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Die Stimme · 1933-08-24 · Heft 296 (24.8.1933) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 296 (24.8.1933)
Date
1933-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Affe* Nt. 296 — 24. 'August 1935 MB STIMME Ssssäss^SLäsLäsiäsisiässssssssi (VM am nsh Prag entsandten J. R.-Korrespondenten.) Prag, 22. Aügust. Dienstag vdfRtittags begäftfl 4*f Ziofllitenkongreß seine eigentfWlfcn Beratungen. An dem Tische, W0 die Exekutiv* ihre 8KM Sill« nahm, war ein Stuhl, schwtf* drapiefti linMMtZt gi« blieben. Er erinnerte daran, daß «in«f UflMflf bestell, der dieser Exekutive angehört hatte, Df. C h a i irt Arlosoroff, diesen Kongreß nicht mehr fiat erleben dürfen. Die Verhandlungen finden im SmetanaSMl des RepfieentattonshauSes Statt. 2u Beginn der SttSllflg Würde Vom Vorsitzenden Sokolow eine Reüld von tele*- graphischen Begrüßungen zur Verlesung gebracht. Nachdem noch Rabbi Meir Berlin Im Namen des «Misrädhi» gesprochen, hielt der politische Leiter der Londoner Exekutive, Prof. Selig Brodetsky, in hebräischer Sprache das politisch« Referat. Ee Ist dies das erste Mal, daß das politische Referat in hebräischer Sprache gehalten wird. Die Situation des Kongresses zeigte sich gleich am ersten Tag außerordentlich schwierig, so daß das vorgesehene politische Referat Sokoiows über die Lage der jüdischen Bevölkerung der Welt verschoben werden mußte. Die Schwierigkeiten, die sich der Bildung eines | Kongreßpräsidiums entgegenstellten, konnten nicht aus dem Wege geräumt werden, allen Bemühungen zum Trotz, die vom Zentrum, dem Aktionskomitee und der Exekutive ausgingSn. Die Sofialisten lehnen es nach wie vor ab, mit den Revisionisten gemeinsam im Präsidium zu Sitzen. Anderseits drohen die Revisionisten mit dem Exodus, wenn von den bisherigen Prinzipien der parteimäßigen Zusammensetzung des Präsidiums abgegangtn Werden sollte. Damit ist gleich am zweiten Tage erreicht worden, diß die Verhandlungen nahezu stiügelegt sind. Daiu kommt noch, daß Professor Weizmann sich nach wie vor von Prag fernhält. Dia feierlich gehobene Stimmung das ersten Kongreßtages ist einer starken Depression gewichen. * In der zweften Plenarsitzung erstattete der Senator Dr. Rin gl (Polen) den Bericht des Wshlgerichtshotes. Diesem zufolge sind 396 Delegierte als zur Teilnahme berechtigt anerkannt worden. Davon sind 318 Gewählte, 8 Mitglieder der Exekutive, 70 Mitglieder des Aktionskomitees, von denen jedoch nur ein Teil stimmberechtigt ist. Stimmberechtigt sind diesmal 332 Delegierte gegenüber 254 Dek* gierten am letzten Kongreß. Die stärkste Gruppe iet diesmal die L i n k c mit 136 Vtf* tretem. Sokoiows Eröffnungsrede In Stifler hebräischen Eröffnungsansprache führte Präsident Sokolow u. a. folgendes aus: «Ei WÄf ein wirklicher Trost für uns, zu sehen, daß die größten Männer der englischen Nation gegen dis Ungerechtigkeit, die Grausamkeiten und die unbeherrschten Rassenleidenschaften aufgetreten sind.» 189*7-1933 Sodann dankte Sokolow den anderen Regierungen. Interessant waren die Worte an den diplomatischen Vertreter Italiens. Sokolow zitierte die Worte Mussolinis, denen zufolge es in Italien keine Judenfrage gebe. Während der faschistischen Revolution machte man aus Religion und Rasse kein Problem und kein Jüdischer Hochschullehrer wurde von seinem Lehrstuhl verjagt. Sodann führt Sokolow aus, der Zlonistenkongfeß versammelt sich ln einer Zeit der Not und des Leidens des jüdischen Volkes. Die