Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 292 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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I* . DIE STIMME tfr. 292 — 27. Juli 1935 Persönliche Bekenntnisse Welch große revolutionäre Umgestaltung im Geistesleben der deutschen Juden durch die Ereignisse der letzten Monate vor sich gegangen ist, zeigen die Zuschriften, die aus nichtzionistischen Kreisen an die Redaktion der «Jüdischen Rundschau», Berlin, gerichtet werden. Aus diesen, die seelische Situation der nichtzionistisch eingestellten deutschen Juden kennzeichnenden Ausführungen spricht deutlich die auch in diesen Kreisen allmählich erwachende Ueberzeugung von der großen Bedeutung der Palästinabewegung für das gesamte Judentum. Was in Deutschland diesen ehemals antizionistischen Kreisen im deutschen Judentum schmerzliche Erkenntnis ist, kann morgen auch in anderen Ländern der Fall sein. Ob auch die Kreise um die «Union» ln Oesterreich aus den tragischen Gescheh* nfssen um ihre Brüder in Deutschland die richtige Lehre ziehen werden? * Schwergewichts-Verlegung Der Verfasser des nachfolgenden Beitrages ist ein Nichtzionist und Frontkämper (Offizier). In dem Verhalten der deutschen Juden gegenüber dem Zeitgeschehen sind zwei grundsätzlich verschiedene Einstellungen zu beobachten. Die eine betont: «Ich bin deutsch und ich bleibe deutsch, kein Mensch und keine Gesetzgebung kann an dieser innerpolitischen Tatsache etwas ändern. Und diese Wahrheit wird über kurz oder lang auch von der anderen Seite anerkannt werden müssen.» Der Ausgangspunkt dieser Einstellung ist richtig. Die deutschen Juden sind deutsch, und zwar nicht nur als Staatsangehörige, als in der deutschen Heimat und in der deutschen Kultur Verwurzelte, sie haben als von der deutschen Muttersprache im Denken, Fühlen, Wollen und im Lebensrhythmus geprägte Menschen auch Anteil am deutschen Volkstum. Das hat neuerdings Schmidt-Rohr, ein arischer Forscher, in seinem bedeutsamen Werk «Die Sprache als Bildnerin der Völker» (Jena, Diederichs, 1932) hervorgehoben und nachgewiesen. Diese Einstellung — nennen wir sie die optimistische — hat jedoch einen großen Mangel. Sie übersieht zwar nicht das, was geschehen ist. Sie sinnt vielmehr auf praktische Maßnahmen zur Erleichterung augenblicklicher Not und auf wirtschaftliche Umstellungen für die Zukunft (der Optimismus geht ja selten so weit, eine völlige Aufhebung der die Juden beschränkenden Gesetze zu erhoffen). Aber sie verkleinert das, was geschehen ist. Die Ungeheuerlichkeit des Stoßes, den man uns versetzt hat, sieht sie, nach Ueberwindung des ersten Schocks, als Bagatelle an. Wir müssen uns jedoch dessen bewußt bleiben, daß mit uns eine moralische Verfemung und Entwürdigung vorgenommen worden ist, eine Kränkung unser alter Ehre. Auch soweit Ausnahmen gemacht werden (Frontkämpfer), sind die Betroffenen nur vorzugsweise geduldet, nicht etwa als Volksgenossen anerkannt! Von dieser Paria-Behandlung wird jeder nicht Abgestumpfte edn dauerndes Brandmal zurückbehalten, und danach kann unter Verhältnis zur deutschen Umwelt nie mehr das frühere, unbefangene sein. Die Philosophin Marie Luise Enckendorff spricht einmal davon, welch existenzieller Trefsinn darin lag, daß in früherer Zeit auf einem geohrfeigten Manne, wie unschuldig er auch geschlagen worden war, ein Makel blieb. Wären wir deutschen Juden noch von unverbildeter Wesenstiefe, wir