Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 293 (3.8.1833)
- Date
- 1833-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 293 — 3. August 1933 DIE STIMME Seit« § > Palästina und dev Kongreß Von unserem Tel-Awiwer Korrespondenten Der Jischuw wählt Men liebt es gewöhnlich am Schluß der ftonisttschen Kongresse, besonders in den letzten Jahren, in manchen zionistischen Kreisen, die Bedeutung des Kongresses ln Zweifel zu ziehen. Er bietet das Schauspiel von Partei- und Personenkämpfen, von Reden und Beschlüssen auf dem Papier und seine Beziehung zur unmittelbaren Wirklichkeit ist auf den ersten Blick verschlossen. Das Volk jedoch, solchen gedanklichen Ueberlegungen fern, reagiert aus seinem unmittelbaren Qefühl heraus anders. Der innere Ernst, mit dem es sich an den Wahlen beteiligt, ist ein Maßstab seiner Einschätzung dieser einzigen jüdischen Volksvertretung unserer Zeit. In erhöhtem Orad ist dieses Verhältnis zum Zionistenkongreß im palästinensischen Jischuw zu erkennen. Das Interesse an den Kongreßwahlen war außerordentlich stark. Eine Massenbeteiligung an den Wahlen, wie diesmal, hat z. B. Tel-Awiw noch nicht erlebt. 24.000 Schekalim wurden allein in dieser Stadt verkauft, das ist ein Schekel auf je zweieinhalb Einwohner. Davon übten 20.300 Schekelinhaber in 36 Wahlstellen ihr Wahlrecht aüs. Das äußere Stadtbild stand ganz im Zeichen dieser Wahlbewegung. Automobile und Autobusse oder wenigstens ihre äußere Fassaden standen in ihrem Dienst. Die Parteien regten sich gegenseitig zu äußersten Anstrengungen an. Trotzdem gab es Im ganzen Lande, von wenigen unbedeutenden Fällen abgesehen, keine Zusammenstöße und keine Unfälle. Größte Schärfe des Wahlkampfes, Maximum an Wahlbeteiligung bei voller Beherrschung der aufgepeitschten Parteiinstinkte und ordnungsmäßiger Ablauf des Wahlaktes waren das Bild des Tages. Außerordentlich bezeichnend und bedeutungsvoll ist das Wahlergebnis. Die Spannung war um so größer, als der politische und Interessenkampf der Parteien, der hier in ganz anderem Grade als im Galuth aus dem unmittelbaren Loben strömt, während der letzten zwei Jahre außerordentlich an Schärfe und Erbitterung zu genommen hatte. Die Scheidung der Fronten war klar: hie «Mapaj» (Arbeiterpartei), hie alle übrigen, wenn auch nicht formell vereinigten bürgerlichen Parteien. Die Arbeitskämpfe in den Städten und den Kolonien, die machtpolitischen Gegensätze kn Waad-Leumi und in den Gemeindeverwaltungen und die Kampfformen der Revisionisten gegen die Histadruth, die jedes vorstellbare Maß politischen Hasses hinter sich ließen, schufen im Lande eine erstickende Atmosphäre. Und fn diese Lage drang, zum Ueberfluß, plötzlich und erschütternd der Mord an Arlosoroff hinein mH seinen bis heute ungeklärt gebliebenen Zusammenhängen... Nach lange angesammelten Spannungen führt jede Entscheidung eine gewisse Entspannung herbei, wenn diese auch oft die Ruhe vor neuem Sturm bedeuten kann. Aehnlich wird auch hier der Wahlausgang unmittelbar nach der Entscheidung empfunden. Und diese Entscheidung des Jischuws war über Erwarten klar und eindeutig. Er steht in seinen Sympathien bis in Kreisen, die mit der Histadruth nicht identifiziert werden können, auf seiten der Arbeiterfront. Sie vereinigte 70 Prozent aller abgegebenen Stimmen auf sich, gegen 61 Prozent beim 17. Kongreß. Die Histadruth ist notwendig eine Klassenvertretung und ihre Politik, jvenn sie auch von zionistischem Verantwortungsbewußtsein getragen ist, muß natürlicherweise außerhalb ihren Reihen oft und oft Widerspruch hervorrufen. Diese Politik hat nicht Theorien, sondern unmittelbare Interessen des Lebens zum Gegenstände. Aber der skrupellose Kampf gegen sie und die geflissentliche Verkennung ihrer ungeheuren Verdienste als Pioniere des jüdischen Aufbaues warben ihr Freunde in Kreisen, die außerhalb ihrer unmittelbaren Reichweite stehen. Die moralische Wirkung dieses Wahlergebnisses wird Ober die Grenzen des palästinensischen Jischuw hinausgehen. Eine Niederlage bedeutete