Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 289 (6.7.1933)
- Date
- 1933-07-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 10 DIE STIMME Nr. 280 — 0. Jul! 1933 sen Aufenthalt in Franzensbad durch die Kurliste bekannt .war. Herzl beachtete die Menschen kaum. Bis ins Mark drang ihm eine lähmende Müdigkeit und eine krampfhafte Spannung schnürte ihm die Kehle zusammen. Das Leben und Treiben rings um ihn herum schien ihm plötzlich weltenferne, wie hinter Wolken entrückt. Die Pracht der Natur und dieses lärmende, schäumende Leben berührte wie eine ferne Brandung kaum seine müde Seele. Wie betäubt taumelte er dahin und verspürte mit Schaudern, wie inmitten einer flutenden Menge sein eigenes Leben zu verströmen schien und tausend abgebrochene Gedanken, aö seine Pläne, Strebungen und Wollen wie in einem Traum langsam verdämmerten... Wortlos trotteten Herzl und Katzeneisohn durch die Menge. Eine drückende Beklemmung lagerte zwischen ihnen. Von Zeit zu Zeit blickte der Freund verstohlen in Herzls Augen, die in der Dämmerung, wie von einem düsteren Schleier umflort, seltsam glänzten. Eine Weile blieben sie stehen. Vor dem Brunnen stauten sich Kurgäste. Eilfertig stellte sich der Freund in die Reihe der Wartenden an, um Herzls Trinkbecher zu füllen. Müde sank dieser auf die nächste Bank. — «Nur stark bleiben — nur stark» — blitzte es durch seine Sinne. Zusammengeduckt preßt er die Hand an die Brust und starrt, wie durch einen Nebel, zum Brunnen, aus dessen Tiefen ihm Tod und Verklärung mit dem Dunst der aufschäumenden Quelle aufzusteigen scheinen. — Erde — Erde! — hallt es in ihm — Ende und Anfang allen Seins. — Aus den Tiefen kommen wir, in die Tiefe gleiten wir. Gar gewaltig sind die Rätsel des Lebens... Ein bleierner Dunst legt sich um seine Seele. Blitzschnell zieht sein Leben vor seinen Augen, wie bei einem Ertrinkenden, vorüber. Sonnige Kindheit, schäumende, aufjauchzende Jugend und die Mannesjabre, die in einem wunderbaren Aufstieg steil bis zu den höchsten Gipfeln eines rühm um rauschten Volksführers emporschossen. — Führer? — Was war ihm Führertum zeitlebens? — Ruhm? — Erfolg? — Streben? Ach! Nie erkannte er die Armseligkeit jedes Führertums wie jetzt Er wußte ja: Ruhm besteht nicht im Beifall der Menge, sondern im Urteil der Geschichte. Neun Jahre hindurch warb er um die Seele dieses aufbegehrenden Sklavenvolkes, umgaukelte es mit der Glorie seiner königlichen Träume und mußte es vor gar kurzer Zeit erleben, daß ihm der Ruf «Verräter!» vom überfüllten Kongreßsaal entgegendröhnte. Nun fühlt er keinen Groll mehr, da er stets das Führertum als schicksalsschwere Last für spätere noch ungeborene Geschlechter trug und nur auf die Gelegenheit lauerte, um es nach erfüllter Sendung dem undankbaren Volke hinzuschleudern. Ein plötzlicher Hustenanfall schüttelt seinen Leib. Mit verkrampften Händen klammert er sich an die Banklehne und blickt mit schmerzhaft gespannten Augen vor sich hin. Er war derart in Gedanken versponnen, daß er den Freund gar nicht bemerkte, der lautlos ihm den Becher reichte. Im Nu reckt sich die zusammengekauerte Gestalt, seine Züge straffen sich und ein müdes Lächeln der Dankbarkeit umspielt die blutleeren Lippen. — Das Wasser schmeckt so bitter — kannenweise muß man dieses Naß herunterschlucken — unterbrach er ruckweise das Schweigen, da er einen fragenden, angsterfüllten Blick auf sich gerichtet