Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 289 (6.7.1933)
- Date
- 1933-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Stffc 9 19. TODESTAG Nr. 289 — 8. Jnll T833 ZU HEDZIS 0. f.. ‘finkeistein.t J&eod&h, JieKdLi ßet}te\tf\ä&£ing, $iu& dm Zyk&uSs NweMex. um HexriL ." Schweratmend schlendert Herzl im Franzensbader Kurpark umher und nippt behutsam aus dem Trinkbecher das Quellenwasser. Fast menschenleer ist noch die Promenade, und der leichte Dunst des erwachenden Frühlingstages steigt mit berauschender Pracht aus den Gartenanlagen, die in einer Flut von leuchtenden Farben eingebettet sind. Tiefster Friede liegt über den weißen Pavillons, die im Waldpark versteckt noch zu schlummern scheinen, und Morgentau Überglänzt den uralten Moorgrund, aus dem Menschenkunst eine Kurstadt hervorzauberte. Wie benommen wandelt Herzl auf dem Kiesweg zwischen den silbrig schimmernden Weiden und fühlt gleichsam, wie sich langsam die Umklammerung von ihm löst, als erwache er erst allmählich aus einem schweren, langen Traum* Müde ist er und bleiern ziehen die Füße. Von Zeit zu Zeit bückt sich die große, breitschultrige Gestalt, bleibt eine Weile tiefatmend stehen, um dann zitternd zur nächsten Bank hinzutaumeln. 7- «Ist es die Kohlensäure, die mein Herz so angreift?...» durchzuckt ihn der Gedanke. Hoffentlich gelingt es diesmal noch den Salbadern es mit Salzquelle und Kohlensäure au reparieren? Ein resigniertes Lächeln überstrahlt für eine Weile das aschfahle Gesicht, das der tiefschwarze Bart wie ein riesiger Tratierrand umrahmt. Von der Kurmusik ertönen die ersten Weisen. — «So ist . das Leben» .— klingt durch den Kurpark der melancholische Schlager der Saison und durchdringt die Herzen der Promenierenden mit der zitternden Erwartung müder, heilungsbedürftiger Menschen. Wie eine dumpfe Brandung hallt in Herzl noch das Echo seiner letzten Unterredungen, Aufträge, Programme und Sitzungen.. — «Ja, ja — das ist das Leben 1» — summt er unwillkürlich mit. Wie ein feiner Sprühregen rieselt diese Melodie um die Schläfen des traumhaft schlendernden Kurgastes. Erst vor einem Monat hat er stolz und aufbegehrend vor dem Papst und dem italienischen König die Umrisse seines Judenstaates entwickelt, noch vor einer Woohe hatte er die folgenschwere Unterredung mit Goluchowski am Ballhausplatz und nun trottet er mühsam über den Franzensbader Kiesweg dem Lebensende entgegen. ‘ — «Dem Lebensende?» —- Mit bebenden Lippen haucht er dieses Wort hin und eine Gleichmut überkommt ihn, als wenn es sich um einen Fremden handeln würde, dessen erlöschende Seele er in einem Feuilleton der «Presse» festzubannen hätte. — «Mitten im Leben kommt der Tod» — dieser Satz, den er am Tage der überstürzten Abreise am Schreibtisch auf einen auffallend großen Bogen Papier hingebreitet hatte, begleitet ihn seither wie ein fernes, dumpfes Echo. Müde setzt er sich auf eine Bank und mustert die promenierenden Kurgäste. Kaum eine Handvoll lockte die beginnende Vorsaison heran, und diese einzelnen Gestalten, die langsam und bedächtig mit dem Becher zu den Trinkquellen pilgern, scheinen ihm wie ein Heer totgeweihter Brüder und Schwestern, die die Unrast des Lebens gleicherweise wie ihn zerschmettert hat. — Ist es das Herz, die Niere, die zerbeult und zerstampft hier Heilung sucht? Ach, Brüder, Schwestern, alle sind sie gleich, wenn eine Krankheit sie bedrückt Reich oder arm, klug oder beschränkt, Ueberwinder oder Sklaven des Alltags.'