Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 294 (10.8.1933)
- Date
- 1933-08-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette ft DIE STIMME Nf. 294 — 10. August 1933 Aus Hitler-Deutschland $He ftfimadk von Jliirnberg Deutschland und Oesterreich Das Wort von den düsteren Wolken, die den politischen Horizont bedecken, ist leider wieder einmal wahr geworden. Das Hakenkreuz wütei mit seiner ganzen Bestialität gegen Oesterreich. Bombenattentate, Flugzeugpropaganda, Radiohetze, österreichische Legion in Bayern, feige Mordüberfälle auf Grenzposten in Tirol sind die Marksteine einer traurigen Entwicklung, in deren Brennpunkt das kleine Oesterreich steht. Als die Demarche Englands, Italiens und Frankreichs angekündigt wurde, da glaubten naive Gemüter, nun werde Berlin nachgeben. Dieser Traum ist rasch verflogen. Der Viermächtepakt hat nur den Zweck, es England, Frankreich und Italien zu ermöglichen, mit Hilfe Deutschlands einem der Vertragspartner eines auszuwischen. Diesmal hat das Italien gegenüber England und Frankreich besorgt. Bel anderer Gelegenheit wird man das gleiche Spiel zwischen anderen Partnern des Viermächtepaktes erleben. Diesmal scheint Deutschland bei diesem Qui pro quo gewonnen zu haben. Es hat außerhalb der Demarche Italien gegenüber beruhigende Erklärungen abgegeben und schon sein Wort gebrochen. Gestern gab es wieder im bayrischen Rundfunk eine perfide Hetzrede gegen Oesterreich und vorgestern wurde ein Grenzpolizist bei Kufstein ermordet. Man wird sich daran gewöhnen müssen, Italien als brillanten Sekundanten Deutschlands zu sehen. So war es auch bei der Petition Bernheim. Italien enthielt eich damals der Abstimmung mit der Begründung, Deutschland habe ohnehin versprochen, die Juden Oberschlesiens wieder in ihre Rechte einzusetzen und schadlos zu halten. Man weiß, daß Deutschland sein Wort nicht gehalten hat und es wird sein Wort auch diesmal nicht halten. Für Deutschland sind eben seit Bethmann-Hohlweg Verträge nur ein Fetzen Papier. Oesterreich ist bedroht. Es hat keine wahren Freunde. Im Lechfeld ln Bayern wird nach Zeitungsnachrichten eine österreichische Legion ausgebildet, um bei erster Gelegenheit in Oesterreich einzufallen, die Mark rollt in Oesterreich und die Nazipropaganda geht von Mann zu Mann weiter. Mussolini führt einen bewundernswerten diplomatischen Eiertanz auf, Frankreich spricht vom Schutz Oesterreichs und meint damit die Niederhaltung Deutschlands und von Englands diplomatischen Kunststücken wissen wir Zionisten ein Lied zu singen. Trotz allem glauben wir, daß die österreichische Regierung, die im Innern mit großer Energie gegen das Hakenkreuz vorgeht, gut daran tut, in erster Linie die Westtnächte und Italien ins diplomatische Feuer zu schicken. Es könnte aber bald der Moment eintreten, wo Oesterreich seine Selbständigkeit wird selbst verteidigen müssen, will es nicht gleichgeschaltet werden. Dann wird niemand für uns einen Finger rühren. Wir möchten gerne hoffen, daß dieser Zeitpunkt nie eintreten und daß eine friedliche Regelung möglich sein wird. Eine merkwürdige Analogie drängt sich uns auf. Desterreich — und wir Juden sind auf uns allein gestellt. Wir haben uns immer dann durchgesetzt, wenn wir uns nicht auf fremde Hilfe verließen, sondern unser Geschick selbst in die Hand nahmen. Oesterreich wird das gleiche tun und kann sich so den Ruhm erwerben, die Welt vor der Barbarei des Hakenkreuzes gerettet zu haben. Weltkonferenz des liberalen Judentums Aus London wird uns beriohtet: Am 30. Juli wurde in London eine Weltkonferenz für das liberale Judentum eröffnet. Den Vorsitz führt Rabbi Dr. Mattuck. Es sind Delegierte aus folgenden Ländern anwesend: Deutschland, England, Oesterreich, Frankreich, Schweden, Vereinigte Staaten von Amerika. In der Eröffnungssitzung hielt Prof. Ismar Elbogen (Berlin) einen Vortrag überjüdischen Gottesdienst Er führte