hätten allesamt nach dieser entsetzlichen Kränkung Hand an uns gelegt. Gewiß, eine Fülle von vernünftigen «Gründen» hat uns (mit Ausnahmen, deren Andenken heilig ist) davon abgehalten, hat das ursprüngliche Gefühl der Befleckung und Scham gehemmt. Aber keine Gründe gibt es dafür, daß wir uns alle Folgerungen aus dem Geschehenen ersparen können. Nein, wir müssen sie, soweit wir noch ein Gefühl für Ehre haben, ziehen, mögen sie auch schmerzlich sein und dem Hange zum Weitergehen auf den bisherigen bequemen Wegen widersprechen. Insbesondere können wir uns nicht damit trösten, daß man so und so viele arische und sogar nationalsozialistische Bekannte habe, die trösten und vertrösten. Selbst ein Wandel der Dinge, an den zu glauben kindlich ist, würde den Schlag, der auf uns brennt, nicht auslöschen . . . Und so bleibt jedem, der nicht empfindungslos ist gegenüber einer von Staats wegen erfolgten Entehrung größten Stils, nur die zweite mögliche Einstellung übrig: das, was den Grund für die Erniedrigung abgegeben hat, das wollen Tante Mamt sommersonnetteiii Nr a-iSNirw Payerbach a./d. Rax, Tel. 13 (vormals Schloß Vetcera). Altbewährt: Gut jüdisches Kinderheim ersten Ranges, idealste Höhenlage, Sonnenterrassen, nadelwaldreicher Prachtpark. Erstklassige Verpflegung, sorgsamste Aufsicht. Zeitgemäße Preise, Strandbad, Sport, Sprachen. Ueberraschende Erfolge mit schlechtessenden Kindern. Pflegeschwestern, Hofmeister, Kinderpädagoginnen im Haus. Besichtigung erwünscht. wir hochhalten, darauf wollen wir Stobt sein — und wir dürfen es. Es ist das Jüdische in uns, unsere jüdische Erbsubstanz, die ja so stark ist, daß sie 9eibt in Sprößlingen aus Mischehen sich geltend macht. Wir wollen uns wieder besinnen auf die aindere Komponente unseres Wesens, die den meisten deutschen Juden in schematischer Auffassung nur ein «Zweites», Zweitrangiges, neben der deutschen war. Ihr Vorhandensein hat sogar Schmidt-Rohr (a. a. O.) bei aller Anerkennung der Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volkstum zu der Wendung veranlaßt, sie seien unter den Deutschen «eine verhältnismäßig besonders scharf geprägte Untergruppe» (neben anderen). Dieses unser «zweites» Wesenselement wollen wir hervorheben, pflegen, klären, stärken und vertiefen. Dann wird uns bewußt werden, daß bei aller Verwurzelung im Deutschtum, bei aller Eineignung deutschen Wesens, hier noch etwas anderes an seelischer Kernmasse da ist, was tatsächlich unverschüttet, aber von unserer Gedankenwelt und Willensrichtung bisher —• beim einen mehr, beim andern weniger — verdeckt war. Die Wiederentdeckung unserer jüdischen Substanz wird uns dann zur Wiederentdeckung des jüdischen Gesamtzusammenhanges, zum jüdischen Volke führen. An der Hand seiner großen Geschichtsschreiber Grätz und Dubnow werden wir uns in seine Schicksale vertiefen und daraus das volle Verständnis für das Geschehen unserer Zeit schöpfen. Besonders Dubnows letzter Band (10) und die wieder zeitgemäße klassische Diagnose des Diaspora-Judentums von Leon Pinsker («Auto- Emanzipation» 1882) geben uns den Schlüssel dazu. «Und wo bleibt dann unser Deutschtum, das du selbst anerkennst?», wird man mich fragen. Hier setzt die schmerzliche Folgerung ein, von der ich oben sprach. Sie ist unvermeidlich, wenn man nicht den Kopf in den Sand stecken will. Wh* bleiben der deutschen Heimat, der deutschen Muttersprache und Kultur, dem Guten und Edlen deutschen Wesens, seinen