— Wie dunkle, einförmige Schatten huschen sie alle an der Gischt vorbei, die aus den Urtiefen der Erde hervorschießt, empfangen den gefüllten Becher von den weißgekleideten Mädchen am Brunnen und trotten langsam weiter, weiter... Bis sie zur Mutter Erde helmkehren, aus der das lebenspendende Wasser quillt... Die ganze Melancholie der Vergänglichkeit strömt Herd aus den einfachen Weisen der Kurk'apelle entgegen. Es war ein berauschend schöner Frühlingstag. Der Rasen im Kurpark schimmerte schon im saftigen, jungen Grün der letzten Maitage, und der betäubende Duft des Flieders drang atembeklemmend in Herzte Lunge. Er fühlt sich wie zermalmt Der plötzliche Abbruch jeder Betätigung über dringenden Rat der Aerzte, die schleunigst nach der Audienz bei Goluchowski zu ihm berufen wurden, löste bedrohlich die schleichende Krankheit aus, die Herzl schon seit langem vor der Welt zu verbergen suchte. Die sturmgepeitschte Hetzjagd der letzten Jahte ballte sich erst mit der plötzlich aufgezwungenen Muße zu einer unendlichen Müdigkeit -zusammen. Dieser neun Jahre, die mit dem Erscheinen des «Judenstaates» begannen und wie eine Sturzwelle das behagliche Leben eines schriftstellernden Grandseigneurs in einen Wirbel von Unruhe und Unrast mitrissen. Zum Bersten gefüllt mit tausend Plänen, Verhandlungen, Reden, Kongressen, Gründungen, jagte er durch diese Zeitspanne wie ein leibhaftiger Ahaverus von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, zu Königen, Fürsten, Diplomaten, bittend, bettelnd, drohend und überzeugend. Bis er nach der letzten Sitzung des Aktionskomitees, in der der Streit um Uganda mit der Charkower Opposition endlich beigelegit wurde, an einem kranken Herzen zusanvmenbrach. — Ein Herzl — Ein neues Herz! — Ein Königreich für ein Herz! — Wehmütig verziehen sich die blauunterlaufenen Lippen zu einem melancholischen Lächeln. Warts nicht sein Traum vom Königreich, der mit eisernem Griff die Helotenbrut aus allen Weltteilen in kaum neun Jahren. zu einem auf erstehenden Volke zusammengeballt hat, und war’s nicht sein Herzblut, das er für dieses Königreich hergab? — Ein Königreich für ein Herz! — Gerade jetzt, an der Schicksalswende der Bewegung, wo er es so dringend braucht. Jetzt, wo sich , auch Rußland der englischen Initiative anschließen will und die Zustimmung Deutschlands und Italiens bereits gesichert ist. Man braucht mich noch — Schluchzt 6s förmlich in ihm —, man ruft ja nach mir. Von Petersburg bis London wartet alles nur auf seinen, des Führers Wink — des Führers, der sich indessen wie ein wundes Tier in diesen Winkel von Salzwasser und Schlamm verkroch. — Er, der ungekrönte König eines heimatlosen. Volkes und dessen letzte Hoffnung. 1 Ein Gefühl der unendlichen Einsamkeit drückt ihn zu Boden. Ein edles Pferd stirbt, in den Sielen — wie oft, wiederholte er seinen Getreuen diesen Satz, als sie ihn * zur Schönung ermahnten. Und doch packt ihn dieser einfache Ausspruch jetzt, da er am Ende seiner Kräfte zu Sein scheint, mit einem kalten Schauer. Die plötzlich aufsteigende Erkenntnis der Vergänglichkeit aller Kreaturen und der unendlichen Einsamkeit der auserwählten Höhenmenschen erhellt erst jetzt mit grellem Blitz die Tragik seiner Sendung. Wie riesige Spinnen wälzen sich seine Gedanken. Vom Tod zum Leben und von der grenzenlosen Traurigkeit, die seine letzten Jahre stets umschattete, zum tiefsten Weh einer schöpferischen Seele, die an der Pforte der Erfüllung entzweibricht. — «Gott zerbricht die Werkzeuge, derer er sich bedient» — ahnungsvoll erfaßt er jetzt diese alte Weisheit. Was ist der Sinn unseres Seins? Ein kraftstrotzender Gebieter bin ich für Millionen, und — als armselige Kreatur stehe Ich nun vor