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Die Stimme · 1933-08-29 · Heft 297 (29.8.1933) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 297 (29.8.1933)
Date
1933-08-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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8fcffe 4 Olt STIMME jtr. asrr — 20. Ä*gwf 193s für Europa. Der Friede Europas könne nicht mit dem Blote des jüdischen Volkes gekittet werden. Es gibt nur eine eineige Lösung: die Emigration der jüdischen Jugend aus Deutschland. Es bedarf natürlich der Hilfe des Völkerbundes sowie Englands, von dem man erwarte, daß es entsprechend der heutigen Krisenzeit das ganze Zertifikateinwandefongssysfrerrr einer Revision unterziehen werde.» Eröffnung des Makkabi- Weltkongresses Nach dem grandiosen sportlichen Abschluß der Makfcabi-Kampfspiele im Prager Stadion wurde Sonntag abends im Festsaal der Produktenbörse der am 18 Ländern beschickte Makkabi-Weltkongreß eröffnet. Es sprachen der ln der Donnerstagsitzung hielt auch Dr. Artur R u p p i n sein Referat über die Seßhaftmachung deutscher Juden in Palästina. Es erfüllt uns mit großer Befriedigung, daß in einer Zeit der Judennot unsere Aufbauarbeit in Palästina das Resultat gehabt hat, daß man heute in der größten Katastrophe, die die Juden eines Landes in der Neuzeit betroffen hat, Palästina als den einzigen Lichtpunkt betrachtet. Während die anderen Auswanderungsländer, selbst von der Krise betroffen, ihre Tore verschließen, hat Palästina infolge jüdischer Initiative und jüdischen Kapitals einen großen Aufschwung genommen. Es ist das einzige Land in der Welt, in dem keine Arbeitslosigkeit, sondern im Gegenteil Mangel an Arbeitern herrscht. Von den deutschen Juden gehören 10 Prozent zu den Beamten und freien Berufen, 50 Prozent zum Handel, 30 Prozent zum Handwerk und Industrie und 20 Prozent zu verschiedenen anderen Berufen. Durch die Gesetzgebung der deutschen Regierung ist der Stand der Beamten und der freien Berufsangehörigen katastrophal betroffen worden. Aber selbst diejenigen, die von den gesetzlichen Verboten nicht direkt betroffen wurden, haben ihr Ansehen und einen großen Teil ihrer Kundschaft verloren. Ich bin der Ansicht, daß nur ein kleiner Teil der Angehörigen der freien Berufe seinen Lebensunterhalt in Deutschland weiter verdienen kann. Die indirekten Folgen der neuen Gesetzgebung sind für die Juden wirtschaftlich noch verheerender als die direkten Folgen. Sie lassen sich weder zählen nd£&: messen. Zurzeit lebt noch ein Teil vön der Substanz ihres Vermögens. Die Monate sind aber gezählt, nach welchen bei vielen diese Reserven aufgezehrt sein werden. Dann wird sich erst das Unglück in seiner ganzen Größe zeigen. Es gibt in Deutschland etwa 8000 jüdische Aerzte, etwa 4000 Rechtsanwälte, 2000 Zahnärzte und Zahntechniker, Tausende von Ingenieuren, Beamten, Lehrern, Apothekern, Journalisten und Schauspielern. Sie und viele jüdische kleine Kaufleute haben ihre Existenzgrundlage eingebüßt. Die Zahl der Juden in Deutschland betrug bei der Volkszählung von 1925 534.000. Die Ziffer ist allerdings heute niedriger, ln den verflossenen acht Jahren haben die deutschen Juden infolge ihrer außerordentlich niedrigen Geburtenziffer und durch den Ueberschuß der Sterbefälle jährlich etwa 4000 Menschen verloren. Außerdem ist der Ueberschuß der Auswanderung über die Einwanderung auf mindestens 30.000 zu schätzen. Wenn man noch berücksichtigt, daß io den letzten Monaten allein mehrere 10.000 Juden freiwillig oder gezwungen Deutschland verlassen haben, kommt man zu dem Schluß, daß die Höchstzahl der Juden in Deutschland heute 500.000 beträgt. Diese