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Die Stimme · 1933-08-18 · Heft 295 (18.8.1933) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 295 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 295 — TS. Äiigus! 1935 DIE STIMME Seite § ~ KUNST UND WISSEN Rabbi StefihenWise. predigt in einer Pariser Kirche Von A. Al per in, Paris An einem heißen Julimorgen vor der neuen amerikanlsehen Kirche am stillen Quai a*Orsay parkt eine lange Reihe prachtvoller Luxusautos. An einem Sonntagsmorgen in der «haute saison» der Touristik. Den Kirchenbesuchetn steht eine eigenartige Attraktion bevor. In einer Pariser Kirche wird zum erstenmal — wahrscheinlich zum erstenmal in Europa überhaupt — ein jüdischer Rabbiner sich an dem Gottesdienst beteiligen und — die Predigt halten. Diese gewiß nicht alltägliche Nachricht wurde schon einige Tage vorher den in Frankreich lebenden Amerikanern durch die Pariser Ausgaben der New Yorker Zeitungen und durch das wöchentliche Kirchen-Bulletin vermittelt. Der Rabbiner — das ist Dr. Stephen S. Wise. Der Pastor der amerikanischen Kirche in Paris ist zu dem vom Komitee für den Jüdischen Weltkongreß zu Ehren Doktor Stephen Wises veranstalteten Empfang erschienen, wo er im Namen seiner Gemeinde den Führer der amerikanischen Judenheit begrüßte und ihn einlud, in der Kirche eine Predigt zu halten. Dr. Wise hat die Einladung angenommen. Eigentlich war es nur eine Revanche, da derselbe Pastor der amerikanischen Pariser Kirche vor einigen Jahren in der New Yorker tFree Synagoge* in Carnege-Hall auch schon gepredigt hat. Auch eine große Gruppe Jaden — Neugierige — hatte sich am Quai d'Orsay eingefunden, um den Rabbiner in der Kirche predigen zu hören. Als Dr. Wise und seine. Gattin vor dem Portal der Kirche das Auto verließen, erschollen «Schalomh-Rufe. tSchälom/* erwiderte Dr. Wise. — Schalomi-vor dem Eingang einer Kirche. Der Pastor eröffnet den Gottesdienst, Der Chor singt, die Orgel spielt. Die Gemeinde singt mit Andacht und Gefühl mit. Während der Pastor den Gottesdienst zelebriert, sitzt Rabbi Wise vor einem Betpult. Der Pastor hält dann eine Begrüßungsansprache an den jüdischen Führer und lädt ihn ein, das Wort zu seiner Predigt zu ergreifen. Unter ungeheuerer Spannung und Neugier des ganzen Publikums beginnt Rabbi Wise seine Predigt. Seine Löwenstimme, die er in wunderbarer künstlerischer Weise moduliert, nimmt die Anwesenden bald gefangen. Er spricht englisch wie der Pastor. Er beginnt mit einer philosophischen Betrachtung: «Was ist der Mensch, wovon lebt er?* Vom Glauben, von der Liebe des einen zum andern, vom Mut. Eine lange tiefgründige Schürfung, mit Zitaten bedeutendster Religionslehrer und -schriftsteiler. Nach dieser Einleitung kommt das mit Spannung Erwartete: Eine scharfe pathetische Wendung gegen den hitleristischen Antisemitismus. Ein Aufschrei nach dem andern. — «My Jewish people», unser jüdisches Volk, wird in der schrecklichsten Weise gepeinigt und verfolgt in Hitler- Deutschland! Will die christliche Welt dazu schweigen?! — Und die jüdischen Kinder, die kleinen, unschuldigen, armen Geschöpfe, die unglücklichen, angespienen Kinderchen — wißt Ihr, was sie ausstehen in diesem Deutschland?! Wißt Ihr, wie sie erniedrigt und beleidigt werden bis in die tiefsten Tiefen ihrer zarten Seelchen?! Könnet Ihr Euch einfühlen in ihre ungeheuere Pein?! Nehmet Euch ihrer an, der gepeinigten, beleidigten Kinderseelen!! Der Eindruck war ein gewaltiger. Man hört die Amerikanerinnen schluchzen und man sieht über zarte Wangen Tränen perlen. Stephen Wise sdlfcßt mit dem, womit er begonnen hat. Der tiefe Gottesglauben, die Liebe zu den Mitmenschen und der ungebrochene Mut haben