Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 292 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 0 DIB STIMME Nr. 292 — 27. Juli 1935 Aus Hitler-Deufschland Ein Bllclc hinter die Kulissen des Dritten Reiches Im «Journal de Genöve* berichtet Wladimir d’Ormesson laut absolut verläßlichen Nachrichten, die er aus Deutschland erhalten hat: D:e Judenverfolgungen sind methodisch und vollkommener geworden. Man hält sich nrcht mehr an die reichen Juden, die ruhig weiter ihre Geschäfte machen können (aber dafür b—leutende Tribute der Parteikasse zahlen müssen!). Nein. Die kleinen luden sind es, die verurteilt sind, zu ersticken Aus Furcht vor Repressalien der SA. kauft niemand mehr bei ihnen und aus demselben Grunde gibt man ihnen nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich zu verköstigen. Die Vereinigung der Lebensmittelgroßhändler hat beschlossen, ihrer jüdischen Klientel nichts mehr zu liefern. In der Provinz ist es noch viel ärger als in Berlin, weshalb viele Juden nach der Hauptstadt ziehen. In einigen Provinzschulen hat man eigene «Judenbänke* aufgestellt; während der Schulpausen sperrt man die jüdischen Schüler in geschlossene Räume, um zu verhindern, daß sie mit anderen Schülern in Berührung kommen. Plakate in den Universitäten verbieten den Studierenden, die Juden zu grüßen oder mit ihnen zu sprechen. Die «Reinigung* der öffentlichen Aemter wird fortgesetzt. «Sicherlich hat man sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einzumischen* — schließt d'ürmesson seinen an der Spitze des Blattes veröffentlichten Bericht — «aber es bleibt die Frage offen, ob die Menschheitswürde und die Pflicht der Solidarität derartiges zulassen dürfen.* Hitler*Aktionen im Auslande Wie «Reynold’s Newspaper* wissen will, befinden sich ■zwei Emissäre Hitlers seit Wochen in London. Sie sollen das Terrain für Goering sondieren, der die Absicht hätte, noch in diesem Monate nach London zu fahren, um der britischen Regierung eine gemeinsame militärische Aktion gegen Sowjetrußland und gegen den Kommunismus vorzuschlagen. Selbstredend würde Deutschland das Recht fordern, sich zu diesem Behufe entsprechend bewaffnen zu dürfen. Das «Journal de Genfeve» erhält eine Telephonmeldung aus Paris, wonach die Hitler-Regierung in Wien, Innsbruck, Salzburg, Pa-n's, Straßburg, Metz, Prag, Brüssel, Kopenhagen, London, Rom und Moskau geheime Polizeibureaus errichtet habe, die unter dem Deckmantel von Botschaften, Gesandtschaften oder Konsulaten arbeiten. Das Blatt findet hier eine Analogie zwischen dem Hitlerschen und dem bolschewistischen System. Die schuldhafte Duldsamkeit, die man den bolschewistischen Umtrieben bewiesen habe, ermutige offenbar dessen Nachahmer. Abfuhr eines Hitler*Agenten Wie «Jewish Chronicle» meldet, berief kürzlich das Mitglied des englischen Unterhauses Doran in ein Sitzungszimmer des Unterhauses eine Versammlung von Abgeordneten ein, in welcher ein Herr Dr. T h o s t, angeblich «Hitlers offizieller Vertreter in England», über das Thema «Die wahre Haltung Deutschlands gegenüberder jüdischen Rasse» sprechen sollte Der Einladung leisteten 15 Mitglieder des Hauses Folge. Der Vorsitzende Doran gab bekannt, daß nur Fragen, aber keine Reden seitens der Zuhörer zugelassen werden würden. Die Rede des Dr. Thost wurde ruhig angehört. Die an ihn gestellten Fragen beantwortete Dr. Thost ausweichend, was den Unwillen der Zuhörer erregte. Als ihm vorgehalten wurde, daß sich durch die Vergleichung der Ziffern der Volkszählung für 1910 und 1925 ergibt, daß die Zahl der Juden