Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 292 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'l Nr. 393 — 27; Juli 193} ME STIMME Um den FrenchSericht Stephen S. Wiee über die Erklärung Ctuiliffe-LUterf London. Der vor kurzem in London eingetroffene Ehrenpräsident des American Jewish Congress Dr. Stephen S. Wise nimmt zu den im Unterhaus gemachten Mitteilungen des Koloniaiministm Sir Philip Cunhffe-Lister über die geplante Palästina-Anleihe und deren Verwendung in einer der Jüdischen Telegnaphen-Agentur übergebenen Erklärung folgendermaßen Stellung: «Mit einem Gefühl tiefster Enttäuschung liest man die Rede, die der Minister für die Kolonien Sir Philip Cunliffe- Lister im Unterhaus gehalten hat. Offenbar soll eine Anleihe aufgenommen werden, und diese Anleihe soll, wenn dies auch nicht offen erklärt wird, hauptsächlich den «dislozierten Arabern und ihrer Wiederansiedlung» zugute kommen. Welch klägliches Ende einer großen Hoffnung! Der French-Bericht ist offenkundig Gesetz für das Kolonialamt geworden. Dieser trügerische und irreführende Bericht konstruiert einen fiktiven Rechtsfall für die sogenannten landlosen Araber, deren Zahl, wie der Kolonialminister zugibt, weniger als 1000 beträgt. Ein Minimum von Vorsorge ist, obwohl auch dies nicht ausdrücklich erklärt wird, für jüdische Siedlung getroffen. Sehern die Terminologie des Berichtes ist schwer beleidigend: Von den Arabern wird als von «Söhnen oder Eigentümern des Bodens», von den Juden als von «Immigranten» gesprochen. Wie läßt sich die Bezeichnung der Juden als Immigranten mit dem Begriff eines «Jüdischen Nationalhetos» vereinbaren? In ihr eigenes Land zurückkehrende, sich dort wieder ansiedelnde Juden können gerechterweise nicht als Immigranten bezeichnet werden. Die Vorschläge des Ministers für die Kolonien beweisen, daß Höflichkeit seitens der Palästina-Regierung nicht genug ist, möge dies die Palästina-Regierung auch angenommen haben. Unsere Hoffnung muß darauf gerichtet bleiben, durch eine vereinte Anstrengung des jüdischen Volkes und des Völkerbundes die britische Regierung zu bewegen, die volle Verantwortung für die Erfüllung des Palästina-Mandate zu Übernehmen. Man möchte den Glauben nicht aufgeben, daß mit den letzten Mitteilungen des Ministers für die Kolonien das letzte Wort der britischen Regierung betreffend Palästina nicht gesprochen worden ist. Man möchte innig hoffen, daß die jüngsten Aeußerungen, die Sir John Simon und andere, betreffend die Lage der Juden in Deutschland, namens der Regierung getan haben, den Willen des britischen Volkes, einer möglichst großen Zahl deutscher Juden die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen, eher zum Ausdruck bringen als die letzte Rede Sir Philip Cumliffe-Listers, die, auf den Prench-Bericht sich stützend, diese Hoffnung für eine gewisse Zeit als zu fernliegend angesichts unserer dringenden Volksnotwendigkeiten erscheinen läßt.» Dr. Stephen Wise, der am 5. Juli an Bord der «Washington», des gleichen Schiffes, das auch der neue amerikanische Botschafter in Berlin Dr. William E. Dodd benutzte, die Reise nach Europa angetreten hat, beabsichtigt, an einer Reihe von Konferenzen und im August am Zionistengreß in Prag teilzunehmen. Ferner will er in Paris und Genf Vorträge über Probleme, die mit der Situation der Juden in Deutschland Zusammenhängen, halten. Die Verwendung der Palästina- Anleihe Jerusalem. In einem offiziellen Kommunique der Palästina-Regierung wird zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß von der geplanten Zwei-Mlllionen-Anleihe, deren Ausgabe in der Unterhaussitzung vom 14. Juli vom Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Llster angefcflndigt wurde, 250.000 Pfund zur Ansiedlung landloser Araber verwendet werden sollen. Weitere namhafte Beträge sollen der Kredithilfe für sämtliche Zweige der Landwirtschaft, ein anderer Teil der Anleihesumme solle der Durchführung dringend notwendiger öffentlicher Arbeiten dienen, die im allgemeinen Interesse des Landes liegen, wie Wasserversorgung und Drainage. Einzelheiten sollen später bekannt gemacht werden. Die Regierung hat nach langwierigen Verhandlungen über die Heranziehung jüdischer Arbeiter bei der Durchführung öffentlicher Arbeiten der Exekutive der Jewish Agency mitgeteilt, daß etwa ein Drittel des für die Durchführung öffentlicher Arbeiten bestimmten Budgets zur Bezahlung jüdischer Arbeitskräfte verwendet werden soll. Weitere Einzelheiten über die Verwendung der Anleihe werden vermutlich anläßlich der offiziellen Vorlage des Gesetzentwurfs im Unterhaus mitgeteilt werden. Nach dem üblichen parlamentarischen Hergaqg wird das Gesetz, durch das die Regierung ermächtigt Jeden Samstag Klagenfurt . . . S 15.— Monte Carlo . . S 54.— Innsbruck . . . S 22.— Rom—retour . . S 88.— Ischl—Salzburg . S 12.75 Gesellschaftsreisen Rom, 29. Juli.S 160.— Rom—Südtirol—Neapel.S 224.— 11 tägige Reise inkl. Führung, Hotel, Verpflegung. Riviera, 29. Juli . S 188.— Paris.S 174.— Rom, 5. August . S 160.— 1. Reise . . .1. August Riviera, 5. August S 188.— 2, Reise ... 5. August Veranstaltet von Dr. J. H. Körners Reisebureau «City», Wien, 1., Kohlmarkt 8, Tel. U 26-4-22 werden soll, die Anleihe zu garantieren, vom Parlament in drei Lesungen behandelt werden. Dabei wird den Abgeordneten Gelegenheit gegeben werden, Aufgaben und Ziele der Anleihe zu erörtern. Ein Teil der englischen Presse unter der Führung von «Daily Mail» protestiert dagegen, daß die beabsichtigte Palästina-Anleihe von der britischen Regierung garantiert werden soll. Palästina sei ein Mandatsland und solle sich um seine Finanzen selbst kümmern. Es wird dabei offenbar übersehen, daß Palästina ungewöhnlich hohe Budgetüberschüsse hat, so daß von einer Inanspruchnahme der britischen Garantie vorläufig nicht die Rede ist. Der Korrespondent der «Times» in Jerusalem drahtet, daß die Kommentare der jüdischen Presse zur Veröffentlichung des French-Berichtes abfällig sind. Die gleichzeitig in Jerusalem veröffentlichte Antwort der Jewish Agency wende sich gegen die Behauptung, daß es unmöglich sei, den Arabern zu helfen, ohne die Juden zu beschränken. Warum die Arabische Exekutive den French-Bericht ablehnt Dar Sekretär der Arabischen Exekutive Jamal el Husseini erklärte dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die Arabische Exekutive habe den French-Rericht in einem im» März d. J. der Palästina-Regierung überreichten Memorandum abgelehnt, erstens weil er sich auf den Macdonald-Brief stütze, zweitens weil in ihm nicht ein absolutes Verbot der jüdischen Einwanderung und des Bodenkaufes durch Juden vorgeschlagen werde. Der Plan einer Palästina-Anleihe schaffe jedoch möglicherweise eine neue Situation. Die Arabische Exekutive werde demnächst zusammentreten, um zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen. JLord Melchett fordert Uebecgang vom philanthropischen zum Investitions-System in Palästina London. Zu Ehren von Councfller Davis, der dem Jüdischen Nationalfonds im Auftrag