Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 296 (24.8.1933)
- Date
- 1933-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife * DIE STIMME Nf. 296 — 24. August 1933 Das Problem der Kongveßwahten N«MMkn«k« Ward vou Bruno Habt owttx, Wien Di« Wahlen «um 18. Kongreß sind vorbei. Es sei mir gestattet, einige Randbemerkungen aur Durchführung dieser WaWen zu machen, die vielleicht für die OrganfeatfoflSkommission des Kongresses Anhaltspunkte bieten können. Ate Anhänger des demokratischen Prinzips kann (eil es niemals für richtig hatten, daß eine Minderheit die Msjoritit beherrscht, und stets trete Ich dafür ein, daß für jedes Mitglied einer Gemeinschaft die Entscheidung der Mehruhl maßgebend sein muß. Wie verhält es sich nun mit den Wahlen zur Obersten Behörde der Zionistischen Organisation? Ich glaub«, man kann heute beruhigt festetellen, daß die Wählet för die Delegationen zum Kongreß zur überwiegenden Mehrheit (skherlich 60 bis 70 Prozent) nicht der Organisation aegshören. Man täusche sich doch nicht darüber, daß der größte Teil der «Schekelzahlsr» nicht als Mitglieder unserer Organisation angesprochen werden kann. Ich will nicht bs» haupten, daß die Schekelwlhler, die ln die Wählerliste und dann aueh zur Wahlurne kamen, nicht berechtigt wären, bei der Entscheidung Ober jüdisches Schicksal mitzusprechen. Aber sie haben sich dieses Recht nicht erworben, sie haben es nicht angestrebt, sie haben — und das er« scheint mir das Wesentlichste —• nicht die genügende Sachkenntnis, um entscheidend einzugreifen. Und das ist das Tragische: diese Masse der Juden, die einmal in zwei Jahren mit der Organisation nolens volens in Kontakt tritt, hat über die Zusammensetzung des Kongresses entschieden. Diesem Zustand muß nun endlich von einer Organisation, die nicht nur formell «demokratisch» sein will, sondern die etwas auf den inneren Aufbau hält, ibgeholfsn werden. Das Organisationskomitee auf dem Kongreß, das sich aus gewiegten Arbeitern innerhalb der Organisation zusammensetzen wird, muß Mittel und Wege suchen, um einer unhaltbaren Situation beizukommen. Ich schlage daher vor, man möge vor «Hem die unbedingte Ergänzung de« Wahletatut» durchführen, daß mir jene Juden, resp. Schekelzahler wahlberechtigt sind, die in beiden Jahren ihren Schekel entrichten. Die Landee-ScHeketkommissionen haben aleh In Permanen« in er* klären und euch Im kongreßloeenjahr «iß« Wählerliste aufzueteilen. Ferner müßten euch Jene Schekelzahler das Stimmrecht erhalten, die, wenn sie wohl nur im zweiten Jahr Schekel zahlen, aber gleichzeitig der Organisation beigetreten eind, dae heißt Parteiateuer entrichtet und bei einer Sondergruppe ständige Mitgliedschaft erworben haben. Daraus wird sich für die verschiedenen Oruppen die Pflicht ergeben, Jedes Jahr ihre Sonder -Schekel» Propaganda zu entfalten und der Organisation werden mehr Mittel zufließen. Mit einer so verdoppelten Schekelpropagsmda soll und muß von diversen Organisationen auch eine Propaganda für die Idee verbunden sein. Man bedenke doch, daß der Kongreß von Vertrauensmännern der Organisation beschickt sein soll, daß die Mehrheit der wirklich in der Organisation tätigen jüdischen Menschen entscheiden soll und nicht die Uebermacht der Schlepper, Autos und Geldmittel, die ja plötzlich bei Wahlen aufgebracht werden und 6onst ausbleiben, Wenn ich nieht fürchten würde, mir die besondere Ungunst der Ueberdemokraten zuzuziehen, würde ich dae Stimmrecht für den Kongreß nur den eingeschriebenen Mitgliedern dir Organisation und nicht denjenigen Juden bewilligen, die zufällig Schekel gezahlt haben oder, wie «l leider oft vorkam, plötzlich erfuhren, daß sie in der Wählerliste sind, während diese Liste die Namen jener zionistische» Mitarbeiter oft nicht enthält, die der Organisation oft seit Jahrzehnten durch Bekenntnis und Leistung angehören. Dem Organisationskomitee des Kongresses möchte ich zum Schluß doch eins« zu bedenken