Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 291 (20.7.1933)
- Date
- 1933-07-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nf. »1 - 20. lull 1033 DIE STIMME Sette f W&uL&uUs Z\&z,-h\adL |g~| Palästina in voller wivlschafl- Ifcher Entwicklung Von Gerda Ürfororoff-Goldberg Während Europa und Amerika sich krampfhaft bemühen, aus dem scheinbar unentwirrbaren Dickicht der wirtschaftlichen Krise herauszukommen, während man auch in Rußland mit fieberhafter Eile eine wirklich rationelle Wirtschaftsorganisation schaffen will, während die Juden aller Länder in dieses Mißgeschick von materieller und politischer Krise mitgerissen sind und alle Leiden, die diese Situation geschaffen hat, in schrecklicher Weise mitmachen, geht Palästina einen ganz anderen Weg. Palästina macht eine eigene Entwicklung durch. Es entwickelt sich in seinen eigenen Grenzen. Es beeinflußt nicht einmal die Länder des nahen Orient. Der Süden des Landes, Qebiete, die fast durchwegs arabisch geblieben sind, das Gebirgsiand um Nablus herum, Teile vom Galil haben auch heute noch jene Physiognomie bewahrt, wie wir sie vor zehn und zwanzig Jahren sahen. Aber dort, wo jüdische Kolonisation eingedrungen ist, hat sich das Landschaftsbild vollkommen verändert. Und zwar mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Würde man es für möglich halten, daß die Juden noch niemals soviel Kapital nach Palästina gebracht haben, wie im abgelaufenen Jahre? Die Unsicherheit der ökonomischen Lage, die persönliche Unsicherheit, in der sich die Juden befinden, die Gefahr für das Gut der Juden allüberall in der Galuth, haben Palästina in ungeahnter Weise zu einem Asyl und einem Aufbewahrungsort für das jüdische Kapital gemacht. Das jüdische Geld hat hier Zuflucht gesucht. Man kann heute förmlich sagen, es gibt in Palästina mehr Geld als Menschen. Es ist so, daß der Andrang des Geldes auch die Menschen mit sich gezogen hat. Augenblicklich kann man gar nicht eine so große Anzahl von Immigranten, Arbeitern und selbst Kapitalisten feststellen, wie sie dem efngewandeften Geld entsprechen würde. Das Geld kommt allein! Man sammelt es, man stellt es ln Reserve. Die Besitzer der Kapitalien zögern noch, ihrem Gelde zu folgen. Viele von Ihnen können noch nicht flbersiedeln und bereiten sich einen Fonds für spätere Verwendung vor. Vorsichtig tastend, machen sie noch ihre Berechnungen. Es fehlt manchen noch die Möglichkeit, ihr Geld arbeiten zu lassen. Kurz: Palästina ist momentan ein Tresor, ein Spardepot, Über dessen Inhalt die Besitzer noch nicht zu disponieren wagen. Das Land aber schöpft bereits daraus Garantien für seinen Fortschritt. Die Städte, vor allem Jerusalem und Tel-Awlw-Halffa, befinden sich in ihrer Entwicklung immer etwas abseits von der jüdischen Entwicklung; sie haben ihren Anteil am laufenden Oeschäft und am auswärtigen Kapital besonders bezüglich der Aufwertung und des Handels mit Oel —■ diese zwei Hauptstädte entwickeln sich zusehends und werden täglich großartiger und moderner. Die Pottash’ Kompagnie ist dabei, das Tote Meer resp. seine Schätze mit allen Mitteln auszunützen. Das Jordan-Elektrizitätswerk entsendet Strom ln das ganze Land, versorgt die Beleuchtung, die Maschinen, die Wasserturbinen und die Fabriken. In der Kdstengegend nehmen die Orangen- und Citruspflanzungen täglich an Umfang zu. Ohne Unterbrechung werden die landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden verbessert; die neuesten Arbeitsmaschinen kommen ins Land, der Export der Landesprodukte geht unter den günstigsten und praktischesten Bedingungen vor sich. Die Ländereien am Jordan, die Talebene von Jesreel, die Kolonien des Keren Hajessod stellen immer wieder neue Anbauversuche an, um neue Wege der Produktion zu gehen, die dem