der Wahlausgang für die Revisionisten beider Richtungen. Sie brachten zusammen 10.7 Prozent der Stimmen auf gegen noch 17 Prozent zum letzten Kongreß. Dieses Ergebnis sticht besonders scharf ab gegen die Heftigkeit ihres Auftretens und die breite Kampffront, die sie in den politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen Palästinas eingenommen haben. Eines scheint sicher zu sein: Wenn auch der Fall Stavski in keiner Weise geklärt Ist, die Arlosoroff-Tragödie hat zur Stärkung der Revisionisten nicht beigetragen. Interessant war das Verhältnis zwischen den beiden revisionistischen Flügeln. Die Richtung Großmann schnitt mit 320 Stimmen im ganzen Lande gegen 5525 für Zabotynski armselig ab. Die Wahlpropaganda bewies eines: Es handelt sich beim Revisionismus um keine Weltanschauung, sondern um eine persönliche Gefolgschaft. Die Masse der Revisionisten steht unter dem Banne und auf den zwei Augen Jabotinsyks. Nicht seine Politik, sondern seine Person gilt. Es wird in den Galuthländem kaum anders sein. Damit erscheint aber auch das Schicksal der Richtung Großmann besiegelt. Die Richtung Großmann mag vielleicht als politisch verantwortungsbewußter und damit, unter bestimmten Voraussetzungen, als parlamentarisch koalitionsfähiger erscheinen — sie \vird eine Gruppe von Offizieren ohne Armee bleiben. Nicht gut abgeschnitten hat auch der bürgerliche Misrachi (im Gegensatz zum Poel-Misrachi, der ebenfalls im Aufstieg ist), haben vor allem die Allgemeinen Zionisten. An diesen letzteren rächte sich die unklare politische Haltung und die zu sehr exponierte Bereitschaft, mit den Revisionisten eine gemeinsame Kampffront auf dem Kongreß zu bilden. Sie, deren Mission es ist, das allgemein-zionistische, von keinem Sonderinteresse verunreinigte nationale Moment zu vertreten, konnten sich hier bestimmten Inetressentenströmungen nicht entziehen. Das Gewicht des Allgemeinen Zionismus liegt nicht in Palästina, sondern im Galuth — wenn er seine Aufgabe verstehen wird. Das Schicksal des Kongresses Wenn der Verlauf der Kongreßwahlen in Palästina für den Kongreß selbst als Vordeutung dienen soll, so darf man vielleicht hoffen, daß — nach dem Worte, daß angesagte Revolutionen nicht eintreten — er ruhiger sein wird, als man hier im Unterbewußtsein befürchtet. Hier im Lande, auf engem Raum, erreichen die Spannungen ihren höchsten Grad und besonders die Ereignisse der letzten Wochen haben Pläne reifen lassen, die für die zioinstische Bewegung gefahrdrohend sind. Es ist die Frage des Verhältnisses zwischen den Revisionisten und der Histadruth, die nach einer Lösung drängt. Es gibt Kreise innerhalb der Arbeiterorganisation, die eine radikale Entscheidung fordern. Sie halten es für unmöglich, den gegenwärtigen Zustand noch weiter aufrecht zu erhalten. Er bedrohe jedes positive Ver- J hältnis innerhalb der zionistischen Arbeitsgemeinschaft und I Zwei Polenbücher In der letzten Zeit sind zwei interessante Publikationen über die Juden in Polen erschienen. Während die eine die Geschichte der Juden in Warschau im früheren Mittelalter behandelt, hat die zweite Publikation traurige Ereignisse aus der Geschichte der letzten Jahre der polnischen Juden- _ und zwar ihr trübstes Kapitel, die antisemitische Kampagne zum Gegenstand der Darstellung. Wenn auch beide Darstellungen durch die Distanz der Zeiten weit voneinander liegen, so ist ihnen doch ein Zug gemeinsam, der Antisemitismus. Wie wir aus der kurzen Slcizzierung des Buches Dr. Emanuel Ringelblums über die Juden in Warschau ersehen, war schon im frühen Mittelalter die Warschauer Judenheit dem antisemitischen Treiben der damaligen polnischen Bevölkerung unterworfen. Dr. Emanuel Ringelblum, ein Junger, Jüdischer Historiker in Warschau, der schon seit Jahren dem jüdsich-wissenschaftlcben Leserkreis von seinen in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbüchern erschienenen Aufsätzen über einzelne Kapitel der jüdischen Geschichte in Polen, hauptsächlich aber im Mittelalter, bekannt ist, unternahm in seiner unlängst vom Warschauer historischen Verein herausgegebenen Monographie den Versuch, eine synthetisch gehaltene Geschichte der Warschauer Juden seit den ältesten Zeiten bis zu ihrer letzten Vertreibung im Jahre 1527, zu liefern.