Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 293 (3.8.1833)
- Date
- 1833-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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--v DIE STIMME Nr. 2c?3 — 3. Au au st 1933 jSeHtfr >41/5 ///Y/erleutschland der Franzose oder der Norditaliener einen sehr starken Schuß germanischen Blutes hat. Die einzige Rasse aber, die ich der meinen gleichberechtigt anerkennen muß, ist die jüdische — wenn ich von kleinen Splittern, wie Basken, Kelten, Finnen usw, absehen will. Einige Jahre später — es war im Kriege, schrieb er aus Amerika an die «Vossische Zeitung». Er konnte mit Dankbarkeit und Freude feststellen, daß die Juden in Amerika Freunde, wirkliche Freunde Deutschlands sind. Und heute zeigt Ewers die Ueberlegenheit der deutschen Rasse Dankbarkeit und Gerechtigkeit den Juden gegenüber. Gustav Seidema-nn an Wie die Nazi inserieren: «Verbot! Trotz ständigen Abwetsens versuchen fast täg. lieh jüdische Vertreter und Fabrikanten durch Abgabe günstig erscheinender Angebote unliebsame Störungen in meinem Geschäft her-vorzurufen. Dies hat mich ru dem Entschluß geführt, jüdischen Vertretern und Fabrikanten das Betreten meines Geschäftes öffentlich zu verbieten. Erkundigen Sic sich bitte bei Ihrem Nachbar nach meiner Firma und Sie kaufen bestimmt Ihren nächsten Mantel, Anzug, Sportanzug oder Hose usw. beim deutschen Kleiderfachmann Pg. Hans Kreuzner, Frankfurt a. Main, Liebfrauenstraße 4.» (Inserat im «Frankfurter Volksblatt», 7. Juli.) und wie sie denken: Aus dem hessischen Dorfe Sickendorf wird der «Hessischen Landeszeitung* folgende Geschichte berichtet: «Lange Jahre hindurch weilte auf dem Dache unserer Dorfkirche ein Storchenpaar, das im vorigen Jahre diese Wohnung aus unbekannten Gründen verließ und sich auf dem nahe beim Ort gelegenen israelitischen Friedhof einnistete. Vor etlichen Tagen hat nun das Paar zur Freude aller Einwohner wieder seine frühere Wohnung auf der Kirche bezogen.» wie sie die Juden wirtschaftlich zu* gründe richten: Durch eine Verfügung des Vorsitzenden der Berliner Anwaltskammer, Neubert, wird angeordnet, daß die ausge.' schlossenen jüdischen und marxistischen Anwälte auch M keinem Anwaltsbureau mehr als juristische Hilfsarbeiter Buerauvorsteher usw. tätig sein dürfen, wie dies in den letzten zwei Monaten in sehr zahlreichen Fällen geschehet) war. Damit wird diesen nicht mehr zugelassenen Anwälten die letzte Existenzmöglichkeit geraubt. (Neues Tagebuch.) wozu sie Konzentrationslager haben: Im Konzentrationslager Dachau fanden nach Meldungen der Münchner Blätter bis zum 12. Juli* insgesamt 41 (einund-s vierzig) Häftlinge den Tod. Die Mehrzahl der Toten waren Juden. wie sie die jüdische Religion aehten: In Mannheim hat, wie Ita berichtet, eine uniformierte S. A.-Abteilung die Synagoge gestürmt, zerriß die Thor»« rollen und viele Gebetbücher und stahl den Vorhang der Bundeslade. wie Ihnen leider gewisse Juden helfen: In New York landete kürzlich Dr. Felix Aber, Rabbiner aus Bremen, und erklärte der Presse, er habe zwar Berichte über Angriffe auf Juden und von gesetzlichen Beschränkun. gen gegen sie gehört, er selbst habe aber nie etwas davon bemerkt. Daraufhin erschien eine Erklärung des American Jewish Congress, daß Dr. Aber im Solde der Nazi stehe. Er führe die Aufsicht bezüglich Kaschruth beim Norddeutschen Lloyd, der von der deutschen Regierung atisgchalten werde. Offenbar, heißt es weiter, ist Herrn Dr. Aber sein Geschäft wichtiger als seine Ehre. Arnold Schönberg wieder Jude Paris. «Paris Soir» teilt mit, daß der bekannte Komponist Arnold Schönberg dieser Tage in Paris mit seiner Frau zum jüdischen Glauben zurückgekehrt sei, um auf diese Weise seiner Entrüstung über die Judenverfolgungen in Deutschland Ausdruck zu geben. Dr. Stephen IDise Uber aktueiie Fragen Der Warschauer «Hajnt» veröffentlicht ein Gespräch