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Die Stimme · 1933-07-13 · Heft 290 (13.7.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 290 (13.7.1933)
Date
1933-07-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2H0 13. luli 1033 DIE ST1MMB mrnnt Lcj? er Vortrupp des Bolschewismus Alles wird in Deutschland «gleichgeschaltet». Dieses in der politischen Terminologie neue Wort ist nicht das, was man in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien als Unifizierung bezeichnet hat. In diesen jungen Staaten handelt es sich darum, die verschiedenartigen aus Oesterreich oder Ungarn übernommenen legislatorischen Elemente zu vereinigen und eine einheitliche Gesetzgebung zu schaffen. In Deutschland aber schaltet der Nationalsozialismus alle anderen Parteien ab. Er hat die Staatsmaschinerie in seinen eigenen Parteiapparat verwandelt. Es tut nichts, daß gerade der Nationalsozialismus sich zu seinem früher so oft und so gern angewendeten Schlagwort der Parteibuchbeamten in Widerspruch setzt. Nach der Machtergreifung liest sich immer alles anders als vorher. Aber dem Nationalsozialismus handelt es sich um etwas anderes: Er will es wahr machen, daß er eine revolutionäre Bewegung sein soll. Mit dem historisch geweihten Begriff «Revolution» wird ln Deutschland heute sehr eifrig jongliert. Nie ist der Sieg Hitlers eine Revolution gewesen. Dazu fehlt vor allem die Voraussetzung: Der Sieg durch die Gewalt der Waffe. Hitler war bereits im Rückgang. Die Wahlniederlage vom November wäre im März zu einem fast vernichtenden Schlag geworden, die Angst der pommerschen Adeligen vor drohenden Enthüllungen in dem Osthilfeskandal trieb die um Hindenburg dazu, die Tore für die braune Masse aufzureißen und ihr die Macht in die Hände zu legen. Wenn also Hitlers Literatur eine Analogie zu den «Zehn Tagen, die die Welt erschütterten», herstellen will, so ist das eine der vielen Unwahrheiten dieser Propaganda. Die Aehnlichkeit ergibt sich erst im weiteren Gang der Dinge, Da Hitler sehr gut wußte, daß die, die ihn gerufen hatten, ihn beim ersten Konflikt fallen lassen würden, so bemächtigte er sich augenblicklich der Macht im vollsten Umfang. Was nicht nationalsozialistisch war, hatte von nun ab zu schweigen und zu dulden. Und nun begann die Gleichschaltung, der Sturm von fast einer Million jungen, kräftigen, nur militaristisch ausgebildeten Menschen auf die Beamtenposten. Man soll das nicht Revolution nennen. Aber zwangsläufig gerät dieser noch nie erlebte Run auf die russische Bahn. Diese Million Menschen umfaßte zum größten Teil Arbeitslose, die aus dem marxistischen Lager gekommen waren und ihre tiefinnerliche sozialistische Ueberzeugung in das Dritte Reich hineintrug. Es ist eine Masse, die aber nicht darauf geschult ist, Programme zu lesen und zu lernen. Das nationalsozialistische Programm enthält nicht nur wirtschaftliche, sondern auch tiefe politische Widersprüche. Schön wenn es (1929) den Verzicht auf Südtirol ausspricht, wenn es mit großem Applomb die Bodenenteignung feierlich verleugnet (13. April 1928) und die Brechung der Zinsknechtschaft (in einer Erklärung Feders vom Jänner 1930) abschwächt, zeigt es seine innerliche Unwahrhaftigkeit. Aber die Jugend erkennt das nicht. Sic hat das Programm so gelernt, wie man es ihr vorgesetzt hat, sie sieht den Kampf gegen «die Juden» als den Beginn des Kampfes gegen das Kap’tal und jetzt ist sie es, die die Führer treibt. Und so muß einer nach dem anderen der Paladine Hitlers versichern, daß auch da» zweite Worr cics Nationalsozialismus sein volles Recht hat. Der zungenfertige Propagandaministor Goebbels proklamiert d Einheit von Volk, Partei und Staat. Das könne ganz gut in irgendeinem Handbuch von Lenin oder Kamenew stehen und tatsächlich läuft ja die