*) Diese Monographie verdient desto größere Aufmerksamkeit, da in der Historiographie der polnischen Judenheit, die Monographie der Eimzeigemeinde noch sehr schwach vertreten ist. Wäh- *) Dr. Emanuel Ringelblum: Zydzi w Warszawie 1 od- »sow najdawniejszych do ostatniego rygnamo r, r. 1527* toschau 1932. 152 .$. I—VI rend in Deutschland fast jede jüdische Gemeinde, jede größere oder kleinere Stadt, in der Juden wohnen, ihren Historiker gefunden hat, kann dies von der polnischen Judenheit nicht behauptet werden. Wir besitzen nur gezählte Monographien über Juden in den Einzelstädten, so M. Balabans Geschichte der Juden in Lemberg, Krakau und Lublin, Dr. M. Schorrs: Geschichte der Juden in Przemysl, Dr. Perles: Geschichte der Juden in Posen, S. I. Fin: Geschichte der Juden in Wilna, und noch einige kleinere Monographien zur Geschichte der Juden in Dubno, Grodno, die jedoch vom wissenschaftlichen Standpunkte nicht besonders nennenswert sind. Dabei darf doch nicht vergessen werden, daß Monographien der Judengemeinden Bausteine für eine wirklich synthetische Erfassung einer Gesamtgeschichte der Juden in Polen bilden. Schon aus diesem Grunde muß jeder Versuch und jede neue Erscheinung auf diesem Gebiete mit besonderer Freude begrüßt werden. Dr. Ringelblum hat sich sicherlich ein großes Verdienst erworben, indem er sich mit der Geschichte der Juden in Warschau in einer speziellen Arbeit beschäftigte, dies um so mehr als er vor allem bemüht war, in seiner Monographie dem jüdischen Wirtschaftsleben und den Wechselbeziehungen zum Wirtsvolke einen breiten Raum zu widmen. Vor Ringelblum haben zwar einzelne Schriftsteller, die gar keine methodologische und historiographische Schulung besaßen, wie Hilarry Nußbaum, E. N. Frenk den Versuch gemacht, einzelne Beiträge zur Geschichte der Warschauer Juden zu liefern. Diese Arbeiten sind jedoch für die Forschung nicht von der Bedeutung, da sie viel zu wenig auf archlvali6chen Untersuchungen fußen. Dr. Ringelblum hat jahrelange Forschungsstudien in allen in Betracht kommenden Archiven durchgeführt, aus welchem Grunde auch das Ergebnis seiner Forschungen, die er in seiner Monographie niedergelegt hat, für die jüdische Geschichtswissenschaft weitaus wertvoller sind, als alle bisherigen. Warschau zählt jede konstruktive Arbeitsmögliehkelt. Es sei der Zeitpunkt abzusehen, an dem die ArbeiterfUhrung durch den aufgehäuften Unwillen in den eigenen Reihen die bisherige Pag» sivität nicht werden aufrecht halten können. Die Forderung, die auf einen Ausschluß der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation hinausläuft, wurde bisher von den offiziellen Stellen uer Hismarutti ment venreten, aber sie wurde deutlich genug auf den Versammlungen von maßgebenden Rednern erhoben. Diese Forderung, ohne auf die herangezogenen Parallelen in der zionistischen Geschichte und auf die Folgen für die Zionistische Organisation näher einzugehen, ist für sich ein Gradmesser für die erreichte Spannung. Es ist fast gleichgültig, an welcher konkreten Frage die Gegnerschaften zur Entladung kommen können. Die innere Erregung vibriert in den Gemütern und darin liegt an und für sich der stärkste Gefahrenpunkt. Eine interessante Rolle spielte auch bei den jetzigen Wahlen der «Fall Weizmann». Er spukt in den Gemütern nach, die ihn nicht loswerden können. Die Revisionisten stehen noch immer in seinem Bann. Auf ihren Versammlungen nahm Weizmanns Person einen breiten Raum du, Alle seine Sünden wurden neu aufgezählt. Aber auch di« meisten anderen Parteien brachten die Frage aufs Tapet. Es gab solche, die für Ihn eingetreten sind, aber sein Wiedererscheinen auf dem Präsidentenstuhl «in seinem eigenen Interesse» für verfrüht halten. Am zurückhaltendsten in der Frage ist die