Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 294 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 204 — 10. August 1035 Dlß STIMME Sette 5 Dia Hetzkampagne gegen jüdische Aerzte und Studenten Mitten in die schon seit einigen Jahren in Oesterreich Üblich gewordenen Warnungssignale ziemlich aller Berufs* Organisationen vor Zuwachs ertönt plötzlich der Alarmruf: «Wien braucht christliche Aerzte». Was Ist geschehen? Ist eine Seuche ausgebrochen, der die Wiener Aerzte trotz ihrer nicht gerade kleinen Zahl nicht mehr Herr werden können? Eine jener sanitären Katastrophen, an deren Wüten in vergangenen Jahrhunderten die berühmte Pestsäule auf dem Graben die schaudernde Nachwelt erinnert? Und icvarum dann nur christliche Aerzte, warum die konfessionelle Beschränkung der HeilkUnstler, da doch die Krankheiten, von denen die Menschen Heilung suchen, sich weder, um die Religion noch um die Rassenzugehörigkeit der von ihnen Befallenen zu kümmern pflegen? Stehen ,£twa wieder, wie just zur Gründungszeit der Wiener Universität, die Juden im Verdacht, durch Brunnenvergiftung Epidemien heraufbeschworen zu haben? Oerade daa Umgekehrte ist featzusteiien: Nicht plötzlicher Ueberfluß an Patienten ist die Ursache des zitierten tAlarmrufes, sondern der Patientenmangel solcher Aerzte, die In ihrer Studentenzeit unter dem Einfluß der christlichteutonischen Burschenschaften mehr Eifer auf das Lösen der «Judenfrage» als auf ihr Fachstudium verwendet hatten. Und der Vorwurf, den der moderne Antisemitismus gegen die Juden erhebt, ist nicht mehr der, daß sie Oesunde krank machen, sondern im Gegenteil, daß sie Kranke gesund machen. In der Tat, das ist das Verbrechen, das man den Juden, die Ja schon so viel ähnliches auf dem Kerbholz haben, neuestens ankreidet. Wer nicht glaubt, der werfe einen Blick in die deutschnationate und christlichsoziale Presse der ersten Augustwoche. Die «Wiener Neuesten Nachrichten», die durch den gewaltsamen Tod der Naziblätter, gerade in dem Moment, da sie selbst infolge galoppierender Leserschwindsucht ihr letztes Stündlein nahen sahen, unversehens zum alleinigen Erben der deutschnationalen Pressetradition geworden sind, erwiesen sich dieses QlUcksfaltes würdig, indem sie an leitender Stelle ihrer Folge vom 1. August die magere Quote errechneten, die die Anzahl der jüdischen Aerzte nach dem Verhältnis der österreichischen Juden zur österreichischen Gesamtbevölkerung regeln würde. Daß das Blatt eine solche Regelung für notwendig hält, kann nur den befremden, der die deutschnationalen Belange und ihre ruhmvolle Tradition aus der Vorkriegszeit nicht kennt. Wenn in einem gemischtsprachigen Oebiet Altösterreichs «ln Nachtwächterposten zu besetzen war, dann setzten sich die «nationalen» Abgeordneten aller Nationen hin und errechneten perzentuell den Anspruch, den jede einzelne Nation an dieser Besetzung hatte. Die Folge davon war, daß in manchen Orten der Monarchie, in der neun Nationen hausten, angeblich so viele Nachtwächter zu ernennen waren, daß die Hälfte von Ihnen — bei Tag Dienst machen mußten, um die nationalen Belange zu retten. Trotz dieser gewissenhaften Methode ist Altösterreich zugrunde gegangen. Erhalten geblieben ist aber der nationale Nachtwächtergeist. Er greift, wie sich zeigt, auch schon auf striche Berufe über, von deren Ausübenden zwar auch verlangt wird, daß sie gelegentlich die Nacht durchwachen und jederzeit wissen, wieviel es geschlagen hat, deren Vertrauenswürdigkeit in den Augen der auf ihre Dienste Angewiesenen aber doch nicht auf der Muttersprache beruht, in der aie ihren politischen Protektoren zuliebe «Nieder mit den Juden I» rufen können. Die christlichsoziale Presse, seit ihren schlimmen Erfahrungen mit Hitler vom «Mythus der Rasse» weniger entzückt als