der Federation of Synagogues 10.000 Pfund als Anlage übergab, fand in London ein Empfang statt, auf dem Lord Melchett, der Hauptredner des Abends, die Notwendigkeit betonte, in Palästina von der Aera der Philanthropie zu der der Investitionen überzugehen, wenn eine großzügige Entwicklung des Landes Platz greifen solle. Bisher, erklärte Lord Melchett, ist Palästina mit den Pfennigen der Armen aufgebaut worden. Die bisher erzielten Erfolge sind diesen Pfennigen zu danken. Aber wir dürfen nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. DU wirklich billig« Scfiuftquell« finden Sie bei »DR-HOu (Inh. David Horowitz) Wicn^LTaborsfraß^Nr^Ib Ecke Gredlerstrafie QuaUlälswaee su Hubers* billigen Preisen. Bel Berufung auf die »Stirn* iw«« I ProMfrt Rabaü Ernster als jemals sind heute die Verpflichtungen aller wahren Zionisten. Palästina, ein rasch wachsender Wirtschaftskörper, bietet Probleme von zunehmender Kompliziertheit und erfordert Führer von außerordentlichen Fähigkeiten und erstklassigem Kaliber, wenn das dort unternommene Werk nicht scheitern soll. Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds in England Robert Solomon erklärte, durch den Schritt der Federation of Synagogues sei ein neues System für die Nationalfondsarbeit, nämlich die Investierung öffentlicher Gelder in einem öffentlichen Fonds, eingeführt worden. Professor Brodetsky beglückwünschte die Federation of Synagogues zu ihrer beispielgebenden Tat. Unter der Leitung von Councillor Davis sei in der Federation, die nun endgültig mit dem Zionismus verbunden sei, eine tiefgreifende Veränderung vor sich gegangen, L. Sohen überbrachte die Grüße des Direktors des Keren Kajemefcb M. M. Ussischkm. Councillor Davis dankte im Namen der Federation of Synagoues den Vorrednern. Er erklärte, die Federation erstrebe nicht besonderes Lob und besonderen Dank. Es genüge ihr, zu wissen, mitgeholfen zu haben, leidenden Glaubensgenossen einen Weg zu menschenwürdigem Dasein zu bahnen. Das Schlußwort hielt Lord Melchett. Er erklärte, er würde es für falsch halten, wenn Juden sich aus Furcht vor Antisemitismus davon abhalten ließen, sich miteinander zu beraten und in getrennten Lagern blieben. In aufrechter Haltung der Welt ins Gesicht zu blicken, sei die beste Verteidigung. Was er in Europa gesehen habe, hätte ihn davon überzeugt, daß es Pflicht jedes Juden sei, mit aller Kraft an dem großen Werk des Aufbaues Erez Israels mitzuarbeiten. Jüdische Protestdemonstration in London London. Donnerstag veranstalteten hier die Juden Londons eine Massendemonstration gegen die Behandlung der deutschen Juden durch die Hitler-Regierung. Tausende und Tausende zogen in einem Demonstrationszug vom East End zum Hydepark, wo sie schon von einer weiteren vieltausendköpfigen Menge erwartet wurden. Der Durchmarsch durch die Tore des Hydeparks dauerte weit über eine Stunde. Die Berichterstatter der Londoner Blätter sind der Meinung, daß nach den Eindrücken des Demonstrationszuges in den Hydepark wohl der größte Teil der Londoner Judenschaft dort versammelt gewesen sein dürfte. In Whitechapel, Mile End, Stepney und Hackney waren fast alle jüdischen Geschäfte an diesem Tage geschlossen. Auf dem öffentlichen Markt in der Middlesex Street, der hauptsächlich von Juden beschickt wird, waren keine Stände errichtet. Die Straßen wurden von Autos abpatrouilliert; die meisten davon trugen Plakate mit der Aufforderung, deutsche Waren zu boykottieren. Der Demonstrationszug verließ Stepney Grenn am frühen