in Deutschland um mehr als 50 000 Personen abgenommen habe, antwortete Dr. Thost, daß die Ziffern des Jahres 1925 nicht jene Juden enthalten, die sich hätten taufen lassen oder Kommunisten geworden seien. Am Schlüsse der Sitzung beantragte der Abgeordnete Major Procter zusammen mit dem Abgeordneten Morris eine Resolution, worin die Haltung der deutschen Regierung gegenüber den Juden bedauert wird, weil dadurch die guten Beziehungen zwischen dem englischen und deutschen Volke zerstört werden. Der Vorsitzende Doren sprach sich gegen die Zulassung der Abstimmung aus. Daraufhin bracht'* Majoi Procter die Resolution selbst zur Abstimmung und stellte fest, daß dieselbe mit allen gegen eine Stimme angenommen wurde. Herrlicher, ruhiger Sommerauienthalt bei ö reichlich und guten Mahlzeiten, zumindest dreima- :n der Woche Geflügel, inkl, Zimmer und allem für S 4.— bis 4.50 täglch hei Gasthof M. Frisee in P. Brunn W. Stuck. Die Gäste sind garantiert vollkommen ungestört und bieten sich sehr schöne Spaziergelegenheiten in den umliegenden Waldungen nebst Fre badgelegenheit in de> Sulm. Keine weiter.*« Zuschläge mehr. Polizeiliche Schließung des Berliner Bureaus der Jüdischen Telegraphen* Agentur Das Bureau der Jüdischen Telegraphen-Agentur G. m. b. H. in Berlin-Halensee ist von der Geheimen Staatspolizei geschlossen worden. Jüdische MUllonenstiftnng für Deutschland Die Berliner «Montagspost» berichtet: Der New Yorker Bankier James Loeb, der frühere Inhaber der Bankfirma Kuhn, Loeb u. Cie., der im Mai dieses Jahres in Murnau starb, vermachte, wie die gestrige Testamenteröffnung beim New Yorker Nachlaßgericht ergab, der Münchener Forschungsanstalt für Psychiatrie eine Million Dollar. Ferner wurde der Gemeinde Murnau eine Stiftung von 20.000 Dollar für notleidende Einwohner gemacht. Das Museum für Kleinkunst in München erhielt eine wertvolle Kunstsammlung. Die Stradivari-Ueige, die einst Eigentum Paganinis war, hat Loeb dem Münchener Kammermusiker Hösl hinterlassen. Wie weiter aus New York gemeldet wird, hat Loeb ferner zwei Millionen Dollar für Wohlfahrtsanstalten in Deutschland und Amerika bestimmt. 25.000 Dollar hat er dem Jüdischen Schwesternheim in Hamburg hinterlassen. Ob er sonst für jüdische Zwecke Legate hinterlassen hat, ist noch nicht bekannt. Es bleibt abzuwarten, wie die bedachten Institute und Stellen auf diese Vermächtnisse eines Juden reagieren werden. Judenfolterungen im Konzentrationslager Siegburg Der Oestereicher Desider Takacs, der in dem Konzentrationslager in Siegburg als Gefangener weilte, berichtet im «Abend» über entsetzliche Leiden der Juden: «Die Juden wurden zwar von der jüdischen Gemeinde verköstigt, mußten aber die niedrigsten Dienste verrichten, die Klosetts reinigen, den SA.-Leuten die Stiefel putzen, auf Befehl die Füße küssen oder die Stiefel lecken. Wollten sie nicht, so half der Uummiknüttel. Ich sah, wie ihnen die Haare ausgerissen wurden, daß Stücke der Kopfhaut mitgingen. Die Juden wurden auch gezwungen, sich selbst in das Gesicht zu schlagen und gegeneinander zu boxen. «Haut euch, Hundei», sonst trat der Knüttel in Aktion, bis das Blut spritzte. Viele bekamen Nervenzusammenbrüche, andere wurden krank. Aerztliche Visite war einmal wöchentlich. Fs ging aber immer: «Der Nächste! Der Nächste!», ohne daß jemand angehört worden wäre. Jemand neben mir sagte: «Die Lunge ist nicht in Ordnung, ich spucke Blut.» Die Antwort war: «Rizinusöl» ... Viele haben sich in den Zellen erhängt.» Kulturbund deutscher Juden 1933 Berlin. In Berlin wurde unter Beteiligung