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Die Stimme · 1933-07-27 · Heft 292 (27.7.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 292 (27.7.1933)
Date
1933-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Nr. 292 — ST. Juli 193» “■ Warschauer Brief (Von unserem Korrespondenten.) Kongreß-WaNffeber ln Polen. Wlf teben Jetzt zweifellos in einer Zeitepoche der Massenbewegungen und Massenprobleme. Diese Binsenwahrheit wird bestätigt durch die Tatsache der grandiosen Kongreßwahlbewegung in Polen, welche in ihrer Totalität und Bedeutung ganz einzigartig dasteht und mit keiner vorangehenden verglichen werden kann. In Polen Hegt jetzt der Schwerpunkt und der Schlüssel des Kongreßzionismus. Zionismus und Palästina sind in den Vordergrund der JOdischen politischen und wirtschaftlichen Interessen gerückt und so ist selbstverständlich, daß namentlich in Kongreßpolen die Zahl der Kongreßwähler fast identisch ist mit der Zahl der Wähler bei sonstigen politischen Staatswahlen. Wir zählen über 400.000 Schekelzahler und Kongreßwähler in Polen, d. i. fast soviel, als es vor zwei Jahren vor dem letzten zionistischen Kongreß Schekelzahler überhaupt in der ganzen Welt gab. Da heuer die Gesamtzahl der Schekelzahfor mit zirka 700.000 geschätzt wird, ist unschwer zu berechnen, welche Bedeutung mit Recht dem Ausgang der diesjährigen Kongreßwahlen m Polen beizumessen ist. Die Massenziffer der Kongreßwähler illustriert den grandiosen Werdegang des Zionismus. Zu Beginn der Kongreßbewegung, am Ausgang des letzten Jahrhunderts, war es üblich, die Listen der Kongreßwähler, deren Zahl in den einzelnen Städten der jüdischen Siedlungen nur in die Hunderte ging, in Druck zu legen und der Hauptwahlbehörde vorzulegen. Jetzt müßte das Adressenmaterial der Wähler dickleibige Bände füllen. Damals genügten ja auch Wochenblätter, um das Interesse der Wähler an den zionistischen Problemen wachzuerhalten, während jetzt außer den vielen zionistischen Tagblättem, welche in vergrößertem Umfange den Wahlinteressen der einzelnen Parteien dienen, die Vereinigten Arbeiterparteien sogar ein neues Tagblatt «Das Wort» gegründet haben, welches grundsätzlich der Wahlpropaganda des «Arbeitenden Palästina» dient. Dreißig palästinensische Arbeiterführer sind nach Polen gekommen um diese Schlüsselfestung wahltechnisch und propagandistisch zu bearbeiten. Es siedet und kocht in den jüdischen Gassen. Die Wahlpropaganda hat in den letzten drei Wochen den Höhepunkt erreicht. Sie wird wohl mit den alten Mitteln geführt, da es jedoch diesmal ums Ganze geht und der Einsatz größer ist als sonst, wurden alle Elemente entfesselt und. mit einem gewöhnlichen Thermometer könnte man kaum den Grad des herrschenden Wahlfiebers feststellen. . Die Kampfstimmung der einzelnen wahlwerbenden Parteien, deren es in Kongreßpolen sogar sieben gibt, steigt mit jedem Tag und dürfte auch auf die Kongreßarbeiten selbst einen unheilvollen, ja gefährlichen Einfluß ausüben. Den Höhepunkt hat die Wahlbewegung am gestrigen Samstag erreicht. Wahlplakate an jeder Häuserecke, Wahl- SteM (iiiiii) 1200 rauer Das Paradies der Erholung und Gesundung. Höhensonne, Strandbad, aller Sport, modernes Schwefelheilbad. Bekannt erstklassige Verpflegung, billige Preise Pension Geschwister Scheer im Hotel Hochalm. — Telephon 28. Voranmeldung erwünscht. Aron Aronowitsck Eine Skizze Von Rosa Melzer (Lemberg). Das Jahr 1916 geht zu Ende. Aron Aronowitsch, ein damals noch «russischer» Jude, befindet sich ln deutscher Kriegsgefangenschaft — als Schwerverwundeter. Musterhafte Pflege wird ihm im Lazarettspital seitens der Aerzte und Pflegeschwestern zuteil. Ein hochkultiviertes Volk, diese Deutschen, dem der Mensch im Moment der Kampfunfähigkeit aufhört, ein Feind zu sein. Nur sehr langsam kehrt Aronowitsch ins Leben, zur Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zurück. Er