Nachmittag, ln Stepney Grenn und in der Umgebung war die Menge der Teilnehmer und Zuschauer so groß, daß die Ordner schwere Mühe hatten, die Teilnehmer in geschlossenen Reihen durch die Straßen zu bringen- Die Sonne brannte glühend vom Himmel und der Zug rückte nur langsam von der Stelle. Zahlreiche Männer zogen sich die Röcke aus und marschierten in Hemdärmeln — ein für London höchst ungewohnter Anblick. Die Straßen, die der Demonstrationszug passierte, waren: Whitechapel Road, Commercial-Street, Great Eeastern Street, City Road, Pentonville Road und Euston Road bis zum Marble Arch. Die Tete des Demonstratiosnzuges erreichte Hydepark erst um 5 Uhr nachmittags. Sie war von Männern, die Union Jacks trugen, flankiert Die englischen Reporter heben hervor, daß dieser Demonstrationszug einer der eindrucksvollsten war, den man seit langem in London gesehen hat, nicht bloß seiner Größe wegen, sondern auch wegen des würdigen Ernstes, den seine Teilnehmer zur Schau trugen. An der Tete und am Ende des Zuges marschierten je eine Musikkapelle. Zwischen den Reihen wurden Standarten getragen mit Inschriften, wie: «Hitler verletzt die menschlichen und göttlichen Rechte!» und «Gebt den deutschen Juden ihre Rechte zurück!» oder «Schützt die Welt vor dem Hitlerismus!» Lm allgemeinen aber war es ein Zug ohne Fahnen und ohne «Aufmachung». Er wirkte bloß durch die Masse der Teilnehmer und dadurch, daß man diesen ansah, es gehe ihnen um eine Herzenssache. In den meisten Straßen war das Gedränge so groß, daß man zwischen den Zuschauern, die weit über die Gehsteige hinaus auf die Fahrbahn drängten, Und den Zugsteilnehmern kaum unterscheiden konnte. Es war eine einheitliche Masse. In den Zug eingeteilt waren mehrere Kontingente jüdischer Kriegsteilnehmer mit ihren Kriegsauszeichnungen. Eine dieser Gruppen wurde von einem Kriegskrüppel angeführt, der m einem kleinen Motorwagen fuhr. Die englischen Zeitungen heben hervor, daß man, abgesehen von diesen geschlossenen Kriegsteilnehmergruppen, noch zahlreiche andere Demonstranten mit Kriegsauszeichnungen sehen konnte. Im Hydepark waren drei Tribünen errichtet, von denen aus die Reden gehalten wurden. Das Meeting fand erst am späten Abend sein Ende. Proklamation der griechischen Vier gierung gegen den Antisemitismus Saloniki. Die Regierung hat eine Proklamation an das griechische Volk erlassen, in der die antisemitische Kam* pagne der venlzelistischen Opposition schärfstem gebrandmarkt wird. Der Kampf der Oppositionsparteien gegen die nationale Einheit, heißt es in der Proklamation, kommt einerseits in einer Offensive gegen die Juden, anderseits ln einem Haßfeldzug gegen die Flüchtlinge zum Ausdruck. Der Führer der Nationalsozialistischen Partei Griechen« lands George Mercouris hat an die nationalistische Organi* sation «Hellas» in Saloniki, die bisher einen besonders heftigen Kampf gegen die Juden geführt hat, folgendes Telegramm gerichtet: Im Bestreben, den Aufstieg des Vaterlandes durch seelische Einigung des griechischen Volkes und Wiederherstellung von Ruhe und Frieden herbeizuführen, richtet die Nationalsozialistische Partei Griechenlands den Appell an euch, dafür zu sorgen, daß das traditionell« Prinzip der Achtung gegenüber andersgläubigen Mitbürgern, die ihren Gehorsam gegenüber den Gesetzen stets bewiesen und sich zu unseren nationalen Idealen bekannt haben, nicht verletzt werde. Griechenland, das auf seine Liebe zu Andersartigen stolz ist, lehnt Feindseligkeit gegen Bürger anderen Bekenntnisses ata t