, im Rahmen der obwaltenden Gesetze und in einem friedlichen Geiste uns in Genf zu helfen. Das sind Tatsachen, die jeder vernünftige Politiker hoch einschätzen muß. Was wir hier mit Genugtuung feststellen wollen, ist, daß die Stellung der polnischen Regierung gegen Pogrome, Verfolgung und antisemitische Agitation und für eine friedliche Entwicklung ist. Das heißt nicht, daß die Juden Polens nicht mehr für ihre Minderheitsrechte und Emanzipation zu kämpfen haben. Eine günstige Stimmung von außen her berechtigt zu guten Hoffnungen, nicht aber zu chimärischen Erwartungen. Es ist geradezu ein Gebot der Notwendigkeit, daß unsere Brüder in Polen ihren legalen Kampf weiterführen. Emanzipation ist eben nicht eine Sehnsucht nach einem erdenfemen Paradies, sondern eine Bewegung von Mühe und Arbeit, vom Kampf 4ims Dasein. Welche Schwierigkeiten und Widerstände in Polen zu überwinden sind — diese Frage gehört nicht hieher. Die polnische Judenheit hat ihre politischen Führer, ihre öffentliche Meinung, ihre Gemeinden und Institutionen und diesen können wir vertrauensvoll ihre jüdische Landespolitik überlassen. Redner beleuchtet sodann die katastrophale Wirtschaftslage der Juden in Polen. Es ist ein Wunder, daß die polnische Judenheit noch lebt, daß sie noch allgemeine und jüdische Steuern zahlt, Wohltätigkeit übt und auch für zionistische und allgemein-jüdische Zwecke bedeutend beisteuert. Das Geheimnis dieser Virtuosität besteht darin, daß die polnische Judenheit wie ein organischer Körper sich seine Struktur mehr von innen her gibt, von einer Energie und Vitalität sondergleichen, von einer Miniaturkunst, die Bedürfnisse des elementaren Lebens unter das Minimum zu reduzieren, von einem Gesetz, daß sich die Kraft von den Entbehrungen des Lebens hebt, von einer subtilen Erfindungskraft, jedem Anschein eines aufbauenden Momentes, jede Aussicht und jede Anregung zu großen Lebensinhalten zu machen. Bei aller materiellen Armut hat die polnische Judenheit den Höhepunkt jüdischer Kombinationsgabe und jüdischen Lebenspathos erreicht. Daher erscheint ja auch alles oftmals in imaginären Ausmaßen wie durch einen vergrößernden Spiegel gesehen. Der materielle j Ruin der polnischen Judenheit mit allen Begleiterscheinungen des Elends und des Jammers, die als eine Hungersnot bezeichnet werden können, macht die Emanzipation illusorisch. Dieser katastrophale Zustand dürfte den Staat veranlassen, die Lebensinteressen dieses bedeutenden Teiles der Bevölkerung Ökonomisch zu schützen, nichts zu unternehmen, das geeignet ist, die Juden von irgendeinem Arbeitsgebiet zu verdrängen und ihnen zu helfen, in andere Gebiete einzudringen. Der Sinn der Gleichberechtigung besteht in einer gleichmäßigen Rücksichtnahme auf ökonomischem Gebiete. Sollen die Juden den Staat als ihren Hort, Schutz, und Schirm betrachten, so müssen sie vor allem die Erfahrung machen, daß d$r Staat um ihre Existenz und ihr Gedeihen ebenso besorgt ist, wie tun die Existenz und das Gedeihen anderer Staatsbürger. Die Juden wollen kein Privilegium, aber sie wollen auch kein Aschenbrödel seht. Diese Misere hat weder mit der allgemeinen ökonomischen Krise der Welt noch mit der wirtschaftlichen Notlage im Lande etwas zu schaffen. Die Juden leiden darunter gleich den anderen und obendrein noch als Juden. Dieser Zustand der polnischen Judenheit lastet schwer auf dem Gewissen des Weltjudentums