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Die Stimme · 1933-07-06 · Heft 289 (6.7.1933) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 289 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nf. 289 — 8. Juli 1938 DTE STIMME Serie TT Dr. Jakob Rosenthal: Iheodor Herzl - ein Heldenleben*) «Vielleicht wird ein gerechter Geschichtsschreiber finden, daß es immerhin etwas war, wenn ein mittelloser jüdischer Journalist, inmitten der tiefsten Demütigung des jüdischen Volkes, zur Zeit des heftigsten Antisemitismus, aus einem Lappen eine Fahne und aus gesunkenen Menschen ein Volk gemacht hat, das sich aufrecht um die Fahne scharte.» Diese Worte, aus einem bitteren Gefühl heraus, schreibt Theodor Herzl im 3. Band seiner Tagebücher. Oh, es war dies schon «immerhin etwas». Es wurde alles, wiewohl nichts, gar nichts in Herzls frühester und späterer Jugend auf seine künftige historische Rolle hindeutete. Wer war Theodor Herzl, bevor er Theodor Herzl, der große Revolteur in der Geschichte des jüdischen Volkes wurde? Und wie wurde aus diesem «jungen Mann aus guter jüdischer Familie» der Messias des modernen Judentums? Herzl entstammte einer jener guten jüdischen Familien der ungarischen Hauptstadt, die alle materiellen und geistigen Segnungen der Emanzipation mit vollen Zügen ln sich aufsag. Theodor ist der wahre Liebling seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter, an der er zeitlebens mit rührender, inniger Liebe hängt. Die bestmögliche Erziehung und Bildung wird ihm zuteil, der Weg zur damals höchstmöglichen Karriere gebahnt. In seinem 18. Lebensjahr übersiedeln seine Eltern in die Kaiser- und Residenzstadt Wien, wo für den feinerzogenen, klugen und außergewöhnlich schönen Jüngling eine neue Aera an bricht. Matura mit Auszeichnung, Wiener Universität, Burschenschaften, Mützen, Farben, bunte Bänder, der ganze Couleurrummel bilden die äußeren heiteren Etappen aus Herzls Studentenzeit, die nur durch die nicht undramatische Episode von seiner Burschenherrlichkeit in der deutschnationalen Verbindung «Albia», in die er ahnungslos eingetreten war und die ein rasches und unrühmliches Ende nahm, unterbrochen werden. Dufch den rüden Antisemitismus seiner Kommilitonen abgestoßen, meldete Herzl seinen Austritt an. Er ersucht höflich um Streichung, er wird brüsk hinausgeschmissen. Allein diese Episode streift ihn, der jetzt ganz andere Aspirationen hat, kaum. Er schreibt ausgezeichnete Novellen, seine Stücke werden mit Erfolg auf europäischen und amerikanischen Bühnen gespielt, Aber sein Talent, das ihn in der Folge zu einem blendenden Feuilletonisten, ja, zu dem Begründer eines neuen Feuilletonstils in der Wiener Presse - und zu einem der glänzendsten Journalisten machte, lädt ihn* in dem sich schon jetzt jene heilige Unruhe seiner letzten acht Lebens-* jahre zu regen begann, eigentlich unbefriedigt. Seine Ambition ist: in dichterischer Nähe mit seinen Altersgenossen und Freunden Schnitzler und Beer-Hofmann zu stehen. Er beendet sein Jusstudium, etabliert sich am Salzburger Gericht als Substitut, um es nach längerer Zeit wieder zu verlassen. Er geht nach Spanien. Seine reizenden Reiseschilderungen, die Feuilletons, die er seinen Blättern 6chickt, gefallen außerordentlich. Man wird auf ihn aufmerksam. Die «Neue Freie Presse» schlägt Ihm Paris vor. Herzl *) Anläßlich der kürzlich im Ralph-A. - Höger- Verlag (Berlin—Wien—Leipzag) erschienenen Monographie «Theodor Herzl, sein Leben und sein Vermächtnis», von Manfred Georg, Herzl und wir Von Dr. Henriette JAchtenstein’Rapp aport Was bedeutet Herzl uns Heutigen, die wir ihn ni<?Jit kannten? Was ist er uns? Mit heimlichem Neid und uneingestandener Bewunderung blioken wir auf jene, die von dem lebendigen Herzl berichten, von seinen Reden und Gesprächen, von dem Zauber seiner Persönlichkeit. Wir haben Herzls Stimme nicht gehört, wir sahen nicht den Glanz seiner Augen. Daß uns dies