Lande neue Vorteile bringen sollen. Man hat von einer Europäisierung des Orients gesprochen; man könnte jedoch mit Rücksicht auf die Jüdische Einwanderung und die tägliche Ankunft von jüdischem Kapital bald von einer Amerlkanisierung sprechen. Mitten ln diesem fieberhaften Kampf um den Boden werden auch Alarmrufe laut. Wie gut auch die augenblickliche Lage sei, hört man sagen, ob das von Dauer sein kann? Sind die Grundlagen, auf denen gebaut wird, solid? Aber das Kapital ist diesesmal klüger als ehedem. Es ist manchmal sogar zu klug. Es ist mißtrauisch gegenüber der Spekulation. Es riskiert nichts, geht auf sicher, Schritt für Schritt tastet es sich vorwärts auf gebahntem Weg. Aus diesem Grunde gibt es jetzt dem Orangenbau und dem Häuserbau den Vorzug. Hier ist bereits reichliche Erfahrung vorhanden. Trotz alledem gibt sich Besorgnis kund. Man fürchtet sich nicht vor der Ueberproduktion — obgleich die Anzahl der exportierten Kisten Orangen jährlich bedeutend zunimmt — sondern vor dem Risiko, das augenblicklich die Lage auf dem Weltmarkt an Schwankungen und Ueberraschunge» icichlich bietet. Man fragt sich, ob es gut sei* daß der palästinensische Handel ausschließlich auf dem Export eines Landesproduktes beruhen soll, dessen Verbrauch im Inland beschränkt, dessen Export durch Einfuhr- und andere Schwierigkeiten in vielen Ländern begrenzt ist Wäre es nicht vorteilhaft, die ökonomische Lage etwas auszubalancieren und dem Handel mehr Beweglichkeit durch Hinzuziehung neuer, anderer Produkte zu geben? Nur so könnte man schon heute den Rückschlag, den man täglich erwarten müsse, von vornherein abschwächen. Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, daß die Zollverhandlungen der britischen Konferenz in Ottawa Gegenstand zahlreicher Besprechungen und Dis- MUXOTBINIÄ Laßt Ziffern sprechen! Interessantes aus der Wirtschaftsstatistik Palästinas. Steigerung der Orangenproduktion. Die Orangenemte 1932/33 wird auf zirka 4 Millionen Kisten exportfähiger Frücht veranschlagt gegenüber 3,631.000 exportierter Kisten Im Vorjahre. 50 bis 55 Prozent der diesjährigen Produktion werden aus jüdischen Gärten stammen. Bedeutung der jüdischen Industrie, Die in jüdischem Besitze befindliche Industrie erzeugte im abgelaufenen Jahre Güter im Werte von £P 2,000.000. Sie beschäftigt 12.000 Arbeiter. Jeder Arbeiter ist durchschnittlich 300 Tage im Jahre beschftfgt; der durchschnittliche Lohn beträgt 25 Piaster täglich. Neue jüdische Siedlungen. Ueber 20 neue jüdische Siedlungen wurden im abgelaufenen Jahre angelegt. Im Süden Gan Jawnah (bei Beer Tuwiah), Kfar Vattikim (bei Neß Zionah), Kfar Bilu (zwischen Rehoboth und Gederah). Im Sharon: Irgun Massah (bei Bne Brak), Jehudiah (durch Hanotaiah), Meretz, Kfar Jonah, Nachlath Haschavim, Givoth Chajim, Ergun Hakfai, Tel Awiw (alle bei Tel Mond), dann die Gruppen Irgun Jedro, Irgun H&kovesch, Irgun Jezreel (im Zusammenhang mit der Siedlung der Tausend). In Wadi Chawarith: Irgun Vitkin, Irgun Haemek, .Jüdische Exlegionäre (im Anschlüsse an den Par-deß Hagdud in Nafhanlah), Heruth, Kibuz Glmel, Ain Schemer. Im Norden: Ramath Hazafon (in der Akkoebene). Russischer Haechomer Hazair (Im Jordantale). Die meisten dieser Siedlungen liegen auf KKL.