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Die Stimme · 1933-07-06 · Heft 289 (6.7.1933) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 289 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Sette TI DIB STIMME w». m — & Jan lass kenn Herzl die Bitten seiner Umgebung, sich zu schonen, nur mit den Worten beantworten: «Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die letzten Wochen oder Tage — wir haben Eile.'» Und arbeitet weiter Tag und Nacht... «So wie Saul überragte er an Größe seine Brüder; er hatte einen langen schwarzen Bart, leuchtende Augen, und eine Gestalt wie die assyrischen Könige auf antiken Basreliefs .. Fr hatte eine zauberhafte Wirkung auf alle, mit denen er in Berührung kam, von Kaisern angefangen bis au den armen Juden, die stehen blieben, um den Saum I. Das Autodafe von Montpellier im Jahre 1233 Die religiösen und politischen Parteikämpfe brachten viel Unglück über unsere Väter. Auch die erste Verbrennung heb 'Boiler Bücher, die im Jahre 1233 in der Provence stattfand, war eine Folge solcher Kämpfe. Dieser Verbrennung fiel das philosophische Hauptwerk des größten jüdischen Denkers und eines der größten Denker überhaupt, «Der Führer der Irrenden» von Moses Maimonides, zum Opfer. Die aristotelische Philosophie wurde die Grundlage der Gedankenwelt des Maimonides, der den Versuch unternahm, die Dogmen der Offenbaritngsreligion mit der Lehre des griechischen Philosophen von der Materie und der Form in Uebereinstimmung zu bringen, was schon zu Lebzeiten des großen Denkers der jüdischen Orthodoxie zuwider war. Noch in den letzten Lebensjahren des Maimonides entbrannte ein Kampf um dien Gegensatz von Philosophie und Dogmatik, der das spanisch-arabische und das französische Judentum in zwei Lager spaltete. Nach dem Tode des Meisters ging dieser Kampf weiter und zog immer größere Kreise. Salomon, Rabbiner von Montpellier in der Provence, und Jona aus Geron (Gerundi) repräsentierten das konservative Lager, gegen welches viele Gelehrte dieser Zeit aufstanden. Da aber die Antimaknonisten gegen ihre Widersacher nicht aufkommen konnten und befürchteten, daß das Gift seiner Philosophie die Herzen und Hirne der Jugend verderben könnte, beschlossen sie, sich an die kirchliche Autorität zu wenden, um bei ihr im Kampfe mit den religiösen Skeptikern Unterstützung zu fnden. Um dieselbe Zeit hat Papst Gregor IX (Ugolino) die Inquisition gegen die Reste der Albingenser-Sekte eingeführt, um sie mit Feuer und Schwert auszurotten. Die Dominikaner und die Franziskaner waren die Vollstrecker des päpstlichen Wäfens, und an sie wandte sich Rabbi Salomon aus Montpellier, indem er auf die Schäden hinwies, welche der damals bereits ins Lateinische übersetzte und in den Kreisen der Scholastiker bekannte «Führer» von Maimonides innerhalb der christlichen Welt verursachen könnte. Diese Denunziation bei den Herren Inquisitoren geschah vielleicht im besten Glauben, sie veranlaßten jedoch sofort Revisionen in den jüdischen Wohnungen und ließen die dort gefundenen Handschriften der Werke von Maimonides, aber auch von anderen jüdischen Autoren, auf den Markt von Montpellier schleppen, wn sie hier zur großen Freude der spanischen Volksmasse auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Ein ähnliches Schauspiel fand in Paris dank der Intervention des zweiten Feindes der Philosophie, des Jona aus Geron, statt. II. Autodafe in Paris im Jahre 1242 Der Brand der Pergamente rief eine Welle von Haß in den jüdischen Gemeinden hervor, welche immer weitere Kreise erfaßte. Inzwischen erachtete sich die katholische kirchliche Autorität, nachdem sie sich schon einmal in die jüdsohen Angelegenheiten eingemischt hatte, als berechtigt, auch weiter Über die Juden zu richten. Sie konnte sich um so mehr in diese Angelegenheiten einmengen, als sie von der jütischen Seite Hilfe erhielt. Diese Hilfe leistete Nikolaus Doma, ein getaufter