sah. Dieses Salzwasser benebelt einen wie ein starker Wein — ich fühle mich aber besser, mit jedem Tag besser... Wie ein Kind schmiegt sich zärtlich der Freund an die wuchtige Gestalt des Führers, faßt ihn am Arm und geleitet den Keuchenden und Taumelnden schrittweise durch den sternenklaren Frühlingsabend ins Hotel zurück. Schlaflos verbrachte Katzeneisohn die Nacht in seinem Zimmer. Er hörte wohl in London von Herzls Krankheit, doch niemand ahnte ihren Emst Nie klagte der Führer, niemand wußte, was in dieser königlichen Seele jahrelang wühlte und nun plötzlich — dieser jäh erlöschende Lebensodem des Titanen! Soll man in alle Weltteile diese Hiobsbotschaft drahten? Hilfe rufen? Alle Grabstätten des JudenvoHces aufreißen lassen und um Erbarmen flehen für Herzl, den sterbenden Messias? —- Allenfalls beschließt er, noch vor der Abreise unauffällig die Familie, die scheinbar ahnungslos ist, vom Zustand des Kranken zu verständigen. Unruhig wälzt er sich auf dem Lager, als er plötzlich Lärm von der Straße vernahm. Er riß das Fenster aut und erblickte das Kurhaus in lichterlohen Flammen. — Ein Brand! — Ein Brand! ■— schrie eine wogende Menge vor dem Kurhaus, während die Feuerwehr vorfuhr. Unwillkürlich blickte der Gast in das Hotelzimmer Herzls. Es war hell beleuchtet. Unruhe packt ihn. Wurde der Kranke durch den Lärm aufgeschreckt? Mit pochendem Herzen eilt er die Stiege hinauf und öffnet die Tür. Es war lange nach Mitternacht und Herzl saß angekleklet noch am Schreibtisch und schrieb an einem dicken Manuskript. — Ein Memorandum für Ihre Petersburger Reise — murmelt er leise als Entschuldigung auf den erstaunten Blick des Eindringlings. Man hörte förmlich die dumpfen Schläge des Herzens und die geschwollenen Lider senkten sich vor Scham, als der Freund den Eisbeutel erblickte, der von der entblößten Brust niederrutschte. Herzl hatte scheinbar nichts von dem Lärm vernommen und wußte nichts vom Brand. — Versunken in die Arbeit, durchwachte er so die ganze Nacht. «So wollen Sie gesund werden?» — platzt vorwurfsvoll Katzenelsohn heraus — «das soü eine Kur sein?» — Ja, mein Freund, Sie haben doch gestern gehört —- stieß Herzl langsam hervor — wir haben keine Zeit mehr zu verlieren — die letzten Wochen oder Tage — wir haben Eile. In der Früh holen Sie sich die versiegelten Orders für die Reise. Lautlos schlich sich der Freund aus dem Zimmer. Er zitterte am ganzen Leibe. Als er die Straße betrat, graute bereits ein neuer Frühlingstag und blutrot stieg die Sonnenkugel hinter den Rauchschwaden des Kurhauses hervor. Leise vor sich Hinweinend begann er das Morgengebet. Nach zehn Tagen überführte man den Schwerkranken nach E d I a c h und drei Wochen später schluchzte ein ganzes Volk an der Grabstätte des toten Führers. Ein Stammbuchvers Theodor Herzls Nach dem Tode Herzls gab die «Welt» eine Reihe von Trauer nummern. In einem der Beiträge erzählt die Verfasserin, Rosa Feigenbaum, daß sie einmal Herzl bat, einem Kischinewer Waisenknaben, dessen Ettern beim Pogrom ermordet wurden waren, ein paar Zeiten ins Stammbuch zu schreiben. Und Herzl schrieb: €Wann erscheint mir ats gelungen Mein Bemüh’n auf dieser Erden? Wenn aus armen Judenjangen Stolze junge Juden werden.» Wir wollen zu diesen Versen sagen, was die Verfasserin dieser Reminiszenz schrieb: «Hörst du’s, jüdische Jugend? Das ist das Testament deines Führers, den du so geliebt, dem du