Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 292 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE STIMME fff. “292 — 27. Jul! 1W3 WELTPOLITISCHE RUNDSCHAU , Der deutsche Nationalsozialismus ist in den grauen Alltag eingetreten. Nach den schönen Zeiten der Gleichschaltung kommen jetzt die Spannungen zwischen bürgerlicher und proletarischer Denkweise ans Licht. Nacheinander treten die Führer auf die Tribüne und mahnen zur Vorsicht, zur Wirtschaftlichkeit, zur Evolution. Hitler singt Lieder auf Privatinitiative und höhere Arbeitsleistung, seine Paladine, die ja selbst schon an der Futterkrippe sitzen, drohen den ungebärdigen Proleten mit Pranger und Konzentrationslager. Die Regierung, die ihre aus der Schwerindustrie gewordene Unterstützung jetzt honorieren muß, hat einen Wirtschaftsrat ernannt und <'hn unter die Führung des Herrn v. Thyssen, eines der hungrigsten Moneymakers, gestellt. Diese Erscheinungen beweisen es, daß der Nationalsozialismus ohne jegliche bestimmte Zielsetzung an die Macht gelangt ist, daß er sein 25gliedriges Arbeitsprogramm einstweilen in der Tischladc behält, bis auf den einen. Der den Toddesjudentums verlangt, Hier ist die volle Durchführung eingeleitet. Im übrigen Ist der Weg Deutschlands heute bereits zu erkennen. Er gabelt sich. Die eine Straße geht durch den Bürgerkrieg zur Monarchie, die andere in den klaren, offenen Bolschewismus. Und was die deutsche Reichsregierung an aufsehenerregenden Dingen heute tut — ob sie Geiseln aushebt, den jüdischen Pensionisten die Altersbezüge raubt oder sonstwas — ist nur Mittel, um die innere Unruhe zu besänftigen, den tatenlustigen Banden Arbeit zu geben und die Aufmerksamkeit von dem geradezu rasenden Tempo abzulenken, das die »ozialwirtschaftliche Entwicklung nimmt. Der Ausweg eines Krieges, den sonst Regierungen in solcher Position wählten, bietet sich für Deutschland nicht. Ein Reich ln voller innerer Gärung, mit latenten Aufstandgelüsten von etwa 50 Millionen versklavten Menschen, mit einer fast untragbaren inneren Verschuldung, mit mehr als acht Millionen Arbeitslosen — ein solches Reich ist nach außen aktionsunfähig. Es ist nebensächlich, daß Hitler den Viermächtepakt unterschrieben hat. Für die Verlogenheit der Bewegung ist es ja unerheblich, daß für zehn Jahre der Diktatfrieden von Versailles anerkannt wird. Sie seihreit weiter, daß sie die Revision bringen, daß sie den Korridor, Danzig, Oberschlesien, Deutschböhmen, die Flamen in Belgien, die deutsche Schweiz, Holland und Nordschleswig an Deutschland anschließen will. Je mehr sie dies schreit um so mehr schwindet das moralische Kapital. Niemand glaubt mehr dem braunen Deutschland, das in allen Fabriken wie verrückt Kriegsmaterial und Uniformen erzeugen läßt — nicht um Krieg zu führen, sondern um eine Scheinblüte der Industrie vorzutäuschen, die aus Staatsgeldern gefüttert wird. Aber das Ausland bereitet sich für alle, Fälle vor. Neben dem an sich völlig wertlosen Viermächtepakt stehen jetzt bereits Vereinbarungen der Kleinen Entente, stark nuanciert durch das Befremden über Gömbös’ Raid nach Berlin, stehen ferner die neuen Verträge Sowjetrußlands mit den Randstaaten und Rumänien, die Freundschafts- Verhandlungen zwischen Italien und Jugoslawien... Alle Mächte wollen rasch zu einer Bereinigung ihrer Differenzen gelangen, um gegenüber allen möglichen Extratouren der braunen Armee — auch gegenüber einer solchen au de la Salzburg — die Hände frei zu haben. Alte Feindschaften klingen ab dank dieser Loreley. In das allgemeine Bild trägt Henderson die pikante Note. Er will die Abrüstung retten und reist zwischen den großen europäischen Zentren herum. Der