Menschen und Werten in Liebe und Dankbarkeit verbunden. Aber wir übersehen nicht mehr die «geschichtliche Schranke», wir vergessen nicht mehr unser jüdisches Eigenwesen und unsere jüdische Eigenart, wir verlegen vielmehr unser Schwergewicht auf diese Seite unseres Wesen«, ohne die andere anzutasten oder gar aus uns herauszureißen, wir bekennen uns offen und entschieden zur jüdischen Gesamtheit, zum jüdischen Volke, zur jüdischen Zukunft. Das bedeutet nicht, wie vielfach angenommen wird, die Notwendigkeit der persönlichen Uebersledlung nach Palästina. Wohl aber folgt daraus auf der einen Seite eine weitgehende, oft schmenhatte Zurückhaltung, auf der andern die tätige Begeisterung für dieses Land als die wiedererstandene Heimstätte des jüdischen Volkes und vielleicht schon unserer eigenen Kinder, und es folgt weiter daraus die eigenständige, autonome Gestaltung derjüdischen Dinge in den bisherigen Heimatländern. Die Lösung der hiermit zusammenhängenden Fragen ist die Aufgabe, die uns Zurückbleibenden jetzt obliegt. Wir gehen stolz und getröstet, mutig und gestärkt an sie heran, als voiksbewußte Juden deutscher Kultur. * An die Redaktion der «Jüdischen Rundschau», Berlin W 15, Meinekestmße 10. Sehr geehrte Herren! Wenn ich Ihnen heute schreibe, so denken Sie nicht, daß ich Ihnen aus irgend welchen egoistischen Gründen schreibe und plötzlich aus konjunkturpolitischen Motiven «Zion» und mein Judentum entdeckt habe. Aber es wird Sie interessieren, daß ich, der jahrelang im C.-V. mit an führender Stelle gearbeitet habe, ich, der jahrelang die Zionisten erbittert bekämpft, sie für den zunehmenden Antisemitismus verantwortlich gemacht habe, heute ein «Anderer» geworden bin. Ich sehe ein, daß die liberalistisch-individuelle Behandlung der Judenfrage vollkommen verfehlt war, daß damit weder dem Judentum noch dem Deutschtum geholfen wurde. Mit Opportunitätspolitik kommt man hier nicht weiter! Die Judenfrage kann nur aus der Behandlung seines Volks- und Rassentums gelöst werden, muß von den Niederungen des politischen Lebens und Kampfes losgelöst und in ruhiger und vornehmer Sachlichkeit und Menschlichkeit besprochen werden. Sie können sich denken, daß diese neue Betrachtungsweise ein seelischer Umbruch und Aufbruch für mich darstellt, für mich, der bisher sein Judentum nur als private, religiöse Angelegenheit ansah. Ueber und in dem Oewittersturm, der sich über uns entlud, habe ich mein Judentum wiedergefunden und bitte Sie, mich von nun an als Mitkämpfer und Mitstreiter für ein neues, regeneriertes, stolzes und starkes Judentum betrachten zu wollen. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Dr. E. Oppenheimer. An die Redaktion der «Jüdischen Rundschau», Berlin W 15. Habe durch Zufall einige Exemplare Ihrer geschätzten Zeitung ln die Hände bekommen. Mit Gier und Wissensdurst Voraus muß man denken, sich sichern — versichern Voraus muß man denken, Phönix Allgemeine Versicherungs-Oes. Wien IX. Bes.