Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-08-18 · Heft 295 (18.8.1933) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 295 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054049--3682-3059219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIC STIMME iTrau Jtrtosoroff als Zeugin Jaffa, 10. August. (J. T. A.) Am 9. August wurde jfte Zeugenvernehmung im Verfahren gegen Stavsky, Rosenblatt und Minz, die der Teilnahme an der Ermordung Dr. Arlosoroffs beschuldigt sind, wieder aufgenommen. Tiefen Eindruck machte die Aussage der Witwe des Ermordeten, Frau Sima Arlosoroff, die auf Befragen des Staatsanwalts Shitrit die Angeklagten Stavsky und Rosenblatt, die, von Polizeibeamten flankiert, vor Gericht standen, mit voller Ueberzeugung als die Mörder Dr. Arlosoroffs bezeichnete. Im ersten Teil ihrer Aussage schilderte Frau Arlosoroff eingehend, wie Dr. Arlosoroff die Tage nach seiner Rückkehr aus dem Ausland im Kreis seiner Angehörigen verbrachte. Am Abend des kritischen 16. Juni hatte Dr. Arlosoroff mit seiner Gattin nach dem Abendbrot um 9y2 Uhr die Pension Käte Dan in Tel-Awiw, in der sie abgestiegen waren, verlassen. Als sich die beiden bereits in einiger Entfernung von der Stadt befanden, bat Frau Arlosoroff ihren Mann, umzukehren. Er lehnte dies jedoch ab, indem er seiner Frau versicherte, es bestehe kein Grund zu irgendwelcher Beunruhigung. Frau Arlosoroff hatte schon vorher zwei Männer bemerkt, die ihnen folgten, seitdem sie den Platz vor der Fabrik Lefkowitch passiert hatten. Die Männer waren einige Male an ihnen vorbeigegangen und dann wieder zurückgeblieben, so daß Frau Arlosoroff ihr Aussehen genau feststellen konnte. Sie sei, erklärte Frau Arlosoroff weiter, mit ihrem Mann bis zum Jarkonviertel gekommen und dann umgekehrt. Hierbei seien ihnen die beiden Männer abermals begegnet. Frau Arlosoroff zeichnete eine Skizze der Stellung aller vier Personen am Strande im Augenblick der Tat und übergab diese Skizze dem Gericht. Sie könne sich nicht erinnern, erklärte sie, ob einer oder zwei Schüsse abgegeben worden seien. Während die Männer gegen einen Hügel flüchteten, habe sie gerufen: «Hilfe, Juden haben auf ihn geschossen!», woraufhin Dr. Arlosoroff zweimal «Nein, Sima» sagte. Ihre erste Aussage habe sie vor dem Leiter der Kriminalpolizei, Hauptmann Rice, um 3 Uhr früh, vier Stunden nach dem Mord, gemacht Sie gab Hauptmann Rice eine eingehende Beschreibung der Täter, die sie im hellen Sternenlicht genau gesehen hatte. Später habe sie die Mörder nach ihren Gesichtszügen, ihrem Körperbau und ihrer Gangart identifiziert. Als die bei der Vorführung Frau Arlosoroff gegenübergestellten Personen aufgefordert wurden, zu sprechen, damit Frau Arlosoroff die Täter an ihrer Stimme erkenne, hatte sie den Eindruck, daß Stavsky seine Stimme zu verstellen versuche. Bezüglich Rosenblatts erklärte Frau Arlosoroff, sie habe ihn mit noch größerer Bestimmtheit erkannt, als sie ihn einige Tage nach der Identifizierungsvorführung im Bureau von Hauptmann Rice in Jerusalem unrasiert, wie er es auch am Mordabend gewesen ist, wiedergesehen habe. Zu einem dramatischen Auftritt kam es, als Staatsanwalt Shitrit einen Anzug Rosenblatts vorwies, bei dessen Anblick Frau Arlosoroff erklärte, er sei derselbe, den der Mörder getragen habe, als er den Schuß abfeuerte. Schon einige Tage vorher hatte Frau Arlosoroff auf der Polizei diesen Anzug unter einer Anzahl anderer ihr vorgelegter Anzüge erkannt. Im weiteren Verlauf des Verhörs wurde festgestellt, daß Frau Arlosoroff bei zwei Vorführungen, bei denen Rosenblatt