Mißerfolg der Abrüstungskonferenz hat sich als naturgemäße Folge des Unterschiedes zwischen der französischen Sicherheitsthese und der deutschen Gleichberechtigungsformel ergeben und dieser Unterschied vertieft sich immer mehr; eine Erleichterung könnte vielleicht eine direkte französisch-deutsche Verständigung schaffen, wie dies Stresemann mit einigem Erfolg versucht hat. Aber Stresemann ist ins Grab gejagt worden und schon die vorsichtige Ankündigung einer Aussprache zwischen Daladier und Hitler wurde von der Pariser Presse teils mit Heiterkeit, teils mit Zorn angewiesen. Nun wagt sich Henderson an die Sache. Der Marxist fuhr nach Berlin. Hitler zog sich nach München zurück. Also reiste Henderson nach einem Abstecher nach Prag im Auto nach München, nahm sich aber den Außenminister Neurath mit, dessen Verbleiben im Amt eine der schönsten Zeitgrotesken ist. In München war dann die Entrevue. Man Danksamma Auf diesem Wege danke ich der Verwaltung des Spitals der jüdischen Kultusgemeinde in Wien, ganz besonders den sehr geehrten Aerzten der urologischen Abteilung, welche mich von meinem schweren Leiden durch operativen Eingriff vollkommen geheilt entlassen haben. Auch dem Pflegerpersonal für die mühevolle Tätigkeit besten Dank. M. A. Bartfeld aus Czortköw, Polen. veigegenwärtige sieh dieses Bild! Nach drei Viertelstunden endete die Sache erfolglos. Nun kann Henderson bei M u s s o I i n i seine Visite machen. Er findet in Röhl eine merkwürdige Situation vor. Das faschistische Italien macht aus seinem Mißtrauen gegen den deutschen Nationalismus kein Hehl, will keine Unterjochung Oesterreichs zugeben. aber auch keine Union zwischen Oesterreich und Ungarn. Es will eine Neuordnung im Donauraum. selbstverständlich unter italienischer Hegemonie. Es hofft, den französischen Widerstand durch politische Verhandlungen beseitigen zu können und wäre zu einem offenen Verzicht auf Nizza und Savoyen bereit. Hier wäre wohl ein günstigerer Boden für Abrüstimgsbesprechungen, wenn nicht die Angst vor einer Arbeitskrise bestünde, die sich aus einer Einschränkung der Kriegsindustrie ergeben könnte. Also ebensoviele Gründe für wie gegen, und so führt die Durchdenkung des Problems wieder in die Wirtschaft hinein. In diese Konzeption wird so auch England einbezogen, dessen Regierung — wie noch kaum je zuvor eine englische — im Sturmwind hin und her schwankt. Die Weltwirtschaftskonferenz ist zu einem persönlichen Echec für Macdonald geworden, der ja seit eh und je wie der Greis auf dem Dache aussieht. Er will und kann nichts gegen Hitler-Deutschland unternehmen, hindert den guten Simon an jeder Tat, wozu auch noch Herr E d e n, ein Freund der Hitlerei, das Seine beiträgt, er hat die weltpolitische Initiative an Frankreich abgetreten und zeigt eigentlich nur in Indien Aktivität. Dort wird die Spaltung des allindischen Kongresses, die Frage des Ungehorsams und der Unberührbaren, ausgentitzt. Gandhi ist matt gesetzt und die Mohammedaner wieder Liebkind. Ihnen zu Gefallen erhält jetzt auch der French-Berieht über das Mandatsland Palästina neues Leben. Wird der zionistische Kongreß im nächsten Monat in Prag diese Zeichen der Zeit verstehen? Wird er öffentlich, laut und deutlich den Sinn des Mandats, die Errichtung der jüdischen Heimstätte, betonen und wird er die einzige Forderung stellen, die sich mit zwingender Kraft erhebt: Vertretung des jüdischen Volkes im Völkerbund? Diese Forderung wird mit jeder Stunde aktueller. Der gewalttätige Nationalismus greift, durch Deutschland ermuntert, um sich. Schon zeigen sich in Frankreich und in England seltsame Symptome des Ansturms wider den liberal-demokratischen