seines Pariser Korrespondenten mit Dr. Stephen Wise, der anläßlich seines Pariser Besuches in einer großen Massenversammlung über die Vorgänge in Deutschland gesprochen hat und bezeichnenderweise auch in einer reformierten Kirche eine Predigt gegen das Nazi-Deutschland hielt. Dr. Wise beabsichtigt, einige Zeit nach dem Kongresse eine Rundreise durch alle jüdischen Zentren Europas vorzunehmen. Befragt über die Erklärung des amerikanischen Botschafters in Berlin, der die Mitteilung über seine angebliche Intervention in Berlin im Interesse der Juden in Abrede stellte, gab Dr. Wise folgendes an: «Ich kenne den neuen amerikanischen Botschafter Mr. Dood zu gut, um auch nur eine Sekunde an seiner absoluten Freundschaft den Juden gegenüber zu zweifeln. Alles andere ist Frage der Taktik. Wir stehen vor einem sehr schweren Problem bezüglich der Judenfrage in Deutschland, die unbedingt mit Zuhilfenahme aller Staaten Europas gelöst werden muß. Eines ist klair: Der Kampf wird nicht gegen das deutsche Volk oder den deutschen Staat geführt, sondern lediglich gegen das System, das alle menschlichen und bürgerlichen Rechte der Juden zunichte macht. Im Völkerbund wird höchstwahrscheinlich bei der nächsten Plenarsitzung, die im September stattfindet, die Judenfrage neuerlich auf gerollt werden. In diesem Kampfe darf uns keine Stimme aus Deutschland und insbesondere keine Stimme der noch so prononcierten Juden aus Deutschland wankend machen. Die Tragik der deutschen Juden besteht nicht zuletzt darin, daß sie ohne führende Persönlichkeiten dastehen. Was den Boykott anbelangt, so wäre es vernünftiger, mehr Tatkraft zu zeigen und weniger Reden zu halten. Es soll nur jedermann konsequent seine Beziehungen zu Deutschland abbrechen und dies wird unsere stärkste Waffe sein. In Amerika haben wir fast eine Million Dollar für die deutschen Juden gesammelt, wir werden jedoch dieses Geld keinesfalls nach Deutschland senden, da die Gefahr bestellt, daß Hitler dieses Geld nach gewohntem Muster für sich in Anspruch nimmt. Zum Problem des Zionistenkongresses äußerte sich Doktor Wise dahin, daß seines Erachtens nunmehr die Linke die volle Verantwortung als Majoritätsgruppe übernehmen soll. Schließlich teilte Dr. Wise mit, daß die Exekutive des jüdischen Weltkongresses für den 13. August nach Prag zur Sitzung einberufen wurde und bei dieser Sitzung der endgültige Termin für die Einberufung des Kongresses festgesetzt wird. Dieser Kongreß dürfte im Dezember 1933 — spätestens Jänner 1934 — stattfinden. Der Führer der belgischen Revisionisten tritt aus der Union der Zionlsten-Revisionisten aus Joffe, der Führer der belgischen Revisionisten und des Brith Trumpeldor, der auch zu diesem Kongresse als Spitzenkandidat der Zionisten-Revisionisten in Belgien aufgestellt worden war, hat an die Zentralleitung des Brith Trumpeldor in Paris ein Schreiben gerichtet, in dem er seinen Austritt anmeldete. Er begründete dies damit, daß es ihm unmöglich sei, bei den Methoden, derer sich die Revisionisten bedienen, weiterhin ihrer Union angehören zu können. Weher Student von Nazi totgeppflgeit London, 1. August. Der Leichnam eines jungen Juden namens Beni Zauberei wurde dieser Tage der jüdischen Kultusgemeinde von Braunschweig zur Beerdigung übergeben. Die jüdische Telegraphenagentur stellt fest, daß Zauberei, der 21 Jahre alt und polnischer Staatsbürger ist, zu einer Klasse von 16 jungen jüdischen Studenten gehörte, welche zusammen mit ihrem Lehrer von uniformierten Nazi-Sturmtruppen entführt wurden. Man brachte die Studenten in eine Nazi-Kaserne, wo sie geprügelt wurden. Zauberei starb auf der Stelle. Die Nazi behaupten, sic hätten gehört, daß einer der Studenten außerhalb der Schule abfällige Bemerkungen Liber den Propagandaminister Dr. Goebbels gemacht hätte. Also sprach Pharao- Goebbels London. «Sunday Referee» veröffentlicht ein Interview, daß