sitzt täglich ganze Stunden lang im gepflegten Garten der Heilanstalt, ruht auf seinem schmalen, sauberen Lazarettbett, verzehrt automatisch das regelmäßig Gebotene, aber seine Gefühle und Gedanken weilen fern von hier, in dem kleinen russisch-jüdischen Städtchen, das alles umfaßt, was ihm das Leben lebenswert macht: sein gutes junges Weib, seine drei kleinen Kinder, alte Eltern, das bißchen Hab und Gut in dem kleinen Kramladen, der so gern von Jud und Christ aufgesucht wird. Nicht viel ist’s, jedoch genug, um das bescheidene, selbst nach «Krasiliwker» Begriffen bescheidene «Haus» zu erhalten. «Was wohl Rachele schafft? Ob die Kleinen gesund sind — und fleißig im Cheder lernen? Ob der Laden noch «offen» ist? Ob die alten Eltern . . .? Er wagt nicht, die letzte Frage zu vollenden. * Aron Aronowitsch ist längst aus dem Spital entlassen. Er lebt im Kriegsgefangenenlager und lernt dort sogar edn Handwerk. Er erlernt es gut Er ist ein russischer Jud, das heißt klug und anstellig, nüchtern und fleißig. Und ein Tag kommt — da heißt es: Des Friede ist dal zette! werden mit Flugblättern verbreitet, ab und zu kleine Zusammenstöße zwischen gegnerischen Agitatoren, ln allen verfügbaren großen Theater-, Zirkus- und Konzertsälen fanden schon, von 12 Uhr mittags beginnend, die Wahlversammlungen statt, in welchen die ersten Rednergamituren das Programm ihrer Partei entwickelten, während gleichzeitig in hunderten Provinzstädten die gleiche Propagandatätigkeit entwickelt wurde. Das Straßenbild der polnischen Hauptstadt wird nicht weniger als das der Provinzstädte durchaus von den Kongreßwahlen beherrscht. Nicht nur die Propagandaliteratur muß herhalten. Es wurden Überdies Straßenumzüge veranstaltet. Da sieht man die strammen Trupps der Liga des Arbeitenden Palästina in blauen Hemden mit roten Krawatten, bald marschieren die Braunhemden des «Brith Trumpeldor», getrennt von den neu organisierten Kämpfern der Großmann- Gruppe in dunkelblauen Hemden vorbei. Kampf- und Siegeslieder durchbrausen die Straßen und bilden den Abschluß der vielen Versammlungen, welche in die späten Nachtstunden sich hinauszogen. Heute ist Wahltag. Die Agitation geht weiter. Vor den zahlreichen Wahllokalen sind schon in den ersten Morgenstunden Kongreßwähler angestellt Die staatlichen Sicherheitsbehörden haben seit Wochenfrist mit den verantwortlichen Führern der Bewegung alle Maßnahmen zur Erhaltung der Ordnung und Siecherung des Wahlaktes festgelegt und die notwendigen Maßnahmen getroffen, so daß ein ruhiger Verlauf der Wahlen nach den stürmischen Vorbereitungen zu gewärtigen ist. Wenn man eine Prognose für den Ausgang der Wahlen, deren genaue Ergebnisse erst am Dienstag zu gewärtigen sind, steilen darf, müßte, nach der zahlenmäßigen Kräfteverteilung und der intensiven Wahlarbeit zu schließen, der Sieg dem Arbeitenden Palästina zufallen. Die Allgemeinen Zionisten dürften ihren Besitzstand erhalten, obwohl hier leider keine Einheitlichket herrscht. Die Revisionisten werden infolge der Teilung in zwei Gruppen kaum viel profitieren. Die Zersplitterung der zionistischen Parteien und Gruppierungen, welche der jetzigen Wahlbewegung einen traurigen Stempel aufdrückt und dem Wesen der Kongreßidee zuwiderläuft, kann nur durch eine zielbewußte Arbeit eines strammen Weltverbandes der «Allgemeinen Zionisten« einer einheitlichen und disziplinierten Kerntruppe der zionistischen Bewegung beseitigt werden. Die Erfahrungen der letzten Wochen müssen dazu führen, daß der Weltverband der Allgemeinen Zionisten endlich in Aktion tritt und die Initiative zur Gesundung des Parteilebens und zur Unterordnung der Parteiflügel unter die zwingenden Notwendigkeiten des Gesamtzionismus zum Heile des XVIII. und der späteren Kongresse ergreift. Dr. Araold Frledntann. Ferienreise nach Polen Im August Wegen Ueberfüllung unserer vorherigen