Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 297 (29.8.1933)
- Date
- 1933-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 DIE STIMME Nr. 297 — 29. August 1933 Jst die xionistise/ke Crganisation %u retten? Von F. Bernxieln, Rotterdam Wer die Sturmzeichen einer fanatischen Erbitterung wahfgenommen hat, eines Bruderhasses, mit dem die Arbeiterparteien und die Revisionisten einander in hemmungsloser Wut bekriegen, muß sich in größter Besorgnis fragen, wie lange die zionistische Organisation diesen grauenhaften Zersetzungsprozeß noch ertragen wird. Diese Sorge wird um so größer, da die Notwendigkeit des Zionismus täglich dringender, täglich sichtbarer wird. Im wichtigsten Emanzipationslande ist die jüdische Emanzipation zusammengebroehen, und wie verhaßt den Nachbarländern Deutschlands auch das Hitler-Regime sein möge: der Export antisemitischer Gedankengänge scheint noch von keinem Boykott getroffen zu sein, denn er geht unentwegt und erfolgreich vor sich. Was manchem früher eine etwas theoretische Angelegenheit osteuropäischer Provenienz schien: die Judenfrage, ist heute In den fortschrittlichsten Ländern der Welt als brennendste Aktualität erkannt und anerkannt worden. Die Juden sind allenthalben tief erschüttert und voll geängstigter Ratlosigkeit; jüdische Flucht aus einem Land bedroht die jüdische Position in anderen Ländern; nirgends kann man flüchtende Juden brauchen. Da taucht dann der Name Palästina auf. Auch in den Gedanken der zahllosen Juden, die den Zionismus verlacht oder negiert hatten. Es ist das Licht im Dunkel. Ja, Palästina — das ist auch noch da . . . Aber kann es denn die Judenfrage lösen? Ist es denn eine wirkliche Hoffnung, eine wirkliche Rettung? Die arabische Einwanderung ist frei, die jüdische beschränkt. Das Land ist klein. Seine Aufnahmsfähigkeit kann gewaltig wachsen, wenn die Regierung es will; Bodengesetzgebung, Ameüorationspolitik, Zollpolitik, Steuerpolitik, Handelspolitik: die ganze Gesetzgebung und Verwaltung könnte auf die Vergrößerung der Aufnahmsfähigkeit für jüdische Immigration gerichtet sein, aber sie ist es durchaus nicht. Man läßt uns gewähren. Aber der eigentliche Schlüssel zum jüdischen Palästina bleibt uns vorenthalten. Unsere private Anstrengung, wie groß sie auch sei, kann ihn nicht ersetzen. Aber, gibt es denn keine zionistische Politik, keine Zionistische Weltorganisation, keine Jewish Agency? Nun ja, das ist es eben. Es gibt Kongreßwahlen und einen Kongreß, aber kaum eine Organisation und keine Kraft und keinen Willen und keine Klarheit und keine Gedanken und keine Pläne und kein Ziel, denn die Zionisten'sind vom Bruderkrieg verzehrt und haben keine Zelt für den Zionismus. Sie trösten sich mit dem Emek und den Pardessim und den Bankdepositen, und wissen doch, daß dies nicht genügt, die Bodenfrage zu lösen. Gibt es nun keine Rettung? Sind wir verurteilt, uns ln diesem der Umwelt nachgeahmten Krieg zwischen rechts und links zu verzehren? Ist wirklich kein Ausweg da? « * * Vielleicht gibt es eine Rettung Nicht, daß Ermahnungen zur Einigkeit helfen werden. Damit beseitigt man das Uebel nicht Vielleicht wird der Kongreß ohne gefährliche Ausbrüche vorübergehen. Man will ja allerseits vorsichtig und zurückhaltend sein. Man will der Welt kein beschämendes Beispiel geben. Aber darnach? Draußen? Wird der Kampf dann nicht weitergehen, weiterfressen? Gutgemeinte Ermahnungen helfen nicht. Man wird von untenher anfangen müssen, und das Ist möglich, gerade jetzt. Jetzt nämlich kann man wieder leicht für den Zionismus werben, draußen, außerhalb unserer