geben: Das Mitbestim* muugsracht an den Entscheidungen soll doch endlich nicht dem Zufall überlassen sein, sondern «in wahre» Bild von der Zusammensetzung der Zionistenorganisation geben* elemente des jüdischen nationalen Helms sind, und Boden und Einwanderung noch für viele Jahre die beiden wichtigsten praktischen Probleme für unsere Arbeit in Palästina bleiben, so ist die Fragt der Sicherheit eine nie aufhörende Sorge. Oie Regierung hat viel getan, was wir dankbar würdigen, aber es bleibt noch sehr viel zu tun, bevor wir sagen können, daß die in ihrem nationalen Heim lebenden Juden jenes SicherheitagefftW haben, da« zum Begriffe «Heim» gehört. Es sind gewisse Vorschriften in bezug auf die Beschäftigung von Juden bei öffentlichen Arbeiten gemacht worden, aber wir können nicht sagen, daß die Entscheidung der Regierung unseren gerechten Forderungen voll entspricht, und im allgemeinen wird die ganze Frage der Beteiligung der, Juden ap dem Verwaltungsdienst des Landes sowie an seinen Verteidigungstruppen sehr sorgsam geprüft und energisch verfolgt werden müssen. Wir steilen mit Vergnügen den Fortschritt kn HinWiek auf den Regierungsbeitrag zur jüdischen Er« Ziehung»- und Cesundheitsarbeit fest, ate einen äußerst wichtigen Schritt m einer Richtung, m der wir hoffentlich künftighin noch weiter vorwärts kommen werden* Das Verhältnis Palästinas zu den wirtsehaftilehen Vor« teilen, die die Zugehörigkeit zum britischen Reich mit sich bringt, stellt ein noch ungelöstes Problem dar und d 11 palästinensische Industrie leidet darunter, daß sich die Präferenz-Zölle gegen ihre Produkte auswirken. Die Straßen der Welt sind wieder einmal mH jüdischen Wanderern übersät, die keinen Weg wissen, weil e§ kaum Irgendwo einen Ort gibt, wo man sie einläßt. Ich bin Mitglied eines Komitees in London, das die Aufgabe hat, Mit» te) zu finden, um Juden in verschiedenen Ländern der Welt unterzubringen, und die Berichte, die wir erhalten, sind herzzerreißend. Wir brauchen Zuflucht für Zehnteu* sende und die freien Plätze zählen nach Dutzenden, bestenfalls nach Hunderten. Die einzige Ausnahme ist Palästina. Das ist keine Übertretung, es ist buchstäbüche Wahrheit, In Palästina ist Raum für Hunderttau» send« von Juden in den nächsten paar Jahren und MüHonan von Juden m den nächsten Generationen. Je mehr Juden nach Palästina kommen, desto größer wird die Aufnahme« fähigkeit sein, denn wir bringen in das Land unsere Energie und unsere beachciedenen Ersparnisse, wir bringen den Glauben an unsere Zukunft und an die Zukunft dea Landes mit, den Glauben, der die Wunder wirkt, die jeder Besucher, ob Jude oder Nichtjude, mit Händen greift. Pie viel gerühmte Prosperität Palästinas ist kein Zauberkunststück, Sie ist die Wirkung des jüdischen Glauben» an das Land und der jüdischen Arbeit für das Lsnd. Wenn dies fehlt, flät die Prosperität Palästinas zusammen wie ein Kartenhaus. Das weiß jeder. Das weiß die Regierung. Und wenn ki der jüdischen Geschichte der Neuzeit die dringendste Not entsteht und Zehntausende, vielleicht Hunderttausende von Juden eine Zuflucht suchen, verlangen wir die Aner« kennung dieser Not seitens der Mandstarmacht als eine Antwort auf den Ruf und den Notschrei des deutschen Judentums nach Palästina und dem jüdischem nationalen Helm. Aus diesen Umständen ergeben sich gewisse Konsequenzen, gewisse Arbeitsmethoden, über die der Kongreß beschließen muß. Das erste Ist: Einheitlichkeit •jüdischer politischer Aktion. Es ist tragisch, daß es in diesem Stadium unserer Geschichte noch aktuell ist, vor einem Zionistenkongreß über die Notwendigkeit der einheitlichen Aktion und der Solidarität zu sprechen. p«ser. Kongreß muß ein für «Heros! die Frage der Einheitlichkeit zionistischer Aktion lösen, Einheit zionistischer Aktionen bedeutet nicht, daß «Ile Zionisten gleich denken. Aber es kann und muß bedeuten, daß alle Zionisten gleich vorgehen. Der zweite Punkt, auf den wir