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Die Stimme · 1933-07-06 · Heft 289 (6.7.1933) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 289 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Smie 6 DIE STIMME Nr. 289 — 8. Jul! 1933 durch reine Politik, sondern durch reir.e Brutalität. So ist denn der Anschluß die Donau hinab fortgeschwommen und für die kleine Republik tauchen plötzlich drei Lösungen ihres Problems auf: Die monarchistische Restauration, die Bildung einer Österreichisch-ungarischenkroatischen Union und der Anschluß an die kleine Entente. Aber da ist noch eine vierte Lösung, und wir jüdischen Staatsbürger finden gerade diese als die richtige :Oesterreichzuneutralisierenund als Freihandelszonezuerklären, das heißt, es von allen Ein- und Ausfuhrzöllen zu befreien, ihm die Mtttel zu seinem Ausbau zu leihen und seine Sicherheit. speziell gegen die deutschen S. A.-Leute, zu verbürgen, Oesterreich ist einer der anständigsten Staaten. Es kommt pünktlich seinen Verpflichtungen nach und hat in seiner Banknolitik Ansehnliches geleistet. Es verdient Hilfe, und wenn es auch nur wäre, diesen Rest London. Die am 27. Juni in der Queen’s Hall zu London abgehaltene Massenversammlung führender christlicher Persönlichkeiten Englands, auf der eine vom Erzbischof von C a n t e r b u r y, dem Oberhaupt der englischen Hochkirche, vorgeschlagene Resolution, die sich un.er Betonung des Wunsches nach einem freundschaftlichen Verhältnis zum neuen Deutschland gegen Zurücksetzung der deutschen Juden wendet, einstimmig angenommen wurde, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung des englischen Volkes und der englischen Christenheit für die Aufrechterhaltung der Grundsätze der Toleranz gegenüber religiösen und ethischen Minderheiten und ihres Rechtes qjif Lebensmöglichkeit und freie Entfaltung. Den Vorsitz in der Versammlung, die von über 3000 Personen besucht war, führte Lord.Buckmaster, ehemrJiger Lord Chancellor, ln seiner Eröffnungsansprache erklärte er, er fühle sich zur Leitung-dieser Versammlung um so mehr berufen, als er weder durch Geburt noch durch persönliche Beziehungen in irgendeinem Zusammenhang mit der jüdischen Rasse stehe. Es, wäre kaum möglich* irgend jemand zu finden, der jüdischer Beeinflussung werter entrückt sei als er. Diese Versammlung sei nicht eine Kundgebung von Menschen, die selbst unter Verfolgung zu lei- < den hätten, sondern von unabhängigen, von Gerechtigkeitssinn erfüllten Menschen, die Deutschland Wohlwollen, aber gegen ein Unrecht, eine Ungerechtigkeit protestieren, für die die Verantwortung zu tragen sie niemals mit' herangetogen werden wollen. Unmittelbar nach Kriegsschhiß, fuhr Lord Buckmast e r fort, versuchte man, mit den Deutschen hier in ähnlicher Art zu verfahren, wie sie es heute in, Deutschland mit den Juden tun. Ich habe damals mit all meiner Macht gegen die Einführung solcher Bestimmungen protestiert« Der Vorschlag wurde im Oberhaus unter dem Eindruck der Reden Lord Newtons und des damaligen Erzbischofs von Canterbury abgelehnt. Dadurch wurden Tausende von Deutschen in England davor bewahrt, aus ihren Steilungen verjagt und in das hungernde Europa getrieben zu werden. Zweifellos haben wir das Recht, vom deutschen Volk gehört, zu werden. Ich glaube, daß unbedingt unparteiische Handhabung von Recht und Gerechtigkeit nicht nur zwischen Mensch und Mensch, sondern