Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 290 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054044--3622-3059154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«fc 290 — 13. Jtiti 1933 DIE STIMME Seite 5 KUNST HMD WISSII Eine Karaitenkolonie Von Israel Cohen An der Landstraße, welche von Wilna an die litauische Grenze führt, liegt die reizende kleine Stadt Troki. Sie hat eine auf 600 Jahre zurückgehende interessante Geschichte und besitzt für den wißbegierigen Touristen eine gewisse Anziehungskraft als Heimstätte einer Kolonie von Karaiten. Diese jüdische Sekte, welche im achten Jahrhundert als Protest auf die talmudische Entwicklung des Judaismus ins Leben trat und sich in ihren Satzungen nur auf den Wortlaut der Bibel eingestellt hat, war einst von Persien bis Spanien verbreitet. Am zahlreichsten waren ihre Anhänger im Süden Rußlands und der Großfürst Witold von Litauen hat nach seinem siegreichen Kriege gegen die Tartaren im 14. Jahrhundert einige hundert gefangene Karaiten aus der Krim nach Troki gebracht. Dort siedelte er sie als Kolonisten an und gab ihnen weite Strecken Landes, welches ihre Nachkommen bis auf den heutigen Tag unausgesetzt bebauen. Aus den meisten Teilen Europas und des fernen Ostens, wo einst Karaiten lebten, sind sie verschwunden; entweder fanden sie wieder heim ins Elternhaus — das Judentum — oder sie wurden von der sie umgebenden christlichen oder moslemitischen Bevölkerung aufgesogen. Troki zeichnet sich von allen den kleinen Gemeinden, welche der Gewalt der Zeit getrotzt, sowohl durch die Phalanx von Gelehrten, die es während des Mittelalters hervorgebracht hat, als auoh durch den Anblick einer bildhaften Indolenz aus, den es heute bietet. Sein berühmtester Sohn war Isaak Ben Abraham Troki, ein Theologe aus dem 16. Jahrhundert, dessen Hebräisches Werk «Die Stärkung des Glaubens» in viele Sprachen übersetzt und von Voltaire mit Lob in seinen Angriffen auf das Christentum zitiert wurde . . . Die Stille Trokis ist wahrscheinlich auf die Tatsache zurückzuführen, daß es noch nicht durch eine Bahnlinie mit irgendeinem größeren Zentrum verbunden ist. Die nächste Stadt ist Wilna, von wo ein kleiner Autobus täglich die Strecke auf staubiger und ungepflegter Straße in einer Stunde zurücklegt. Die Fahrt ist mehr als abenteuerlich erfreulich, denn man befindet sich inmitten eines Autobusses, vollgestopft von schwitzendem, mit allen möglichen Pinkeln und Packeln beladenem Volk. Auseinanderquellende Leinenbündel sind, sehr zum Mißvergnügen deiner Füße, unter deinen Sitz gepreßt, überdies befördern dich die häufigen Stöße des Wagens gelegentlich in die Arme des gegenübersitzenden Passagiers. Aber die Unbill des Weges ist bald vergessen, wenn man, naoh dem Passieren einer hölzernen Brücke in die Hauptstraße dieses, schlafenden Städtchens einfährt und den idyllischen Zauber des Inselfleckchens aufzunehmen beginnt. Denn Troki ist von einem kreisförmigen See umgeben, auf welchem sich Vergnügungskähne und Angelplätze befinden und obgleich diese hier herrschende Ruhe fast unstörbar scheint, wird eie doch durch eine Wasserpolizei, athletische Jungen in weiß-blauer Uniform und weißen, runden Hüten, wie sie die amerikanischen Matrosen haben, gesichert. Von einer Biegung der Straße aus erblickt man die zerbröckelnde Ruine eines Kastells, das Gedymin, dem QroßJierzog von Litauen gehörte, welcher einst eine so hervorragende Rolle in der Gesohiohte seines Landes im 14 Jahrhundert spielte. Das Kaddischgebet Ein Aufklärungsversuch Es ist bekanntlich ein altjüdischer Brauch, daß nach Ableben der Eltern von deren Söhnen zunächst während des ersten Jahres tagtäglich und nachher alljährlich mit einer besonderen Pietät das