der dunklen Pforte der Ewigkeit. — Nur kurze Zeit noch, hämmert sein Herz. — Warte nur — balde... Seine Schläfen glühen und das ruhelose Herz springt ungeduldig in der schweratmenden Brust. Müde schlürft er das letzte Wasserglas und klappt den Band Dickens zu, den er vergebens zu lesen versuchte. — «Wiegt nicht ein Brief meines Hans aM die Bände des englischen Fabulierers auf?» — daohte er und entfaltete langsam das letzte Schreiben seines Sohnes. «Lieber, lieber Pa! Wir sind alle kreuzvergnügt und waren am Sonntag im Prater, da dachten wir stets an Dich. Nur die Mutti blieb zu Hause. Seit Du weg bist, weint sie immerfort. Eine richtige Jammerliese, nicht wahr, Pa? Weißt Du, Papa, da war neulich die Großmutti und da schrie und weinte die Mama so bitterlich. — Für alle — schrie sie — hat er ein Herz, nur für uns nicht. Alle Welt versorgt er, nur an uns denkt er nicht. Wir sind auch Menschen, wir sind a u c h Menschen. Ich verkroch mich in einen Winkel, daß man mich nicht sieht, aber ich hörte alles. Es war so traurig. Wen meint denn die Mama?» Herzl zuckte nervös mit den buschigen Brauen und ein bitterer Geschmack stieg ihm in die Kehle. «Wen die Mama meint?» Arme, unglückliche Juliei Neun Jahre raste er wie vom Satan besessen durch die ganze Welt. Was war ihm Weib, was war ihm Kind? — Mein Herzblut verschenkte Ich Millionen — tobte es in ihm wie in einem plötzlichen Aufruhr —, dieweil die Nächsten an meiner Seite verschmachteten... Ist’s nicht am Ende ein toller ^Spuk gewesen, der mir mein Glück und den Kindern den Vater raubte?... Er ging langsam zur Villa «imperiale», wo er sein Quartier hatte. Die schweren, geschwollenen Füße gruben sich tief in den frischen Kies, und ’• mit keuchenden Atemstößen sog er krampfhaft die Würri; des strahlenden Frühlings ein. — «Mitten im Leben komm* der Tod» — brütet es in ihm ohne Unterlaß. Wie ein schwarzer, riesiger Vogel schwirrt sein Schatten um ihn. Ist es Angst vor dem Unbekannten, die ihm gerade in den letzten Tagen der Muße die Kehle zuschnürt, oder ist’s das gewaltige Rätsel des Lebens, dessen dunkle Wogen alle seine Novellen, Feuilletons und Theaterstücke seit jeher überfluteten? Ein Schauer schüttelte den großen, massigen Körper. Der Tod schlich sich ja lange genug in seine Tage und Nächte ein. Hatte er doch mit kalter Knochenhand in Herzls erster Jugend ihm die einzige Schwester weggerafft, und ais man vor gerade zwei Jahren seinen vergötterten Vater ins Grab senkte, da sagte er zu seinem Sekretär Reich: «Bald, bald werde ich auch da unten liegen.» — Wenn ich sterbe — verzeichnete er damals in seinen Tagebüchern — läuft die Maschine glatt weiter. Man wird mir einen schönen Nekrolog schreiben, sonst ändert sich nichts! — Nur die Mutter — durchfuhr ihn plötzlich der Gedanke. — Die Mutter, wiederholte er dumpf. Der schrieb er ja erst gestern, er fühle sich pumperlgesund und lungere wie ein patentierter Faulenzer herum. Wenn sie wüßte, daß seine Lebensflamme bald erlöschen werde. Er erkennt es ja an den sorgenvollen Mienen der Aerzte und an den 120 Pusschlägen, die den Schädel zermartern. Vor dem Hotel erwartet ihn bereits sein russischer Emissär Katzeneisohn. Er befand sich auf dem Rückwege aus London, wo er nach Herzls Weisungen mit Lord Landsdowne und Bankier Schiff verhandelte. Er hatte telegraphisch dem kranken Führer seine Ankunft avisiert, um neue Weisungen für die Verhandlungen mit Minister Plehwe einzuholen. Mit einem Ruck strafft sich die majestätische Gestalt des Kranken, und mit einem gemütlich-frohen Lächeln begrüßt er den vertrauten