einem seiner Mitarbeiter vom deutschen Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels über die Lage der Juden in Deutschland gewährt worden ist. Dr. Goebbels gab folgende Erklärungen ab: «Es handelt sich nicht um eine Frage des Rassenhasses, sondern um eine neue Epoche. Der jüdischen Sintflut muß ein Damm entgegengesetzt und die Macht des Judentums gebrochen werden. Durch 14 Jahre war unser Kampfruf: „Juda verrecke“; jetzt soll es endlich verrecken. Wir wissen, wer während des Krieges unsere ersten Linien untergraben hat; Sozialisten und Juden. Wer hat Deutschland gezwungen, den Waffenstillstand zu unterzeichnen? Der Jude Rathenau. Wer hat den Rapallo-Vertrag mit den Bolschewiken abgeschlossen? Der Jude Rathenau. Wer hat die Sowjetrepublik in München ausgerufen? Der Jude Levine. Die Juden arbeiten gegen die weiße Rasse in Europa und die ganze Welt sollte uns für unseren Kampf, den wir gegen das Judentum auFgenommen haben, dankbar sein!» * Zu dieser herrlichen Emanation des deutschen Wesens, an dem bekanntlich die Welt genesen soll, wäre zu sagen: Vor einigen tausend Jahren'sprach Pharao wie Goebbels. Trotzdem verreckten nicht die Juden, sondern Pharao und seine Heerscharen. Ein Nazi-Dichter Hanns Heinz Ewers führte im Jahre 1912 zwei deutsche Dichter von allerersten Namen als köstliches Beispiel dafür an, wie schwer lösbar die Judenfrage ist. (Heute ist die Lösung für ihn, den Gleichgeschalteten, auf Grund des Naziprogrammes leicht: die Juden haben zu verrecken!) Ihm erschien im Jahre 1912 die engste Assimilation der beiden Rassen erwünscht, sowohl für Deutsche als für die Juden. _ Er schreibt: «Ich erkenne in keiner Weise die Gleichberechtigung aller Rassen überhaupt an, ich bin mir im Gegenteil der völligen Ueberlegenheit meiner Rasse durchaus bewußt. Ich behandle den Gelben und gar erst den Nigger als etwas unter mir Stehendes, ja ich erkenne nicht einmal den Romanen als gleichberechtigt an, sofern er nicht wie Ueberaus interessant ist das .von Ringelbluni zusammengetragene Material, das den Umfang des jüdisohen Kreditgeschäftes behandelt. Allerdings ist das jüdische Kreditgeschäft hier nicht anders geartet, wie in den übrigen jüdischen Siedlungen. Vor allem ist es ein Pfandgeschäft, Wechsel- und Hypothekengeschäft. Im Falle der Nichtbezahlung der Schulden durch den Adel, werden die Juden Besitzer von Boden, so daß mit der Zeit dHe Landwirtschaft für einzelne Juden eine Nebenbeschäftigung, nebst dem Handel- und Kreditgeschäft geworden ist. Im Verhältnis zu dem Kreditgeschäft der Juden in Kronpolen, sind die Kreditgeschäfte der Warschauer Juden quantitativ weitaus geringer. Es wirkt daher etwas komisch, wenn der Verfasser die jüdischen Geldverleiher, die m)it überaus geringen Summen operieren, als Bankiers und Finanzleute bezeichnet. Im Handel nehmen vor allem landwirtschaftliche Produkte den Vorrang ein. Warschauer Juden handeln mit Getreide, Holz, Honig, und nur wenige sind auf den Exporthandel eingestellt. Ein ziemlich reger Handelsverkehr herrscht zwischen len Warschauer und Brest.Litowsker Juden, die in der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts an der Spitze des polnischen Weichselhandels stehen. Brest-Litowsker Juden führen über Warschau große Warenmengen von den osteuropäischen Handelsplätzen nach Westeuropa, und einzelnen gelingt es sogar, bis nach Venedig vorzudringen. Ihr Handel umfaßt vor allem Getreide, Holz, Manufakturen, Pfeffer, Seide und Pelzwaren. Nebst dem jüdischen Geldverleiher, Groß- und Klein, kaufmann finden wir auch in der jüdischen Gemeinde jüdische Handwerker, die einen schweren Konkurrenzkampf mit den christlichen Zünften führen müssen. Schon damals wurden die ersten Grundlagen der scharfen Auseinandersetzungen twischen dem jüdischen und christlichen Händler gelegt, die 1 Ml Mur Teilung Polens in Warschau vorherrschend .wann, I