in den Tagen der Czertnakschen «Studentenordnung», verschließt sich nicht der Erkenntnis, daß die Wahl des Arztes weniger von rassenstatistischen Erwägungen als vom persönlichen Vertrauen des Patienten abhängig zu sein pflegt. Merkwürdigerweise billigt aber die «Reichspost» (Nr. 213 vom 3. August) dieses Wahlprinzip nur den reichen und wohlhabenden Patienten zu: «ln der Privatpraxis und in den privaten Sanatorien kann •ich der Patient seinen Arzt nach Wunsch aussuchen. In den öffentlichen Anstalten besteht diese Freiheit der Wahl nicht. Um so notwendiger ist es, daß die Aerzteschaft in den Spitälern und Krankenkassen mit einiger Rücksicht auf die Struktur der Bevölkerung ausgewählt wird...» Wer also in der Lage ist, im Erkrankungafall ein Sanatorium aufzusuchen, darf sich auch in Zukunft denjenigen Arzt nehmen, zu dem er am meisten Vertrauen hat, auch wenn dieser Arzt, wie der Leibarzt Dr. Seipels, der jüdischen Rasse angehört. Der arme Teufel dagegen, der von dem Willen der Krankenkassen und Spitäler abhängt, soll mit Aerzten vorlieb nehmen, deren Anstellung nicht von ihrem persönlichen Können abhängt, sondern von einer rein mechanisch zu errechnenden Verhältniszahl zur «Struktur der Bevölkerung». Man muß sich wundern, wie e»n aittlich-religiös eingestelltes Blatt einen solchen Standpunkt vertreten kann und sich zu folgender Aeußerung vereteigt; «Die Wiener öffentliche Meinung sollte doch einmal laut und energisch um arische Aerzte für die Spitäler und Krankenkassen rufen 1» Wo liegt die Notwendigkeit für dieses Geschrei? Der christlichsoziale Bundesminister für Unterricht fett bereits aus eigener Initiative einen Weg gefunden, Juden die ärztliche Ausbildung an den Wiener Fondsspitälern, d. h. an Spitälern, die auch von jüdischen Steuergeldern erhalten werden, unmöglich zu machen. Er hat nicht erst auf den von der «Reichspost» geforderten Ruf der Bevölkerung gewartet, offenbar, weil er wußte, daß er darauf lange würde warten müssen. Gibt doch die «Reichspost» selbst zu: «Die nichtjüdische Oeffentlichkeit ließ bisher keine Klage darüber vernehmen, daß in den der Gemeinde Wien unterstehenden Spitälern und sonstigen Sanitätseinrichtungen seit zehn Jahren und länger nur ganz ausnahmsweise nichtjüdische Aerzte angestellt werden.» Aber auch in den staatlichen Spitälern wurden, wie die «Reichspost» jammert, als Aspiranten nahezu ausschließlich Juden zugeiassen, «weil eben die fast ausschließlich jüdischen Abteilungsvorstände nur Juden aufnefomen.» Wenn man diese Klagen des christlichsozialen Blattes liest, möchte man meinen, daß sowohl die sozialdemokratische Stadtverwaltung Wiens, die in der Nachkriegszeit für die Aerzteanstellungen im städtischen Spital verantwortlich ist, als auch das kaiserl. Unterrichtsministerium, das die Ernennung der staatlichen Krankenabteilungsvorstände in der Vorkriegszeit durchführte, von fanatischer Judenverehrung besessen war. In Wirklichkeit ist eher das Gegenteil der Fall gewesen, und wenn trotzdem jüdische Aerzte in Wien Gelegenheit zu öffentlichem Wirken erhielten, ist dies für die beiden genannten Instanzen nur ein ehrender Beweis, daß sie sich bei Vergebung der ärztlichen Posten von rein wissenschaftlichen Prinzipien leiten ließen. Die Zeit, aus der die jüdischen Abteilungsvorstände in den Fondsspitälern stammen, war die Glanzzeit der Wiener medizinischen Schule, eine Epoche, in der der Ruhm der Wiener Kliniken zahllose Jünger und Patienten aus aller Welt in die österreichische Metropole lockte. Jetzt scheint man allerdings auf diese Lockmittel keinen Wert mehr zu legen. Hat doch die österreichische Unterrichtsbehörde dieser Tage in aller Form eine Beschränkung der Aufnahme ausländischer Studenten angeordnet. Optimisten halten dies für eine Maßregel gegen die