Jude aus La Roohelle in Nordfrankreich, der seine früheren Glaubensgenossen so sehr haßte, daß er die in Anjou und Poitou versammelten Kreuzritter gegen sie aufhetzte. Der gelehrte Täufling aus La Rochelle begnügte sich jedoch damit nicht, er wollte vielmehr das Judentum der ganzen Welt in Trauer versetzen und so wandte er sich persönlich an den Papst Gregor IX. mit der Bitte, die Verbrennung des Talmud zu verfügen. Laut der von Donin veranstalteten Enquete, welche 25 Punkte umfaßte, soll der Talmud viele Verunglimpfungen der Dogmen des christlichen Glaubens enthalten und vor allem das größte Hindernis für die Annahme der Taufe durch die Juden bilden. Der Papst erKeß entsprechende Bullen an die französischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Bischöfe wie auch an die politischen Herrscher dieser Länder. Der Befehl des Papstes fand jedoch einen dankbaren Boden nur in Frankreich, in der Provence, wohin sich auch Donin begab, um für die Vernichtung des Talmuds zu agitieren. Der Pariser Erzbischof Wilhelm gab den Befehl, alle Handschriften des Talmuds den Juden wegzunehmen und sie auf einen bestimmten Platz zu sdtaffen, wo sie in Rauch aufgehen sollten. Die Juden verbuchten es jedoch, den Weg zu weltlichen und kirchlichen Behörden tu finden und verzögerten die Exekution zwei Jahre Mnöurch. Donin gelang es jedoch, den Kö.iig von Frankreich, Ludwig den Heiligen, zu gewinnen und dieser ord1 ete eine Disputation über die von Donin gegen den Talmud erhobenen Vorwürfe in Paris an. Trotz der weisen Verteidigung, die der Pariser Rabbiner Jechief vorbrachte, wurde das ursprüngliche Irtoi bestätigt und im Jahre 1242 verbrannte man in Paris seines Mantels zu küssen.» So zeichnete ihn der engiischjüdische Schriftsteller und Weggenosse Israel Za ng will. In den schwarzen Bart mischten sich bereits die silberweißen Fäden, aus dem männlich schönen, strahlenden Salonmenschen war ein müder, gebrochener Jude geworden. «Mitten im Leben kommt der Tod», schrieb er knapp vor E d 1 a c h, das ihm letzte Station wurde. Er starb, kaum 44 Jahre alt. Und das jüdische Volk war um seinen größten Führer seit Moses verwaist. Ein Vierzehn-Millionen-Vork weinte um ihn. und wob seinen Traum weiter. hunderte oder vielleicht g<or tausende Handschriften dieses Werkes. III. Autodafe in Italien im Jahre 1SS3 Schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts drohte den hebräiischen Büchern ein neues Autodafe und auch dieses von seiten eines getauften Juden: Johann Pfefferkorn aus Köln, welcher offenbar Ferdinand den Katholiken um seinen Ruhm beneidete, der Reihe nach alle arabischen Bücher verbrannt zu haben. Aber diesem Apostaten gelang sein Streich nicht, denn est stand ihm als Widerpart der Vatikan entgegen, in welchem damals die Päpste aus dem Geschlechte der Medicäer regierten. Als jedoch Julius HI. den päpstlichen Thron bestieg, begann die Reaktion ihre Triumphe zu feiern und ihr erstes Anzeichen war — die Verbrennung des Talmuds. Der zeitgenössische jüdische Geschichtsschreiber Josef Hakohen erzählt in seiner äußerst interessanten Chronik unter dem Titel «Das Tal der Tränen» (Emek Habacha), daß es zwei getaufte Juden waren, welche die Aufmerksamkeit des Hauptes der Kirche auf dieses Werk lenkten, indem sie darauf verwiesen, daß sich die Juden nur dank dem* Talmud jeder Missionsarbeit der katholischen Kirche widersetzen. Tatsächlich gab Papst Julius HI. den Befehl zur Revision der jüdischen Wohnungen in Rom und in anderen Städten des Kirchenstaates und zur Wegnahme aller handschriftlichen und gedruckten Exemplare des Talmuds. Die päpstliche Polizei erfüllte diesen Befehl mit äußerster Genauigkeit, und an dem Tage des 9. September 1553, am Feiertag Rösch Haschana, veranstaltete man dieses denkwürdige Autodafe, welchem der höchste Klerus sowie die gesamte römische Aristokratie und die Schuljugend assistierten. Das Prasseln des Feuers und