In speziellen Kapiteln werden jüdische Aerzte und Zollpächter behandelt. Ungemein lehrreich sind die Abschnitte, die das innere Leben der Juden im mittelalterlichen Warschau zum Gegenstände haben. Leider verfügte der Verfasser in dieser Hinsicht nur über fragmentarisches Material. Nach einer Darstellung der jüdischen Gemeindeorganisation, des. Lebens und Treibens in der «jüdischen Gasse», in der auch markante Seiten des jüdischen Sittenlebens zutage treten, liefert der Verfasser nicht uninteressante Notizen und Fragmente hebräischer Urkunden sowie Beiträge zu den jüdischen Namen der damaligen Juden, aus denen sehr oft ihre Abstammung, ja selbst die Art der Beschäftigungen ersichtlich sind. Im Gegensätze zu der bereits als feststehenden Tatsache angenommenen Behauptung, als hätten die Juden im Mittelalter ein abgesondertes Leben geführt und gar keine näheren gesellschaftlichen Beziehungen zu dem Wirtsvolke unterhal. ten, bringt der Verfasser interessantes, wenn auch fragmentarisches Material, das die gegenseitigen Beziehungen der Juden zu den Ghristen in einer ganz neuen Beleuchtung vor. führt. Aus der Darstellung ersehen wir, daß die Juden mit der christlichen Bevölkerung gesellschaftlich verkehrten, ja sogar gemeinsam Würfel spielten. Da finden wir einzelne Details über das Zusammenleben der Juden mit den Adeligen, mit denen sie fröhliche Gelage veranstalten und sogar die streng rituellen Bestimmungen über das Weintrinken umgehen. Diese Details, die der Verfasser den einzelnen Akten und Urkundennotizen entnommen hat, ergeben ein mosaikartiges Bild des damaligen jüdischen Privat- und Gesell, schaftslebens. Aus diesen, wenn auch spärlichen Notizen erfährt man, wie das jüdische Heim ausgesehen hat. Wir lernen hier die Kleidungsstücke, Möbel und sonstige alltägliche Ge. brauchsgegenstände des Juden, seine Tracht und Kleidung näher kennen, ein Gebiet, das leider bis nun viel zu wenig von der jüdischen Geschichtsforschung berücksichtigt wurde. Ringelblums Monographie Ist nicht nur für die Lokal, geschichte des jüdischen Warschau allein wertvoll, sondern bildet auch einen wertvollen Baustein für die allgemeinjüdische Geschichtsforschung. Es ist nur zu bedauern, daß die Arbeit, die in polnischer Sprache erschienen ist, dem breiteren wissenschaftlichen Publikum verschlossen bleibt. Es ist zu erwarten, daß der junge Verfasser auf die weiteren Teile einer interessanten Arbeit nicht lange wird warten lassen. * Ein ganz anderes Gebiet behandelt das vom bekannten Vorkämpfer der jüdischen Renaissancebewegung und Führer der Minderheitsbewegung Leo Motzkin herausgegebene Werk über die antisemitische Kampagne in Polen.*) Motzkin hat bereits vor zwei Jahrzehnten mit seinem geradezu epochalem Werke über «die Judenpogrome in Rußland» den Beweis erbracht, daß niemand wie er geeigneter ist, die historischen Zusammenhänge der antisemitischen Bewegungen zu erforschen. Wenn auch das von ihm herausgegebene Buch vor allem eine Materialiensammlung ist, so hat er cs dennoch verstanden, sowohl in seiner Einleitung, als auch in den einzelnen Erläuterungen und Einführungen zu den von ihm wiedergegebenen Materialien über die wirtschaftliche Boykott- und Numerus clia»»iis-Bewegun.g die tieferen Z sammenhänge der antisemitischen Bestrebungen in Polen, wie sie von einem großen Teile der polnischen Oeffentlichkeit seit Jahrzehnten propagiert und verwirklicht werden, darzajstellen. Die von Motzkin herausgegebene Sammlung ist daher nicht bloß eine Aktensammlung, sondern vielmehr ein überaus wertvoller Beitrag zur Geschichte der Juden in Polen ln den letzten Jahrzehnten. Der zukünftige jüdische Historiker wird daher Motzkin für diese überaus geschickte Ausgabe seinen Dank zu zollen wissen. Dr. N. M. G e 1 b e r. *) L. Motzkin: La Campagne antisemite en Pologne. Paris 1932, Cahiers du Countö des Delegations Juwes Nr, 14,