so zugejubelti Werdet stolze junge Juden und ehret das Vermächtnis des geliebten Führers, der euch ein Ideal gegeben, euer Setbstbewußtsein gehoben, euer Nationalgefühl geweckt hat.» Aus einem Gespräch Der bedeutende deutsche Lyriker der Gegenwart, Börries, Freiherr von Münchhausen, der Balladen-Münchhausen, wie er allgemein benannt, wird/ gehört zu den weit über Deutschland hinaus bekannten Persönlichkeiten. Er, der Neuerwecker der deutschen Ballade, der Dichter der ritterlichen Lyrik, besingt das Leben in seinen vielgestaltigen Erscheinungen. Die Liebe zum eigenen Volk und seiner Vergangenheit läßt den ritterlichen Dichter auch die Ideale und das Leiden anderer Völker verstehen. Freiherr von Münchhausen kam schon früh dazu, die Probleme des jüdischen Volkes zu verstehen. Er wurde zum Sänger der jüdischen Wiedererweckung, zum Sänger des Zionismus Es ist von besonderem Reiz, darüber, wie Freiherr von Münchhausen dazukam, seine jüdischen Gesänge zu schreiben, unmittelbar vom Dichter selbst einiges zu erfahren. «Die jüdische Rasse», erzählt Freiherr von Münchhausen, «spielte in meinem Leben eine wichtige RoHe. Ich hatte auf der Schule in Hannover einige liebe, jüdische Freunde. Mit einem von ihnen bin Ich öfters in die Synagoge gegangen und habe dort bei zahlreichen Festen die Begeisterung für das Alte Testament in mich gesogen, aus der meine jüdischen Balladen erwuchsen. Auch das Passahfest habe ich einmal in einem jüdischen Hause ,als Fremdling, der in ihren Toren weilte’ mitgefeiert und tiefen Eindruck davon erhalten, der durch eingehendes Lesen der Passah-Haggada verbreitert wurde. Ich habe darüber in meinem Buche »Fröhliche Wochen mit Freunden’ berichtet Auf der Universität in Berlin, wo ich meine juristischen Studien absolvierte (Freiherr von Münchhausen ist Doktor der Rechte und auch Doktor der Philosophie honoris causa), lernte ich einen lieben jüdischen Preund kennen. Dieser war Ephraim Moses Lilien, der Sohn eines blutarmen Drechslers aus Drohobycz in Galizien, der sich als Maler einen Namen machte. Lilien gab mir die Anregung, meine bis dahin in verschiedenen Zeitschriften erschienenen jüdischen Balladen herauszulösen und besonders herauszugeben. Er erklärte sich auch bereit, die zeichnerische Ausstattung für dieses Buch zu liefern. Die jüdischen Balladen erschienen bald darauf gesondert als Buch unter dem Titel „Juda”. Dieses Buch wurde in Goslar im Jahre 1900 gedruckt und gehörte in jener Zeit zu den bestausgestatteten Büchern in der deutschen Literatur. Jeden Tag wurden für den Verlag Lattman die Farben aus der Fabrik frisch geschickt und dadurch gelang es, die Illustrationen besonders fein herauszubringen. Das Buch „Juda’’ machte t.inen großen Weg. Anläßlich der bei den Juden üblichen Bs rmizwahfeier (ähnlich der christlichen Konfirmation) wurd'.* es der heranwachsenden Jugend als Geschenk überreicht. <ch erhielt Adressen und Zuschriften von Juden aus aller Welt, aus Rumänien, Salamanca usw. In Wien wurde dieses Buch in einer Synagogenpredigt erwähnt. Und wie mir auch berichtet wurde, ist anläßlich des Erscheinens dieses Buches mein Name in ein synagogales In memoriam Arlosoroffs Die Luft weht stark wie Weihrauch her. Ein Tropfen rinnt. Verrinnt zum Meer. Es leuchten alle Gassetu Wir sind ein Volk. arm. ohne Kraft. Ein Führer wurde uns edlen entrafft Es trauern die leuchtenden Straßen. Tief unter der Trauer