auch zwischen Rasse und Rasse, Nation und Nation das einzige Heilmittel für diese gequälte Welt darstellt. Es ist versucht worden, Juden ausschließlich wegen ihrer Rasse 'aus dem Gerichtssaal, dem Hörsaal und dem Kran!;.ubaus zu entfernen, ein Todesurteü über eine große Zahl harmloser Menschen zu fällen, denn heute wie immer bedeutet es jemandem das Leben nehmen, wenn man Ihm die Lebensmöglichkeit nimmt. Die Ausschaltung der Juden erscheint um so mehr als ein nicht zu rechtfertigender Akt der Grausamkeit, wenn man bedenkt, daß sie Menschen betrifft, die mitgehoffen haben, den Bau des Staates aufzurichten. Ich habe nichts über die Dankesschuld gesagt, die gegenüber dem jüdischen Volk besteht. Das Genie vort Juden auf dem Gebiet der Musity, der Wissenschaft, Kunst und Philosophie war es, das dazu beigetragen hat, die deutsche Nation auf ihren hohen Stand geistiger Bedeutung Juden, kaufet Palästina-Produkte bei lamiielHalpern Wien, II., Förstergasse 6, Tel. A-46-4-12 Jaffa-Orangen nur noch kurze Zeit. 1 kg S 1.— von schöner und freundlicher Kultur vor den preußischen Stiefeln zu schützen. Wir wissen sehr wohl, daß hier ganze Generationen seit 40 Jahren von diesem deutschen Rassegeist vergiftet worden sind, und daß insbesondere an den Hochschulen von den Männern der angeblichen Wissenschaft unglaubliche Dinge im Dienst des antijüdischen Rituales geschehen sind. Aber die jetzige Regierung scheint die große Gefahr erkannt zu haben und sie zeigt Willen und Kraft, die Schlammflut aufzuhalten. Wenn sie dabei bleibt, wird sie den Staat retten, wird sie den Schilling davor bewahren, in den Abgrund zu stürzen, der sich hoch, ehe die Winterstürme kommen, für die Mark auftun wird. Oesterreich muß Arbeit schaffen. Dazu braucht es Geld und das Ausland, auf das es ankommt, möge bedenken, daß es im Ernstfall an einen Tag mehr ausgeben müßte, als Oesterreich heute Verlangt,! zu erheben. In einer deutschen Stadt war eine Straße nach einem Juden benannt, der zur Bekämpfung einer schrecklichen zerstörenden Krankheit wesentlich beigetragen hat; glauben die Deutschen, wenn aie den Namen dieses Juden streichen, ihrer Dankesschuld ledig geworden zu sein? Kann man die Augen verschließen vor1 der Dankesschuld, die die ganze Kulturwelt den Juden gegenüber dafür trägt, daß diese Ihr eine Literatur geschenkt haben, die ohnegleichen in der Geschichte dea Menschengeschlechtes ist. Das deutsche Volk schuldet dter’ Lehre dieser Literatur Treue. Heißt es zu viel verfangen, wenn man es auffbrdert, der Worte eingedenk zu sein: «Drei Dinge fordere ich von Dir, oh Mensch: Gerechtigkeit zu üben) Barmherzigkeit zu lieben und demütig mit Deinem Gott zu wandeln.» Diese Versammlung, erklärte Lord fcuckmaster zum Schluß, ist nicht einberufen worden, um die Regierung aufzufordem* einzugreifen. Es handelt sich um einen Gegenstand, der internationaler Kontrolle, nicht, unterliegt. Aber wir sind ztisamraengefrommen als Freunde Deutschlands, um auszusprechen, mit welcher Besorgnis wir dem Zusehen, was es tut. Man mag sagen, Proteste seien vergeblich; vielleicht ist es» so; aber* .um wie viel mehr wären sie zu einem späteren Zeitpunkt vergeblich, wenn der Wirbelsturm seine Todescmte vollendet hat. Die Resolution Der Erzbischof von Canterbury, Dr. Cosmo Gordon Lang, verfas sodann folgende Resolution: «Ohne das Recht in Anspruch zu. nehmen oder den Wunsch zu