uns konzentrieren müssen, ist dis Mobilisierung der jüdischen öffent- 1 i c h e n M e i n u n g. Nie noch hat das Judentum als Ganzes so klar wie haute erkannt, daß nur Palästina die jüdische Krankheit heilen kann. Palästina ist zur großen Hoffnung aller Juden geworden. Das jüdische Volk erkennt, wie sehr es Palästina braucht, nicht nur für jene anderen, die verfolgt werden, sondern für jeden einzelnen von uns. Die Lage In Deutschland hat uns gezeigt, daß Westjuden Palästina genau ebenso nötig haben wie Ostjuden. Aber in der Praxia ist die Antwort der Juden auf die Möglichkeit Palästinas noch Immer recht unzulänglich. Von diesem Kongreß muß ein Ruf an das Volk ergehen, der nicht überhört werden kann. Es geht am praktisch« Plinet Wenn das Judentum der Welt sehen wird, daß wir dos Problem der deutschen Juden auf Palästina so anfassen, daß sie Vertrauen gewinnt, daß wir wirklich imstande sein werden, unseren deutschen Brüdern durch Palästina und ln Palästina zu helfen und zugleich unsere Wurzeln ün Lande zu stärken und es Instand zu setzen, die Probleme der Juden in anderen Ländern zu lösen, wo die Lage nicht so katastrophal, aber die Not nicht viel geringer Ist als in Deutschland, dann wird sich uns das Volk ansehließen und uns die politische Kraft geben, zu fordern und mit Erfolg zu fordern. Ich glaube, daß es nunmehr möglfch Ist, Körperschaften zur Mitwirkung für uns zu gewinnen, die uns früher ferne standen oder die uns sogar bekämpften. Eines der Probleme, mH denen wir uns zu beschäftigen haben, ist der Status der Jewteh Agency, der Körperschaft, deren Aufgabe es ist, die Mandatarmacht zu beraten und mit Ihr zusammenzuarbeiten. Dieser Statue muß gestärkt, vielleicht neu definiert werden, insbesondere in Anbetracht der gefährlichen Experimente mit der Verfassung, die die Regierung anzustellen beabsichtigt. Eine geeinigte Judenheit, die geschlossen hinter unserer Arbeit steht, wird der Agency in beträchtlichem Maße die Autorität gegenüber der Regierung verleihen, die sie noch nicht besitzen kann. Wenn aber die Juden der Welt in Palästina ähre Rettung 1800 m ü. M. (Schweiz) HOTEL METR0P01 Hee- H. Levln — 1. Hang, fl- Wasser und iel.*An8Qh». In allen Zimmern. Appari. m. Had. Büdbalkons, Mod Unter haltun'ier um«. Hing l’ongtaal, UH «to. Heduslerle Preise. Mit «a|Milileii«»eii KlnäeriitiM ^Wiener Wurstfabrikant Rieht aur Errichtung einer Selcherei in Haläatna einen ompagnod mit Kapital. Eventuell Anstellung. Unter «Zukunft» an die Administration des Blattes. erblicken sollen, dann müaeen wir un« für einen dritten Punkt unserer Politik entscheiden, und dieser betrifft den Status der Juden in Palästina. Warum besteht b«l allen Juden mit «ehr wenig Ausnahmen ein starkes Oefühl der Besorgnis, so oft dieser Vorschlag auch nur erwähnt wird? Die Ursache ist, daß wir di# Empfindung haben, daß die Einführung einer solchen Aen* derung in der Verfassung des Landes bedeuten könnte, daß wir uns einer Mehrheit zu unterwerfen haben. Und wir gehen nicht nach Palästina, um dort die Lage zu verewigen, in dir wir anderswo sind, der Splelball anderer Faktoren zu sein, die über unser Schicksal entscheiden, und unsere vielfache Erfahrung tu wiederholen, aus Ländern, wo Jüdische Arbeit und Energie und Intelligenz willkommen sind, solang« bis man sie nicht mehr braucht. Wir betrachten Palästina nicht als eine der Stationen auf dem Wege Ahasvers, wir betrachten es als die Endstat on, und darum ist die Frage des Status der Juden, die sieh in Palästina niederlassen, von entscheidender Wichtigkeit Unsere politische Arbeit muß auf der Auffassung beruhen, daß Palästina alle Faktoren verbindet, die ein nationales Leben schaffen. In Palästina und durch Palästina müssen wir das große Unglück der Qaluth, die politische Unsiehsrhflt dea jüdschen Lebens, gut machen. In und durch Palästina müssen wir das schaffen, was im wirtschaftlichen Leben das Judentums am meisten fehlt, nämlich