immer das jüdische Volk in den Zeiten schwerster Not und finsterer Bedrängnis aufrecht erhalten. Und dank dieser Kraft hält es auch die hitleristischen Verfolgungen aus. Aber kann und darf die Welt dazu schweigen? Nach der Predigt verläßt Dr. Stephen Wise, geleitet vom Pastor, die Kanzel und von allen Seiten drängen sich die Amerikaner und Amerikanerinnen, Freunde und Bekannte, um ihm die Hand zu drücken. Die Predigt ist auf fruchtbarem Boden gefallen. Geht das Judentum unter? Eine Erwiderung auf Otto Heiler «Untergang des Judentums», von Eli Strauß, Schriftenreihe des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich Nr. 3, Seite 76. Gegen das bekannte Buch von Otto Heller, des rührigen und erfolgreichen kommunistischen Agitators, «Untergang des Judentums», ist bisher noch keine Gegenschrift erschienen, obzwar Heller in zahlreichen Versammlungen sehr wirksamen Gegenrednern Antwort geben mußte. Es ist zu begrüßen, daß im vorliegenden Buche ein junger Zionist, der über gediegene Kenntnisse verfügt, eine vernichtende Kritik der Behauptungen Hellers gibt. Strauß sieht richtig, daß der Angelpunkt der «Beweisführung» Hellers seine These ist, die Juden seien stets eine «Kaste», ien Händlervolk, gewesen. Daß dies schon im Altertum der Fall gewesen wäre, widerlegt Strauß mit treffend zusämmengestellten geschichtlichen Belegen. Besonders interessant ist, was Strauß für die moslemische Zeit aus arabischen Quellen schöpft. Er zeigt weiter, diaß es im Mittelalter christlich-kirchliche und nicht aus wirtschaftlichen Ursachen stammende Verfügungen waren, welche die Juden im Mittelalter zu Kaufleuten und Geldvereleihern gemacht haben, ebenso, daß es ihnen nicht um Wirtschaft, sondern um Religion zu tun war. Er ruft sehr treffend aus: «Haben sich etwa die Juden auf den Scheiterhaufen verbrennen lassen, um Zeugnis abzulegen für die Mystik des Warenhandels?» (Seite 49.) In Auswahl und Behandlung des Stoffes zeigt Strauß eine bemerkenswerte Originalität, die sich auch bei vielen Urteilen und Bemerkungen erweist. Zum Beispiel Seite 9: «Merkwürdig ist es, daß alle Apostel einer neuen Ordnung den Untergang des Judentums verkünden. Allen war das Judentum ein Dorn im Auge, ein lebendes Moment ihrer Vergänglichkeit.» Treffender läßt sich das Unbehagen an der Judenheit, «die nicht sterben will», wie Wilhelm Schäfer einmal sagte, nicht ausdrücken. Oder die Betonung, daß der Kampf der Propheten für soziale Gerechtigkeit eine logische Folgerung aus ihrer Weltanschauung war und nicht die Ursache des Prophetismus (Seite 21). In ihm als geistige Macht, entstanden unabhängig von ökonomischen Ursachen, sieht Strauß den primären Faktor der jüdischen Geschichte. Gar nicht erwähnt er die ungeheure Erhaltungskraft, die der Judenheit aus dem aus der Esrazeit stammenden Verbot der Mischehe erwuchs, und wenig die, die aus dem tradierten Gesetze floß. Auch das ist jedenfalls mit ökonomischer Geschichtsauffassung nicht zu erklären. Im Schlußabschnitt widerlegt Strauß kurz die sehr fadenscheinige, unaufrichtige Kritik Hellers an Zionismus und Palästinismus und seine These vom Untergang des Judentums, diesem schwächsten Teil des Herrschen Buches. Mit einem sehr richtigen Wort entlarvt Strauß das letzte psychologische Motiv, das die Kommunisten immer dazu treibt, die Judenfrage, das heißt also auoh das ewige Bestehen des Antisemitismus, irgendwie zu vertuschen: «Für die Marxisten ist es ein Schlag ins Gesicht, daß eine so prägnante Erscheinung, wie es der Antisemitismus ist, nicht mit ihrer Methode erklärt werden kann.» (Seite 60.) Das Büchlein ist ein gelungenes «Entreebillett» eines sehr jungen Autors in die Arena des wissenschaftlich-publizistischen Kampfes um den Zionismus. Er zeigt einen Reichtum an Kenntnissen und eine Originalität des Urteils, die von seiner weiteren Entwicklung viel erwarten lassen. . ad. bm. - - ■ 1 ■ ■' 1 -- "" '■■*=* Zum XVIII. 