nicht vergönnt war, empfinden wir als eine Ungerechtigkeit des Schicksals uns gegenüber. Aber zugleich regt sich auch das Gefühl einer Schuld dem* Führer gegenüber, weil nicht wir es waren, die ihm als erste folgten. Den Aelteren, die Herzl kannten, war er Führer und Prophet, uns Jüngeren isfli er Symbol und Parole. Den Aelteren war Herzl Zeitgenosse, uns steht er am Anfang der Zeiten, sein Leben ist uns ein Mythos, vergleichbar den Mythen der Vorzeit. Nicht fremd ist uns heute das Phänomen des großen Mannes, des Führers, des Heros. Aus unbekannten Tiefen steigen sie auf, die Beherrscher der Massen; eines Tages sind sie da, plötzlich fast, und halten die Macht in Händen. Herzl aber war es nicht um die Macht zu tun, die Macht drängte sich ihm auf, gegen seinen Willen und jedenfalls ohne sein Wissen. Herzl war Schriftsteller, Aesthet, Familienvater, er dachte nicht daran, an die Spitze eines Volkes zu treten, das er zum Leben erwecken würde. Macht lag außerhalb des Bereiches seines Gedankenkreises. Vielleicht träumte er von ihr, wie junge Menschen von ihr träumen, die wissen, daß es eben nur ein Traum ist, ein Traum aus Märchenland. Auch sein «Juden6taat» ist im Grunde ein Märchen, gemischt aus Wirklichkeit und Phantasie. Es war auch diesmal ein Buch, das, wie immer im Leben des Judenvolkes, eine Umwälzung ln seiner Geschichte, einen Markstein in seiner Entwicklung nimmt an und ruft jubelnd aus: „Das ist das Sprungbrettl» Paris ist für den scharfen journalistischen Beobachter ein ganz ausgezeichneter Boden. Er geißelt den krämerhaften Betrieb des korrupten Parlamentarismus und ironisiert mit Heineschem Lächeln den «Quai d’Orsay» jener Tage. Seine blendende Schilderung «Palais Bourbon» wird in Mitteleuropa mit Vergnügen gelesen. «Eine Vereinigung französischer Grazie mit nordischer Beobachtungsgabe, eine Phantasie, begrenzt von melancholischer Menschenkenntnis,» wird seinem Joumalistentalent nachgerühmt. «Ein Sprungbrett...» hatte er ausgerufen. Für seine schriftstellerische Karriere hatte es sich beinahe ganz erfüllt, als... Als die Straßen der Seinestadt eines schönes Tages von den Rufen „Tod den Juden» widerhallten. Das Frankreich der Dreyfus-Affäre erhob fratzenhaft sein schmachvoUes Haupt. Jetzt erst erfüllt sich Paris als das «Sprungbrett». Die Dreyfus-Affäre ist .es, die in Herzl nicht nur den Ethiker, sondern vor allem den Juden in hellen Aufruhr brachte. In dem elementaren Hasse, der da aus der aufgestachelten Voiksleldenschaft gegen den jüdischen Offizier herausbricht, erkennt er bestürzt die ganze Tragik seines Volkes. In dem Lande, das seit der große Revolution der Hort der uneingeschränkten Bürgerrechte für Juden bildete, das sie zu Bürgern Europas nraohte, erblickt er nun eine haßerfüllte, einflußreiche Militär- und Großbürgerkaste, die den Versuch unternimmt, an einem Unschuldigen aus Rassenhaß ein wildes Exempel zu statuieren. Mit immer wachsender Intuitionskraft erfaßt nun Herzl den Kernpunkt des Problems, das Problem der Judenfrage, das nun mit ungeheurer Wucht in den Brennpunkt seines Lebens rückt und um dessen Lösung er bis zu seinem letzten Atemzug ringt. Er weiß nun, wozu er berufen ist, und wirft sein früheres Leben mitsamt seinen Erfolgen über den Haufen. „Der Blitz der Intuition, die große Eingebung traf den nackten Menschen Herzl, den Menschen und den Juden. Und ein heißer Wille brach mit ungeheurer Wucht aus ihm hervor, zu. kämpfen und zu helfen, die Juden herauszureißen aus ihrer verzweifelten Situation des Getreten- und Nur-Geduldetseins, und diesem Volke, einen neuen seelisch und körperlichen Raum in der Welt zu verschaffen.» Er ist wie im Fieber, er rennt durch die Straßen der französischen Metropole. Es ist ihm, als «wären plötzlich in seinem Gehirn die .Schleusen eines bisher unbewußten Denkens geöffnet worden». Der ganze Mensch ist verwandelt. Herzl schreibt im Gehen, Stehen, Liegen, auf der