Zahl wird noch zurückgehen, da die jüdischen Eltern noch viel schwerer die Verantwortung fühlen werden, Kinder in die Welt zu setzen. Ich glaube, daß sich in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Juden auf natürlichem Wege auf 450.000 vermindern wird. Hiebei lasse ich die getauften oder aus Mischehen hervorgegangenen «Nichtarier» außer Betracht. Ich will nur bemerken, daß ihre Zahl mit 200.000 zu hoch geschätzt ist. Alle diese «Nichtarier» sind in erster Linie ein Problem für diejenige kirchliche oder völkische Gemeinschaft, die sie aufgenommen hat. Wir haben kein Recht, in ihrem Namen zu sprechen. Die 500.000 deutschen Juden machen nur etwa 3 Prozent der 16 Millionen der Welt aus, sind aber ein wichtiger Teil der jüdischen Gemeinschaft und deshalb steht die gesamte Judenheit heute mit tiefstem Mitgefühl hinter den deutschen Juden. Es gibt für 200.000 Juden in Deutschland keine Möglichkeit, eine Existenz in anderen Berufen zu finden. Würden sie an den Uebergang zur Landwirtschaft denken, so stoßen sie sofort auf das neue deutsche Bauerngesetz. Ein Uebergang zum Handwerk kann bei der politischen Lage ebenfalls nicht ins Auge gefaßt werden. Auch der Handel kann keine weiteren Juden aufnehmen. Die Lage der jüdischen Jugend, die in dieser Zeit an die Berufswahl geht, ist verzweifelt. In dieser Not gibt es keinen anderen Ausweg, als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von 5 bis 10 Jahren die 200.000 Juden, die heute in Deutschland «überzählig» geworden sind, in andere Länder bringt. Bei einem solchen Rettungsversuch verzichten wir selbstverständlich nicht darauf, gegen das Vorgehen der deutschen Regierung, das einen so großen Teil der deutschen Juden zur Auswanderuag zwingt, auf das schärfste zu protestiere« Präsident des Verbandes Dr. Leiewer, der Weftverbaudtumwart, der Präsident der Jewish Agency Nahum Sokolow, ein Vertreter des tschechischen Gesundhettsnrinisteriums und Lady E r I e i g h, die Schwiegertochter Lord Readings. Die Schlußansprache hielt Lord M e I c h e 11, dem stürmische Ovationen bereitet wurden. Lord Melchett, wird heute, Montag, von einer Maschine, die ihm die Versicherungsgesellschaft «Phönix» zur Verfügung stellte, von Prag nach Wien abgeholt. Er wird während seines hiesigen Aufenthalts vom Bundeskanzler Doktor Dollfuß in Audienz empfangen. Ferner ist sein Besuch bei der Kultusgemeinde vorgesehen, gelegentlich dessen er vom gesamten Präsidium und dem versammelten Rabbinat begrüßt werden wird. Der beste Protest gegen die Judenpolitik der deutschen Regierung ist die rettende Tat Ich sehe keine andere Lösung, als eine organisierte Auswanderung eines Teiles der deutschen Juden. Eine solche Auswanderung würde auch wahrscheinlich der Regierung erwünscht sein, da ihr nichts daran liegen kann, eine pauperisierte Bevölkerung im Lande zu haben. Eine Auswanderung würde auch eine Scheidung innerhalb des Judentums mit sich bringen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß einer organisierten Auswanderung von Juden au9 Deutschland unter teilweiser Mitnahme ihres Vermögens keine Hindernisse in den Weg gelegt würden. Ich wifl damit den Gegensatz zu einer fluchtartigen Auswanderung betonen. Diese ist in den meisten Fällen weder ein Segen für den Auswanderer noch für das Land. Unter den Auswanderungsländern richtet sich der Blick natürlich in erster Linie auf Palästina. Das Palästina von heute stellt für die Aufnahmefähigkeit einer neuen Einwanderung einen bedeutenden Faktor dar. Palästina kann heute mehr als doppelt so viel Einwanderer aufnehmen als im verflossenen Jahrzehnt. Als Vorsitzender einer Kommission