und je höher dieses die großen Traditionen Polens und ihre humane Tendenz schätzt, desto sicherer erwartet sie eine ökonomische Politik, die der spezifisch jüdischen Notlage Rechnung tragen würde. bi Deutschland hat sich in einer seit Jahrhunderten nicht dagewesenen Weise die Tragik des jüdischen Galuthdaseins enthüllt. Wir Zionisten, die stets das Wesen der Judenfrage erkannt haben und durch ein großes Werk des Aufbaues an ihrer Lösung arbeiten, stehen bestürzt und entrüstet vor dieser unerwarteten Zuspitzung des Konfliktes, die einen wichtigen Teil unserer Gemeinschaft in eine fast ausweglose Situation gebracht hat. Aber es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, daß es hier um das deutsche Judentum allein geht. Nicht die deutschen Juden, sondern das ganze jüdische Volk ist angegriffen, wenn man von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse spricht und die jüdische Ehre in maßloser Weise herabsetzt. Der neue deutsche Staat hat die Rassentheorie zu seiner Grundlage gemacht. Er steht auf dem Standpunkt, daß nur deutschblütige Volksgenossen voMe Staatsbürger sein können. Damit hat er die deutschen Juden, die durch jahrhundertelanges Zusammenleben, durch engen Anteil an deutscher Kultur und Wirtschaft mit Deutschland verbunden sind, aus sich ausgegliedert. Die Gleichberechtigung der Juden, seit hundert Jahren ein unverrückbares Prinzip der zivilisiert«* Menschheit, ist in Deutschland aufgehoben worden. Man hat die Nichtarier für die meisten Kategorien des gesellschaftlichen Lebens disqualifiziert. Aber es hat wenig Zweck, gegen eine Welt zu polemisieren, die keine Argumente anhören wiH. Wir können nicht, wenn man uns schmäht und beleidigt, mit «Aufklärungen» kommen und für bessere Einsicht plädieren. Das jüdische Volk ist in der letzten Periode zu eigenem Leben und zu einem neuen Selbstbewußtsein erwacht und wir, die zionistische Bewegung, fühlen uns als die Avantgarde des jüdischen Volkes von sechzehn Millionen und als solche weisen wir die gegen unser Volkstum und unsere Ehre gerichteten Beleidigungen mit Stolz zurück. Als eines der ältesten Kulturvölker der Welt, als das Volk der Bibel und der zehn Gebote, als das Volk der Treue zum Geist und zur Sittlichkeit der Propheten, sind wir erhaben über die These von der angeblichen Minderwertigkeit unserer Rasse. Wir volksbewußten Juden, die wir uns stets zu unserem Blutszusammenhang und unserer Geschichte bekannt haben, wir wissen, daß wir eine Menschengruppe eigener Art und Prägung sind. Aber wie wir weit davon entfernt sind, andere Rassen herabzusetzen, so protestieren wir vor aller Welt dagegen, daß man unsere Rasse herabzusetzen und zu schmähen wagt. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß Zionismus und Emanzipation untrennbar sind und sich gegenseitig bedingen. Die Emanzipation ist kein Aequivalent für den Zionismus. Es gibt keine ihres Namens würdige Emanzipation, solange das jüdische Volk kein Zentrafland auf der Erdkugel besitzt, das es als eine Heimat für die Konzentrierung seiner Energien und für die Abspiegelung seines ganzen Ichs betrachten kann. Aber es gibt auch keinen normal wirkenden und entwicklungsfähigen Zionismus, solange die Juden in den Ländern, in denen sie wohnen, nicht vollberechtigte Staatsbürger sind, und teils Jacob Landau, Generaldirektor der Jüdischen Telegraphen-Agentur in New York, wurde