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Die Stimme · 1933-08-29 · Heft 297 (29.8.1933) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 297 (29.8.1933)
Date
1933-08-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 297 — 20. August 1933 DTE STIMME «tftfe t LETZTE NACHRICHTEN Ideenkomplexes, einer Weltanschauung ist und die Idee der Unterordnung des Einzelinteresses unter das Interesse der Oesamtheit Der Beziehung zu den übrigen Völkern der Welt entspricht die jüdische Friedensidee und das Ideal einer Ze’t, wo alle Völker in gemeinsamen Streben friedlich mit einander leben werden. Alle diese tragenden Ideen sind also nur Funktionen einer Grundsteinlegung und entspringen der großen optimistischen Grundidee des Judentums, der Ideffe der Lebensbejahung und der Verbundenheit alles Lebeus auf der Welt. Die einzelnen Ideen sind nur die Anwepdungsform der Grundideen auf die verschiedenen Beziehungen des jüdischen Menschen. Nur alle zusammen geben sie das richtige Gesamtbild, denn als verschiedene Anwqndungsfornien einer einheitlichen Grundidee vervollständigen sie einander notwendigerweise und können nur in ifyrer Vollständigkeit diese Grundidee richtig wiedergeben. Aber nicht nur das. Diese einzelnen Ideen vervollständigen einander nicht bloß, sondern sie halten einander im Gleichgewicht und sind eine für die andere die notwendige Begrenzung. So ist die Idee der sozialen Gerechtigkeit die notwendige Begrenzung gegen die Uebertreibung der Idee der persönlichen Freiheit und diese wieder die notwendige Begrenzung gegen die Uebertreibung der Idee der Unterordnung des Einzelnen unter die Interessen der Gesamtheit, welch letztere Idee wiederum von der anderen Seite durch die Idee des Friedens unter den Völkern begrenzt wird und über allen steht die religiöse Idee des Judentums, sie zusammenfassend und ihnen den Sinn des Absolutem des höheren Zweckes gebend. Nur durch diese vervollständigende und Gleichgewicht haltende gemeinsame Wirksamkeit aller Ideen entsteht die Harmonie des Jüdischen Weltbildes, Es ist zu sagen, daß die Harmonie ein notwendiges Ziel einer Welt- und Lebensanschauung ist, die auf Optimismus beruht und man muß auch sagen, daß eine solche auf Optimismus anfgebaute und nach Harmonie strebende, die Gewalt als Prinzip ablehnende Weltanschauung keine so wirksamen Kampfparolen, keine so kraftstrotzenden Gesten ihren Anhängern zu bieten vermag, wie eine bloß auf eine Richtung beschränkte, sich nur in einer Richtung auslebende Idee, daß aber allein die Harmonie der Welt das Glück bringen kann und daß es dadurch in Jahrtausenden gesehen, immer die stärkere bleiben muß. Deshalb liegt eine zwingende Logik darin, daß die aus der Ganzheit herausgesprengten Ideen sich notwendigerweise gegen das Ganze haben wenden müssen, ebenso wie das paulinische Christentum, welches das religiöse und ursprünglich auch das soziale und das international-pazifistische Ideal übernommen hat, um sich in der Praxis auf das Religiöse zu beschränken, dagegen aber die Idee der persönlichen Freiheit und Würde durch christliche Demut ersetzt und vor allem alle jüdisch-nationalen Elemente nach Möglichkeit ausgemerzt hat. — Ebenso der ^Sozialismus, derdie .soziale und die international-pazifistische Idee.. übernommen hat, dagegen aber die anderen Ideale, vor allem das religiöse bekämpft — der Liberalismus, der aus der persönlichen Freiheit das Höchste gemacht hat, neben der altes verschwand, der die Religion aushöhlte und die soziale Gerechtigkeit dem Starken auslieferte — der Internationalismus, der die Existenz der Nationen übersah und die naturgegebenen Verschiedenheiten der Menschen leugnete — sie alle mußten sich gegen das Judentum wenden, denn das Judentum in seiner Ganzheit war für sie ein ständiger Vorwurf. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen wir unseren Zionismus auffassen. Zionismus ist nicht nur Palästinaaufbau und nicht nur jüdischer Nationalismus. Zionismus ist im ersten Stadium Rückkehr zum Judentum und im zweiten Verwirklichung des Judentums ln seiner Gänze. Wenn wir das Judentum als eine einheitliche Weltanschauung erkannt haben, aus ger einzelne Ideen nicht herausgebrochen werden können und wenn wir auch erkannt haben, daß das Judentum eine umfassende Weltanschauung bietet, die in allen Beziehungen des Menschen ihm die Richtung weist, dann müssen wir auch unseren Zionismus, wenn wir ihn als Rückkehr zum Judentum und Verwirklichung des Judentums auffassen, als einheitlich und allumfassend nehmen. Wir müssen in unserem Zionismus die Weltanschauung sehen, die uns unsere Stellung in unseren Beziehungen weist. Dann müssen wir aber auch sehen, daß es weder möglich ist, den so aufgefaßten Zionismus mit einer anderen Idee zu kombinieren, noch möglich einen Teil und sei es die nationale Idee selbst, aus dem Uebrlgen herauszulösen und für den ganzen Zionismus zu erklären. Das heißt natürlich nicht, daß wir alle dasselbe denken müssen. Die Ansichten des Menschen hängen nicht nur von vernunftmäßigen Erwägungen ab, sondern auch von Gefühls- und Interessenmomenten und von äußerlichen und innerlichen Erlebnissen. Wir sollen aber nicht unüberbrückbare ideele Gegensätze zwischen uns aufrichten, sondern sollen uns dessen bewußt sein, daß wir aus unserem Judentum denken und fühlen. Wir sollen wissen, daß, wenn auch unsere Ansichten in einzelnen konkreten Punkten infolge unserer verschiedenen Inneren und äußeren Bedingungen auseinander laufen, sie doch aus einer gemeinsamen Quelle stammen und müssen bestrebt sein, sie auf diese gemeinsame Grundlage zurückzuflihren und in ihr zu kontrollieren. Wir müssen unseren Zionismus zum obersten Begriff machen, der eine Spaltung und Zerfaserung nicht verträgt. Bei unserem Denken und bei unseren Handlungen müssen wir das Primat des Gesamtinteresses aufstellen. Dieses Gesamtinteresse ist nur sehr ungenau und beiläufig bezeichnet, wenn man es nationales Interesse nennt. Es fußt auf der Oesamtheit der Ideen, die zu schildern ich versucht habe und verhält sich zu dem faschistischen Primat der Nation oder zu Hitlers Totalität Weizmann kommtdocli nach Prag? (Telephonisch von unserem JR-Kongreßkorrespondenten.) Es verlautet hier, daß Welzmann im Laufe des heutigen Tages nach Prag kommen soll. Ussischkin kommt nach Wien M. M. Ussischkin, der beim Prager Kongreß anläßlich seines 70. Geburtstages Gegenstand großer und herzlicher Ehrungen war, hat sich über Einladung des Keren Kajemeth und der Histadruth Ivrith bereit erklärt, auf seiner Rückreise nach Erez Israel Wien zu besuchen. Die Wiener jüdische Bevölkerung so wie sich der Begriff Klal Israel zum Begriff eines nationalistischen Volkes verhält Wir müssen unser ganzes Streben auf ein einiges, sich auf Grund seiner vieltausendjährigen Ideen mit Gott, der Welt und dem einzelnen Menschen harmonisch auseinandersetzendes Volk richten und wir allgemeinen Zionisten müssen uns in der Üeberzeugung, daß unser Weg der richtige ist, als Kern dieses werdenden Volkes fühlen, uns aber nicht abschließen, sondern einen jeden auffordern, mit zu tun, die Gemeinsamkeit anzuerkennen, sie über das Trennende stellen, damit das Ziel erreicht werde. Die Julien in Oesterreich Unter diesem Titel (Untertitel «Schädlinge oder wertvolle Staatsbürger?») veröffentlicht Socius in den «Wiener Volksschriften», XIII., Leegasse 1 (Tel. R-38-4-64) in den nächsten Tagen eine sehr bemerkenswerte und aufschlußreiche Broschüre. Mit Genehmigung des Verfassers bringen wir nachstehend das letzte Kapitel, das die Ueberschrift «Zusammengefaßt» trägt: Die Juden Oesterreichs fallen niemandem zur Last Sie bestreiten ihre Armenpflege allein und beziehen nicht einmal die ihnen gebührenden gesetzlichen Zuschüsse für die Kultusgemeinden. Unter den 1.5 Millionen Menschen, die in Oesterreich von öffentlichen Geldern leben, befinden sich so gut wie gar keine Juden. Ebensowenig nimmt in irgendeinem der nicht Juden