Reihen, unter den wachgeschüttelten Juden. Wo wir dreißig Jahre lang an verschlossene Türen geklopft haben, wird uns aufgetan. Zu den früheren Assimllanten können wir gehen, und wir werden sie zu wahren Zionisten machen. Die Möglichkeiten sind ungeheuer. Man braucht sie bloß in organisierter Anstrengung auszunützen. Wenn jetzt unser Organisationsdepartement sich aufraffen könnte, müßte es möglich sein, die zionistischen Verbände alle — auch die Fraktionen — zu einer Intensiven, nach außen, auf die noch immer zahllosen Nicht- Zionisten gerichteten Werbungspropaganda anzuleiten. Wozu würde das führen? Erstens müßten die Flügel automatisch in ihrem gegenseitigen Kampf nachlassen, wenn sie ihre Energien nach außen richten, auf konstruktive Arbeit verwenden. Erst dann würden die Fraktionen die zionistische Bedeutung bekommen, -die ihnen zukommt. Denn s i e würden die Propaganda in den Kreisen führen, die ihnen weltanschaulich nahestehen, die sie dann eben nicht für ihre Weltanschauung, sondern gerade für den Zionismus gewinnen müßten. Zweitens zeigt sich dann sofort, daß die Propaganda zwingt, die inneren Anschauungsunterschiede etwas zurückzustellen. Man kann nicht werben, indem man andere zionistische Richtungen fortwährend bekämpft. Wir werden immer unsere internen Diskussionen haben, natürlich. Aber sie werden eben intern sein: ■ach außen treten wir geschlossen auf. Drittens ist es klar, daß man Jetzt zionistische Propaganda anders als 2ur Lösung der Judenfrage gar nicht führen kann. Da werden wir dann das Wunder erleben, daß uns diese Notwendigkeit einmal selbst zwingt, uns von der alles beherrschenden Bedeutung der Judenfrage zu durchdriragen, und uns selber klar zu machen, daß für den Juden kein einziges allgemeinmenschliches Problem zu lösen Ist, ehe nicht die Judenfrage als Ganzes gelöst ist Muß das nicht automatisch dazu führen, daß wir allgemeinen Fragen, welcher Art immer, etwas weniger Bedeutung beimessen als bisher? Natürlich wird es im wachsenden Palästina verschiedene Gruppen mit verschiedenen Interessen geben, und die sollen im Rahmen des Jischuw gewiß Ihre angemessene Vertretung finden. Aber auch da wird sich das Bewußtsein, die Judenfrage lösen zu müssen, einigend und die Gegensätze mildernd auswirken. Dann wird der Jischuw seinerseits wieder in einem noch ganz anderen Sinne als jetzt unsere beste zionistische Propaganda sein. * > * Schließlich wird noch eine vierte, äußerst wichtige Folge efntreten. Wenn der Zionist nämlich hinauszieht und für seinen Gedanken wirbt, in einem oft mühsamen Ringen um die Seele des Juden kämpft in einem für ihn selbst auch zionistisch sehr fruchtbaren Kampf, dann wird er entdecken, daß die gemachten Eroberungen befestigt werden müssen. Er wird einsehen, daß die geglückte Werbung nur ein Anfang ist, daß der Zionismus der neu Gewonnenen vertieft werden muß. Dafür genügt es nicht, wenn ein Neugewonnener vielleicht verspricht, daß er das nächste Mat den Schekel kauft. Man wird die Werbung solange fortsetzen müssen, bis der Mann einer zionistischen Organisation beltritt. Man wird begreifen, daß man den Mann festlegen und fest halten muß. Man wird es wünschen. Man wird den Wert fester Mitgliedschaft begreifen lernen. Man wird einsehen lernen, daß für zionistische Leistung — undauf die kommt esan — zehntausend festorganisierte, opferwillige Mitglieder mehr bedeuten als 50.000 Schekelkäufer, die man nach den Wahlen zwei Jahre lang nicht mehr sieht. Und dann J wird von innen heraus der Begriff für die organisatorischen Notwendigkeiten entstanden sein, an dem