sich nicht unter den Vorgeführten befand, erklärt hatte, der Mörder sei nicht dabei. Insgesamt waren fünf Vorführungen veranstaltet worden. Von Minz behauptete Frau Arlosoroff, sie glaube, gesehen zu haben, daß er aus der Stadt herbeigelaufen kam, als sie nach dem Mord zur Pension eilte, um die Polizei und die Rettungsstelle zu verständigen. Nunmehr richteten Stavsky und Rosenblatt eine Reihe von Fragen an Frau Arlosoroff. Auf Grund dieser Befragung wurde festgestellt, daß Frau Arlosoroff zu Rosenblatt, als sie ihn im Bureau von Hauptmann Rice sah, gesagt hat: «Sagen Sie die ganze Wahrheit. Da Sie so jung sind, werde ich mein Möglichstes tun, um die Folgen für Sie leicht zu machen, und mich zu diesem Zweck direkt an die höchsten Instanzen wenden.» Als sie ihn bei der Identifizierungsvorführung erkannte, fragte sie ihn: «Können Sie noch immer die Ruhe bewahren nach all dem, was geschehen ist?» Vor Abschluß des Verhörs fragte Rosenblatt noch Frau Arlosoroff, was sie damit gemeint habe, als sie im Bureau von Hauptmann Rice sagte: «Gestehen Sie, denn es liegen ernste Beweise gegen Sie vor!» «Damit meinte ich,» antwortete Frau Arlosoroff, «daß ich Sie erkannt hatte und daß dies ausreiche, um die Anklage gegen Sie zu erheben.» Hier wurde die Vernehmung abgebrochen und ihre Fortsetzung auf den nächsten Tag angesetzt. Die Vernehmungen wurden am 10. und 11. August fortgesetzt. Zunächst wurden die leitenden Beamten der Polizeitruppe für Jaffa und Tel-Awiw, Major Stafford und Major Faraday, hauptsächlich über die Identifizierungsvorführungen, an denen Stavsky und Rosenblatt teilnahmen, einvernommen. Major Stafford bestätigte die Aussage der Frau Arlosoroffs, daß die Nacht, in der der Mord begangen wurde, vollkommen sternenhell war, so daß es sehr leicht möglich war, Personen zu unterscheiden und zu erkennen. Der Zeuge erklärte, er habe alle Araber, die den Strand passierten, angehalten und sie gefragt, ob sie jemandem auf dem Strand begegnet wären, was alle verneinten. Major Stafford sagte weiter aus, Frau Arlosoroff sei in Ohnmacht gefallen, als sie Rosenblatt bei der Identifizierungsvorführung erkannte. Nachher habe sie erklärt: Ich empfand den größten Schock meines Lebens, als ich ihn erblickte. Rosenblatt sei nach den Erklärungen Frau Arlosoroffs bei der Vorführung bleich gewesen und habe ein jüngeres Aussehen gehabt als der Mörder, wie ihn Frau Arlosoroff ln Erinnerung hatte. Deshalb habe sie verlangt, ihn später nochmals unrasiert zu sehen. Rosenblatt Anzugsjacke habe sie unter zehn anderen Jacken nach Größe, allgemeines Aussehen und den roten Streifen des Stoffes erkannt. Major Faraday berichtete über die am Strande von Tel-Awiw vorgenommenen Untersuchungen der Fußspuren. Die Spurenproben wurden an einem der Mordstelle ähnlichen Platz am Strande vorgenommen. Einer der polizeilichen Spurensucher, Abu Rooz, habe die Gehspuren Stavskys mit den Spuren an der Mordstelle nicht identifizieren können, er erklärte aber später, Stavskys Laufspuren glichen den längeren Spuren, die er am Tatort gesehen habe. Der zweite Spurensucher, Abu Regaik, habe erklärt, er habe Stavskys Spuren beide Male als den längeren der beiden an der Mordstelle gefundenen Spuren entsprechend feststellen können. Nach dem Spurenversuch habe Stavsky erklärt: Natürlich sind das meine Spuren. Vom dritten Beschuldigten, Jehuda Minz, war wenig die Rede. Bloß Major Stafford machte einige Zeugen namhaft, die außer Frau Arlosoroff Minz als den Mann erkannt haben wollen, der in der Mordnacht den Strand entlanglief. Am 11. August wurden der