-Boden, ihre Benennungen sind nur provisorisch. Wasser In Afuleh. Die lang andauernden Versuche, den Wassermangel in Afuleh zu beheben, der die Entwicklung dieser Siedlung vollkommen zu hemmen drohte, haben zu einem sehr günstigen Ergebnis geführt. In einer Tiefe von 37 Metern wurde ein Brunnen mit einer Ergiebigkeit von 60 Kubikmeter die Stunde erbohrt: Damit wird die Entwicklung dieser ganzen Gegend einen großen Aufschwung erfahren. Erweiterung des Stromnetzes der Rutenbergwerke, Nazareth und Akko werden demnächst an das Stromnetz der Rutemberg-Gesellschaft angeschlossen. Drei Schichten in der 0 Ölindustrie, Die Shemen-Oelmühlcn in Haifa sind infolge 'wachsender Nachfrage vom Zweischichtensystem zur 24-Stunden-Arbeit in drei Schichten übergegangen. Neue Arbeitervorstädte. Die Nachfrage nach Bauplätzen in Schuchnath Hazafon, der Arbeitervorstadt auf Boden des KKL. in Tel Awiw ist so groß, daß zwei neue Sektoren für 40 und 25 Familien der Bebauung ereälossen wurden. Ein Stadtpark in Tel Awiw. Die Anlage eines Stadtparks für einen Park von 32 Dunam wurde ausgeschrieben. Steigerung des Fruchtkonsums in Europa. Die andauernde Steigerung des Fruchtkonsums in der ganzen Welt eröffnet der palästlnesischen Orangenindustrie wachsende Möglichkeiten. Ein Vergleich des Fruchtexports im ersten Halbjahr 1932 mit dem Tn derselben Periode des Jahres 1929 zeigt zum Beispiel in England einen Zuwachs von 18,6 Prozent, Frankreich einen Zuwachs von 43 Prozent, Tschechoslowakei einen Zuwachs von 93 Prozent. Der Früchtekonsum in England pro Kopf der Bevölkerung sieg von 74,4 Pfund Im Jahre 1925 auf 84,3 Pfund Im Jahre 1930. In derselben Zelt stieg der Konsum an Orangen pro Kopf von 18,7 Pfund auf 24,3 Pfund. Im Jahre 1925 verzehrte man in England pro Kopf der Bevölkerung erst 0,4 Pfund Grapefruit, im Jahre 1931 betrug der Verzehr fünfmal soviel, nämlich 2,1 Pfund, übertraf bereits den von Erdbeeren, Stachelbeeren, Kirschen und erreichte denjenigen von Trauben. Während England 1921 nur 21.000 Zentner Grapefruits importierte, führte as 1931 897000 Zenter ein. Der Orangenimport nach England stieg von 7,973.000 Zentner im Jahre 1926 auf 10,397.000 im Jahre 1931. Davon kamen aus Palästina 1,287.000 Zentner und Palästina steht damit an zweiter Stelle unter den Orangenimportländern nach England. Palesttne Electric Corporation zahlt 8 Prozent Dividende Auf der in London abgehaltenen Generalversammlung der Palestine Corporation wurde beschlossen, für das Jahr 1032 eine Dividende von 8 Prozent zur Ausschüttung zu bringen und junge Aktien im Verhältnis von 1; 10 auszugeben. Aus dem Bericht der Geschäftsleitung ging hervor, daß der Rohertrag im abgelaufenen Jahre, einschließlich eines Vortrags aus dem vorangegangenen Jahre £P 4328, £P 87.831 betrug. Das im Juni 1932 eröffnete Jordan-Kraftwerk hat zufriedenstellend gearbeite1. Ungeachtet der bedeutenden Ermäßigung des Strompreises vom Jänner 1932 an sind die Bruttoeinnahmen von £P 139.673 im Jahre 1931 auf £P 145.512 im Jahre 1932 gestiegen. Die Zahl der Stromabnehmer tet um 3084 auf 15.113 gestiegen. Die Hochspannungsleitungen wurden um 65 Kilometer verlängert, so daß das Hochspainnungsleitungsnetz jetzt 294 Kilometer umfaßt. Die normalstromleitungen sind um Ö9 Kilometer auf 294 Kilometer verlängert kusslonen war. Aber es lat bemerkenswert, daß Politik diese Betrachtungen verstummen ließ. Nichts als wirtschaftlicher Fortschritt interessiert heute. Selbst das arabische Problem, das seit zwei Jahren nicht aufgehört hat, die Gemüter zu beschäftigen, ist eigentlich von der Tagesordnung abgesetzt. Alles, was rings um Palästina geschieht, läßt die Palästinenser jetzt kalt. Ob es Aufruhr in der Wüste gibt, ob vielleicht eine Aenderung in der Staatsform eines Nachbarlandes vor sich geht, selbst die Frage der Inangriffnahme der Pipe-Line: alles sind Fragen untergeordneten Ranges. Die Juden sind in voller Arbeit. Sie haben eine schwere Tagesarbeit angekurbelt: mit den sparsamsten, zur Verfügung stehenden Geldmitteln haben sie begonnen, behutsam, aber energisch zu bauen, zu pflanzen und den ersten Spatenstich zu machen. Im Gegensatz zum Rückgang konstruktiver Tätigkeit in Europa und Amerika sieht man hier — ist es nicht ein außerordentliches, schicksalhaftes Ereignis? — einen hoffnungsvollen Aufstieg, das