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Der Frau des 20 Jahrhunderts, die gewohnt ist, im Zeichen der Emanzipation eine immer größere Rolle im öffentlichen Leben zu spielen, sei dabei die Rechtlosigkeit und Zurücksetzung der Frau In den Jahrhunderten finsteren Mittelalters und den darauf folgenden Zeiten der Glaubenskriege und Inquisition in Erinnerung gebracht. Um so bemerkenswerter ist es daher, wenn wir unter den erfolgreichsten und fähigsten Djplomatengeatalten des 16. Jahrhundertes eine Frau, die Jüdin Esther Kiera finden. Eingehenderen Studiums ist das Lebensschicksal Esther Kiera schon deshalb wert, weil es gewissermaßen das Geschick ihres Volkes symbolisiert. Verfolgen wir doch auf ihrem Lebensweg den glänzenden Aufstieg aus kleinen Verhältnissen zu Ansehen und Macht, müssen wir doch in ihr voller Anerkennung die Initiative und die geistigen Fähigkeiten einer kulturell hochstehenden Frau bewundern, solange, bi6 sich in ihr jenes tragische Ende erfüllt, wie es menschlicher Neid und Mißgunst nur zu oft an ihren Volksgenossen auswirken lassen. Damals im 16. wie heute im 20. Jahrhundert gibt es Schicksale, die sich auffallenderwetee wiederholen und die ganze Tragik, den Leidensweg eines Volkes, mit aller Deutlichkeit vor Augen führen. Damals, wie heute, gibt es Opfer, die dafür büßen müssen, daß ihnen Talente und Fähigkeiten verliehen waren, die sie zu Macht und Ansehen gelangen lassen. So kam es nicht selten vor, daß der jähe Aufstieg zu Glanz und Ruhm schließlich und endlich zu einem traifchen Ausgang, zu einem gewaltsamen Tod führte. Es ist ezeichnend, daß auch vor so überragenden Frauengastalten, wie wir sie in Esther Kiera sehen, das grausame Schicksal nicht halt machte und auch sie einer Mörderhand zum Opfer fiel. Doch über ihren Tod hinaus bleibt die ePn sönhehkeit Esther Kieras ein leuchtendes Vorbild für die jüdisohe Frau und ein markantes Kapitel in der Geschichte ihres Volkes. Gerade in Zeiten, wo das Judentum in tiefster Bedrängnis schmachtete und das Dasein der jüdischen Frau alles eher denn beneidenswert war, zeigt uns Esther Kiera, daß die Lebenskraft des Judentums ungebrochen geblieben. Sie weist damit aber auch auf die Fähigkeiten und Talente hin, die immer und immer wieder jüdische Frauen instand setzten, in Politik und kulturellem Wirken eine überragende Führerrolle zu spielen. Als unermüdliche Förderin jüdischen Geisteslebens, als weltgewandte Diplomatin von Format tritt uns Esther Kiera Zeit ihres Lebens entgegen. Selbst von Geburt Venezianerin, dürften ihre Vorfahren aus Spanien dorthin eingewandert sein. Sie heiratete in jungen Jahren E1 i a h u H a n d a 1 i, der eine angesehene Position am Siiltanshofe innehatte. Es heißt, daß er Leibarzt des Sultans gewesen sei. Andere Quellen berichten uns, daß er GroßKaufmanr. war, sich aber auch mit den Wisj^rj- Schaften intensiv beschäftigte. Jedenfalls war die Stellung Eliahu Handalis eine solche, daß seine Gattin gleichfalls Zutritt zum Sultanshof hatte. Als Eliahu Handali starb, fand Esther Kiera eine starke Stütze bei der Sultanin, die gleich ihr aus Venedig stammte, Seit jener Zeit datiert der überragende Einfluß, den Esther Kiera dank ihrer natürlichen Begabung und Fähigkeiten bei Hofe ausübte. Es war dazumal nichts Seltenes, daß auf den Gang der Staats- und Vcrwaltungsgeschäfte des Sultanates Frauen bestimmend einwirken konnten. Esther Kiera, die bald zu den wichtigsten Sitzungen des Staatsrates zugezogen