zur Ansiecöung deutscher Juden in Palästina kann ich Ihnen die Schlußfolgerungen mitteilen, zu denen sie gelangt ist. In den bestehenden Siedlungen ist für etwa 1000 Familien Platz. Für 400 Siedler ist sofort Ansiedlungsmöglichkeit vorhanden. Die Kosten der Siedlung betragen 400 bis 600 Pfund. Außer diesen Siedlern ist noch die Ansiedlung von 200 Familien in der Nähe^ ypn Haifa auf dem, Boden des jüdischen Nationalfonds ln der Form einer vorstädtischen Siedlung in Aussicht genommen. Ueber die 1000 Familien hinaus kann eihe landwirtschaftliche Siedlung erst erfolgen, wenn neuer Boden gekauft worden ist. Die Ansiedlung von neuen Menschen in der Landwirtschaft schafft einen vergrößerten inneren Markt für die Produkte der Industrie. Wir müssen auch natürlich im Auge behalten, daß Palästina nicht nur für die deutschen Juden da ist, sondern daß die Tore Palästinas auch für die Juden anderer Länder offen sein müssen. Eine Voraussage in Ziffern läßt sich schwer geben. Wir werden die Auswanderung nach Palästina nur denjenigen Juden erleichtern, die nach Palästina gehen wollen. Für die Aufnahme der gesamten 200.000 Einwanderer werden außer Palästina auch andere Länder in Betracht kommen. Ich denke hiebei in erster Linie an die Vereinigten Staaten. Es scheint mir nicht ausgeschlossen, daß sich unter dem Eindruck der katastrophalen Lage der deutschen Juden die Ehrwanderungspraxis liberaler gestalten wird. Außerdem hoffe ich, daß die im Völkerbund vereinigten europäischen und Überseeischen Staaten eine beschränkte Anzahl von Juden aufnehmen werden. Die Judenheit der Welt sollte durch den Völkerbund einen Das Stück Menschengeschichte, das wir jetzt durchleben, zeigt ein viel verwickelteres und verworreneres Gewebe als zur Zeit, da Max Nordau seine berühmte Rede über die Lage der Juden in der Welt hielt. Throne sind seitdem gestürzt und neue Staaten errichtet worden — untergegangene Staaten sind wiederhergestellt — die Säulen der Erde zitterten, das Gesicht Daniels von den vier Winden, die auf dem Völkermeer widereinander stürmten, hätte sich erfüllt, ln ein Kampffeld verwandelte sich die Welt. Da kam die gewaltige Korrektur der politischen .Landkarte. Verschwunden sind Zare, Sultane und Kaiser. Der Zionismus ist zu einem verbrieften Völkerrecht geworden. Minoritätsrechte Millionen von Juden gewährleistet. Das russische Judentum, einst so aktiv, in jüdischer intellektueller Tätigkeit fast führend, ist auf einen toten Punkt herabgesunken. Unser Gefühl bäumt sich auf gegen die Verfolgungen, denen der Appel! an seine Mitgliedsstaaten richten. Ich habe die HoiK nung, daß es möglich ist, durch so einen Appell 50.000 Juden Zuflucht zu schaffen. In dieser schicksalsschweren Zeit, m der der Niederbruch der deutschen Juden der Walt das Schicksal der jüdischen Tragik vor Augen führt, hält uns die Tatsache aufrecht, daß viele führende Persönlichkeiten und Gruppen in der Welt uns ihre Sympathie gezeigt haben. Für die deutschen Juden muß es ein Trost sein, daß ihr Schicksal die ganze Judenheit aufgewühlt hat. Unsere Aufgabe muß es sein, die Hilfsbereitschaft und Sympathie der Welt zu einer großen Tat zu verdichten, um einen Teil der Juden, die in Deutschland nicht bleiben können, in andere Länder einzugliedern. Von diesem Kongreß soll die Parole ausgehen, die die Juden der Welt, ohne Rücksicht auf ihre Richtung, zu einer einheitlichen Aktion aufruft und in den deutschen Juden die Hoffnung erweckt, daß es aus ihrer Not noch einen Ausweg gibt. Ein Abkommen mit der deutschen Regierung Wie die «Vossische Zeitung» mitteilt, wurde in Berlin eine Treuhandgesellschaft gebildet, die mit der