Polizei-Spurensucher Abu Rooz und der Gefängnisarzt Dr. Shebeita vernommen. Abu Rooz bestätigte die bei früheren Vernehmungen gemachten Aussagen des zweiten Spurensuchers Abu Regaik und anderer Zeugen, betreffend die Ergebnisse der Identifizierungsvorführungen. Schon bei der Gehprobe habe er einen Mann verdächtigt, jedoch nichts gesagt, da er seiner Sache nicht sicher gewesen sei. Er habe den Polizeioffizier aufgefordert, eine Laufprobe vorzunehmen, und dann die Spuren Stavskys mit Bestimmtheit als identisch mit denjenigen an der Mordstelle erklärt. Der Zeuge verbreitete sich sodann über Einzelheiten betreffs des Schuhwerks, das die beiden Mörder, nach den Spuren zu folgern, getragen haben müssen. Er gab zu, Stavsky am Vorabend der Erkennungsprüfung auf dem Hof des Polizeigefängnisses gesehen zu haben, erklärte jedoch, er habe bei dieser Gelegenheit keinerlei Fußspuren festgestellt; Stavsky und die übrigen Gefangenen seien auf hartem Boden gegangen, in dem keinerlei Fußspuren zurückblieben. Auch habe er damals noch gar nicht gewußt, daß Stavsky der Tat verdächtigt wäre. Dr. Shebeita, der Gefängnisarzt, der Stavsky am 8. Juli auf Verlangen der Polizei untersuchte, sagte aus, er habe an Stavskys rechter Hand Abschürfungen festgestellt. Die Polizei nimmt an, daß Stavsky sich diese Abschürfungen an einem Stacheldrahtzaun in der Nähe der Mordstelle, durch den er auf seiner Flucht schlüpfen mußte, zugezogen hat. Die verhafteten Revisionisten drohen mit dem üungerstreiK Ste verlangen Vorführung vor den Richter oder sofortige Freilassung Jerusalem. Die unter der Beschuldigung, einem Geheimbund angehört zu haben, verhafteten palästinensischen Revisionisten erklären in einem an die Kriminalpolizei gerichteten Brief, sie würden, falls sie nicht spätestens am Dienstag, den 15. August, dem Richter vorgeführt oder freigelassen werden sollten, in den Hungerstreik treten. Die revisionistische Wochenschrift «Chasit Haam», deren Schriftleiter Dr. H a r - E v e n bei der Razzia auf die Revisionisten ebenfalls verhaftet, später aber mit fünf anderen Revisionisten gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde, erklärt, die sechs freigelassenen Revisionisten würden, falls es zu einem Hungerstreik kommen sollte, ihre Kautionen zurückfordern und zu ihren früheren Mitgefangenen ins Gefängnis zurückkehren, um am Hungerstreik teilzunehmen. 'Vf. 295 — 18. XngMt 10» Der Dichter Btolifc in Wien Chaim Nachman Bialik, der als Delegierter Argen tlniens an den bevorstehenden Zionistenkongreß teil« nehmen wird, mußte sich auf der Durchreise in Wien einer Operation unterziehen, die glücklicherweise gut verlaufen ist. Zur Freude seiner zahllosen Verehrer befindet sich Bialik auf dem Wege der Genesung. In einem Gespräch mit einem Berichterstatter erklärte der Dichter, auf dem Kongresse müsse eine Einheitsfront von Links bis Rechts geschaffen werden. In diese nationale Koalition sollten die hervorragendsten Führer aller Parteien eintreten; jedem von ihnen solle ein Tätigkeitsgebiet entsprechend seinen besonderen Fähigkeiten eingeräumt werden. Bialik sprach sich gegen die Liquidierung der erweiterten Jewish Agency aus und erklärte, dafür eintreten zu wollen, daß im Gegenteil neue Kräfte in die Agency einbezogen werden, Ferner sprach er sich für die Schaffung eines besonderen Kulturfonds aus und verlangte, daß den Problemen der hebräischen Kultur seitens der Zionistischen Organisation erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werde. Der hebräische Schriftsteller Schlomo Goldman gestorben Jerusalem. Im Alter von 71 Jahren ist