ein w i r t s c h a f tliebes Gleichgewicht, durch das die verschiedenen Berufe dtr Juden s:eh dem anpassen, was das jüdische Volk braucht, ln und durch Palästina müssen wir unser jlW!srhe» geistiges Leben wieder aufbauen, begründet auf der Sprache, in der unsere Propheten sprachen und unser« Dichter sangen, und auf den großen Idealen, die sie der Menschheit gaben. Nicht einen palästinensischen Terrtorialismus brauchen wir, sondern eine palästinensische Neu» Schöpfung jüdischen Lebens. Schließlich muß der Kongreß über einen politischen Weg Beschluß fassen und den Natonen der Welt die W a b r h e i t über die Lage des jüdischen Volkes und über Palästina als die Rettung des jüdischen Volkes klar ZU machen. Vor allem muß dies Großbritannien lernen. Wir müssen für unser Volk das Wort führen, vor anderen großen Nationen. Wir müssen an den Völkerbund appellieren, der das konzentrierte Gewesen der Menschheit darstellt. Dj« Arbeit Dr, Jacobsohns in Genf hat viel beigetragen, um sowohl den Beamten des Völkerbundes als auch den Staatsmännern verschiedener Länder unser Problem näher zu bringen. Das parlamentarische Komitee im Unterhaus in London, das Komitee in Washington, die Komitees in Paris und in anderen Hauptstädten stellen wichtige Schritte auf diesem Wege dar und müssen weiter entwickelt werden, Es ist höchst bedauerlich, daß ein Teil unserer Bewegung ein kindisches Spiel aufgeführt hat, mit dem Gedanken einer Petition an die Menschheit, die sie als auf die Nichtkpoperat.ion mit der Mandatarmacht begründet erscheinen Ueß. Der Kongreß muß diesen falschen Eindruck gut machen und seinen Appell an das Gewissen der Menschheit, gestützt auf Kooperation mit Großbritannien richten. Unsere Jugend, die in vielen Ländern qur die eiserne Mauer der Hoffnungslosigkeit vor sich sieht, unsere ältere Generation, die nach einem Leben der Arbeit Vernichtung und Vertreibung als ihr Los Naht, das ist ein gewaltiger Ruf an dl« Menschheit, an Großbritannien, an den Völkerbund, an alle Nationen, die di« moderne Kultur repräsentieren. Manchmal staune ich, wie dl« Nationen der Welt das Problem des Judentums in bezug auf Palästina auffassen. Manchmal scheinen sie so zu danken: Es iet für ein paar Juden möglich, sich auf ein paar Bodenstückchen ln Palästina anzusiedeln, wenn das für niemanden anderen Unannehmlichkeiten mit sich bringt, wann diese Juden wirklich nachweisbar altruistisch sind und es anderen zu Liebe tun, dann sind wir bereit, ihnen es zu erlauben. Manche möehten unsere Hilfe bei der kulturellen Entwicklung des Orients, andere wollen, daß wir diesen Durchgang zwischen Ost und West aufsehtießen, manche erwarten von der jüdischen Rückkehr nach Palästina für die Menschheit eine neue Generation von Propheten, eine neue Auslegung menschlich ethischer Geistlichkeit, andere finden unsere soziologischen Experimente interessant. Wenige sehen bisher ln der jüdischen Rückkehr nach Palästina unseren nationalen Kampf, um die Befreiung von Knechtschaft Ich denke, die Menschheit wird uns ernster nehmen, wenn wir heute auftreten und offen sagen: wir sind glücklich, wenn unsere Arbeit in Palästina den Orient entwickeln hilft oder die Verbindung zwischen Ost und West erschließt, wenn sie euch neue Jesaias oder neue Möglichkeiten soziologischen Leben« schenken wird. Aber was uns treibt, ist vor allem anderen, dem jüdischen Volk, uns selbst zu dienen. Wir können in unserer jetzigen Lage nicht weiterleben. Wir haben alle denkbaren Versuche gemacht, um diese Lage erträglich zu gestalten. Wir sind Jedem Irrlicht nnchgeiaufen. Aber Palästina iat unsere einzige Zuflucht. Wir verlangen von dir, Kuiturmenschhelt: Hilf uns, mach* es uns möglich, unser nationales Leben in unserem nationalen Heim wieder aufzubauen. Alles Gute, was du von uns erwartest, wird kommen, wenn wir Juden In unserer großen Menge uns wieder aufrichten, uns in Palästina wieder konzentrieren können als «in« Nation.