Gasse, bei Tisch und springt in der Nacht aus dem Bette an den Schreibtisch, weü ihn die Gedanken aus dem Schlaf aufjagen. Sein Gedankensturm ist. ein rasender, er wird zum typischen «Sprechdenker», denn er spricht mit jedem, der ihm in den Weg läuft, über die Judenfrage und ihre praktische Lösung. Ein Bekannter, der ihn auf der Straße trifft, meint, Herzl sähe aus, als hätte er das lenkbare Luftschiff erfunden. Herzl hört dies und träumt weiter... Und nach seligen Wochen der Glut und der ungeheuren Produktivität entsteht in ihm jenes Werk, das dazu bestimmt Ist, die Vorstellungswelt eines ganzen' Volkes zu revolutionieren. «Der Judenstaat.» Und ähnlich Heine, der über seinem Haupte den Flügelschlag eines Adlers hörte, als er gewisse Verse niederschrieb, glaubt Herzl so etwas wie ein Beben über seinem Haupte bedeutete. Herzls Buch war kühn und aufrichtig, es sprach das Leid des jüdisohen Volkes und des jüdischen Menschen aus, aber es wies auch den Weg zur Heilung, es zeigte die Löung, die Herzl gefunden hatte. Daß er selbst es sein würde, der diesen Lösungsvorschlag ln die Wirklichkeit umsetzen, der seine Pläne durchführen würde, das wußte er damals noch nicht. Es war auch nicht das Buch allein, das Herd zum Führer machte, denn Bücher dieser Art hatten schon andere vor ihm geschrieben, Pinsker z .B„ oder Nathan Birnbaum. Herzl aber war der erste, der aus seinem Buch die äußersten Konsequenzen auch für seine Person zog. V-erehrurogswürdig erscheint uns das Verantwortungsgefühl,, mit dem er den Ruf, den er an die Welt gerichtet hatte, selbst hörte, ihn selbst verstand und ihm selbst folgte. Seine eigenen Gedanken waren es, die ihn immer mehr gefängen nahmen, die ihm den Weg . wiesen, auf dem er Schritt für Schritt weitergehen mußte, die ihn beherrschten, sein Leben erfüllten, sein Leben bildeten, sein Leben aufzehrten. Herzl war groß, weü er eine große Aufgabe auf sich nahm. So steht vor uns Herzl, der Mensch, groß und leidend zugleich, Held und Märtyrer eines Werkes, dem er Leben gab. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß Herzl nichts prinzipiell Neues geschaffen hat, daß die zionistische Bewegung schon vor ihm bestanden und gewirkt hat. Nicht in der Idee als solcher Hegt das Neue und Revolutionierende, das Herzl uns gab, sondern ln der Form, in die er dieses Alt- Neue kleidete. Es ist ja die Form, die Ausdruck und Agens aller geistigen Bewegungen der Menschheit bildet. Dieses Neue ln Herzls Konzeption, Überwältigend in seiner Größe und Einfachheit, war die theoretische und praktische Zusammenfassung der Gesamtjudenheit der Welt zu einer geschlossenen und nach außen abgeschlossenen Einheit, es war die Organisation. Durch die Organisation wird das Judentum zu einem politischen Faktor im Leben der Völker, sie ist ] zu hören, während er das Gebäude seines «Judendtaates» zu Ende baut «Wie von einer unsichtbaren, gewaltigen Hand», sagt Georg, „wird Herzl plötzlich auf die Vorderbühne des Weltgeschehens geschleudert... fühlt er plötzlich unsichtbar rings um sich einen riesigen Zuschauerraum wachsen, für den er ein wahrhaft grandioses Stück in höchster Wirklichkeit zu dichten hatte, den „Auszug der Juden ins Gelobte Land’*.» * Aber nun beginnt auch der Kreuzzug Herzls, der in der modernen Geschichte ohnegleichen ist. Die ganze Titanenarbeit Herzls, die heute ganz unfaßbar erscheint, rollt vor unseren Augen ab. Ein Stück Weltgeschichte zieht an uns vorbei. Wir folgen Herzl nach Potsdam, das er für Zion gewinnen will, sehen ihn mit Hohenlohe und Reichskanzler Bülow verhandeln, sehen, wie er zum deutschen Kaiser den Weg findet, den Großherzog von Baden für seine Missionsidee ebenso gewinnt wie den bulgarischen Zaren Ferdinand. In Y i 1 d i s - K i o s k empfängt ihn Wilhelm, der sich eben auf dem Wege nach Palästina befindet. Beim glanzvollen Einzug in Jerusalem erblickt der Kaiser hoch zu Roß Herzl und begrüßt ihn, den König