aus, daß sowohl religiöse Erziehung als auch das Gebet wichtige Teile des jüdischen Gottesdienstes seien. Der religiöse Jude fühle sich abhängig von Gottes Macht und Gnade. Daher habe das Gebet oft die Form persönlicher Bitten. Dabei seien sogar materielle Gegenstände nicht ausgeschlossen, wie die übliche Bitte um «das tägliche Brot» beweise. Im allgemeinen aber sollte die Bitte des Gebetes einen geistigen Charakter haben, etwa Bitte um Kraft, um Wiederaufbau des Heimes in Zion, um Vergebung der Sünden. Das zweite Referat hielt Rabbiner Julius Marc aus Nashvüie (Amerika). Wir liberalen Juden, so sagte er, haben viel dazu beigetragen, das Judentum zu einem lebendigen Faktor im jüdischen Leben zu machen, aber wir haben auf dem Gebiete des Gebets versagt, ln Amerika gehen die liberalen Juden in die Synagoge nicht, um zu beten, sondern um Ansprachen zu hören. Die liberalen jüdischen Rabbiner Amerikas sind gute Redner und haben daher große Hörerschaft. Aber das ist nur «Publikum*, nicht «Gemeinde*. Der Redner übt eine scharfe Selbstkritik an der Praxis des liberalen Judentums. Wir müssen, so schloß der Redner, dem Volk den Trost der Religion wiederbringen. Im Laufe der Debatte wies ein deutscher Delegierter darauf hin, daß unter dem Druck des Antisemitismus in Deutschland viele Juden wieder das Bedürfnis nach religiöser Erbauung gezeigt haben. Aus diesem Grunde habe man damit begonnen, Gottesdienste in deutscher Sprache (II) nach den traditionellen Richtlinien abzufcalten. Die Liberalen Juden scheinen noch nicht umgelernt zu haben. Statt zur nationalen Sprache des ganzen Judentums reumütig zurückzukehren, bleiben sie noch immer an der Sprache der Hakinger sogar im reformierten Gottesdienst haften. Wäre es nicht vernünftiger, statt den Gottesdienst zu reformieren, erst mit der Reform der Seelen zu beginnen, die noch immer die Niederträchtigkeit der «kade mit eine* Verbeugung Quittieren? (Anm. d. Red.). Der Münchner Korrespondent der «Times» berichtet seinem Blatte über neue Details von der großen Aktion der Nürnberger Nazi gegen die Juden am 20. Juli. Darnach habe die Geheimversammlung in der Nürnberger Synagoge, auf Grund deren die Verhaftungen von 300 Juden in Nürnberg erfolgten, überhaupt nicht stattgefunden. Vielmehr wurden diese 300 Juden, hauptsächlich Kaufleute, aber auch einige stadtbekannte Nürnberger Aerzte und Rechtsanwälte befanden sich darunter, zum größten Teil in ihren Wohnungen nach voran gegangenen Hausdurchsuchungen verhaftet, wobei man als Grund für dieses Vorgehen eben eine angebliche geheime Versammlung in der Synagoge auführte. Die 300 verhafteten Juden wurden zusammengetrieben und in einem geschlossenen Zuge durch die Straßen geführt, wobei sie, wie der Korrespondent der «Times» ausdrücklich feststellt, dem Hohn und der Brutalität der Menge ausgesetzt waren. Alte Männer, die nicht rasch genug gehen konnten, wurden mit Fußtritten angetrieben. Schließlich wurden die 300 unglücklichen Menschen in einer großen Polizeibaracke untergebracht. Wie der Korrespondent der «Times» weiter berichtet, ist ein größerer TeU der am 20. Juli verhafteten Juden indessen wieder freigelassen worden, mehrere von den verhafteten Intellektuellen aber befinden sich noch in Haft und werden gezwungen, niedrige Arbeiten zu verrichten und die verschiedensten Demütigungen über sich ergehen zu lassen. Man glaubt, daß einige in das Konzentrationslager von Dachau gebracht wurden. In mehreren Fällen wurden größere Geldsummen, die das Privateigentum einiger verhafteter Juden waren, von den Nazi weggenommen. Der Korrespondent der «Times* berichtet weiter wörtlich: Die nicht beneidenswerte Prominenz Nürnbergs als Judenhetzzentrum verdankt die Stadt den Bemühungen des Herrn Julius Streicher, des nationalen Organisators des antijüdischen Boykotts und Führers der Nürnberger Nazi. Herr Streicher gibt zwei Zeitungen