nationalsozialistische Theorie, insoweit sie aus dem Umfang des nebelhaften Mystizismus in verständliche Sprache zu übersetzen ist, auf das kommunistisch-sozialistische Nivellement hinaus. Das Individuum hat nur Rechte als Teil des Kollektivismus. Das Kollektivum ist der Staat, die waffenstarrende, kriegsbereite, vom Führer beherrschte deutsche Nation, deren Lebensrecht über Leben und Recht des einzelnen steht. Worin dieses Lebensrecht besteht, ist wohl absichtlich unklar gelassen, wie ja der Nationalsozialismus an sich trotz seines Programmes die programmloseste aller Parteien und Bewegungen ist. Er hat sich nie die Zeit vergönnt und er hat nie den Intellekt gehabt, irgendein Problem durchzudenken. Seine Geistigkeit erschöpft sich im «Juda verrecke!» und «Heil Hitler!» Es ist da eine faustfrohe, ungestüm drängende Masse, die Arbeit und Brot will, und ihr voran eine Schar kläglicher Dilettanten, die mit dem Besitz von 65 Millionen Menschen herumwirtschaftet. In dem ersten Monat der Macht ist die Reichsschuld um 70 Millionen Mark angewachsen, der deutsche Handel um 180 Millionen Mark zurückgegangen, die Golddeckung der Reichsbank mit freiem Auge nicht mehr sichtbar. Diesen Führern schwebt unausgesetzt das russische Beispiel vor Augen mit seiner Unterbindung des freien Willens, mit der sklavenhaften Einordnung der Person in eine von oben angeordnete und überwachte Planarbeit, mit der Vergötterung der Maschine, der Technik und der Rationalisierung. Dort und im Deutschland von heute ist Freiheit nur ein Vorurteil. Die Rechtsfindung und Rechtsübung ist in Rußland in den unbedingten Dienst der Arbeiterklasse gestellt, nimmt nur ihr Interesse wahr. Die einzigen SOMMERREISEN nach Polen im Juli für 31 und 10 Tage. Abreise 16. JuH. Visa gratis Auskünfte und Prospekte: Reisebüro Schenker&Co. 1. Schottenriug 9. R 50 5-10. Büro E. Ferstel, I. Kärotnerring 12, U 40-301 Im Dritten Reich werden die Richter vom Reichsjustizminister instruiert, daß die Rücksicht auf das Interesse der Nation über der richterlichen Unparteilichkeit steht. Die Arbeiterklasse ist im Sowjetstaat die Parteimaschine der Volkskommissare, in Deutschland ist die Nation die nationalsozialistische Partei. Dieser Parallelismus ist automatisch eingetreten, er erklärt sich aus der Intoleranz und Ausschließlichkeit, die dem Kommunismus und seinem Hakenkreuzbruder anhaftet und er führt beide zum politischen Bündnis — auf der Basis des Rapallovertrages, den für Rußland der inzwischen verfemte Tschitscherin, für Deutschland der inzwischen ermordete Rathenau abgeschlossen hatten. Der Nationalsozialismus duldet keine anderen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Komponenten, aber er selbst hat keine eigenen. Alle besorgten Fragen schüttelt er mit dem Hinweis auf die Autorität des Führers ab. Dieser Rückfall in die asiatische Steppen Wirtschaft, in die Politik des Scheichs, ist in Rußland vermieden worden, wo jeder einzelne aufs genaueste mit der Ideologie, mit der Zielrichtung der Führenden vertraut gemacht worden ist. Aber die Bolschewiken hatten ein Programm, Hitler nicht. Das ist der Unterschied und zugleich die Gefahr, die in dem diktierten Einheitswillen — eigentlich ein Widerspruch in sich — liegt. Der Nationalsozialismus ist Bolschewismus ohne Idee, ohne konstruktive Fähigkeit. Er ist Propaganda, Agitation, Zerstörung und Angriff. Der schöpferische Trieb einer Nation muß viele geistig-politische Quellen haben und kann auf keine einzige verzichten, weil doch alle aus dem Wesen der Nation fließen; werden alle diese Quellen um der einen einzigen herrschenden willen verstopft, dann fehlen sie in der Entwicklung, bleiben aber eine ewige Gefahr der Explosion. Heute ist sie noch nicht sichtbar. Noch können die Minister und die Kommissare