es jetzt fehlt. Dann kann man aus der Kongreßbewegung auch eine Organisation machen. Ist einmal der richtige Geist in den Zionismus eingezogen, dann ist alles übrige eine Frage vernünftiger Organisationstechnik, die alle lokalen Eigentümlichkeiten berücksichtigen kann. * * * Die Folgen eines solchen Umschwunges müßten notwendigerweise weitreichend und segensreich sein. Ein arbeitsfähiger Kongreß wäre eine der Folgen. Eine natürliche Konzentration auf die wirklichen und sachlichen Probleme Palästinas könnte nicht Ausbleiben. Nicht jeder Zionist wird ein Agrarfachmann werden Oder ein Finanzexpert, aber das ist nicht nötig. Der Zionist wird aber Begriff bekommen von dem, was wesentlich ist und was es nicht ist, denn immer wird ihm das Ziel vor Augen stehen, für das er geworben hat. Darum wird er auch die politischen Fragen ln ihrer wahren Bedeutung erfassen; er wird nicht länger in allgemeinen politischen Phraseologien schweigen, sondern sich fragen, was uns für und ln Palästina mit Rücksicht auf unser Ziel politisch notwendig Ist. Er wird zwischen Diplomatie und Wirtschaftspolitik unterscheiden lernen. Und nicht nur das. Eine politisch geschulte Bewegung wird auch Sozusagen automatisch zu einer starken Politik der zionistischen Leitung führen. Sie wird aus der Organisation die Kraft und Inspiration schöpfen, deren sie bedarf. Und das ist doch Sinn und Zweck'einer zionistischen Weltorganisation. Eine straff gegliederte zionistische Organisation kann auch den finanziellen Problemen ganz anders entgegentreten. Unsere Finanznot hat ihre ausschließliche Quelle in unserer Desorganisation. Ich beschränke mich jetzt auf diese Andeutung. Die Lösung unserer Finanzprobleme liegt nicht bei neuen Spendenfonds und immer anderen Kombinationen mit Nicht- Zionisten. Sanierung der Organisation bedeutet Sanierung der Finanzen, ist dafür Vorbedingung. Das alles ist möglich. Unser Organisationsdepartement hat eine ungeheure Aufgabe und könnte die Rettung der zionistischen Organisation herbeiführen. Der Zlonlstenkonnrefi an der Hfhelt Der Tod der Referate Von unseren J. R.-Korrespondenten. Nach der Wahl des Präsidiums berichtete das Mitglied der Exekutive Emanuel Neumann über die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina. Die Entwicklung Palästinas ist nichts Spezifisches und es sei für den Aufbau des Landes ebenso wie für jedes andere notwendig, nach einem Programm zu arbeiten. Unser Ziel muß darauf gerichtet sein, eine möglichst große Zahl von Juden in Palästina anzusiedeln und sie in den Wirtschaftsprozeß einzugliedem. Etwa 27 Prozent der jüdischen Bevölkerung Palästinas leben auf dem Lande und 17 Prozent haben in der Landwirtschaft Beschäftigung gefunden. Die Städte Palästinas wachsen nicht auf Kosten der Dörfer, wie es anderswo geschieht, sondern auf Kosten der Galuth. ln Palästina kann man keine Landflucht feststellen, denn die Menschen ziehen es vor, Heber auf dem Lande als in der Stadt zu wohnen, ln den letzten zwölf Monaten wanderten nach Palästina 20.000 Menschen ein. In den palästinensischen Banken haben Juden 7 Millionen Pfund angelegt, die dem Wirtschaftsprozeß zugeführt werden könnten. Neumann fordert die Juden auf, den großen wirtschaftlichen Unternehmungen in Palästina mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Er hofft, daß ein Investment Trust, an dem sich Juden der ganzen Welt beteiligen könnten, ins Leben gerufen wird, was für die Entwicklung Palästinas von großer Bedeutung wäre. Wir wissen, daß dies eigentlich Pflicht der Mandatarmacht wäre, da diese aber nichts unternimmt, müssen