heraus, deren eine, als sie Samstag von einem Juden beichtete, der in Cannstadt wegen antisemitischer Verfolgungen Selbstmord begangen hat, ihre Freude über diese Tatsache zum Ausdruck brachte und fortfuhr: «Wir hätten nichts dagegen, wenn alle seine Rassengenossen sich auf dieselbe Art und Weise von uns verabschieden wollten.» Fremdrassigen wird das Betreten fränkischer Ortschaften verboten Wie die vom Reiohstagsabgeordneten Julius Streicher henausgegebene «Fränkische Tageszeitung* meldet, hat der Gemeinderat von Oberroßbach, Bez. A. Neustadt a. d. Aisch, folgende vom Bürgermeister Löw gezeichnete Bekanntmachung veröffentlicht: «Es wird hiermit zur Kenntnis gebracht, daß Fremdrassige die Ortschaften Oberroßbach, Unterroßbach und Rimbach nicht mehr zu betreten haben, es sei denn, sie haben di« Genehmigung des Unterzeichneten. Die Gemeinde wird sich bei Uebertretiung dieses Beschlusses zu schützen wissen.» Handel mit Juden untersagt Die «Fränkische Tageszeitung* berichtet aus Debemdorf, daß der dortige Gemeinderat einstimmig beschlossen habe, der gesamten Gemeinde öffentlich bekanntzugeben, daß der Handel mit Juden untersagt ist. Badeverbot für Jnden In Erlangen Erlangen. Der Bürgermeister von Erlangen A. Groß hat folgende Kundmachung erlassen: «Das städtische Röthelheimbad ist bisher im wesentlichen von dem Besuch von Juden verschont geblieben, so daß sioh ein Verbot des Betretens des Badegeländes durch Juden erübrigte. Da aber nunmehr in Nürnberg und anderwärts den Juden der Zutritt zu Bädern verboten wurde, ist zu befürchten, daß aus der Umgebung in das Röthelheimbad Juden kommen. Ich ordne deshalb an: Zur Aufreohterhaltung der Ruhe und Ordnung ist Juden der Zutritt zum Röthelheimbad mit sofortiger Wirkung verboten.* Jndeufreler Markt ln Beerfelde In der «Starkenburger Presse» finden wir unter der Ueberschrift «Der erste Beerfelder Pferde-, Fohlen-, Zuchtvieh-, Ziegen- und Schweinemarkt im Dritten Reiche» einen Bericht über den Hauptmarkt in Beerfelde, bei dem der hessische Ministerpräsident Prof. Dr. Werner eine Ansprache hielt, in deren Verlauf er nach dem Bericht des ge* nannten Blattes sagte: «Angesichts des heutigen judenfreien Marktes ist die Tatsache hervorzuheben, daß, wenn jeder im Deutschen Reiche so gehandelt hätte, bezw. den Juden in geschäftlicher Hinsicht gemieden hätte, dann könnten wir sicher sein, daß dieselben schon vor Jahrzehnten den lästi- , gen Staub des Odenwaldes von ihren Füßen geschüttelt naben würden und auch jetzt kein Jude mehr in Beerfelde wäre... Es kommt nicht zu sehr darauf an, den Juden zu beschimpfen, Zettel diesbezüglichen Inhalts an das Haus zu kleben, sondern man muß ihn wirtschaftlich treffen, alsdann wird er sich schon von selbst bei seinen Vätern versammeln. Die besten Wünsche begleiten das Judentum in seine neue Heimat » Hierzu schreibt ein Leser aus Beerfelde der «Jüdischen Rundschau», daß dort seit uralten Zeiten Juden wohnen. Der aus Beerfelde gebürtige Deutsch-Amerikaner A. S. Rosenthal habe, so wird uns weiter berichtet, vor etwa vier Jahren der Gemeinde eine Stiftung von etwa 190 000 RM. überantwortet, deren Zinsen an Ortsarme ohne Unterschied der Konfesison verteilt werden. Rosenthal hat ferner einen Beitrag, für die Erbauung einer katholischen Kirche und 5000 RM. zur Renovierung der protestantischen Schule gestiftet. Wir wollen dazu sagen, daß die Rosenthals und Rosen« walds, und wie sie alle heißen, sich heute im Grabe umdrehen müssen, daß sie ihr Geld nicht für Palästina verwendet haben. Der füdlsche Hakenkreuzler Das Frankfurter Sondergericht verurteilte einen Journalisten, der angab, 1922 aus dem Judentum ausgetreten zu sein, wegen unberechtigten Tagens des Abzeichens derNSBO zu zwei Monaten Gefängnis. Der Angeklagte verantwortete sich damit, daß er, obwohl Nichtarier, doch ein unentwegter Vorkämpfer der nationalen Bewegung sei. Er hatte sich