gehörigen Privatunternehmen ein Jude einem Arier einen Arbeitsplatz weg. II. Hingegen erhalten die zirka 40.000 selbständigen Juden an christlichen Arbeitnehmern: Im Detailhandel zirka 50.000; in der Industrie (jüdische Familienbetriebe, ohne die Aktiengesellschaften) zirka 70.000; im Großhandel und Export zirka 50.000; in häuslichen Diensten zirka 30.000; in öffentlichen Lokalen zirka 5000; in Rechtsanwaltsbureaus zirka 3000; in ärztlichen Betrieben, Zahntechnik, Sanatorien zirka 2000; in Oeld, Kredit, Versicherungen zirka 2000; zusammen zirka 212.000 christliche Arbeitnehmerl Bescheiden gerechnet, erhalten die 40.000 selbständigen Juden zumindest 200-000 christliche Arbeitnehmer, das heißt mit ihren Familien 600.000 bis 800.000 Oesterreicher. Diese Ziffern stehen vielen Kontrollmöglichkeiten offen, diese ganz ungewöhnlichen Leistungen aber finden ihre Begründung dadurch, daß der Jude, als Arbeitnehmer boykottiert, sich nur als Arbeitgeber fortbringen kann. III. Die Juden Oesterreichs schaffen Werte innerhalb des Landes: Sie beteiligen sich an der Erzeugung in der Industrie und im Gewerbe mit einem Arbeiterstand von zumindest 70.000 Menschen in den industriellen und gewerblichen Betrieben. IV. Die Juden Oesterreichs führen ngue Quellen des Wohlstandes aus dem Ausland nach Oesterreich. Fast zwei Drittel des Öseterreichischen Exportes liegen in den Händen der Juden, die hier, dank ihrer Verbindungen im Ausland, nicht nur für unsere Währung entscheidende Mengen fremder Valuten nach Oesterreich bringen, sondern auch Hunderttausende von Menschen, die für die Exportbetriebe arbeiten, beschäftigen. V. Die Juden Oesterreichs stehen kulturell nicht unter den anderen Gruppen der ganzen staatlichen Gemeinschaft zurück. Ein Besuch der Theater, eine Nachfrage bei den Buchhändlern, ein Rundgang durch die Bibliotheken, em kurzes Verweilen in den wissenschaftlichen Vortrags6älen liefern hiefür den vollen Beweis. VI. Die Juden Oesterreichs haben die Treue zum Staat immer durch Blutopfer bewiesen, die ihr Zahlenverhältnis zur übrigen Bevölkerung weit übersteigen: Die Archive der äJiösterreichischen Armee, die Verlustlisten, die Dekorierungslisten, die Ranglisten, in die jedermann heute leicht Einsicht nehmen kann, legen ewiges Zeugnis für den Opfermut der jüdischen Frontkämpfer ab. Und nun liegen die Dinge in Oesterreich und ln Wien so, daß die Gemeinschaft der ganz auf sich selbst gestellten, abseits aUer öffentlichen Versorgungsmöglichkeiten lebenden luden, die für Oesterreichs Wirtschaft von überragendem Wert sind und ihm kulturell wahrhaftig keine Schande machen, sich trotz alledem mehr denn je durch eine Welle von Haß und Verhetzung bedroht sieht. Der Tragik dieser Situation fehlt die Ironie nicht. Genau so wie in Deutschland die Juden, deren Ahnen dort mit Julius Cäsar eingewandert sind, von Hitler, der erst seit einem Jahre deutscher Staatsbürger ist, bedrängt werden, so wird in Wien, wo sich die Vorfahren der Juden schon zur Zeit der Babenberger mit den Wienern in deutscher Sprache verständigt haben, gegen die Juden als Nicht-Deutsche von Leuten gehetzt, die sehr häufig erst in der ersten Generation die deutsche Sprache als Umgangssprache benützen. wird daher Gelegenheit haben, Ussischkin Über den Stand unserer Bewegung, über den Keren Kajemeth und die hebräische Kulturbcwegung zu hören, sowie auch den großen Führer des jüdischen Volkes anläßlich seines 70. Geburtstages in würdiger Weise zu feiern. Die Einzelheiten werden in den nächsten Nutn-t mern der «Stimme» bekanntgegeben werden. Ussischkin wird am 17. September nach Wien kommen und hier bis Inklusive 19. September bleiben; sodann wird er seine Rückreise nach Erez Israel antreten. Prof. Einstein ln Prag Prag. Prof. Albert Einstein ist in Prag eingetroffen, um den Beratungen des Zionistenkongresses als Oast beizuwohnen. Aber die luden, die schon seit zwei Jahrtausenden die Verfolgungen der sogenannten «Bodenständigen» aller