aller großen jüdischen Organisationen und mit der nach Verhandlungen mit Staatskommissär Hans Hinkel erteilten Genehmigung der preußischen Regierung der «Kulturbund deutscher jud i 1933» gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die künstlerischen und geistigen Bestrebungen der juden in Deutschland zu pflegen. In einer unter dem Vorsitz des geschäftsführenden Vorstandsmitgl’edes l)r. Kurt Singer, ehemaligen Intendanten der Berliner städtischen Bühnen, abgehobenen Pressebesprechung setzten der Vorsitzende und der ebenfalls dem Vorstand angehörende Kritiker und Drama rurg Julius Bah die allgemeinen Ziele und nächsten Aulgahen des Bundes auseinander. Es 'st beabsichtigt, zunächsi n Berlin eine Theatergemeinde zu schaffen, deren Mit glieder Anspruch auf monatlich einmaligen Besuch einet rheaterauffiihrung, eines Konzertes und eines Vortrags abends haben sollen. Es soll ein eigenes Schauspiel- sowie ein Opern*Ensemble, durchwegs aus jüdischen Künstlern bestehend, sowie ein Orchester geschaffen werden. Die Theateraufführungen (Schauspiel und Oper) sollen in einem zu pachtenden Theater täglich stattfinden. Be: der Auswahl der zur Aufführung gelangenden Stücke sollen neben allgemein künstlerischen Gesichtspunkten auch die Notwendig keit der Förderung jüdischer Künstler lind das Bedürfnis des jüdischen Publikums nach Darstellungen, in denen jüdische Stoffe behandelt werden, Berücksichtigung finden. Für die musikalische Leitung der Oper wurde der ehemalige General musikdrektor des Mannheimer Nationattheaters, loset löisenstock, gewonnen, der auch als Komponist bekannt ist und fünf lahre lang an der Metropolitan Opera in New Vork tätig war. Dem Ehrenptäsid'um des Bundes gehören Rahhiner Dr. Leo Baeck, Arthur Floesser, Prot. Leomd Kreutzer, Prof. Dr. h. c. Max Liehermann, Dr. Max Oshorn. Professor Dr. Franz Oppenheimer und Incob Wassermann, dem Vorstand Intendant Dr. Kurf Singer, Kritiker und Dramaturg luilus Bab, Regisseur Kurt Baumann, Landgerichtsrat Dok lor Arthur l.il enthal, Dr. Friedrich Ollendortf. Amtsgerichtsraf Rau, Frau Dr. Eva Reichmann-jungmann und Dr. H rmann Schildberger an. Jleri- und rrauenhtliDad TATZMANNSDORF (Surg«nla*'«U Miner«’*, Moor and natürliche Kohtensaure-SnrudHbäder. Billiger l'ensionspiels inklusive Heilbäder. Auskünfte und Prospekte Kurcllraktlen Bad tatimannidorf, Bumentwnd Die «Goldene Brücke41 Olga Wohlbrück, eine der namhaftesten und kultiviertesten deutschen Autorinnen, ist dieser Tage gestorben. Die nationalistische Uniformpresse widmet ihr nur wenige Worte. Die anderen Blätter befassen sich ausführlicher mit dem Wirken dieser Frau; auffallend aber ist, daß in allen Nachrufen die Erwähnung eines Theaterstückes tehlt, das vor etwa 20 Jahren auf den deutschen Bühnen viel gespielt wurde. Es ist «Die goldene Brücke», ein Schauspiel, das die durch Liebe und Ehe vollzogene «Aussöhnung» der Deutschen und Juden verherrlicht. Also so etwa wie «Abys goldene Rose», wenngleich auf etwas höherem Niveau. Das Stück wird nirgends erwähnt und dies mit einem gewissen Recht. Denn wenn solche Tendenzen jemals vorhanden gewesen sein sollten — in dem Deutschland von heute sind sie völlig zerstampft und daran wird wohl auch der «Bund der Uichtaiischeii Christen», den Herr Gustav Friedrich in Berlin begründet hat, kaum viel ändern können. Wir bedauern es nicht und sein selbstbewußter |ude hat für die Mischehe und die damit verbundene Sentimentalität etwas übrig Das Judentum wünscht keine Proselyten und es hat auch seine bitteren Erfahrungen mit solchen