hegen, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumengen, und von dem Wunsche erfüllt, daß die höchst freundschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland aufrechterhalten werden mögen, hält es die Versammlung für ihre Pflicht, ihrer Meinung Ausdruck zu geben, daß die derzeit gegenüber den Juden in Deutschland geübte Zurücksetzung den Grundprinzipien der Toleranz und Olelchberech- , t i g u n g widerspricht, zu denen sich die moderne Welt kn bezug auf die Behandlung von Minderheiten der Religion oder Rasse nach bekennt» Ansprache des Erzbischofs von Canterbury Den Wortlaut der von ihm vorgeschiagenen Resolution machte der Erzbischof von Canterbury zum Ausgangspunkt einer großangelegten Rede, in der er es alb Gewissenspflicht bezeichnete, gegen Ungerechtigkeiten aufzutreten, die das Gefühl allmenschlicher Verbundenheit verletzen, und darauf hinwies, daß alle Völker Ölieder etner großen Familie seien. Br führte u. a. aus: Diese Resolution zeichnet sich nicht durch Feuer oder Kraft der Sprache aus; sie| ist im Gegenteil betont mäßig und zurückhaltend. Sie bringt die Meinung ganz Englands zum Ausdruck. Lord Buckmaster kann als Vertreter der Bürgerschaft dieses Landes, ich selbst als Vertreter semer Christenheit gelten. Wir alle wissen, fuhr der Erzbischof fort, daß in Deutschland, während wir hier friedlich beis&mmensitzen, die Juden aus jedem Staatsdienst vertrieben werden, aus Stellungen entfernt werden, die sie infolge ihrer Fähigkeiten auf dem Gebiete des Rechts, der Medizin und Kunst erlangt haben, ln immer steigendem Maße werden sie der Möglichkeit, ihren Unterhalt zu Anden, beraubt. Besonderer Unwille erfüllt uns, wenn wir an die Behandlung jüdischer Kinder in Deutschland denken, die man wie etwas Unreines absondert; stellen Sie sich die Wirkung dieser Maßnahmen auf die Kinder vor. Man erweckt in ihnen den Eindruck, daß sie nicht wert seien, sich anderen Deutschen anzuscMießen. Stellen Sie sich die Wirkung einer beh. konz. Realbüro IN6. N. MUHLBAÜER Kaut und verkant von Realitäten, Hypotheken I., il. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, üebäudeverwaltung Büro: Franz Josefs-Kai 11 Tel. R-25-0-44 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 Erziehung auf nichtjüdische Kinder vor, die diese zu Verachtung und Verspottung ihrer Mitmenschen anhält. Es ist unmöglich, ln Schweigen zu verhören — schon um der Beruhigung unseres eigenen Gewissens willen — wenn Im . Ausland Unrecht geschieht, das die Gefühle menschlicher . Verbundenheit verletzt. Wie es in der Resolution heißt, wollen wir uns in die Gesetzgebung anderer Länder nicht einmengen. Aber erhuiem wir uns an die Worte, die der große Kardinal Manning zur Zeit der Verfolgungen in Rußland sprach: «Die Gesetze des Menschentums, die Gesetze Gottes sollten die Grundlage aller anderen Gesetze sein. Wenn sie verletzt werden, haben alle Kulturnationen das Recht, laut Einspruch zu erheben.» In diesem Geiste sprechen wir auch heute. Langsam, aber mit votier Gewißheit gelangen wir zu der Erkenntnis, daß alle Nationen Glieder einer großen - Familie sind. In dieser Erkenntnis liegt die ernzige Hoffnung auf Wiederherstellung einer gedeihlichen Entwicklung in : der Welt. Ich stehe heute nicht hier, etwa weil ich dazu von jüdischer Seite aufgefordert worden wäre, sondern weil unser Herz, den gemeinsamen Grundsätzen unseres Menschentums gehorchend, den