Kaddischgebet verrichtet wird. Dieses Gebet nimmt auch in der prachtvollen Schatzkammer unserer Liturgie einen ansehnlichen Platz ein. Nun erscheint es auffällig, daß in diesem Gebet sich weder eine Andeutung auf den Tod im allgemeinen noch auf den Tod der Eltern vorfindet. Es ist daher fraglich, warum gerade dieses Gebet zum Andenken Verstorbener verrichtet wird. Bei genauem Studium der einschlägigen Quellen ergibt sich, daß der sogenannte Waisen-Kaddisch erst vor etwa 400 Jahren in den Rheinlanden oder in Spanien eingcfülirt wurde, wiewohl sein Ursprung weit bis in die Zeit des babylonischen Exils reicht. Schon im Talmud finden wir Fragmente dieses Gebetes unter dem Namen «Kaddisch drabbanan». Man pflegte nämlich nach jedem Vortrage eines hervorragenden Gelehrten (Hochschulrektors u. dgl.) laut auszurufen: «Jitgadal wejitkadasch schmeih rabba!» Auch hier drängt sich die Frage auf, in welchem Zusammenhang der Inhalt des Kaddisch-Gebetes mit einem Vortrage eines Gelehrten stehen kann. Nun bin ich auf Grund der Quellenstudien zur Einsicht gelangt, daß ursprünglich das sogenannte Kaddischgebet durch die Weisen in Babylon zu jener Zeit elngef ührt wurde. Die Gesamtbevölkerung übersteigt 500 Familien nicht. Hundert davon sind Juden, hundert Karaiten, während der Rest aus Russen, Tartaren und Polen besteht. Die Karaiten sind hauptsächlich Gemüsegärtner und bringen ihre Erzeugnisse jeden Morgen auf den Markt nach Wilna. Nachmittags kann man ihnen auf der Landstraße auf dem Rückwege in ihren länglichen, rumpelnden Karren begegnen. Die Juden sind Handwerker und Kaufleute, versorgen aber auch die Fisoher, welche eine gemeinnützige Genossenschaft gegründet haben und der Regierung 10.000 Zloty jährlich für das Ausbeutungsrecht des reichen Sees zahlen. Die Beziehungen zwischen den Karaiten und den Juden sind friedlich, wenn auoh nicht gerade herzlioh. Vor 60 Jahren unter Nikolaus I. hatten die Karaiten auf der Ausweisung der Juden bestanden, aber nach einer Reihe von Jahren wurde ihnen gestattet, zurückzukehren und seit dieser Zeit läßt man sie in Frieden . . . Die Mehrzahl der Karaiten lebt in kleinen einstöckigen Holzhäusern, und zwar auf der Hauptstraße. Im Aeußeren unterscheiden sie sich stark von den Juden; denn, obgleioh sie in der Mehrzahl dunkel sind, haben sie tartarische Züge und einige von ihnen, besonders die Mädchen, gehören einem hellen Typus an. Ihre Straße heißt Kowensky Uiica, weil sie nach Kowno führt und der Name wird trotz fortwährender Reibereien in den Beziehungen mit der litauischen Hauptstadt beibehalten. Troki liegt tatsächlich nur vier Meilen von der Grenze entfernt, weiche offiziell gesperrt ist, aber dies hindert gelegentliches Schmuggeln nicht, sowohl von Menschen als von Ware; und als ich dort herumkroch, kam ich durch Zufall an einem Landwagen vorüber, in welchem ein junger Jude mit einem schäbigen Kofferchen durch einen Gendarmen der dortigen Polizeistation Überstellt wurde . . . man hatte ihn beim Grenzübertritt erwischt Der auch auf der Hauptstraße gelegene karaitisohe Tempel ist ein kleiner Bau von einfacher Art und steht an Stelle eines früheren Gebäudes. Man nähert sich amf einem Pfad, welcher von einem eisernen Tor ausgeht. Auf beiden Seiten ist dieses von Säulen aus Ziegeln flankiert, auf welchem in hebräischen Lettern und arabischen Ziffern das Gründungsdatum festgehalten ist. Die Kuppel war ursprünglich von einem DavidsühÜd überdacht, aber vor einigen Jahren wurde seine Entfernung durch das religiöse Oberhaupt der Karaiten, als zu sehr naoh dem Judentum schmeckend, amgeordnet. Mein Führer war der Sohames der dortigen jüdischen Synagoge. Er stand auf sehr gutem Fuß mit seinem Kollegen von der karaitischen Gemeinde und holte