Mittwoch, den 23. August, vom Präsidenten M a s a r y k in dessen Sommerresidenz in Topolcianky empfangen. Die Audienz dauerte 40 Minuten. «Ich verfolge die Verhandlungen des Zionisten- {congresses in Prag mit Interesse,» erklärte Präsident Masaryk. «Die Bemühungen zur Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina hat meine herzliche Sympathie.» Auf die Frage, ob der Völkerbund das Problem der ihrer Rechte beraubten Juden aufgreifen solle, erklärte Präsident Masaryk: «Ich nehme an, daß der Völkerbund in der Tat diese Angelegenheit behandeln wird. Das jüdische Problem in Deutschland kann nicht als rein interne Angelegenheit angesehen werden. Tausende vdn Juden, die man ihrer Rechte, ihrer Existenzmöglichkeit beraubt hat, flüchten in wachsender Zahl aus Deutschland. Sie bilden Zwisdhenbifanx Prag, Samstag, 26. August, nachts. Die temperamentvollen Reden zu Beginn der gestrigen Generaldebatte haben durch den Sabbatheingang eine jähe Unterbrechung erfahren. Unterbrochen wurden auch die Verhandlungen in den bereits gebildeten, permanent tagenden Kommissionen, sowie die Beratungen in den Fraktionen. Der kongreßlose Samstag hat Delegierten und Gästen, die mit unverminderter Aufmerksamkeit alle Vorgänge auf dem Kongreß verfolgen, eine überaus wohltuende Ruhepause verschafft. Im Repräsentantenhaus, dem Kongreßgebäude, war es merklich stille; um so mehr bot seine Umgebung mit deni zahlreichen Kongreßpublikum, das in Gruppen diskutierend einherspazierte, ein buntes und bewegtes Bild. Insbesondere waren es die umliegenden Kaffeehauslokalir täten, in denen sich Delegierte, Presseleute und vor allem Gäste konzentrierten. Hier wurden auch heute eifrigst die nächsten Ereignisse besprochen. Hier erhält man auch heute Informationen über alle Vorgänge, die sich hinter den Kulissen abspielen. So eine ausgesprochene Kutissenfrage ist z. B. die Frage der künftigen zionistischen Leitung. Sie ist bereits seit Tagen Gegenstand interner Partei- und Fraktionsberatungen, wobei die verschiedensten Kombinationen in bezug auf Personatfragen geknüpft werden. Die Leitungsfrage ist natürlich eine Frage Weizmann, der nach wie vor sich von Prag fernhält Für die Kulisse bildet dieses Problem reichen Stoff zu den verschiedensten Gerüchten, die je nach der der sie * pna hn Ghetto, tdte atrf dessen Ruinen ein kümmeilichea Dasein fristen. Ein Ghetto kann nur noch ein anderes Ghetto bauen und das hat es auch wirklich getan. Das war die Chalukah. Emanzipierte Juden halben die Grundlagen des jüdischen Nationalismus gelegt und nur freie, gleichberechtigte jüdische Bürger aller Länder werden an diesem monumentalen Bau des Judenlandes mit Erfolg weiter arbeiten. Das harmonische Sichausleben in Zion und die Kräftigung des Judentums werden sich durch gegenseitige Wechselwirkung steigern. Die Erkenntnis muß sich Bahn brechen, daß ein Desinteressement am Lebenskampf in der Diaspora seitens des Zionismus ein Absurdum wäre. Im Gegenteil, der Zionismus soll überall mitwirken, womöglich in führet»* der Stellung, wo es gilt, das Volk zu retten. Denn Land ohne Volk ist undenkbar. Die Leidenstage werden alles, was sie kosten, wert sein, wenn sie es vermögen, unserem ganzen Volk die Schuppen von den Augen zu reißen und es belehren, den Kern der Tragödie zu erfassen und demgemäß zu handeln. Die gesteigerte Not sei ein Sporn zur Sammlung und Vereinigung