Touren werden unsere billigen Reisen im August wiederholt. Die Reisen können sechstägig und dreißigtägig unternommen werden. Abreise am 9. August. Reservierte Plätze. Weitgehende Ermäßigungen in den bekannten polnischen Kurorten. Auskünfte und Prospekte: Internationales Reisebüro Schenker & Co., I., Schottenring 9, Telephon R-50-510, und Büro Ferstel, I., Kärntnerring 12, Telephon U-40-301. Aber in Rußland ist Krieg! Krieg auf Tod und Leben. Krieg vieler gegen vieles: gegen Gott — gegen den Zaren — den Bürger — das Eigentum — den Handel usw. usw. Der Tschinowmk ist tot. Es lebe der Volkskommissär! «Wo ist. . . wovon lebt Rachele ... die Kinder? Steht der Kramlagen noch?» Aron Aronowitsch kann nicht nach Rußland zurück. Die «vermögendere» russich-jüdische Kolonie in der deutschen Hauptstadt unterstützt ihn aus ihren knappen Mitteln. Er und so mancher mit ihm erhalten den berühmten «Nansen-Paß», der sie zwar zu «Staatenlosen» stempelt, jedoch vor der bolschewistischen Gehenna bewahrt. Aron Aronowitsch kann in dem zwar besiegten, aber immer in «Gottesfurcht», d. h. in gesetzlicher Ordnung und bürgerlicher Zucht und Sitte lebenden Deutschland bleiben und redlich sein karges Brot verdienen. Er ist abwechselnd «fliegender Händler» oder Handwerksgeselle. Die seelische Qual um die Seinen verläßt ihn keinen Augenblick. Und wieder kommt ein Tag — der glücklichste in Aronowitsch’ Leben —, da erhält er zu Händen der «russischen Kolonie» ein Lebenszeichen von seiner Rachele. «Was sie erlebt, kann nur mündlich mitgeteilt werden. . . bald hoffe sie: mit Gottes — der jetzt in Rußland abgeschafft ist — mit Gottes Hilfe das schreckliche Land mit den Kindern verlassen und zu dem Gatten und Vater gelangen zu können . . .» Kein Wort über die alten Eltern! . . . «Kein gutes Zeichen,» seufzt Aron. Merkwürdig und sonderbar: Die strahlende Sonne geht an den häßlichsten, schaurigsten Tagen genau so auf wie an den glücklichsten und schönsten. Die Stadt B..., Himmel, Erde und Menschen sahen genau so aus wie am Vorabend des Tages, da Rachele und ihre drei Kinder der Reihe nach in Aron Aronowitsch’ Arme fielen und seine heißen Tränen auf ihren Wangen fühlten. Es war wie ein Traum ... ein herr- 8tff S t Wiener Bank-Verein. — In der am 19. Juli 1933 abgehaltenen 63. ordentlichen Generalversammlung wurden der vorgelegte Rechnungsabschluß und dtf Herabsetzung und Wiedererhdhung des Aktienkapital! sowie die Ermächtigung zu einer weiteren Aktlenaus* gäbe bis zu einem Nominalbetrag von S 45,000.000.— zum Beschlüsse erhoben. In den Administrationsrat wur~ den der ausscheidende Vizepräsident, Herr Auguste Callens wieder- und die Herren Rudolf Abensperg; Traun und Karl Klinger neugewählt. C —- -— Zum 9. Ab . . . Sieh, Gott, wem ist so geschehen wie mir) Jeremias. Wieder zieht der Monat Ab ins Land. —- Abermals wer* den wir an unsere klaffenden Wunden gemahnt. Diesmal aber intensiviert sich unsere bitterherbe Klnah. Denn für* wahrt Mit frischem Blutstaub unserer Brüder, mit frischen Rauchschwaden von Feuersbrunst steigt die herzzerreißende Jeremiade gen den Himmel. Maßlos ist der Haß unserer Feinde. Machtvoll heftet sich die braune Pest an unsere Fersen. Schrecklicher, denn alte Seuchen vergangener Jahr• hunderte. Immerzu kommen neue Hiobsbotschaften aus dem Deutschen Reich. ln immerzu neu unternommenen Terrorakten sickert das Blut unserer von aller Welt abgeriegelten Brüder — sie schmachten in Konzentrationslagern, hungern infolge grausamer Boykotts. Unschuldige jüdische Kinder werden an Leib und Seele gefoltert. ln solchen Tagen frug Gott allein: Wo ist Jeremia? — Und was sollen wir? Wohl ist uns neue Qual, aber kein neuer Jeremias geborenl Wer wird die Greuel der Hittler-Horden in all’ ihren schrillen, vandalischen Tonarten der Nachwelt überliefernf Wer gleich Jeremia im unsterblichen Poem unsere Pein