Nazistudenten aus Deutschland. Uns soll es recht sein. Wir werden aber aufpassen, wieviel jüdische Studenten aus Polen, Ungarn usw. die Aussperrung mit den Hakenkreuzlern werden teilen müssen, obwohl — um mit der «Reichspost» zu reden — «aus dem Klang der meist eindeutigen Namen allein entnommen werden könnte, woher die Betreffenden den Weg nach Wien genommen haben.» Wissensdurstige Adepten, die aus dem Osten kommen, sollten deshalb allein nicht abgewiesen werden in einer Zeit, in der anläßlich der Türkenbefreiungsfeier immer wieder auf die Aufgabe Wiens, ein Mittler westlicher Kultur für den Osten zu sein, hingewiesen wird. Die Ostjuden kommen nicht wie die Türken aus Haß und Zerstörungswut gegen die westliche Kultur hieher, sondern aus Liebe zu dieser Kultur. Sie haben auch schon oft genug ihre Neigung und Fähigkeit, bewiesen, der Stadt, der sie ihre geistigen Aufstiegsmöglichkeiten verdankten, durch schöpferische Taten, die den Ruhm der Wiener Universität noch höher trugen, zu vergelten. Statt dies anzuerkennen, nennt die «Reich9post» die durch raschere Vorrückung belohnte Tüchtigkeit der jüdischen Spitalsärzte ein «leider immer stumm ertragenes Unrecht an der nichtjüdischen Aerzteschaft» und findet die «systematische Bevorzugung jüdischer Aerzte «unerträglich und unhaltbar». «Wien braucht christliche Aerzte!» Wir sind die letzten, die die Anstellung christlicher Aerzte verhindern wollten, selbst wenn wir es könnten. Wir huldigen vielmehr durchaus der Auffassung, daß jeder Patient in der Lage sein soll, den Arzt zu finden, dem er Vertrauen entgegenbringt. Aber warum soll es «unerträglich und unhaltbar» sein, wenn eine solche Bevorzugung einem jüdischen Arzte zuteil wird? Unhaltbar und unerträglich wäre es. wenn die Beschäftigung jüdischer Aerzte eine Vergrößerung der Sterblichkeit in den betreffenden Abteilungen nach sich zöge. Diesen Nachweis vermochten aber bisher nicht einmal die Rassenkommissäre des Hitler-Reiches zu erbringen, die ihn sonst der Welt bestimmt nicht vorenthalten hätten. Unhaltbar und unerträglich wären politische Konspirationen im Rahmen der ärztlichen Tätigkeit. In der letzten Zeit wurden wiederholt Aerzte wegen verbotener Parteipropaganda gemaßregeit. Ein Kurarzt wurde aus Baden bei Wien abgeschafft, ein oberösterreichischer Chirurg vom Operationstisch weg verhaftet. Beide hatten das Bekenntnis «Heil Hitler!» für wichtiger gehalten als das Heil ihrer Patienten. Beide waren Arier... Unhaltbar und unerträglich ist es, daß di« «Reichspost» auf Seite 3 in den Fehler verfällt, den sie selbst auf Seite 1 — im Leitartikel derselben Nummer — In beachtenswerter Welse tadelt. Wer gegen Menschen, die in opferfreudiger und aufreibender Arbeit beflissen sind, sich den Lebensunterhalt zu verdienen und Kranken Lebensverlängerung und Milderung ihrer Leiden zu verschaffen, eine gehässige Hetze Inszeniert, bloß weil es sich um Juden handelt, der bejaht, wie die «Reichspost» aus dem päpstlichen «Osservatore Romano zitiert, den «materialistischen Aspekt des Nationalismus». Der Kampf wird, wie das vatikanische Organ an anderer Stelle desselben, «Nation und Rasse» betitelten Aufsatzes schreibt, zum Kampf um die Vorherrschaft einer Rasse, an Stelle der günstigen Begabung tritt die Körperstruktur, die moralische Persönlichkeit weicht der physischen, die Gewalt rückt an die Stelle des Rechtes». Haltbare und erträgliche Verhältnisse sind erst zu erwarten, wenn alle Seiten der «Reichspost» und der übrigen christlichsozialen Presse, von dem milden Geiste des an leitender Stelle der «Reichspost» vom 3. August zitierten Artikels aus dem «Osservatore Romano» erfüllt sein werden — haltbar und erträglich nicht bloß für den Aerztestand, sondern für die ganze haßmüde, Ruhe ersehnende Menschheit. Nur