diesen aus seiner Behausung, damit man mir die Synagoge zeigen könne. Das Innere war im großen ganzen wie das eines orthodoxen Tempels mit einer Galerie für Frauen. Für den Vorbeter war allerdings kein Podium vorhanden, sein kleines Gebetpult stand stand auf ebenem Boden. Ein türkischer Teppich bedeckte den Gang, der zur Bundeslade am anderen Ende führte, doch man gestattete mir nicht mehr als einige Schritte zu tum, außer wenn ich meine Schuhe ablegen wollte. Denn der Boden wurde als «heilig» betrachtet. Nichtsdestoweniger konnte ich doch einen ausgiebigen Blick in das Allerheiligste werfen res war makellos rein und erst vor kurzem gemalt worden. Das Innere der Kuppel als in Erez Jisrael und Jerusalem sich die christliche Religion auszubreiten begann. Die babylonischen Weisen verehrten die Stifter der christlichen Religion als Angehörige des jüdischen Volkes, denen man im Ursprung eine Ehrung nicht verweigerte, die sich schließlich zur Gottsprechung steigerte. Erst mit der Zeit erblickte man in ihnen Abtrünnige. An den Hochschulen in Babylon, insbesondere in Sura, Nehardea und Pumbadita lehrten zu dieser Zeit solche Koryphäen, wie Raw und Samuel, Rawa und andere. Gewitzigt durch die Verehrung der christlichen Religionsstifter, die dann in Götzendienst ausartete, wollte man jedweden Personenkultus vom Judentum fernhalten. Infolgedessen erging eine Verordnung, daß nach jedem Vortrage eines prominenten Gelehrten Öffentlich verkündet wird: «Jitgadal wejitkadasch schmeih rabba». Dies sollte nur diesen Sinn haben, daß die Verehrung nur dem göttlichen Namen und nicht etwa den Personen zu gelten habe. Ein ähnliches Motiv veranlaßte auch im Mittelalter unsere Rabbiner in den Rheinlanden und in Spanien, das sogenannte Waisen-Kaddisch in die Liturgie aufzunehmen. In jener Zeit, wo die Kultur noch auf einer sehr niedrigen Stufe gtand, pflegte man die Manen, das sind die Geister der versorbenen Familienhäupter, besonders zu verehren. Man war nämlich der Meinung, daß diese Familienhäupter auch nach dem Tode die Geschicke der ganzen Familie entscheidend beeinflussen. Um einen solchen Totenkultus, der dem jüdischen Volke fremd ist, fernzuhalten, wurde von den rabbinischen Autoritäten angeordnet, daß nach dem Tode der Familienhäupter, d. h. Vater oder Mutter, alljährlich am Todestage öffentlich der Spruch wiewar blaß-blau und von noch hellerem Blau die getünchten Wände. Die Bundeslade war mit einem roten Plüschvorhang verhängt; darüber und auf der einen Seite waren die AnfcmgsWorte der zehn Gebote in goldenen Lettern zu lesen, auf der anderen Seite aber befand sich auf zwei Täfelchen der komplette Text der zehn Gebote — alles in hebräischer Sprache. Aber die Bundeslade hier enthielt nur eine Seschesrolle. Bei Ausbruch des Krieges wurden alle hebräischen Rollen zusammen mit vielen pergamentenen Manuskripten nach Moskau zur Aufbewahrung gesandt. Und so sind sie Sprache. Aber diese Butulcslatie enthielt nur eine Uesetzesgiösen «Razzia» geworden. Diese einzige Thorarolle wird jeden Samstag ihrem Behälter entnommen — auf dem Pult des Kantors geöffnet — aber die aufgerufenen Andächtigen können diese interpunktionslose Schrift nicht entziffern und lesen ihren Abschnitt aus einem gedruckten Pentateuch. Das karaitische Gebetbuch, 1863 in Wilna gedruckt, unterscheidet sich wesentlich von dem orthodoxen hebräischen Ritual — und selbst der Tallis — ist anders als der ir gewöhnlichen Synagogen getragene, er ist gleich einer Schärpe und hat an Stelle der Fransen einen langen blauen Faden, der sich aus einer weißen Quaste hervorschlängelt. ln einem wichtigen Punkt haben sich die Karaiten von den Satzungen ihrer Gründer emanzipiert — sie haben Licht, sogar elektrisches Licht, am