experimentieren, enteignen, verhaften und exilieren, noch können sie regieren, und noch genießen sie auch vor dem erstaunten und entrüsteten Ausland die Schätzung als regierende Männer. Mit dem Bolschewismus,' der ohne den Gedanken der Weltrevolution undenkbar ist, hat der Nationalsozialismus die Offensive nach außen gemeinsam. Scheinbar nur im Rahmen seines Programmes, das den Zusammenschluß aller Glieder der deutschen Nation anstrebt. In Wirklichkeit gerät er überall in stärksten Widerspruch zu der in Versailles nach Was an dieser deutschen Bewegung der Gegenwart auffällt, ist vor allem die niedrige Gesinnung, die Gemeinheit des Denkens. Die Nationalsozialisten wollen das Judentum vernichten, ermorden, aufhängen. Aber sie tun noch mehr. Sie schänden es, greifen ihm an die Ehre, demütigen es. Die Juden sollen Parias werden, die niedrigste Kaste, die nur roboten, aber nicht frei atmen darf. Es vergeht kein Tag, an dem nicht a<u® irgendeinem Winkel des Dritten Reiches eine Meldung solcher Art kommt. Manchmal aber kommt gleich ein ganzer Schub solcher Nachrichten. Hier ein einziges, am 8. Juli eingelaufenes Telegramm.: Berlin, 8. Juli. Im Blatt des Grafen Reventlow «Reichswart» wird folgender Beschluß des Vorstandes der Berliner Anwaltskammer mitgeteüt: Standeswidrig ist die Begründung einer Sozietät oder Bureaugemeinschaft zwischen Anwälten arischer und nichtarischer Abstammung sowie die Aufrechterhaltung einer Bureaugemeinschaft oder einer nach dem 14. September 1930 begründeten Sozietät zwischen Anwälten arischer und nichtarischer Abstammung. Wie der «Vogtländer Anzeiger» mitteilt, hat der Stadtrat von Plauen beschlossen, jüdischen Personen den Zutritt zu allen städtischen Badeanstalten zu untersagen. Der Beschluß ist bereits ln Kraft getreten. In den erwähnten Badeanstalten hängen Plakate mit dieser Mitteilung. Jüdische Schulkinder, die bisher Schwimmen als Unterrichtsgegenstand hatten, sind nunmehr von diesem Unterricht ausgeschlossen. Die nationalsozialistische «Kreuzzeitung» in AUensteln (Ostpreußen) veröffentlicht einen Kreisbefehl, In dem es heißt: Es ist Nationalsozialisten verboten, solche Lokale zu betreten, in denen Juden verkehren. Das Verbot bezieht sich nur auf Cafös und Restaurants, aber nicht auf Hotels. Das Meininger «Tageblatt» veröffentlicht einen Aufruf «Förderung arischer Reisender», in dem der Bund reisender Kaufleute bittet, daß man die Konkurrenz nichtdeutscher Elemente aus diesem Beruf ausmerze. Aus Marburg wird gemeldet: Der Verein blinder Akademiker bittet seine Mitglieder ln einem Rundschreiben, den Ariergrundsatz in der Vereinigung durchzuführen. Aus Breslau wird berichtet: Dr.-PhH. Ludwig K o h n, der seit seiner Jugend erblindet Ist, und mehr als 25 Jahre als Blindenfürsorger in Schlesien tätig war, wurde auf Grund des Arierparagraphen seines Amtes enthoben. Also Krieg gegen Blind«, gegen Schulkinder, gegen Freundschaft und (natürlich!) gegen Konkurrenten. Diese Revolution ier Minderwertigen zeigt täglich mehr ihr wahres Bild. Und was! bei Senegalnegern, bei Fkischünsulanern und Bantumegem unmöglich wäre — Ernst Ullmann Internationale Transporte Wien, VIII., Josefstädterstraße Nr. 43. Telephon B 42-1-98 Interessengemeinschaft in Palästina: Jos. Ertnan & J. Braun Haifa, B. P. 301, Jaffa, Tel-Aviv, Jerusalem Spezial-Warentransporte. Uebersiedlungen. Verpackungen für Palästina. Transport- und Reisegepäck-Versicherungen Auskünfte jeder Art über Palästina vier furchtbaren Kriegsjahren mühsam erreichten Ordnung. Er bedroht direkt die Tschechoslowakei und Polen, Dänemark, Belgien, Holland, die Schweiz und Frankreich, er wühlt in Oesterreich, in das er ganze Abteilungen seiner preußischen und bayrischen SA verpflanzt hat. Alle Reden Hitlers können daran nichts mindern. Hitler