Parlamentarismus. Die sozialistische Internationale wankt. Sie hat die große ideelle und materielle Kraftquelle der deutschen Sozialdemokratie verloren und ist durch die Spaltung des französischen Sozialismus bedroht. Die französischen Sozialdemokraten sind im Wesen Vertreter der kleinen Landbesitzer des Südens, direkte Erben der großen Revolution, die den Feudalismus zerschlagen hat. Der Parteitag brachte den Zusammenstoß zwischen diesen eigentlich linksbürgerlichen Demokraten und den Parteisekretären, den richtigen Vertretern des nördlichen Industrieproletariats. Die Radikalen, die Internationalisten, haben abstimmungsmäßig gesiegt. Aber die Opposition des Südens will sich nicht geschlagen geben. Diese Vorgänge haben ihre Bedeutung für die Situation Europas. Entweder Daladier verliert die Unterstützung der Sozialisten und stürzt, dann kommt der rechtsradikale Tardieu; oder Daladier nimmt die sozialistischen Opportunisten ins Kabinett auf und zerbricht damit vollends den Sozialismus. Wie immer das endet — es ist eine Verschärfung der außenpolitischen Schwierigkeiten und jede solche Aendemng trifft das Wirtschaftsleben, trifft d!as jüdische Mittelstandsvolk. Die politische Position des Judentums ist sehr schlecht. Wir müssen uns das eingestehen. Es fehlt an tausend Dingen, vor allem aber an Land unter den Füßen und an einer jüdischen Führung, die für alle autoritär handelt und spricht. Nie war im Judentum die Aufnahmsfähigkeit für zionistisches Denken so groß, nie war das Vertrauen zum politischen Zionismus so stark wie heute. Es muß sich zeigen, ob der Zionismus der politischen und sittlichen Aufgabe, Führer und Kämpfer dem Judentum zu sein, entsprechen kann. Er muß dem Judentum Gehör verschaffen, er muß gegen das englische Spiel auftrete.i und er muß zum Völkerbund sprechen. Im Namen von 17 Millionen Juden, im Namen der 600.000, die in dem deutschen Kerker weinen. Massenbittgottesdienst in dev Londoner Albert Hall für die deutschen Juden Ueber SOOO Teilnehmer — Chief Rabbi Hertz fordert Aufrechterhaitfing der religiösen Unterrichtsanstalten in Deutschland London. Der in der Albert Hall zu London unter Beteiligung von Führern aller Richtungen des englischen Judentums und den Rabbinern des konservativen, liberalen und sephardischen Ritus abgehaltene Massenbittgottesdienst nahm einen eindrucksvollen Verlauf. Ueber 5000 Personen, unter ihnen bekannte Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen. Lebens, wie Sir Herbert Samuel, Lord Melchett und d’Avigdor Goldsmid, hatten sich zu dem Gottesdienste eingefunden. Die Predigt hielt Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz. Er schilderte in ergreifenden Worten die Lage der Juden in Deutschland und mahnte zu Gottvertrauen und Festhalten an den großen ethischen Grundsätzen des Judentums. Die Predigt gipfelte in der Forderung, außer der materiellen Notlage der deutschen Juden auch ihrer geistig-seelischen Not eingedenk zu sein und die religiösen Unterrichtsinstitutionen der deutschen Juden vor Untergang zu bewahren. Chief Rabbi Hertz führte u. a. aus: Das Volk, das einen Moses, einen Jesaia und einen Hillel hervorgebracht hat, das Volk, das die Stifter des Christentums zu seinen Söhnen zählt, das Volk, das in Mittelalter und Neuzeit der Welt eine Reihe der vornehmsten Geister und Persönlichkeiten geschenkt hat — dieses Volk wird heute als eine Rasse von Parias erklärt, deren Blut befleckt, deren Gedanken beschmutzen, deren gedrucktes Wort bloß dazu da ist, verbrannt zu werden und dem Feuer Nahrung zu sein. Die deutsche Judenheit, noch vor vier Monaten auf der Höhe ihrer Leistungen auf sämtlichen Gebieten des Lebens, fest im