Ehen, bei denen frühe r oder später der Antagonismus in verletzendster Form ausbricht. «Die goldene Brücke» ist ein Phantom, das vor der Wirklichkeit zerflattert. Die Assimilantenpresse, die sich sonst nicht genug tun kann in solchen Wunschträumen, schweigt von dem Schauspiel der Wohlbrück. Der Vergleich zwischen jenen Zeiten und denen von heute ist zu grell. Aber es wäre doch — auch vom Standpunkt dieser Presse — entsprechender, wenn gerade dieser Unterschied herausgearbeitet würde. Denn auch wir können unbeschadet unseres unbedingt ablehnenden Standpunktes nicht an der Tatsache vorbei, daß in Deutschland etwa 4V6 Millionen solcher gemischter Ehen festgestellt worden sind, in denen jetzt die Kinder unter der Beschuldigung bestraft werden, von Liebe zwischen |ud’ und «Arier» zu stammen. Auch dieses ist ein Teil der Hölle, in die Deutschland verwandelt worden ist; die Trümmer der «Goldener. Brücke» verschütten einen Rest des so viel gerühmten deutschen Gemütslebens. OHizielles Schreiben an den jiddischen Pen-Klub Warschau. Der jiddische Pen-Kluh in Warschau erhielt vom holländischen Pen-Klub ein offizielles Schreiben, in welchem dieser mitteilt, daß die Generalversammlung des holländischen Klubs nach einer Aussprache über den Bericht der Delegierten auf dem letzten Pen-Klub-Kongreß in. Dubrovnik (Ragusa) folgende von der Leitung des Pen-Ktybs vorgeschlagene Resolution angenommen habe: «Der Pen-Klub Hollands ist durchaus davon überzeugt, daß die holländischen Delegierten auf dem Kongreß in Dubrovnik von keinerlei politischen oder Rassenvorurteilen beherrscht waren, und daß die in Zeitungsberichten ausgesprochene Annahme, die Delegierten hätten durch ihre Haltung zum Ausdruck gebracht, daß sie die Verbrennung literarischer Werke und die Ausweisung von Schriftstellern gutheißen, irrig ist. Der holländische Pen-Klub ist der Ansicht, daß dip Haltung seiner Delegierten auf dem Kongreß ausschließl1',h auf die Absicht zurückzuführen war, eine Spaltung der Pen- Bewegung zu verhüten. Von dieser Tatsache absehend, bedauert es der Pen- Klub, daß die Haltung seiner Delegierten den Eindruck erweckt hat, als ob der holländische Pen Klub den Standpunkt der offiziellen deutschen Delegation teile, und daß seine Delegation der Vermeidung dieses falschen Eindrucks nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Der holländische Pen-Klub protestiert gegen die Haltung des deutschen Pen-Kluhs, der Mitglieder aus Motiven ausgeschlossen hat, die mif Kunst oder Literatur nichts zu tun haben, und bringt seinen W'derw llen vor der Verbrennung von Büchern zum Ausdruck, unter denen sich Werke nefanden, die dem deutschen Geist zur F.hre gereichen. Er bedauert die an den Tag gelegte Ohnmacht der Deutschen, gegen diese Maßnahmen aufzutreten. Der holländische Pen-Klub erachtet die Grundsätze von Menschlichkeit und geistiger Freiheit als unantastbare Werte menschlicher Fxistenz.» Der Brief schließt mit dem Ersuchen, die Resolution des '•i.ll-i-rO-IiMi.I'u '•! ftf»r Presse zu Jüdische Mädchen vor der Jeru suiahi Dr.KriigerHe"m vVlen, II. Malzgasse 7. Tel. A 48-0-7. Zweijärige Fachschule für Weißnähen und Kleidci machen mit OeffentHchkeltsrecht. Einjährige Haushaltungsscluile und zweimonatige ham wirtschaftliche Vorbcreitimgskurse für Palästina streng rituell. Viele sonstige AushildungsmögüchkeitenF Privat-Volksu. Hauptschule nvt OertentlichkeitsrcG: Prospekt aut Wunsch Internat. Mittcfstandspreise Berufsberatung täglich von 10 bis 12 Uhr. amTfscha-b’aW (Nation il-Trau rtag) gedonki tde^ Keren Ka~entf f *1