zur NSBO angemeldet und in der Aufnahmeerklärung versichert, rein arischer Herkunft zu sein. Obwohl er später mit 13 anderen Leuten ausgeschlossen wurde, wobei ihm gesagt wurde, daß er als Jude nie Mitglied sein könne, meldete er sich später an andererer Stelle wieder an und trug Abzeichen, ohne daß seine Aufnahme genehmigt war.. Wir stehen zwar auf dem Standpunkte, daß es keine Ehre ist, das NSBO-Abzeichen zu tragen, aber doch meinen wir: Mauschel, es ist dir recht geschehen. Der «Berliner Tag» vom 29. Juli schreibt über die Verlegung der Makkabiade von Czernowitz nach Prag: «Sie wollten eine «Makkabiade* abhalten, die Juden von Czernowitz. Was dem Arier seine Olympiade, das sollte dem Juden das Sportfest in Rumänien se!n. Es lagen bereits Nennungen aus den verschiedensten Ländern vor, auch aus Palästina. Ueber die Art der Wettkämpfe verlautete nichts Genaueres, immerhin sollten Preise ausgeschrieben werden filr Wettbewerbe im Anfertigen von Greuelmärchen, Handel mit alten Kleidern und Währungsattacken. Nun hat man die «Makkabiade» abgesagt. Grund: die Polizei fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen, jedem einzelnen dieser Helden einen persönlichen Schutz zu stellen. Passiere etwas, so meinte die gewitzigte Sicherheitsbehörde, so werde auch Rumänien unter Greueltrommelfeuer genommen, und das wäre furchtbar. So müssen die Juden auf ihr völkisches Fest verzichten, daß gerade durch die Betonung des Rassegedankens eine Lehre für manches Volk geworden wäre.» Hier irrt der «Berliner Tag». Rumänien hat sich eine internationale Blamage geholt. Nazi-Deutschland holt sich seine Blamagen täglich, ln Nazi-Deutschland wäre ein Kongreß heute nicht einmal möglich, wenn man hinter jeden Besucher einen Gausaf mit Nilpferdpeitsche stellen würde. Kein Arlerparagraph für die Leipziger Messe Das Leipziger Messeamt gibt für die Besucher der bevorstehenden Leipziger Herbstmesse folgendes bekannt: «Alle Gerüchte, daß bestimmte Staaten und Völkergruppen, zum Beispiel nichtarische Kaufleute, von der Beschickung und dem Besuch der Leipziger Messe ausgeschlossen werden sollten, entbehren jeder Grundlage. Auch den in Deutschland ansässigen jüdischen Kaufleuten wird bei der Ausübung ihrer Geschäftstätigkeit auf der Leipziger Messe kein Hindernis in den Weg gelegt.» Und in einem Werbebrief der Leipziger Messe heißt esr «Ueberzeugen Sie sich an Ort und Stelle persönlich davon, wie es im neuen Deutschland wirklichaussieht; und lernen Sie aus eigener Erfahrung und Anschauung kennen, wie das ganze deutsche Volk nur das eine hohe Ziel kennt und erstrebt: in Frieden und in Freundschaft mit allen Nationen zu leben und zusammenzuarbeiten zum Besten der wiedererstarkenden Weltwirtschaft, zum Besten des nationalen und des internationalen Wiederaufbaues!» Die Nazi arbeiten für Frieden und Freundschaft unter den Völkern. Da lachen die Hühner oder, wie man in Deutschland sagt: «Da bleibt uns die Spucke weg.» Hoffentlich bleibt sie uns nicht weg für jene Juden, die sich nicht entblöden sollten, nach Leipzig zur Messe zu fahren. Hamburger Heine-Denkmal entfernt Die «Vossische Zeitung» meldet: Das im Hambur« ger Stadtpark stehende Denkmal Heinrich Heines wird nach einem Beschluß des Senats von seinem bisherigen Platz entfernt und in einem Schuppen eingelagert. Das Hamburger Heine-Denkmal war die Stiftung eines Privatmannes und hatte bereits lange Jahre in einem privaten Garten gestanden, ehe es nach dem Kriege in den öffentlichen Park versetzt wurde. Da wird sich Heine aber kränken I Vielleicht wiederholt er sogar, wenn er im Schuppen eingelagert sein wird, die Worte Bedas: «Nun kann mich der ganze Hamburger Senat nicht mehr aus dem Schlafe erwecken». Seeleid ln Tirol, 1200 m Modernes Haus, fließendes Kalt» und Warmwasser, sonnige Liegeterrass», staubfrei, freier Rundblick Pensionspreis S 10'— bis 12*— Besitzer; Andreas Mair