ruhige Diasporastimmung sei verrauscht und man stehe vor den Trümmern der Judeneminzipation in einem der größten Staaten der Welt. Schon vor 36 Jahren sah Theodor Herzl die antisemitische Lawine herannahen. Und er hatte den Mut, die Wahrheit in der Tragödie der jüdischen Heimatlosigkeit zu verkünden. Die Assimilation bemüht« sich, den Antisemitismus als eine vorübergehende Episode hinzustellen. Daß gerade In Deutschland im Jahre 1897 die Münchner Judengemeinde den geplanten ersten Zionistenkongreß nicht zuließ, bleibe eine Ironie der Geschichte. Die besseren Elemente der Assimilation bemühen sich, die Judennot durch Philanthropie zu mildem. Sie vergeudeten Millionen für Pogromopfer, aber auf der anderen Seite weckte diese Hilfe die Raublust der Anstifter neuer Plünderungen. Sie verkleinerte hie und da den Schaden, aber die Wurzel des Uebels ließ sie bestehen. Die Zionisten schufen die Parole vom konzentrierten Wiederaufbau Palästinas. «Welcher Segen», rief Sokolow, «wäre jetzt eine fertig ausgebaute Heimstätte als Zuflucht für unser unglückliches, heimatloses Volk, hätten wir von Anfang an im Laufe der vielen Jahre opferfreudig an diesem Bau gearbeitet.» Die Assimilation habe sich diesem Werk entgegengestellt. Es gebe Augenblicke, in denen das Judenschicksal in der Zerstreuung blitzartig beleuchtet werde. Einen solchen Augenblick erleben die Juden jetzt. Der Sinn des Zionistenkongresses besteht darin, öffentlich vor der Welt die Klagen einer verfolgten Nation aufzurollen. So lange die Vereinigten Staaten von Amerika und die meisten anderen Staaten der Welt jüdischen Flüchtlingen offen standen, war das tiefe Elend noch lange nicht erreicht, und seine Lösung war lediglich eine Schiffskarten- und Transportfrage. Man schrieb damals 1897. 1933 sei die gleiche Situation ungeheuer verschärft Vor du internationale Forum «Erfüllt vom Emst des Augenblicks,» sagte Sokolow, «richten wir von dieser zionistischen Tribüne aus in aller Schärfe von der Höhe eines unpersönlichen Objektivismus, aber mit einem Verantwortungsgefühl, das Über Leben und Tod einer Nation entscheidet, folgende Fragen an die zivilisierte Welt: Wie denkt Ihr Euch die Sicherung der weiteren Existenz des jüdischen Volkes, wo man die Axt an die Wurzel seines Daseins gelegt hat? Soll dieses Volk immer und ewig Über die Welt herumvagabundieren? Soll unser Volk immer und ewig von Land zu Land, ein lebendes perpetuum mobile, seines historischen Landes beraubt, weitergewälzt werden? Ist dies nicht ein Zustand, der den elementarsten Begriffen menschlicher Zivilisation Hohn spricht? Auch die Judenhetze sei ein Krieg mit allen seinen Schrecken. Die Juden seien keine Feinde Deutschlands, im Gegenteil, sie seien Freunde und Bewunderer seiner Kultur. Aber wo esvCIch um Ehre und um die nackte Existenz handle, müsse auch das jüdische Volk seine Stimme erheben. Die Judenfrage müsse von dieser Tribüne aus in ihrer schrecklichen Präzision vor die Welt gestellt werden. Wenn es unmöglich sei, Flüchtlingen ihre Heimat zurückzugeben oder sie in andere Länder aufzunehmen, dann sei es notwendig, sie in die Heimat ihrer Väter zurückzuführen. Das sei ein Problem für die internationale politische Welt. Die Judenfrage gehöre vor ein internationales Forum. „Land der Erfüllung“ Da der freie Entschluß die Zusammengehörigkeit des Volkes nicht herbeifuhren konnte, so müsse es jetzt eben das Unglück tun. Noch nie stand das jüdische VoHc so mitten im Leiden und noch nie war