das Knistern der brennenden Bücher begleiteten fromme Gesänge und das mächtige Glockengeläute der ewigen Stadt. Aehnliche Autodafes fanden zur selben Zeit in vielen anderen italienischen Städten statt, ln Venedig wollte man sogar die Thorarollen, welche man gewaltsam aus allen Synagogen des Ghettos entfernt hatte, verbrennen. Nur dank der Intervention einflußreicher venezianischer Juden beim Dogen konnten diese Bücher vor dem Raub der Polizei und der Masse gerettet werden. Berlin. Am Montag, den 26. Juni, fand im Großen Saal der Berliner Philharmonie die Trauerfeier der Berliner Zionisten für Chaim Arlosoroff statt Die Feier gestaltete sich zur größten jüdischen Kundgebung, die Berlin während der letzten Monate erlebt hat. Die Philharmonie, der größte Konzertsaal Berlins, war bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Hunderte konnten keinen Einlaß mehr finden. Die Versammlung, deren Teilnehmer zu einem nicht unbedeutenden Prozentsatz neugewonnene Anhänger der Bewegung waren, die zum ersten Male einer zionistischen Kundgebung größten Stils beiwohnten, zeigte einerseits die tiefe Erschütterung, die der tragische Tod Dr. Arlosoroffs in den Berliner zionistischen Kreisen, aus denen er hervorgegangen war, in vielleicht höherem Maße als irgendwo sonst ausgelöst hat, andererseits das mächtige Anwachsen der Palästina- Strömung und des Willens zur jüdischen Erneuerung in der deutschen Judenheit. Nachdem Oberkantor Leo Gollanin das EJ moleh rachamim rezitiert hatte, ergriff Dr. Georg Landauer das Wort, um die Bedeutung Arlosoroffs als des Schöpfers einer gedanklichen Synthese der großen Zeitströmungen auf jüdischem Boden und als eines der bedeutendsten Vorkämpfer und Träger großzügiger, das Endziel der Lösung der Judenfrage stets im Auge behaltender zionistischer Politik zu würdigen. Noch nie sei es ihm so schwer geworden, in einer Versammlung zu sprechen, erklärte Doktor Landauer, wie heute in dieser, in der er über einen Freund sprechen solle. Deshalb wolle er sich darauf beschränken, in sachlicher Darstellung den realen Gehalt von Arlosoroffs Leistung auf theoretischem und praktischem Gebiet zu schildern. Der große Verlust, den Arlosoroffs Tod bedeute, werde heute von Hunderttausenden beklagt, und Millionen würden in nächster Zeit noch um Arlosoroff klagen müssen. Was den Theoretiker Arlosoroff betreffe, so liege die Bedeutung seines Buches über den Volkssozialismus vor allem darin, IV« Autodafi in Kamtenee Podotskt im Jahre 1757 Es vergingen zw« Jahrhunderte, während welcher die jüdischen Bücher unangetastet blieben. Das tridentinisch« Konzil befreite den Talmud vom päpstlichen FhicSi und erlaubte, ihn unter einem abgeänderten Titel zu drucken, nachdem die Zensur einzelne Sätze und Worte, die angeblich die christliche Religion beleidigten, gestrichen hatte. Der Haß des Klerus gegen dieses Werk blieb jedoch bestehen und kam in der umfangreichen antisemitischen Literatur aller europäischen Staaten zum Ausdruck. Dieser Haß zeigte sich noch deutlicher im 17. Jahrhundert in Polen in der Epoche des sogenannten Frankismus. Der Pseudomessias Jakob Leibowitsch Frank stützte seine Weisheit auf die Mystik, also auf das Buch Sohar, und verschmähte somit den Talmud. Nachdem er von der amtlichen Synagoge auf dem Kongreß in Brody verflucht worden war, warf er sich in die Arme des Bischofs Dembowski von Kamienec. Auf seine Veranlassung beschloß er, den Beweis der Schädlichkeit des Talmuds zu erbringen. Zu diesem Zwecke ordnete der Bischof in seinem Palais (am1 20. Juni 1757) eine Disputation an, bei der die Frankistert die These verteidigten (Nr. 3), «daß der Talmud sehr viele Verleumdungen enthalte und verworfen und vernichtet werden soll». Als Ergebnis dieser Disputation erging das Urteil des Bischofs über den Talmud, welches dieses Werk zur Verbrennung «durch den Meister der heiligen Gerechtigkeit auf einem öffentlichen und