Wunder einer Wirtschaftsmorgenröte. (Aus «La Ter re Retrouvee», übers, v. B. R.) worden. Das gesamte Leitungsnetz umfaßt nunmehr 762 Kilometer. Für das Jordan-Kraftwerk wurde eine dritte Wechselstromturbine bestellt, deren Aufstellung im September d. J. erfolgen soll. Die Gesamtkapazität der der Corporation gehörenden Kraftstationen wird sodann 32.925 PS betragen. Oie Aussichten des palästinensischest Orangenexportes Trotz anhaltender Weltwirtschaftskrise und dauernder Massenarbeitslosigkeit, bei Schrumpfung der Kaufkraft dec Bevölkerung ist es den palästinensischen Experten gelungen, neue Märkte für die Jaffa-Orange zu erschließen und Abschlüsse für hunderttausende Kisten zu tätigen. Wie ist diese eigenartige Erscheinung zu erklären? Vor allem ist es die vorzügliche Qualität der Jaffa-Orange, die immer neue Kreise gewinnt und die spanische Orange so immer leichter auf dem Markte schlagen kann. Auch Deutschland wird trotz aller Einfuhrbeschränkungen diesmal eine größere Absatzmöglichkeit bieten. Nicht einmal Oesterreich wird dem Import palästinensischer Orangen Schwierigkeiten bereiten, da die österreichische Handelsbilanz gegenüber Palästna aktiv Ist und so im Tauschwege für Holz u. a. Organgen eingeführt werden können. Ein neuer Markt für die Jaffa-Orange wurde tu Kanada erschlossen, wohin versuchsweise bereits in der vorjährigen Saison Sendungen gingen, wobei eine solche Nachfrage einsetzte, daß die Ansprüche wegen der vorgerückten Jahreszeit und Mangel erstklassiger Früchte nicht befriedigt werden konnten. Man hofft, in Kanada in der diesjährigen Saison 80.000 Kisten abzusetzen. Auch den Absatz in Sowjetrußland glaubt man vergrößern zu können, da Palästina große Mengen russischer Waren, wie Holz, Zucker, Mehl u. a. einführt und so die Möglichkeit vorhanden ist, einen Druck auszuüben, um der Einfuhr von Orangen keine Hindernisse zu bereiten. Es erhebt sich die Frage, welche Absatzmöglichkeiten bei der großen Steigerung der Anbaufläche und Produktion noch bestehen. Gewiß ist dies eine brennende Frage, doch läßt sich durch weitere Verbesserung der Qualität, durch bessere Verpackung, durch Verbilligung der Versandspesen die Konkurrenz der palästinensischen Orange noch steiertn. Notwendig ist hiezu eine planmäßige Organisation aller beteiligten Faktoren. Auch der Export von Grape-Früchten wird in der kommenden Saison einen größeren Umfang annehmen. Im vergangenen Jahre konnte die Nachfrage nach palästinensischen Grapefruits, die an Qualität die Früchte anderer Länder, einschließlich Kalifornien, übertreffen, nicht erfüllt werden» Man schätzt den diesjährigen Export auf 250.000 Kisten. Ebenso eröffnen sich für die palästinensische Zitrone günstige Absatzmöglichkeiten. Derzeit übertrifft die Nachfrage das Angebot. Vorbereitungen zur Levante-Messe 1934 Jerusalem. High Commissioner Sir Arthur Wauchope empfing dieser Tage den Bürgermeister von Tel-Awiw Meir Dizengoff, der ihm über die Vorbereitungen zur Levante- Messe und Ausstellung 1934, über die der High Commissioner das Patronat übernommen hat, Bericht erstattete. Der High Commissioner bewies großes Interesse für den Bericht Bürgermeister Dizengoffs und versprach, demnächst das Ausstellungsterrain zu besuchen Die nächste Levante-Ausstellung wird dadurch ein besonderes Gepräge erhalten, da sie mit dem 25jälirigenJubiIäumderStadtTel-Awiw zusammenfällt. Für die Errichtung von AusstellungsbaUten sind 50.000 Pfund vorgesehen. Das erste Oebäude, das auf dem Ausstellungsgebäude errichtet werden soll, wird der Pavillon der britischen Industrie sein. Wie uns Herr Lutzky vom Reisebureau Co mp aß* T o u r 8 telegraphisch mitteilt, ist die von Ihm geführt« und aus 90 Personen bestehende Reisegesellschaft am 17. JoH in Jaffa glücklich gelandet