Reichsregierung eSn Abkommen über die Ermöglichung des Transfers von Geldern reichsangehöriger Juden nach Palästina abgeschlossen hat. Das Abkommen geht dahin, daß Juden für ihre ln Deutschland befindlichen Gelder auf palästinensische Rechnung Maschinen einkaufen können, worauf ihnen dann der entsprechende Betrag fii Palästina gutgeschrieben wird. Dieses Abkommen ist bis zu einem Höchstbetrag von 3 Millionen Mark abgeschlossen worden. Gleichzeitig werden weitere 3 Millionen Mark bewilligt für den Transfer von Vermögen deutscher Zionisten für ihre Emigration nach Palästina. Von zuständiger Stelle wird diese Meldung als verfrüht bezeichnet. Die Verhandlungen seien noch nicht ganz abgeschlossen. Eine Mitteilung über ihr Ergebnis werde zu gegebener Zeit erfolgen. Warum die deutschen Juden den Kongreß nicht beschickten Wir entnehmen dem Hamburger «Israelitischen Familienblatt» folgende Ausführungen: In dieser Woche findet in Prag der 18. Zionistenkongreß statt, dem eine ganze Reihe Tagungen zionistischer Gruppen und dem Zionismus nahestehender Organisationen vorangegangen ist und dem sich Festspiele des Makkabi-Weltverbandes anschließen werden. Bei all diesen Tagungen fehlen reichsdeutsche Delegierte! Das ist kein Zufall. Die deutschen Juden wollten nicht durch ihre Anwesenheit Zeugen einer eventuellen Kritik oder gar von Angriffen werden, die von politischen Heißspornen, unter den Einwirkungen der im Ausland betriebenen verwerflichen antideutschen Hetze, möglicherweise gegen ihr deutsches Vaterland erhoben werden würden, das Land, dem sie auf Gedeih und Verderb, durch Geburt und Tradition, durch Geschichte und Kultur, durch Gefühl und die hervorragendsten Taten der Vaterlandsliebe verbunden sind und bleiben. Dieses würdige und die deutsch-vaterländischen Interessen vor die jüdischen Belange stellende Verhalten wird gewiß im ln- und Ausland nicht ohne Eindruck bleiben. Wenn Nahum S o k o 1 o w in seiner Eröffnungsansprache zum Zionistenkongreß betonte, daß die Juden in aller Welt von tiefer Bewunderung für die Kultur Deutschlands erfüllt sind, so wissen wir zwar: dem neuen Deutschland liegt vielleicht nicht viel an dem Urteil seiner oder gar ausländischer Juden! Uns als deutsche Juden erfüllt es aber doch mit Befriedigung, daß das Deutschland unserer Tage aus solchen Worten die Erkenntnis beginnenden Verstehens gewinnen kann. Zionismus ausgesetzt ist. Entjuden bedeutet für uns entmenschen. Juden können sich nicht von ihren historischen, kulturellen, religiösen und nationalen Beziehungen straflos loslösen. Ein Zustand jüdischer Beziehungslosigkeit ist undenkbar. Feststehen die Grundpfeiler des Zionismus in jüdischer Gesinnung in Rußland trotz aller Verfolgungen. Glaubt man daran nicht, so möge man doch die Probe machen! Ein klein wenig Freiheit für Versammlung, Schrift, um Rede zu gewähren, dann wird man sehen! Diese Freiheit wird nicht gewährt, die drei Millionen Juden Rußlands sind mit unserer Literatur, in unserer Presse und auf . unseren Zionistenkongressen verstummt. Daß wir noch jetzt in der Atmosphäre extremer Freiheit als Juden und Zionisten leiden sollen, wir, die früheren Opfer und Märtyrer der Despotie — das widerspricht den elementarsten Gesetzen — nicht nur abstrakter Gerechtigkeit, sondern auch jeder wohlverstandenen Staatsraison! In der Beurteilung der Lage des jüdischen Volkes müs- Referat Dr, Arthur Ruppin: Die Seßhattmacbang der deutschen Jeden in Palästina Die gegenwärtige Lage der Inden In der Welt Die Kongreßrede Nahum Sokotows Von unserem nach Prag entsandten Dr. J. R.-Korrespondenten

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