schwört auf den Frieden, weil Deutschland noch nicht Waffen genug hat und weil Frankreich gerüstet ist. Heute tobt der Nationalsozialismus seine Instinkte an unbewaffneten Juden aus. Morgen, wenn er in Genf die Rüstungsgleichheit erpreßt, wird er Kanonen, Flugbomben und dicke Bertas haben und dann wird er wieder das scrape of paper Bethmann-Hollwegs und die Fibel Bernhards heraushoien und das Lebensrecht der Nation proklamieren. Vertragsbruch ist in der Geschichte Deutschlands keine seltene Erscheinung. Von Friedrichs des Großen Einbruch in Schlesien angefangen, von der Yorkschen Konvention von Tauroggen, von der Emser Depesche bis zum Sturm auf Belgien — eine einzige klare Linie, an deren Rändern sich Philosophen und andere Gelehrte angesiedelt haben, die dieses Wesen, an dem die Welt genesen soll, zu vertiefen trachten. Kants kategorischer Imperativ ist zum Kasernenkommando gev/orden. Aber selbst diese pour le roi de Prusse entstandene Geistigkeit wird von Hitler und seinen Mannen wie ein lästiger Handschuh abgestreift. Sie treiben 600.000 Juden in den Hungertod, verbrennen Bücher, rauben den Oppositionsparteien ihr Vermögen, ihre Häuser und Druckereien. Es ist ein Einbruch der wildesten Hemmungslosigkeit. Aber es ist mehr: Der Bolschewismus hat seine ersten Hilfstruppen bis an den Rhein vorgeschoben. Wenn die westliche Demokratie sich durch Hitlers Friedensrede einlullen läßt, dann werden die Stiefel der SA weiterschreiten und hinter ihnen unter russischer Führung die Massen Asiens, deren geistigem und ethischem Niveau Europas Kultus gleichgeschaltet werden wird. im Dritten Reich ist’s tägliche Tatsache. Natürlich geschieht damit nichts an unserer Ehre. Wer sich an Kindern, an Blinden vergreift, ist gerichtet. Und daß das Deutschland von heute ein Land der mindersten Geltung geworden ist, das ist der Beginn des Welt* Urteils. Aber was in Deutschland geschieht, findet auch in Oesterreich offene Herzen. Wenn draußen jüdische Kinder von Schulbegünstigungen ausgeschlossen werden, Blinden das Almosen gestohlen wird, weshalb sollte» denn nicht auch in Oesterreich solche Naturlaute hörbar werden? Hier wird ja auch gelogen, daß sich die Eichen biegen, und wenn die Leute nicht so können wie sie wollen, ist’s bei Gott nicht ihre Schuld. Sie begnügen sich eben mit dem, was näher liegt, und das ist Verachtung gegen die Juden, auch gegen Unglückliche. ln dem karpathorussischen Ort Velok sind Juden durch Hochwasser um Hab und Gut gekommen. «D i e kleine Tageszeitung», ein getarntes nationalsozialistisches Organ, schleimt sich über dieses Unglück folgendermaßen aus: «Der Ort ist stark jüdisch. Man wollte deshalb aus den Häusern nicht heraus, weil man fürchtete, materielle Verluste zu erleiden. 500 Juden flüchteten in die Synagoge, weil sie glaubten, d o r t v o n Jachweh beschützt zu werden. Dieser Glaube wurde aber auf der ganzen Linie enttäuscht, nur nur mit Mühe konnten die gurgelnden Juden aus ihrem Tempel gerettet werden.» Ist das nicht Drittes Reich, so gut wie die Rede des oberbayrischen Führers, der die Juden Deutschlands als Geiseln für die Deutschen der Wolgarepublik hängen lassen will? Das ist das Wesen, an dem die Weit genesen soll... Tante Hans SwnmarNHeittein ior 3—i5iaurioe Payerbach a./d. Rax, Tel. 13 (vorm. Schloß Vetcera). Bereits eröffnet. Altbewährt: Gut jüdisches Kinderheim ersten Ranges. Idealste Höhenlage, Sonnenterrassen, nadelwaldreicher Prachtpark. Erstklassige Verpflegung, sorgsamste Aufsicht. Zeitgemäße Preise, Strandbad, Sport, Sprachen. Ueberraschende Erfolge mit schlechtessenden Kindern. Pflegescliwestern, Hofmeister, Kinderpädagoginnen im Haus. Besichtigung erwünscht. i iiiiiii—— «... und es wird am deutschen Wesen...« fr I f

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