wer dieser gewaltsam aufgeputschten Stadt den Bürgerfrieden wiedergibt, hat in Wahrheit erfaßt, was Wien braucht. Dr. Hugo S p i e g l e r. £in Memorandum der Jüdisdten Volkspartei Diie «Jüdische Volkspartei» Oesterreichs hat an die Bundesregierung folgende Beschwerde gerichtet: Wien, den 7. August 1933. An die Hohe Bundesregierung z. H. des Herrn Bundeskanzler Dr. E. Dollfuß, Wien, I., Bundeskanzleramt. Die gefertigte Leitung der Jüdischen Volkspartei Oesterreichs erlaubt sich hiemit der Hohen Bundesregierung zur Kenntnis zu bringen, daß durch das in jüngster Zeit geübte Vorgehen bei Ernennung von Assistenten, Sekundarärzten und Aspiranten an den staatlichen Krankenanstalten die in der Verfassung festgelegte Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger Oesterreichs verletzt wird. Bei den vor kurzem erfolgten Ernennungen von Sekundarärzten bei den staatlichen Krankenanstalten, namentlich am Allgemeinen Krankenhaus, Wiedener Krankenhaus und Wilhelminenspital, wurden alle laut Dienstordnung anspruchsberechtigten jüdischen Bewerber übergangen. Diese Maßnahme bedeutet nicht nur eine Verletzung des Rechtes der betroffenen jungen jüdischen Aerzte, sondern die Vernichtung ihrer Existenz, da die Ausübung des ärztlichen Berufes in seinen wichtigsten Formen an absolvierte praktische Betätigung im Spitalsdienst gebunden ist. Das Vorgehen des mit den Ernennungen betrauten Bundcsministeriums für soziale Verwaltung ist um so bedenklicher, als sein tendenziöser Charakter von Politikern und Zeitungsorganen, welche der Regierung nahestehen, ausdrücklich hervorgehoben wurde, und zwar mit Hinweis darauf, daß die Zahl der jüdischen Aerzte in den erwähnten Spitälern und die Zahl der Juden im Aerztestande im allgemeinen eine Übergroße und Fernhaltung geboten sei. Unter Festhaltung an dem ln der Verfassung niedergelegten Rechte jedes Staatsbürgers, also auch des jüdischen, auf freie Wahl des Berufes und Bewerbung um öffentliche Stellen unter gleichen Bedingungen, wie allr anderen Staatsbürger, sei festgestellt: Die große Zahl von jüdischen Aspiranten an den genannten Krankenanstalten findet eroe Erklärung darin, daß den jungen jüdischen Aerzten der Eintritt in fast alle anderen Krankenanstalten schon seit langem unmöglich gemacht wird. Die große Zahl von jüdischen Aerzten im allgemeinen ist darauf zurückzuführen, daß ungeheuer große Berufsgebiete, wie der Bundesdienst und der Dienst in den Bundesbetrieben, der Gemeindedienst, der Dienst in kom* munalen Betrieben etc., jüdischen Bewerbern verschlossen sind. Das führt notgedrungen zu einem starken Zustrom zu gewissen, bisher noch zugänglich gewesenen Berufen, wie zum ärztlichen. Die ungleichmäßige Verteilung der Juden auf die verschiedenen Berufe ist kein von der österreichischen Judenschaft gewollter, sondern ein ihr aufgezwungener Zustand, und sie würde es gewiß begrüßen, wenn durch gerechte Maßnahmen ein Weg aus dieser, sie selbst mehr als jeden anderen bedrückenden Lage geschaffen würde. Aber sie muß mit allem Nachdrucke dagegen Steilung nehmen, daß die Folgen eines ihr zugefügten Unrechtes durch vermehrtes Unrecht beseitigt werden soll. Sie kann es nicht hinnehmen, daß ihrer von großen Berufsgebieten bereits ausgeschlossenen Jugend durch Absperrung der noch freien Gebiete jede Existenzmögiichkeit genommen wird. Die jüdischen Bürger Oesterreichs, welche jederzeit ehrlich bemüht sind, ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen, haben votien Anspruch auf Achtung ihrer staatsbürgerlichen Rechte. In diesem Sinne bittet die gefertigte Leitung der Jüdischen Volkspa. tei Oesterreichs die Hohe Bundesregierung um gerechte Erledigung der vorgebrachte» Beschwerde. Für die Jüdische Volkspartei Oesterreichs Der Obmann: Oberbaurat Robert Stricker. "t i