entsprechenden Platze» verurteilte. Die bestürzten polnischen Juden setzten alle ihre Vermittler und Agenten in Bewegung, aber alles half nichts. Im Aufträge Dembowskis durchsuchten die Wachen und die Studenten die Privatwohnungen und die synagogalen Bibliotheken in Podolien -und führten auf mächtigen Wagen die Talmuds und andere hebräische Werke nach Kamienec Podoiski, wo man sie auf dem Platz vor dem Rathaus verbrannte. Die Juden von Kamienec wurden gezwungen, diesem Autodafe zu assistieren, das gleich den römischen Autodafe unter großem kirchlichen Pomp, inmitten von Gesängen und Glockenläuten, stattfand. V« Autodafe in Berlin am 10» Mai 1933 Und wieder vergingen zwei Jahrhunderte, die Erinnerung an die Autodafes erlosch und wurde zunr Symbol des dunklen Mittelalters, Die französische Revolution und die Bestrebungen der Rationalisten überwanden die Widerstände der Finsternis und veränderten vollständig die Situation der ganzen Menschheit. Wir hörten von unseren Großeltern, daß man auf dem Platze von Kazimier die Mendelssohnsche Bibel verbrannt hatte, aber es taten dies unwissende Menschen, Fanatiker aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, zu welchen die Strahlen des Lichtes noch nicht gedrungen waren. Auch in unserer Zeit hörten wir manchmal, daß irgendeine rohe Bande in die jüdischen Volksbvbliotheken eingedrungen ist und die dort befindlichen Bücher vernichtet hat. Aber wa" wir in Berlin auf dem Opemplatz und auch in anderen Städ{< des Dritten Reiches erleebt haben, ist so unbegreiflich ir dabei so neuartig, daß wir darüber noch kein ruhiges U: abzugeben vermögen. Dieses Urteil überlassen wir dai: dem zukünftigen Historiker. (Aus dem Polnischen übersetzt von Dor K o b l e r.) daß hier zum ersten Male auf zionistischem Boden die beiden großen Strömungen des Jahrhunderts vereinigt wurden. Diese eigenartige Synthese des Mythos vom Blute und des Mythos der Arbeit bilde den Inhalt des jüdischen Volkssozialismus. Von entscheidendem Einfluß sei für ihn die Berührung mit A. D. Gordon und Martin Buber geworden. Dem Politiker Arlosoroff sei es zu danken, daß bei der Palästina-Regierung Verständnis für die Aufgaben des jüdischen Aufbauwerkes geweckt wurde und daß eine Lösung der Araberfrage angebahnt werden konnte. Arlosoroff hat wichtige Vorarbeiten zur Erschließung Transjordaniens für die jüdische Kolonisation geleistet, bis nach seinen eigenen Worten «die Position Transjordaniens in diesem Jahre sturmreif wurde». Aber nicht nur in dem Geleisteten liege Arlosoroffs Bedeutung, sondern auch in dem, was er noch versprach. In vieler Hinsicht hätte Arlosoroff noch nicht die Höhe seines Schaffens erreicht gehabt. Wenn so ein Mann stirbt, schloß Dr. Landauer seine Ausführungen, ändert sich die Welt. Wir können ihn nicht fortsetzen, wir können nur seine Treue zur Sache fortsetzen. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Kurt Blumenfeld wies darauf hin, daß Arlosoroff, der in Deutschland aufgewachsen war, aus deutscher Gedankenwelt heraus zum Zionismus kam. Er selbst, Blumenfeld, habe einmal Arlosoroff gesagt, er gehöre zu den Zionisten von Gottes Gnaden. Blumenfeld erinnerte daran, daß dem Kreise junger Zionisten, dem er gemeinsam mit Arlosoroff angebörte, dessen FUhrerpersönlichkeit schon früh, als er noch ein Lernender war, offenbar wurde, und zitierte prophetische Herzl-Worte, aus denen Arlosoroff die Konsequenzen zu ziehen gewußt habe. Das Wichtigste im Zionismus sei die überwältigende Kraft der Einzelpersönlichkeiten, die ihn tragen können. «Wir sind,» sagte Blumenfeld, «nicht nur Spielbälle des Geschehens, wir erleiden nicht nur unser Schicksal, sondern müssen es ge - ' ..mm« .. Umv.'Prof. Dr. Majer Balabanf Warschau): Verbrennungen hebräischer Bücher Große Trauerfeier für Arlosoroff in Berlin Die größte iüdische Kundgebung Berlins in den letzten Monaten

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