Juden entgegenschlägt. Ansprachen des Vorsitzenden der methodlstischen Kirche und des Earl of Idesleigh im Namen der Katholiken Dankwort Lord Readlngs Es sprachen noch der Vorsitzende der United Conference of Methodic Churches, Dr. John 9cott-Lidgett, der besonders darauf hinwies, daß es ein *n entscheidenden Schlag gegen die Wirksamkeit internationaler Beziehungen jeder Art bedeuten würde, wenn die *n Deutschland gegen die Juden angewandten Grundsätze in d!c internationale Politik Eingang Anden sollten, und die hohen Verdienste, die. sich die Juden sowohl ln England als auch in Deutsch* tand um den Staat und die allgemeine Kultur erworben haben, hervorhob, ferner der Earl of Iddesleigh im Namen der Katholiken. Er erklärte u. a., daß die Juden In; allen Staaten bemüht seieri, sich der jeweiligen Staatsförriir* anzupassen, und wies' in diesem Zusammenhang insbesoi**' dere auf Italien Wn, wo den Juden volle F-elhe t gewährt sc1 und viele von ihnen hohe Stetigen in Parte! und Staat bekleiden. Erfahrung zeige, daß Rasse iutil:,rschie'4'» kein Hindernis für nationale Einheit seien. Die Versammlung schloß mit einem Dankwort Lord Readings, der sein» tiefen Bewegung über dle spontane Kundgebung der Vertreter aller christlichen Bekenntnisse Englands Ausdruck gab. Als Bürger Englands hätten dis Juden zu würdigen gelernt, was bürgerliche Gleichberechtigung bedeute, und gesehen, daß der charakteristische Genius Englands auf der Verteidigung der Grundsätze von fair play, Freiheit, Toleranz, und vor allem Gerechtigkeit, beruhe. Bitte für einen delogierten Gesinnungsgenossen. Ein Gesinnungsgenosse, veriieiratet, Vater von zwei Kindern, wurde delogiert und befindet sich in bitterster Not Die Administration der «Stimme» ist bereit, Spenden entgegenzunehmen und auszuweisen. Der Delogierte spricht acht Sprachn und ist bereit, jede Arbeit anzunehmen. Berichtigung An die Redaktion der «Stimme» Wien, 1. Sie schreiben in Ihrer Nr. 285 vom 22. Juni 1933: «Der Mörder Arlosoroffs verhaftet. Der Täter efn Mitglied des „Berit Trumpeldor”.» Unter Berufung auf §§ 23 und 24 des Preßgesetzes fordern wir Sie auf, nachstehende Berichtigung zu bringen: «Es ist unrichtig, daß der Täter ein Mitglied des „Berit Trumpeldor” ist, richtig ist vielmehr, daß der Täter kein Mitglied des „Berit Trumpeldor” ist.» Hochachtungsvoll Die Bundesleitung Berit Trumpeldor. * Im Sinne des Preßgesetzes sind wir verpflichtet, jede und noch so hirnrissige Berichtigung zu bringen. Unsere Nachricht über den Mord Übernahmen wir von der «J. T. A>, einer Korrespondenzstelle, die stets das Sprachrohr der Revisionisten Ist, und mögen sich die Revisionisten bei ihren Freunden in der «J. T. A.» für die Verbreitung dieser Nachricht bedanken. Im Übrigen ist das Ergebnis der noch lange nicht abgeschlossenen Untersuchung abzuwarten. Wir sind als Jüdische, verantwortliche Journalisten die ersten, die sich freuen werden, wenn sich heraussteilen sollte, daß die Hetzkampagne, die seit Jahr und Tag von Jabotlnsky, und seihen Anhängern gegen die jüdische Arbeiterschaft getrieben wird, doch nicht bis zu einem Mord geführt bat. Im Namen des bri ischen Volkes und der britischen Christerheltl Die englische Hochkirche gegen die deutschen Judenverfolgungen Kongreßwähler! Spendet anläßlich der Kongreßwahlen am 6. full 1933 für den Keren Kajemeth!

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