in Tel-Awiw der hebräische Schriftsteller Scblomo Goldman, der Vater des Führers der radikalen Zionisten Dr. Nahum Goldman, gestorben. Schlomo Goldman, der früher in Deutschland lebte, betätigte sich aktiv in dgr zionistischen Bewegung. Neues vom Wiener Klbhnz Die Installierung des Kibbuz des Allgemein-Zionistischen Jugendbundes Gdud Zeirim in Mifraz Haifa macht Fortschritte. Der Wasserbezug wurde befriedigend gelöst und dürfte sich auf 7 mils pro Kubikmeter stellen. Ein Zelt steht schon an Ort und Stelle. Von Noar Zioni in Petach Tikwah wurden 2 Maultiere und ein Wagen um 80 £ erworben. Die Lischkat Haawodah wies sofort Arbeit an den von der Regierung gebauten Kwisch an. Einstweilen arbeiten 6 Mann. Es wird Sache der Wiener Allgemeinen Zionisten sein, dafür zu sorgen, daß der Wiener Kibbuz groß und stark wird. An dieser Stelle sei vor allem den Gg. Dr. Egon Michael Z w e i g, W. G o 1 d s m i t h-Haifa und Kurt R u p p i n für ihre tatkräftige Hilfe bestens gedankt. Hapoel Hamlsrachi erneuert sein Ab* kommen mit der Hlstadruth Krakau. Auf der Weltkonferenz der misrachistischen Arbeiterbewegung Thora we’Awodah kam es zu einer stürmischen Debatte über die Frage der Erneuerung des gewerkschaftlichen Abkommens, das bisher zwischen dem Hapoel Hamlsrachi und der Allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas Histadruth Haowdim bestand. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage besprochen, welche Haltung die misrachistische Arbeiterpartei in dem Streit zwischen der Histadruth und der revisionistischen Arbeiterorganisation einnehmen soll. Eine Anzahl von Delegierten trat für den Anschluß der misrachistischen Arbeiter an die revisionistische Gewerkschaft ein, andere befürworteten die weitere Kooperation mit der Histadruth. Nach eingehender Erörterung der betreffenden Probleme wurde beschlossen, das Abkommen mit der Allgemeinen Arbeiterorganisation zu erneuern- Geht der Erlaß des Zehents ln Palästina auf Kosten der lüdlschen städtischen Steuerzahler? Tel-Awiw* Wie soeben bekannt wird, haben die Grundsteuerkommissionen für das städtische Gebiet von Jaffa den Ertrag der städtischen Grundsteuer in Tel-Awiw für das kommende Jahr auf 180.000 Pfund, das Dreifache des gegenwärtigen Ertrages dieser Steuer in Tel-Awiw, geschätzt. Allgemein wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß die Regierung unter Berücksichtigung dieses Steuerertrags, der ihr und nicht der Stadtgemeinde zufließt, in der Lage war, in großzügiger Weise über 100.000 Pfund an landwirtschaftlichen Steuern zu erlassen. Scharf kritisiert wird auch der Umstand, daß von den acht Beamten, die die Steuer einzunehmen haben, bloß einer Jude ist und auch dieser nur zeitweilig angestellt ist, obwohl Tel-Awiw die größte Bevölkerung unter den städtischen Gebieten des Bezirkes Jaffa besitzt. Die Zeitungen machen die Hausbesitzer darauf aufmerksam, daß ihnen noch die Möglichkeit eines Einspruches gegen die Bewertung ihres Einkommens aus Haus- und Grundbesitz zusteht. Reisende zum XVill. Zionistenkongreß nach Prag Wer bequem und billig zum nächsten Zionistenkongreß fahren will, benütze die einzigartige Möglichkeit mit Sonderschnellzug nach Prag zu reisen. Die Reise erfolgt it» PuUmannwagen Für alle Keiseteilnehmer werden Plätze reserviert. Die Rückfahrt erfolgt nach Vereinbarung in zwei Gruppen, nach acht Tagen und nach Beendigung des Kongresses. Alles Nähere im Reisebureau E Ferstel Wien, I., Kärntnerring 12, Tel, U 40-301. Werbet Abonnenten für "Die Stimme» 69^2^95484

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.