Palästina so im Glanze wie gerade jetzt. Das Land der Verheißung habe begonnen, ein Land der Erfüllung zu werden. Sollten auch nach großen Anläufen und Erfolgen Rückschläge kommen, sei doch der allgemeine Fortschritt schon gesichert. Es gebe jetzt große Länder, deren jüdische Bevölkerung mit wenigen Ausnahmen nach Palästina auswandern will und muß. Palästina habe aufgehört nur ein Diskussionsthema zu sein und sei infolge der Zeitereignisse eine jüdische Volkssache geworden, ein Obdach für leidende Juden — vielleicht auch Anti- Der Weg zur Lösung gehe über die Verzehnfachung der Arbeit der Fonds, die für die Ausgestaltung und den Ausbau Palästinas sorgen.» Mit einem Appell an die Delegierten schloß Sokolow: «Ich hoffe und flehe eine gütige Vorsehung an, sie möge den achtzehnten Zionistenkongreß so leiten, daß durch ihn die Rettung unseres Volkes gefördert und Palästina einen Riesenschritt vorwärts machen soll zur Erfüllung seiner prophetischen Verheißung, ein ruhiges, sicheres Helm zu werden für unser schwer bedrängtes Volk, für das es der einzige Trost und die einzige Hoffnung ist, und das heilige Land möge Segen spenden für alle Völker der Erde.» Hierauf erklärte Sokolow den achtzehnten Zionistenkongreß für eröffnet. Zu einer Zeit der Judennot', in einer Zeit, in der eine Jüdische Gemeinschaft Uber Nacht ihre Heimat verlor, in der hunderttausende Juden an fremden Türen pochen, ohne Einlaß zu finden und auf die bange Frage «Wohin?» keine Antwort bekommen, ist es doppelt von Bedeutung, darauf hinzuweisen. Herzzerreißend ist der Kontrast, eine Schande für die menschliche Zivilisation, sagt Sokolow, wenn man einerseits an das Schicksal der deutschen Juden denkt und anderseits an diese leeren Strecken, die nach Menschen verlangen. Eine der wesentlichsten Aufgaben des Kongresses ist daher, diese Frage einer konkreten und praktischen Lösung zuzuführen. Es Ist nicht nur eine jüdische Frage allein, sie rührt heute an die wesentlichsten Fragen ,europäischer Politik. Europa ist Übervölkert und der Orient und Palästina verlangen nach Menschen.» Die Aufgaben des Kongresses Vor Eröffnung des Zl^nistenköngresses fand ein von der Exekutive veranstalteter Presseempfang1 statt,; an dem mehrere hundert Pressevertreter aus aller Wdt teilnahmen. In einer einstündigen Ansprache referierte der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Jewlsh Agency, Sokolow, über die grundsätzliche Situation des Zionismus und die Aufgaben des Kongresses. Präsident Sokolow wies auf die besonderen Sympathien hin, die der zionistischen Bewegung von den Vertretern des tschechoslowakischen Volkes und tjes Staates seit der Begründung ihres selbständigen tschechoslowakischen Staates entgegengebracht werden, und erinnerte an die Zusammenarbeit zwischen zionistischen und tschechoslowakischen Politikern in der Zeit der Pariser Friedenskonferenz. Präsident Sokolow gab in ungemein fesselnden Ausführungen eine kurze, retrospektive Betrachtung über diesen interessanten Abschnitt der modernen Oeschichte, die Zeit der | Friedensverhandlungen in Paris. «Nicht die Balfour- Deklaration», sagte Sokolow, «wiewohl sie als Dokument von großer historischer Bedeutung ist, war es, die für die Entscheidungen der Pariser Friedenskonferenz wichtig war. Aehnliche Deklarationen waren auch seinerzeit von französischer und italienischer Regierungsseite den Zionisten gegeben worden. Die Friedenskonferenz ließ sich bei ihren Entscheidungen von folgenden Erwägungen leiten: Sie sah sich vor die Frage gestellt, in dem Komplex der nahen Orientfrage diese Völker zu berücksichtigen, die an diesem Teil am meisten interessiert sind. Diese sind das jüdische Volk, das arabische und das armenische. Das arabische Volk sollte Arabien bekommen, das armenische, das seit sechs Jahrhunderten ein Martyrium durchmacht, sollte Armenien bekommen und die Juden, die seit zweitausend Jahren mit unerschütterlicher Liebe an Palästina hängen, sollten Palästina als nationales Helm des jüdischen Volkes bekommen. Was das Werden der Heimstätte anbetrifft — sagte Sokolow — bat das jüdische Volk das Vertrauen der Nationen zur Gänze erfüllt. Wenn es das Ziel der Friedenskonferenz von Paris war, aus Palästina ein Bollwerk des Friedens zu machen, so ist das durch die Juden im Laufe der letzten 15 Jahre erreicht worden. Denn nirgends ist der Wunsch nach Frieden so stark wie bei den Juden. Palästina hat heute Land und Raum für hunderttausende Jüdische Familien, ohne Verdrängung eines einzigen Arabers, zu denen sich überdies die Beziehungen bedeutend gebessert haben. Von Tel-Awiw bis Akko längs der Küste ist kilometerlang unbebauter Boden, der nach Händen and nach Bearbeitung schreit Unif ormverbot Im VerhaiKUungssaal .... ■. (Telcph^ Bericht unseres Kongreßkorrespondenten) Präsident Sokolow verkündete in der gestrigen Plenarsitzung, daß das Aktionskomitee einen Beschluß gefaßt habe, wodurch es verboten sei, im Verhandlungssaal Uniformen zu tragen. Dieses Verbot ist darauf zurückzuführen, daß die Jugendorganisation der Revisionisten, der Brith Trumpeldor, Braunhemden bei der Eröffnungssitzung getragen hat, was in den übrigen Delegiertenkreisen Mißbilligung erregt hat. Redeverbot außerhalb des Kongresses für Jabotfnsky Wie die Pariser tschechoslowakische Gesandtschaft offiziell mittellt, wurde dem Revisiomstenführer Wladimir Jabotinsky das Einreisevisum in die Tschechoslowakei unter der Bedingung erteilt, daß er während seines Aufenthaltes auf tschechoslowakischem Gebiet keinerlei Reden außerhalb des Kongresses halte. Festkundgebung des Keren Kajemeth Im großen Saal des Repräsentantenhauses fand am 19. August eine von 1500 Personen besuchte Festkundgebung des Keren Kajemeth statt, auf der Dr. A. Goldstein ln tschechischer Sprache, Agronom Wilkanski in hebräischer Sprache und der Präsident des Keren Kajemeth M. M. Ussischkin in deutscher Sprache Ansprachen hielten. In großangetegter Rede zeigte Ussischkin die in den letzten drei Jahren m Palästina erzielten Fortschritte auf und richteten an die Versammlung den Appell, dem jüdischen Volk, dessen größte Gefährdung darin liege, daß es keinen Boden unter den Füßen habe, Boden zu verschaffen. Es sei tragisch, daß der Keren Kajemeth gerade in diesem Augenblicke vermehrten jüdischen Bodenhungers keine Bodenreserven mehr zur Verfügung hat. Die Ermordung Dr. Ariosorolfs Anklage gegen Ach! Melr wegen Mitschuld Gegen den revisionistischen Jugendführer Achi Meir, der vor einigen Tagen aus Jaffa in das Gefängnis von Jerusalem überführt worden ist, wurde, neuerdings eine Untersuchung wegen Mitschuld an der Ermordung Dr. Arlosoroffs eingeleitet. Die Beschuldigung gegen Achi Meir, der noch nicht vernommen wurde, wird auf Grund von Dokumenten, die bei im Juli durchgeführten Haussuchungen beschlagnahmt wurden, erhoben. Die Polizei hat in dieser Sache den Führer der Revisionisten von Tel-Awiw Dr. Jacob WeJnacha! vernommen.

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