wurde, sammelte auf diese Weise in ihrer Hand keine geringe Fülle von Macht. Nicht zuletzt von ihr hing es ab, wie und an wen die einflußreichen Stellungen im Staate vergeben wurden. Selbst in der Kriegsmacht war es von Wert, ihrer Unterstützung bei der Verteilung der Kommandostellen sicher zu sein. Was jedoch bedeutsam erscheint, war ihre Rolle in der auswärtigen Politik der Türkei. Auch in dieser Hinsicht wußte sie oft ihr Wort entscheidend in die Waagschale zu werfen. Es war in den diplomatischen Kreisen der europäischen Mächte kein Geheimnis, daß Esther Kiera In allen Aktionen am Sultanshofe maßgeblich mitsprechen konnte. Ihren Ruf als vorzügliche Diplomatin festigte sie ganz besonders als Vermittlerin zwischen der Pforte und dem venezianischen Gesandten. Hier griff sie mit viel Geschick und Erfolg in die Beziehungen zwischen der Türkei Und Katharine von Medici ein, so daß sie von beiden Seiten vollste Anerkennung fand und selbst seitens der Königinmutter von Frankreich mit einem Handschreiben ausgezeichnet wurde. Es versteht sich, daß Esther Kiera auf diese Weise auch nicht selten mit wertvollen Geschenken und Zuwendungen bedacht wurde. Es zeigt von der Seelengröße und den hohen Geistesgaben dieser seltenen Frau, daß sie ihren Reichtum und Einfluß vor allem den Zwecken ihres eigenen Volkes zur Verfügung stellte. So muß man ihr als besonderes Verdienst anrechnen, daß sie, zeitgenössischen Berichten zufolge, ein Haus für jüdische Gelehrte errichtete und überhaupt viel zur Förderung jüdischer Kultur und Wissenschaft beitrug. Sie selbst unternahm es, Werke jüdischer Forscher auf eigene Kosten in Druck zu geben und zu publizieren. Sie selbst stellte sich so in die erste Reihe des jüdischen Geisteslebens jener Zeit. Daneben vergaß sie auch ihre eigentliche Berufung als Frau und Helferin nicht. Stets hatte sie ein mitfühlendes Herz für die Armen und Bedrückten ihres Volkes, linderte, wo sie konnte, ihre Not und stand ihnen mit Rat und Einfluß stützend zur Seite. Einer Frau des 16. Jahrhunderts muß man es wohl besonders hoch arireohnen, daß sie in so vieler Hinsicht di« Bewunderung ihrer Mitmenschen hervorrief. Bewundernd wert in den Augen unseres Geschlechts ist sie schon deshalb, weil sie jene seelische Größe und Festigkeit der Ueberzeugung aufbrachte, um über allen glänzenden Erfolgen in Politik und Diplomatie das eigene Volk nicht zu vergessen. Mit gleichem Eifer und Hingabe, wie sie für d*ie Interessen des Staates in dem sie lebte tätig war, handelte sie stets zum Wohl und zum Besten des Judentums und ihrer bedrängten Volksgenossen. Es war nicht zu verwundern, wenn ihr segensreiches Wirken auch da und dort Gegner fand, die ihr ihre Erfolge mißgönnten und sich durch sie irgendwie zurückgesetzt fühlten. Dazu kam, daß auch ihre Gönnerin, die Sultanin, inzwischen gestorben war. Esther Kiera nahm auch wohl weiter an den Staatsgeschäften lebhaften Anteil, doch sollte ihrer Tätigkeit bald ein gewaltsames Ende gesetzt werden. Sie fiel von der Hand eines türkischen Würdenträgers, der sich durch sie benachteiligt geglaubt hatte. Sie wurde damit ein Opfer 'ener Clique am Sultanshofe, di« seit langem Esther Kiera hre hohe Stellung und Macht mißgönnt hatte. Mit ihr verlor nicht nur die Pforte einen der fähigsten Köpfe ihrer Diplomatie, sondern vor allem das damalige Judentum eine seiner wertvollsten Stützen. Ihre unvergänglichen Verdienste um jüdische Kultur und jüdisches Geistesleben, nicht zuletzt aber auch um die Fürsorge für ihre Glaubensgenossen, sollten aber nicht der Vergessenheit anheimfallen. Von ihnen kündet die Geschichte heute noch in ihren Annalen«

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