ohne Krone. Abdul Hamid lädt Herzl zum Selamlik Der Kalif ist von Herzl fasziniert. Mit dem Großkordon des Medjidjeordens verläßt Herzl Konstantinopel, um bald darauf wieder an die Gestade des Bosporus zurückzukehren. Wie ein Fürst erhält er vom Sultan in Therapia Wohngemächer und ln Yildis-Kiosk verhandelt er nun höchstpersönlich mit diesem wegen der Ueberlassung des Streifen Landes am Jordan und bietet ihm dafür das Gold, das mit einem Schlage die dette publique des ottomannischen Reiches aus der Welt schaffen soll. Er fährt nach Rußland, konferiert mit P1 e h w e und Witte, reist nach Rom zum italienischen König und sucht im Quirinal den Papst für ein jüdisches Reich zu gewinnen. Ein Sendbote der Könige, jagt er, von einer heiligen Unrast getrieben, durch Tag und Nacht, von Thron zu Thron, von Regierung zu Regierung um den heißersehnten Charter für sein Volk zu erhalten, eilt er, hie und da durch Kleinarbeit der Organisierung und Zellenbildung unterbrochen, zu Wasser und zu Lande, in sengender Hitze, bei ungewohntem Klima nach El-Arisch, der Sinai-Halbinsel und dem Gelobten Lande und durch schneebedeckte Steppen im moskowitschen Winter. Er organisiert Expeditionen, Jäßt Landmessungen durchführen, gründet die Kolonialtoank, schafft die weltumspannende zionistische Organisation, verbindet das Londoner Judentum mit dem von Wilna und ruft einen Weltkongreß nach Basel ein, die erste jüdische Konstituante nach zwanzig Jahrhunderten. Osteuropa jubelt dem neuen Messias entgegen. Und der Westen horcht auf. Von Erfolgen, aber auch bitteren Enttäuschungen ist die Bahn seines letzten, wahrhaft heroischen Lebensabschnittes gezeichnet. # «Der Zionismus, das war der Sabbat meines Lebens,» sagte Herzl. Er rieb sich bis zur Erschöpfung auf. Es war ein bewußtes Aufopfern. Als seine Herzattacken immer häufiger und heftiger werden, als durch die immense Geistesarbeit immer öfter die GehirnanämieanfäUe auftreten, Trägerin und Vertreterin bewußten Judentums, sie macht uralte Rechte vor der ganzen Welt geltend, sie fordert und sie gewährt, Der Eintritt des Judenvolkes in die Gemeinschaft der Völker trägt den Stempel des Unbegreiflichen, Wunderbaren an sich. Und der dieses Wunder vollbrachte, darf al* Wundertäter im schönsten Sinne des Wortes bezeichnet werden. Das Geniale seines Tun« wird uns um so klarer, wenn wir bedenken, daß die Organisation, m deren Namen Herzl sprach, verhandelte, entschied, als ob er im Namen des ganzen jüdischen Volkes spräche, in Wirklichkeit nur ein Häuflein Menschen umfaßte. Und doch gewannen diese wenigen Menschen duroh die prophetische Kraft ihres Führers die Bedeutung einer wollenden, strebenden, jubelnden Masse, sie waren das Volk. Sie konnten und durften das ganze Volk vertreten, denn in ihnen hatte die jahrtausendealte Sehnsucht ihres Volkes Gestalt und Ausdruck gefunden«. Herzl war jüdisch und unjüdisch zugleich. Vielleicht ist dies der Grund, daß ihm die Verwirklichung der jüdischen Wiedergeburt gelang. In ihm wachte, unbewußt und doch wirkend, die ungestillte Hoffnung des Juden auf Befreiung, auf Befriedung, auf ein eigenes Heim, Aber er war in nichtjüdischer Umgebung aufgewachsen, niChrtjüdische Lebensform und Lebensformung war auch die seine. So vereinigte Herz! beides in sich: jüdische Idee und nichtjüdisehe Form. Durch die Vereinigung beider Komponenten wurde er Schöpfer eines Volkes. Und das jüdische Volk, zukunftsfroh und selbstbewußt, folgte ihm und schuf sich selbst von neuem. Wir Heutigen können uns Herzl lebend, unter uns wan* delnd, nicht vorstellen, wir lieben ihn nicht, wir bewundern ihn nicht. Für uns ist sein Leben und Wirken eine Selbstverständlichkeit, die wir uns aus dem Weltgeschehen nicht mehr wegdenken können. Für uns ist er ein Eiernenterereignis wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter. Was wäre unser Leben ohne Herzi?

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