Glauben und reich an Segnungen der Welt, ist heute dem Elend, der Beschimpfung und Erniedrigung preisgegeben und kämpft um ihr nacktes Leben gegen eine Flut von Unduldsamkeit und Haß. Sie ist eine hilflose Minderheit, wahrhaft hilflos und heute rechtlos, aber nicht hoffnungslos; denn die deutsche Judenheit hat ihr Vertrauen auf Gott nicht verloren; sie hat nicht einmal ihr Vertrauen zu den Menschen verloren, denn es gab erleuchtete Menschen in führender Stellung, die im Parlament, in der Weltpresse und auf der Rednertribüne ihrem Unwillen gegenüber dem Versuch, einen ganzen Teil der menschlichen Familie zu demütigen und zu erniedrigen, Ausdruck gegeben haben. Diese erleuchteten Führer konnten angesichts der Verletzung allgemein menschlicher Grundsätze, die darin liegt, daß den Juden Gerechtigkeit versagt wird, nicht schweigen. Der Jude ist ein Symbol und schon sein bloßes Vorhandensein in irgendeiner Gemeinschaft stellt eine lebendige Mahnung dar zur Wahrung jener Freiheit des Gewissens und des Geistes, die der moderne Staat allen seinen Bürgern gewährt. Darum bedeutet Ablehnung des Juden gleichzeitig, auch Ablehnung jener Freiheitsideale und insbesondere der großen ethischen Grundsätze* die die Juden und das Judentum gelehrt haben. Einer dieser jüdischen Grundsätze ist der von der Einheit des Menschengeschlechts als der Kinder eines Vaters im Himmel; ein Grundsatz, aus dem die bürgerliche Gleichstellung Aller vor den Augen des Staates folgt. «Du sollst nicht verschiedenes Recht haben, sondern gleiches Recht für den Fremdling wie für den Einheimischen» ist ein wiederholtes Gebot der Thora. Ein anderes erhabenes Ideal, das Israel der Welt geschenkt hat, ist die messianische Vision des Friedens. Wenn somit die Führer der aufgeklärten öffentlichen Meinung ihre Stimme zugunsten der Juden erheben, so haben sie gleichzeitig den Kampf für die höchsten Ideale der Allgemeinheit aufgenommen. Das Beispiel dieser Apostel der Menschlichkeit in den jüngsten Tagen, fuhr Chief Rabbi Hertz fort, sollte uns englische Juden zu jener Großzügigkeit des Geistes führen, die uns vor einseitiger und oberflächlicher Betrachtungsweise bei der Behandlung der vielgestaltigen und in ihrem Umfang einzigartigen Hilfsprobleme, die uns jetzt gestellt sind, bewahren soll. Unsere Hilfe darf nicht auf materielle Fürsorge beschränkt bleiben, selbst wenn diese die hoffnungsvolle aufbauende Form der Ansiedlung tausender deutsch-jüdischer Familien im Heiligen Lande trägt. Wir können und dürfen nicht gegenüber den Forderungen taub bleiben, die die jüdischen Schulen in Deutschland, der höhere jüdische Unterricht an unsere Hilfsbereitschaft stellen. Denn die Zerstörung der religiösen Struktur der deutschen Judenheit, die aus ihr folgende Schwächung des Glaubens wären der Gipfelpunkt dieser furchtbaren Tragödie. Religiöse Institutionen, in Generationen langer frommer Arbeit aufgebaut, sind zum Untergang verurteilt, wenn nicht Hilfe von außen kommt. Denket bloß an die tausende kleiner Kinder, die an die Tore der jüdischen Schule pochen, weil ihnen die Staatsschulen entweder verschlossen sind oder das Leben in ihnen für sie unerträglich ist. Darf in einem solchen Augenblick die Möglichkeit der Schließung der wenigen jüdischen Schulen in Deutschland in Betracht gezogen werden? Die englische Judenheit wird sicher dazu beitragen, daß die Jabnehs in diesem neuen Churban gerettet werden und daß das religiöse Leben jener Hundert tausende, die unter der Herrschaft des Hakenkreuzes bleiben müssen, erhalten bleibe. In diesem religiösen Leben allein liegt die Unbesiegbarkeit der Seele beschlossen, die jedem Druck von außen widersteht. I