Mitkämpfer. Mit fliegender Hast muß der Gast berichten: Schiff sei bereit, über Wunsch Landsdownes für Rußland ein Darlehen zu vermitteln, falls sich etwas für die Juden machen ließe. Schiff erwarte nur von Herzl einen Plan, den er dem englischen König vorlegen wolle. Auch sei gleichzeitig ein Memorandum für Plehwe notwendig. Tausend neue Pläne hämmern plötzlich auf Herzl ein, Baron Calice weilt gerade in Wien, Goluchowski dürfte ihn vereinbarungsgemäß instruieren, Erzherzog Eugen stieg in Karlsbad ab, an den muß er in den nächsten Tagen, durch Lippay herankommen, und an Plehwe schreibt er noch heute. Der ungeheure Tatendrang des geborenen Führers schießt aus allen Poren des müden, kranken Körpers. Während er mit tiefernster Miene den Bericht entgegennimnit/’ entwirft er bereits neue Pläne für die nächste Zeit. — Vor-: wärts geht’s, vorwärts! — alter Knabe — unser Judenstaat ist auf dem Wege — wenn wir wollen — sprudeln förmlich seine Worte. — Sie fahren diesmal nach Ihrem Libau über Petersburg. Macht nichtsl Auch unser Volk muß noch manche Umwege bis zum Endziel machen. Trotzdem Ihre russischen Kommilitonen mir Uganda als Verrat ankreiden wollten. Bei Plehwe führte ich Sie bereits persönlich als meinen Vertreter ein. Sie entwickeln ihm Schiffs Darlehensplan, unterstreichen, daß von uns das Zustandekommen abhängig ist, verlangen eine Einführung bei Witte und schlagen als Gegenleistung eine russische Intervention bei der Horte im Interesse der Juden vor. Genaue Instruktionen erhalten Sie noch in einem versiegelten Kuvert. Sie halten sich strenge an meine Weisungen und drahten den Bericht direkt an das Aktionskomitee in Wien — falls ich nicht mehram Leben sein sollte... Wie ein Blitzschlag trafen die letzten Worte den Gast! Er blickte jäh auf. Soll’s ein Scherz sein? Im ersten Ansturm des Wiedersehens überschüttete ihn der Führer förmlich mit Fragen, Plänen und Aufträgen, so daß sein Blick nur nach innen gekehrt, Herzl kaum genauer beobachtete. Da nun die letzten Worte ihn wie ein Peitschenhieb unvermutet trafen, blickte er prüfend auf und zuckte förmlich zusammen. Dieses aschfahle Antlitz mit den sfeltsam verfallenen Backen, die glühenden, tieftraurigen Augen, die wie von plötzlicher Todesangst geweitet schienen, die struppigen, wirren Haarsträhnen des langen Bartes, der ganze Verfall der massigen, übergroßen Gestalt — er erkennt erst jetzt blitzschnell den i-rnst der Krankheit. Das Blut schießt ihm in wilde^ Verzweiflung in den Kopf. Doch im Nu übermannt er den Schmerz in Gegenwart des Führers und versucht, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Doch Herz! wiederholt mit vollem Nachdruck: — Unsinn, wozu sollen wir uns täuschen, es ist bei mir nach der dritten Glocke. Ich bin kein Feigling und sehe dem Tode ruhig entgegen, es ist keine Zeit mehr zum Scherzen — es ist bitterer Ernst. Der Gast verbiß krampfhaft die Lippen, um einen Aufschrei zu unterdrücken. Eine bleierne Schwüle lagerte in der Luft. Er schwieg, während Herzl mit fliegendem Atem ihm einen genauen Plan seiner Mission bei der russischen Regierung entwarf. Die gesamte Korrespondenz wurde noch eingehend geprüft und neue Entwürfe in präzisen Umrissen festgelegt. Knapp vor dem Abendessen erinnerte der behandelnde Arzt Herzl an die Einhaltung der vorgeschriebenen Kur und ordnete einen kurzen Spaziergang zur Waldquelle an. Nun war die Promenade viel belebter. Ein Gewirr von Stimmen erfüllte die Dämmerung. So mancher von den Spaziergängern trat scheu zur Seite, als er die übergroße, breitschultrig’ (' ..’ T,,'’°nführers erblickte, de#- 1