es die Juden allein machen. Wir dürfen eine Politik, die aus den Geldern der Anleihe nur Araber ansiedeln will und nichts für jüdische Zwecke vorsieht, nicht akzeptieren. Mit einem Appell an den Kongreß, die hiezu notwendigen Beschlüsse zu fassen, schließt der Redner. Die Nachtsitzung wurde vom Vorsitzenden Doktor Motzkin eröffnet, der das Wort Laib Jaffe zu seinem Referat «Der Weg des Keren Hajessod» erteilte. Was die Arbeitsresultate, führt Jaffe aus, des letzten Jahres anbelangt, so wird der Keren Hajessod, abgesehen von Amerika, annähernd die Quote der Einnahmen erreichen, die geschätzt war. Vielleicht wurde noch nie eine so anstrengende Leistung vollbracht, wie in diesen zwei Jahren, ln fast 60 Ländern der Welt wurde die Arbeit geführt. Die ersten 5 Millionen des Keren Hajessod sind fast erreicht. Die zahlreichen Touristen, die Palästina bewundern, hätten das alles nicht gefunden, wenn die nationalen Fonds, Keren Hajessod und Keren Kajemeth, es nicht geschaffen hätten. Die private Initiative hätte keine Möglichkeit gehabt, .wäre der Weg für sie nicht durch das nationale Kapital geschaffen worden. Ohne Keren Hajessod hätte sich das BUdungswesen nicht entwickelt, das die hebräische Sprache zu neuem Leben erweckt hat. Der Keren Hajessod wirkte einigend auf das ganze Judentum, er war die neutrale Kraft, die verschiedene Gruppen und Parteien zu erfassen vermochte. Wir kommen nicht mit Vorschlägen einer Aenderung des Systems. Wir haben nur eine Losung: die Idee des Keren Hajessod, des nationalen Kapitals und des einheitlichen Volksfonds. Nie war die Notwendigkeit des nationalen Kapitals so klar wie gerade heute. Es handelt sich nicht um den bestehenden Jischuw in Palästina, sondern um die jüdischen Massen, die nach Palästina wollen, um die deutschen Juden, denen die Existenzmöglichkeit genommen wurde. Es handelt sich um die Sache des ganzen jüdischen Volkes, um den Aufbau der jüdischen Heimat. Voraussetzung für die Privatinitiative ist das nationale Kapital. Wir sind zuversichtlich, daß in Zukunft unsere Arbeit leichter sein wird. Hätten die Juden uns gefolgt, dann müßten nicht tausende verfolgte Juden vergebens an die Tore unseres Landes klopfen. Der Gedanke einer langfristigen Anleihe mit niedrigerem Zinsfuß muß wieder aufgenommen werden. Keren Hajessod und Keren Kajemeth sind ein Teil der zionistischen Bewegung. Die Frage der Zukunft, des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod ist die Frage der zionistischen Organisation. Wir gehen weiter in unserer Arbeit mit dem unerschütterlichen jüdischen Glauben, mit der unerschöpflichen zionistischen Idee. Das ist unser Weg, schloß Jaffe sein mit Beifall aufgenommenes Referat. Berl Locker, Mitglied der Exekutive, berichtet über die Tätigkeit des Organisationsdepartements, Vor zwei Jahren befand sich der Zionismus in einer Ideologischen Defensive. Inzwischen hat die zionistische Stimmung die jüdischen Massen der ganzen Welt erobert. Die Lage der jüdischen Massen Im Osten ist trostlos geworden und die zionistische Diagnose des Judenproblems hat sich als richtig erwiesen. Palästina Ist der einzige Ausweg aus der traurigen Situation geworden. Das Organisationsdepartement hat sich ln dsn zwei Jahren nicht nur mit den Orgahisationsfragen befaßt, sondern auch finanzielle Fragen Palästinas gelöst. Unsere Arbeit muß sich auf die Stärkung der zionistischen Fonds richten. Der prinzipielle Kampf gegen das nationale Kapital könnte von schweren Folgen begleitet sein. Eines der vielen Probleme ist die Normalisierung des innerzionistischen Kampfes.