aller unserer Kräfte. Sie soll alle unter Zions Banner vereinigen, soll auch die Gleichgültigen und Mattherzigen begeistern. Dann dürfen wir getrost in die Zukunft blicken und die Stunde der Not als Stunde der Wiedergeburt preisen. Deshalb müssen wir stark sein und unseren matten Willen aufrichten können. Auch von diesem Standpunkt sind Zionistenkongresse notwendig, denn von ihnen soll ein suggestiver Einfluß nach allen Richtungen Zions und der Diaspora ausgehen. Die jetzige Lage heischt gebieterisch den Zusammenschluß des jüdischen Volkes. Je größer und geschlossener unsere Organisation ist, um so größer und stärker wird auch das Verantwortungsgefühl derer sein, die für sie zu sprechen und zu fordern haben. Präsident Masaryks Interesse für den Zionistenkonsrsß Optimistische Aeußerangen «Iber die jüdische und allgemeine Krise AK Wo steht der Kongreß? (Von unserem Kongreßkorreepondenten Dr. Jakob Rosenthal) naturgemäß ein Problem für alle Länder, die ihnen ein Asyl geboten haben. Man kann nicht erwarten, daß diese Staaten Lasten tragen sollen, die durch die Politik eines einzelne^ Staates verursacht werden. Dennoch glaube ich, daß sich die Situation zum Besseren wenden wird. Antisemitismus ist nichts Neues.» Befragt über die Wirtschaftskrise, sagte Präsi*. dent Masaryk folgendes: t.i «Viele Berichte unserer Vertreter deuten tatsächlich auf eine Besserung der ökonomischen Weltlage hin. Natürlich ist es schwer, zu sagen, ob die Krise völlig überwunden ist. Die weitere Besserung wird eher langsam und allmählich vor sich gehen. Es wird noch ein Aufwärts und Abwärts geben. Doch wenn die ganze Welt eine friedliche und konstruktive Politik betreiben wird, werden wir aus dieser Krise erfolgreich hervorgehen.» als phantastisch oder mit Reserve zu behandeln sind. Der Schlüssel für eine Wiederwahl Weizmanns sowie für jede Bildung einer arbeitsfähigen Exekutive liegt woM bei dem Zentrum, den allgemeinen Zionisten. Es ist ihre Mission, heute mehr denn je, dort entscheidend und maßgeblich einzugreifen, wo alle anderen Gruppen und Parteien aus Dogmatismus, der nun einmal zu ihrem notwendigen Parteiarsenal gehört, oder — aus Ueberzeugung, nicht weiter können. Allein an der Weizmann-Frage sind innerhalb der Allgemeinen Zionisten selbst nicht unbeträchtliche Meinungsverschiedenheiten, wobei man sogar drei Strömungen festhalten kann. Der einen, die ausgesprochen gegen die Wiederkehr Weizmanns ist, als deren Exponent Stephan Wise gilt, steht innerhalb eines anderen Teiles eine ausgesprochene P r o-Weizmann-Strömung gegenüber, deren Vertreter vor allem ein alter Freund Weizmanns, Luis Lipsky und Abgeordneter Dr. Goldstein sind. Schließlich gibt es noch eine dritte Gruppierung, der Doktor Schwarzbarth und Abgeordneter Goldberg (Amerika) angehören, die für eine breite Koalition eintreien, was bei der heutigen Konstellation des Kongresses eine Wiederwahl Weizmanns im vorhinein problematisch erscheinen ließe. Ist es auch richtig, daß es, vom Misrachi und den beiden revisionistischen Gruppen abgesehen, kaum eine Kongreßgruppe gibt, in der nicht Gegner einer Weizmann- Kandidatur vorhanden sind, so liegt letzten Endes die Entscheidung bei Prof. Weizmann selbst, über dessen Absichten, Plänen, ja sogar Aufenthaltsort nur Vermutungen kurüum. Eine klar Stellungnahme von ihm wunde nU eia«*

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