Samstag. Sie verteidigen sich, indem sie sagen, daß das biblische Verbot „Ihr sollt kein Licht in Euren Wohnstätten anzünden,» sich nioht auf das Gotteshaus beziehe, denn es sei keine Wohnstätte. Die Karaiten haben einen großen Friedhof, er ist ungefähr eine Meile entfernt. Von ihm geht die Mär, er sei 500 Jahre alt, obgleich sich keine Grabsteine vorfinden, die sich eines solchen Alters rühmen könnten; die meisten Grabsteine, die ich sah, stammten aus dem 19. Jahrhundert, viele waren aus schwarzem Marmor mit Inschriften aus goldenen Lettern in hebräischer oder rumänischer Sprache. Auch einige Fa-miliengrüfte mit schwarzen Marmorsäulen befanden sich da. Eine Atmosphäre besonderer Heiligkeit scheint über dem Ort zu liegen, denn fromme Karaiten aus Wilna haben immer den besonderen Wunsah, in seiner Erde und nicht in der der großen Stadt begraben zu werden. Bevor ich Troki verließ, besuchte ich die in einem anderen Stadtteil gelegene jüdische Synagoge. In scharfem Gegensatz stand sie zum karaitischen Gotteshaus, vor allem durch den Mangel an Sauberkeit und die augenscheinlich sehr starke Benützung durch einige besonders fromme Mitglieder der Gemeinde. Anschließend ein Schulzimmer. Da brachte ein Lehrer der «Agudas Israel» einer gemischten Klasse — Buben und Mädeln — den Wochenabsohnitt bei. Gleich nach meiner Rückkehr nach Wilna fuhr ich zum karaitischen Tempel, um etwas über die Anhänger der Sekte in dieser Stadt zu erfahren. Und hier hatte ich, was die Person des Auskunftgebers anbelangt, mehr Glück, den der Kantor, selbst ein Mann in mittleren Jahren, mit kleinem, schwarzem Bart und Schnurrbart, hochstehenden Backenknochen, führte mich hebenswürdigerweise herum. Er bewohnte ei*n Haus hinter der Synagoge; legte mir zuliebe seinen Ornat a<n — eine enganliegende schwarze Robe mit dunkelblauer Schleife und ein runder schwarzer Hut. Der Tempel, im vornehmen Viertel, ist ein schönes Gebäude aus weißem Stein, erst 1923 erbaut. Im Entwurf halb maurisch, wird er durch eine Kuppet gekrönt, über welcher sich noch ein eiserner Kreis wölbt. Darin aber stehen mit ihren Anfangswörtern zweireihig die zehn Gebote. Das derholt werden soll: «Jitgadal wejitkadasch schmeih rabba». Hiedurch wurde zum Ausdruck gebracht, daß groß und heilig nur der Allmächtige und nicht etwa vergängliche Personen sind. Nun muß noch der dritte Ursprung ^s Kaddischgebetes aufgeklärt werden, welchen der Vorbetlr oder Kantor bei jedem regulären Gebet zu rezitieren htff. Auch bei diesem Anlaß drängt sich die Frage auf, welchen Zusammenhang der Inhalt des Kaddischgebetes mit dem Vorbeter und Kantor Lut. Auch hier läßt sich im Sinne der von mir aufgestellten Hypothese ein logischer Zusammenhang leicht konstruieren. Ein öffentlicher Vorbeter muß bekanntlich musikalisch begabt sein und eine schönklingende Stimme besitzen, was mit dem Spruche ausgedrückt wird: «Scheljehe kolo naim». Nun wurde die Musik als eine der höchsten Wissenschaften betrachtet. Die berühmten Musiker erfreuten sich bei den Juden einer besonders großen Verehrung, welcher ein großer Dichter in folgenden Worten Ausdruck gab: «Es soll der König mit dem Sänger gehen, beide thronen auf der Menschheitshöhen». Um diesem Personenkultus, der bei den Juden sich auszubreiten begann, entgegenzuwirken, wurde ebenfalls von den jüdischen Autoritäten angeordnet, daß nach dem Vortrag eines Vorbeters derselbe laut zu verkünden hat: «Jitgadal wejitkadasch schmeih rabbai». Hiedurch sollte wiederum zum Ausdruck gebracht werden, daß Ehre und Preis nur dem Allmächtigen und nicht einem berühmten Virtuosen oder Gesangskünstler entgegengebracht werden dürfen. Auf diese Weise erklärt sich, daß das Lob Gottes stärker sei als der Tod. Osias H o r o w i t z.