künden? Wer Trost spenden? Wir blicken umher. Menachem Ab. Auch Trost ward uns verheißen. Wie ein Wunder muß es jeden berühren. Denn unzählige Brüder sind uns entstanden. Heimgefunden haben sie. Durch unsere Leiden. Durch die Verbundenheit des Blutes! Als solchen Bruder grüßen wir Lord Melchett! Voll ergreifender Rührung voll Ehrerbietung! Aus Ueberzeugung vollzog sich «r< diesem Edlen das grandiose Bekenntnis. Wie anders aber der in Berlin neuentstandene Reichsbund der «nicht arischen Christen» (oder der nicht rein arischer Abstammung). Sie wollen am Wiederaufbau jenes «Deutschlands», das ihneti ihre Abstammung nicht verzeihen kann, mitarbeiten! Siel Man will sich ihrer gründlich entledigen und sie fühlen die Schmach nicht. Sie können von ihren Inquisitoren nicht lassen. Alles Ehrgefühl ist ihnen mit der Assimilation, mit der verruchten Liebedienerei abhandengekommen. Was erhoffen sie noch vom Tyrannen? Was von der Rechtsanarchie int Dritten Reiche? Ueber diese Verblendung jener Unbclenrbaren, jener total Verirrten müßte man neue Kinoth an* stimmen. Ottilie Gröbl. Jüdische National* und Universität*- bibliothek , JUriath Senker» soeben erschien Nummer 1 des zehnten Jahrganges der von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek herausgegebenen bibliographischen Vierteljahrsschrift «Kirjath Sepher». Das Heft enthält außer den regelmäßigen Mitteilungen der Bibliothek bibliographische Listen von Paläsrinadrucken, Hebraica und Judaica aller Länder, sechzehn Besprechungen wissenschaftlicher Werke aus verschiedenen Gebieten von N .Braun, W. F. Albright, M. Altmann, S. Krauß, M. Z. Sega!, H. Jalon, J. Kaufmann, G. Scholem, M. Schwabe, F. Baer, N. Bentwich, H. Bergmann, H. Kohn und D. Stock. Außerdem veröffentlichte A. Yaari in dieser Nummer einen Aufsatz «Hebräische Drucke in Aleppo», welcher eine detaillierte Liste hebräischer, in Aleppo gedruckter Bücher enthält, und E. Brauer eine Liste aller in verschiedenen Sprachen über jemenitische Juden veröffentlichten Literatur. Kcher, schier unglaublicher Traum. Nach all dem Schrecklichen der letzten fünf Jahre. Geteiltes Leid ist halbes Leid . . . doppelte Arbeit bringt dreifachen Segen. Vorn hat Aron Aronowitsch einen kleinen, sauberen Kramladen, den Rachele geschickt bedient, hinten macht sich der Gatte in einer winzigen Werkstätte fleißig zu schaffen'. Es gilt Wed'b und Kinder zu erhalten. Selber tut der Mensch auch etwas brauchen. Der Bürger — selbst der «staatenlose» — nicht minder! Steuern . . . verschiedene Abgaben . . . soziale Leistungen. Aron Aronowitsch ist darin die Pünktlichkeit selbst. «Wie klug, nein, mehr: wie weise ist dieses große Volk,» begeistert sich Aron Aronowitsch — «es übt Menschlichkeit und hat nur Gutes davon. Seine Kinder werden einst — wenn nötig — sich für Deutschland opfern.» Draußen ging inzwischen die Zeit ihren erregten Lauf. Warf die einen um, richtete die anderen auf. Veränderte die Form der Staaten . . . Reden und Taten der Großen . . . die materielle Lage der Völker. Aron Aronowitsch empfand all dies an den immer knapperen Verdiensten, «dem schwerer werdenden Leben». Eines Morgens — die Sonne schien so hell wie sonst — stürzte eine Schar wilder Gesellen, braun gekleidet, wie dies seit einiger Zeit schon Mode geworden, in Aron Aronowitsch* kleines Warenlager. Im Nu ist das Ganze gewesen! Ein Trümmerhaufen ... ein geschundenes junges Weib . . . eine zitternde, jammernde Kinderschar . . . ein «unversehens» getöteter Mann! Zufall! Der Jud’ hat sich flehend vor die Seinen gedrängt . . . der braune Geselle ward «fuchtig» — versetzte ihm «eins» über den Schädel und aus war’s! «Was hätte uns in Bolschewja Böseres treffen können?» flüstert mit halberstickter Stimme die unglückliche Frau und Mutter, iih(>r die Leiche des Gatten gebeugt . . . 1

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