Histadruth, über deren positive Stellung zu Weizmann kein Zweifel besteht. Es ist sicher, daß für manche, sonst sehr nüchterne Politiker diese Einstellung der Histadruth für sich allein genügt, um das Gegenteil zu wollen. Diese in die Sphäre der irrationalen Instinkte herabgesunkene Reaktionsweise ist übrigens nicht nur in dieser Personenfrage, sondern auch auf manchen anderen zionistischen lebenswichtigen Gebieten festzustellen und kennzeichnet die parteipolitische Verranntheit in manchen Kreisen, deren zionistisches Signum sonst Respekt verdienen würde. Sie wirkt sich oft auf Kosten grundlegender zionistischer Interessen aus. Das sind die seelischen Grundstimmungen, in denen der 18. Zionistenkongreß tagen wird, dessen außerordentliche geschichtliche Bedeutung und große praktisch-politische Aufgaben hervorzuheben sämtliche Parteien nicht müde werden. Auf ihm sollen die großen außerpolitischen Probleme, die uns diese Zeit auferlegt, die Wege der Volksrettung, sollen die Werkzeuge für eine Großkolonisation, wofür die objektiven Bedingungen bereits da sind, behandelt und geschaffen werden. Man ringt im Stillen mit der Frage, welches Geschlecht dieser entscheidungsvolle Augenblick vorfinden wird, ob es die großen Dinge ihren kleinen Instinkten opfern oder ob das Gefühl der geschichtlichen Verantwortung ihre Handlungen leiten wird. Nicht zum Vorteil dieses Kongresses wird eine negative Tatsache schwer ins Gewicht fallen: die Abwesenheit def deutschen Landsmannschaft. Sie übte mit ihrem politischen Ernst und ihrer politischen Reife auf den Nachkriegskongressen einen über ihr zahlenmäßiges Verhältnis hinausgehenden parlamentarisch-konstruktiven Einfluß aus und der wird heute sehr fehlen. Aber wie die Kongreßwahlen bewiesen haben, nimmt das jüdische Volk diesen Kongreß ungeheuef ernst, es hängt an ihn ein Stück seines nächsten Schicksals und diese Tatsache wird vielleicht den Delegierten zur Warnung dienen, mit diesen Volksinteressen für die Befriedigung persönlicher Aspirationen oder der Abreagierung von Parteikomplexen nicht zu spielen. Ch. H. zu den wenigen Städten in Polen, in denen wir schon im frühen Mittelalter eine jüdische Siedlung vorfinden. Obwohl die erste archivalische Notiz über die Stadt Warschau dem Jahre 1289 entstammt, so werden Juden urkundlich erst im Jahre 1414 zum ersten Male genannt. Bei Berücksichtigung, daß in Masovien, in dessen Hauptstadt Warschau war, Juden bereits im Jahre 1237 vorhanden waren, kann ruhig angenommen werden, daß die ersten Niederlassungen der Juden in Warschau noch lange vor dem Jahre 1414 erfolgten. Der Verfasser gibt in den ersten Kapiteln seines Buches eine kurz gehaltene Geschichte der Juden unter dem Fürsten Janusz, der Wirkung des Aufenthaltes Capistranos in Warschau (1454/55) und ferner eine Darstellung def ersten Vertreibung der Juden im Jahre 1483, deren Rückkehr nach Warschau und die Rolle der Juden bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1527. Im zweiten Teile seines Werkes erörtert er auf Grund des Urkundenmaterials die öffentlichrechtliche Stellung der Juden in Masovien, wobei er genau die auf Grund der fürstlichen Privilegien statuierte Rechtslage und Rechtsverhältnisse der Juden, sowie deren materiellen Verpflichtungen den Fürsten gegenüber schildert, Der größte Teil seines Buches Ist jedoch den wirtschaftlichen Verhältnissen der Warschauer Juden gewidmet, in diesem Abschnitte operiert der Verfasser mit einem recht ergiebigen Urkundenmaterial. Mosaikartig schafft Ringelblum das Bild des Umfanges der jüdischen Wirtschaftsbetätdgung in diesem Zeitalter. Er schildert uns genau den Handel und das Kreditwesen der ältesten Warschauer Juden, ihre Handelsbeziehungen mit Nichtjuden, und zwar mit dem polnischen Adel, dem Bürgertum und den Bauern. Trotzdem die Warschauer Gemeinde in der Blütezeit de« Mittelalters kaum 100 Seelen zählte, ist es ihr gelungen, dank ihrer Rührigkeit und Agilität der dominierende Faktor des damaligen Wirtschafts- und Finanzlebens zu sein.