Trotzt Jubelnd es auf. Du, Glied einer Kette tm Zeitenlauf, Viel brennende Jugend Folgt Deinem Sehritt. Entsunkene Fahne, Wir tragen Dich mit. Wir heben Dich hoch Und Dein Banner wird weh’n, Wenn unser die Heimat. Die wir erfleh'n. Wenn unser die Heimat, Um die Du gerungen. Dein Tod hat nur Dich, Dein Werk nicht bezwungen. Im Flusse der Vielen Bin ragender Stein. Du bist gewesen, Du lebst, Du wirst sein. Gebet aufgenommen worden. Uebersetzungen in unzählige Sprachen, ins Hebräische, ins Jiddische, Polnische, Tsche- ' chische folgten. Neuerlich ist das Buch in deutscher Sprache -x mit Illustrationen von Josef Budko herausgegeben Worden. Lilien selbst gehörte zu den begeisterten Anhängern des Zionismus und war ein großer Verehrer Theodor Herzls, dessen Freundschaft er sich rühmen durfte. Ich erhielt auch unter anderem einen besonders ergreifenden Brief aus Wien vom edlen Gründer der zionistischen Bewegung, von Theo* dor Herzl selbst, ln diesem Brief hieß es beiläufig: „Mein lieber Lord! Ich habe Ihr Kommen vorausgesehen und prophezeit Ich habe gewußt, daß unserem Volke ein großer :. Sänger aus anderem Stamme entstehen wird...” Ich habe auch später von Theodor Herzl, über den ich vieles von . meinem begeisterten Freunde Lilien hörte, hin und wieder Grüße und Zuschriften bekommen.» «Und wie ist Ihre Stellung, Herr Baron, heute zu dieser Bewegung?» «Ich verfolge das Wachsen der zionistischen Bewegung bis auf den heutigen Tag mit lebhaftem Interesse. Bef^aH meiner Liebe für das Judentum und den Zionismus habe ich nie die Auswüchse bei manchem Juden übersehen und dieselben öffentlich gegeißelt. Doch verwahre ich mich dagegen, mir nur die leiseste antisemitische Tendenz zuzuhchreiben. Der Antisemitismus Ist mir fremd. Wie könnte ich sonst meine Gedichte „Juda’’ geschrieben haben und mich heute noch zu denselben bekennen? Schon als Rassenfreund und Rassenforscher freut mich die auf Erhaltung der jüdischen Rasse gerichtete zionistische Bewegung. Jede echte Rasse ist mir genehm. Ich habe beobachtet, daß die Adeligen sich mit den Juden eher verstehen können als viel* fach der deutsche Bürger. Uns Ist gemeinsam die bei jedem gepflegte eigene Tradition. Ich zähle zu meinen Freunden viele Juden und besuche noch heute öfters jüdische Gotteshäuser, wie letzten Freitag auch hier in Karlsbad, wo ich zur Kur weile. Ich habe dem Andenken Theodor Herzls ein Lied ge* widmet, das kurz nach dem Tode Herzls erschienen ist und das sich in meiner Liedersammlung befindet ich bin darauf bedacht, daß dasselbe in keiner neueren Ausgabe meiner Liedersammlung fehle. Ich würde das doch nicht trn, wenn ich nicht auch heute noch für diese verehrungswürdige große jüdische Gestalt dieselben Gefühle wie vor 30 Jahren hegen würde.» Tatsächlich gehört das wundervolle Gedicht unter dem Titel «Theodor Herzl» zu den schönsten Huldigungen für den jüdischen Führer. Das Lied ist auch vertont worden, und viele begeisterte Anhänger singen es heute nach, ohne zu wissen, daß dasselbe ein christlicher begeisterter Dichter, Adeliger, Domherr und Kammerherr gedichtet hat. Die letzte Stophe dieses Liedes klingt: «Du, Mose der Zeit, da das Heimweh in Israel stieg, Du, Mose unterer Tage, Gott geb deiner Sache den Sieg.* David Neumann (Tet-Awiw) Dr. Tulo Nussenblatt: Domherr Börries, Freih. v. Münchhausens Erinnerungen an Theodor Herzl Seine Stellung zum Judentum und zum Zionismus I'