Völker, unter denen sie wohnten, überlebt haben, werden auch In Wien von keiner Panik ergriffen werden. . Mit diesem Oesterreich inniger verbunden als alle ihre Verfolger, werden sie unbeirrbar auch weiterhin zu jenen Elementen gehören, die dem Staat und allen Bürgern zum Nutzen und zur Ehre gereichen. Frauenteld sägt Walter Riehl ab Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wenn ein alter Antisemit vom Schicksal dazu verurteilt erscheint, die Rolle des Ewigen Juden zu travestieren. Dieses Los wurde dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Walter Riehl zuteil, der eine ruhelose Wanderschaft durch alle irgendwie judenfeindlichen Parteien Oesterreichs zurückgelegt hat und jedesmal, wenn er sich dem Ziele seines Ehrgeizes, irgendein Mandat zu ergattern und zur Grundlage einer politischen Karriere auszugestalten, angelangt wähnt, sich plötzlich enttäuscht und gezwungen sieht, neuerlich zum Wanderstab zu greifen. Er war schon großdeutsch, kam dann auf die Einheitsliste Dr. Seipels, wobei er durch seine Kandidatur ausgerechnet in der Leopoldstadt seine Geneigtheit bezeigte, sich auch jüdische Stimmen gefallen zu lassen, gastierte sodann in der Schul z-Partei, die die Krawalle gegen den Wiener Zionistenkongreß von 1927 inszenierte, und landete schließlich, als Hitlers Stern in Deutschland mächtig aufzugehen begann, bei den Nationalsozialisten. Als solcher erreichte er die langersehnten Mandatsehren: Er wurde Gemeinderat von Wien und War', wie aus von der Polizei aüfgestöberten Nazi-Dokumentem hervorgeht, zum österreichischen justizminister ausersehen. Es hat nicht sollen sein! Der neue Kurs in Oesterreich hat ihm das Oemeinderatsmandat abgenommen und auch seine darauf basierenden Zukunftschancen grausam zerstört. Man sagt ihm nach, daß er bereits neue Anschlüsse gesucht und so seinen soeben publik gewordenen Ausschluß aus der NSDAP, verschuldet habe.. Rieht leugnet diese Schuld und behauptet, daß sein Hinauswurf von Herrn Frauenfeld inszeniert worden sei, der gleichzeitig von der deutschen Leitung zum Parteidiktator für Oesterreich ernannt wurde. Wieder einmal in der Weltgeschichte hat der seßhafte Typ (der Kleber Frauenfeld) den unsteten Nomaden verdrängt. Wann und wo wird die ruhelose Wanderung Dr. Riehls ihr Ende finden? Er war auch schon in Palästina, und Leute, die ihn kennen, behaupten, er habe diese Reise unternommen, um seine Chancen als — Zionistenführer zu prüfen ... ie—e Arierparagraph für Pfarrer und Kirchenbeamte! Laut Beschluß der brandenburgischen Provinzialsynode soll der Generalsynode der evangelischen Kirche Deutschlands empfohlen werden, für Pfarrer, Kirchenbeainte und Kirchenangestellte den Arierparagraphen einzuführen. Der Plan, die christlichen Kirchen judenrein zu machen, wind auch von uns lebhaft begrüßt. Wie segensreich hätte er sich schon auswirken können, wenn et um neunzehnhundert Jahre früher gefaßt worden wäre! Zurück zu Wotan! In Eisenach wird eine Tagung der gernianisch-deuu sehen Glaubensbewegung stattfinden. Diese Bewegung bezweckt die Verbreitung und Pflege des alten germanisch-heidnischen Glaubens in Deutschland und unter den Deutschen im Ausland. Die Rückkehr zum altgermanischen Kult empfiehlt sich dem Dritten Reiche schon aus wirtschaftliche:) Gründen, da es sich wesentlich billiger stellen wird, politische Feinde nach Altväterart auf den Altären Wotans und Freyas zu schlachten, als sie in kostspieligen Konzentrationslagern langsam hinzumorden. Sigi Mann als SA.-Mann Der jüdische Schuhwarenhändler Siegbert Mann aus Lorsch wurde in Worms von einem SA-Mann festgenommen, weil er sich als Nationalsozialist ausgab und einem Geschäftsmann das unter seinem Rockkragen befestigte Abzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zeigte. Dem falschen Nationalsozialisten wurde das Parteiabzeichen abgenommen und er hatte sich wegen unberechtigten Tragens des Abzeichens vor der

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