« Alserplats Nr. 3 habe ich Zeile für Zeile gelesen, und nun weiß ich es: bei Ihnen herrscht impulsives jüdisches Leben, und mit offenen Augen schauen Sie in die Wahrheit. Ein Stück meines Lebens lief ich herum wie tausend und abertausend jüdischer Mitmenschen, mit zugebundenen Augen. Für alles batten wir ein offenes Auge, einen lebendigen Gedanken, ein mitfühlendes Herz — eine jüdische Frage gab es für uns nicht. Und nun bekenne ich — es ist nicht Schuld, nur Schicksal. Der Mensch ist nun einmal ein Produkt des Ortes und der Umgebung, in denen zu leben er gezwungen ist. Bin aus dem Osten als Jündling, als unreifer Mensch nach Deutschland gekommen, aus dem Teil des Ostens, wo slavische und germanische Kultur sich schon näher berühren müssen, habe als Sohn orthodoxer Eltern eine nichtjödische Schule besucht. Meine Mitschüler waren Polen, Deutsche, Russen und Juden. Der Zionismus hat bei uns eine große Rolle gespielt War es mir doch schon als kleinem Chorknaben vergönnt, im Jahre 1912 bei einem großen Bankett zu Ehren Sokolows einstudierte hebräische Lieder zu singen. Die Intoleranz der jüdischen Orthodoxie, der Fanatismus des erwachenden Zionismus in der Sprachenfrage, das Nichtsehen-Wollen bestehender sozialer Differenzen — all das hat mich zum Auch- und Zufallsjuden gemacht. Aber ich hatte geistige und kulturelle Interessen. Mit mehreren Ihrer Gesinnungsfreunde leitete ich als kaum Sechzehnjähriger Arbeiterbildungskurse, habe eine große jüdische Bibliothek mitverwaltet, habe nach der Inflation mitgeholfen, daß arme arbeitslose jüdische Handwerker und Angestellte keine Not litten. Unzählige Vorträge und Dichter-Gedächtnisreden habe ich ehrenamtlich im Rheinland und Westfalen gehalten. Dann kam meine Abkehr vom Judentum. Die intolerante fanatisch-gegnerische Einstellung des orthodoxen Juden zum jüdischen Freidenker, die haßerfüllte Gegnerschaft des «westlerischen» deutschen Juden zum hergelaufenen Arbeiterwanderredner (so bezelchnete mich in einer nichtjüdischen Oeffentlichkeit ein Führer des liberalen Judentums), der unverständliche ungeistige, hinter den Kulissen gegen mich geführte Kampf hat mich zur Abkehr vom Judentum gezwungen. Sie werden fragen: Warum kamen Sie nicht zu uns? Ich bin kein Zionist geworden, weil die geistige Formung des jungen Menschen oft für sein ganzes Leben bestimmend ist. Trotzdem bekenne Ich mich zum Palästina-Gedanken, Wer genug Idealismus, Opfersinn, gesunde menschliche Arbeitskraft oder Kapital mit beweglichem Schaffenstalent hat, der soll bei der ersten Gelegenheit nach Erez Israel gehen. Er soll hingehen und helfen, daß das körperlich und geistig verbuckeite Judentum verschwindet und an seiner Stelle das aufrechte, schaffensfrohe, schöpferische Judentum entsteht. Unser Schicksal müssen wir selbst zu meistern versuchen. Es genügt nicht mehr, wenn wir unserer tagtäglichen Tätigkeit und den recht und schlecht gehenden Geschäften nachgehen. Wir sind gewillt, offen in das Leben zu schauen und bekennen: jawohl, wir sind keine «Staatsbürger mosaischen Glaubens», wir sind Juden, Menschen einer Rasse, eines Stammes, eines Volkes, die aber gewillt sind, historisch bewiesen und bewährt, gute Staatsbürger des Gastlandes zu sein. Und wenn man uns nicht gestattet, geistig und kulturell an den großen Werten der deutschen Kultur mitzuarbeiten, dann arbeiten und wirken wir für uns und unter uns. Alle früheren Gegensätze müssen beim geistigen Neuaufbau und Neuorientierung verschwinden. Achduth Israel sei die Parole, Mit mir denken im selben Sinne tausende und aber tausende abseitsstehender Juden, die den Mut zur offenen Erklärung noch nicht besitzen. Ihr Ellas P a 1 u s z a k. Palästinareisende besuchen den schönsten Punkt des Landes Mount Carmel Telfsch Hause, Haifa Herrliche Lage im Kieferwald, europäisches Klima, 10 Minuten vom Meeresstrand. Wiener Küche. Bürgerliche Preise Besuchet das schöne Oesterreich!