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Die Stimme · 1933-06-29 · Heft 287 (29.6.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 287 (29.6.1933)
Date
1933-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DTE STIMME Seife % Nr. 287 — 29. Jan! 1933 Cer Cllgemeine Zionismus - der Zionismus des gesamten Volkes Der zweite Wiener Vortrag Dr. Benzion Mossinson (j. r.) Welch’ gewaltige« Interesse heute in allen Kreisen ck‘r Wiener jüdischen Bevölkerung der Erörterung allgemeiin zionistischer und Palästina-Probleme entgegengebracht wird, wie Wiens zionistische Massen in Bewegung gesetzt werden können, wenn das Zionistische Landeskomitee zu einem Vortrage, zu einer Kundgebung für einen verstorbenen Führer ruft, bewies der vom Zionistischen Landeskoni itee für Oesterreich am Donnerstag, den 22. Juni, im Hotel «Post veranstajtete zweite Vortrag des Führers der Allgemeinen Zionisten Palästinas, Dr. Benzion Mossinson. Der Eindruck von dem vor 14 Tagen in engerem Rahmen gehaltenen Vortrag Mossinsons war den Zionisten Wiens noch in bester Erinnerung, so daß der Andrang zu seinem zweiten Wiener Vortrag, der durch das erschütternde Ereignis der letzten Woche in Palästina auch eine Trauerkundgebung für Arlosoroff werden sollte, ein so starker war, daß der 800 Personen fassende Festsaal des Hotels «Post» eine Stunde vor Beginn polizeilich gesperrt werden mußte und viele hunderte Zionisten keinen Einlaß finden konnten. Es sei vorweggenommen: Der zweite Vortrag Mossinsons hat den Eindruck von seiner Persönlichkeit womöglich noch verstärkt und vertieft. Musterhaft im logischen Aufbau, inhalts- und gedankenreich, hielt seine Rede das Kopf an Kopf trotz der Hitze ausharrende Publikum in mehr als zweistündiger atemloser Spannung, die sich nur durch wiederholte stürmische Beifallskundgebungen löste. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Herr Dr. Oskar Grünbaum, hielt bei Eröffnung des Abends eine tiefempfundene Ansprache, die dem Gedenken an den so tragisch verstorbenen Leiter der Palästina-Exekutive, Dr. Chaim Arlosoroff, gewidmet war und die vom Publikum stehend angehört wurde, ln warmen Worten zeichnete Dr. Grünbaum die Persönlichkeit des Dahingeschiedenen und unterstrich den großen Verlust und die große Lücke, die dieser Tod eines jungen Führers, von dem noch so vieles zu erwarten war, in der zionistischen Aufbauarbeit bedeutet. Nach Begrüßung des Gastes begann Dr. Mossinson seinen Vortrag, der auf der Erörterung der für die gegenwärtige Gesamtsituation des jüdischen Volkes und die Aufbauarbeit in Palästina akuten Hauptfragen aufgebaut war. Einleitend gedachte auch Dr. Mossinson des schmerzlichen Ereignisses, das mit dem Tod Dr. Arlosoroffs die jüdische Welt so erschüttert hat. Dr. Mossinson hatte im Laufe der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Verstorbenen trotz programmatischer Differenzen in Dr. Arlosoroff einen Mann geschätzt, bei dem stets die idiologischen Unterschiede hinter der Arbeit für das gesamtzionistische Ideal verschwanden. Dr. Mossinson wies zunächst auf die unerträglich gewordene Situation der Juden in aller Welt hin, die zu einer Lösung der Judenfrage im Sinne Herzls dränge und die sich nicht auf Deutschland allein beschränke. Hier habe bloß der brutale Antisemitismus schreckliche Formen angenommen. Doch was in Deutschland heute geschieht, kann morgen und übermorgen in anderen Ländern geschehen. Der Drang nach Palästina ist ungeheuer groß bei Ost- und Westjuden. Das Umschichtungsbedürfnis der Juden ist heute stärker denn je und in der allgemeinen Erkenntnis begründet, daß es so weiter nicht gehen könne. Die Motive für. diese Erkenntnis sind wohl schmerzlich, aber lassen nich darüber hinwegtäuschen, daß Hitler mehr vermocht hat, als 50 |p.hre zionistischer Arbeit. Doch nicht das ist das Ausschlaggebende. Der Drang nach Palästina beschränkt sich heute nicht auf eine Klasse, sondern auf das ganze Volk, wn! die Judenverfolgungen heute nicht gegen einen best mmten Teil oder eine Schicht unseres Volkes, sondern gegen das jüdische Volik als Gesamtheit gerichtet sind. In aiesfrn tragischen Augenhlick steht in der Flucht der Erscheinungen nur eines fest, daß die Sammlung der jüdischen Kräfte ein Gebot der Stunde ist. Es ist in diesem Zusammrnhang wichtig, sich auf die Rolle und auf die Mis- M Heilung der Redaktion Die nächste Nummer der „Stimme“ erscheint in verstarbtem Umfange und wird anläßlich des 29• Todestages Her zts eine Sonm derbeilage enthalten, die dem uir vergeßlichen Führer gewidmet sein wird. Sie bringt unter anderem als erstmalige Veröffentlichung eine Shizze aus dem Zyhlus „Novellen um Herzi“ von Z. F. Finkeistein unter dem Titel „Herzls ir?~ter Frühling“. sion der Allgemeinen Zionisten zu besinnen, die, einzig und a.'etn von der Erkenntnis des Volkshaften an der zionistischen Bewegung erfüllt ist. Der Zionismus ist eine Volksf.agt und es müssen um ihn alle Volksgruppen und Schichten gruppiert werden. Der allgemeine Zionismus allein kann diese Aufgaben erfüllen. Wir werden verfolgt nicht als Klatst, nicht als Teil, sondern als Volksgesamtheit. Die Verteidigung muß daher ebenfalls von der Gesamtheit des Volkes ausgehen. Die Erneuerung des Allgemeinen Zionismus schreitet vorwärts. Die Jugend hat mit ihrer psychologisch richtigen Intuition erkannt, daß ihr Platz im gegenwärtigen Augenblick nur in den Reihen des Allgemeinen Zionismus zu suchen ist, der die Sorge um das ganze jüdische Volk und um die Gesamtheit der jüdischen Aufbauarbeit trägt. Sie hat erkannt, daß der gegenwärtige Augenblick die Zurückstellung von Klassenunterschieden, die das Volk trennen, erfordert und daß wir vor allem das hervorheben müssen, was uns eint Man hat gegen den Allgemeinen Zionismus den Vorwurf erhoben, dieser sei gegen die Chaluzeinwanderung und für die Mittelstandsalliah. Der erste Vorwurf ist eine Verleumdung. Es ist ebenso nicht richtig, daß wir nur für die Mittelklasse sind, da es eine solche nicht gibt. Wiir haben weder Oberklassen noch Unterklassen. Wir sind alle zerbrochene, gequälte Juden, die alle der Rettung bedürfen. Ebenso falsch ist die Auffassung, daß wir für die Erstarkung der Privatinitiave im Gegensatz zur national-kolonisatorischen Arbeit sind. Man darf aber an folgenden Tatsachen nicht vorübergehen. Die Eingänge der nationalen Fonde sind im letzten Jahre in katastrophaler Weise zurückgegangen. Der Keren Hajesod hat eine Reduktion von 700.000 Pfund auf zirka 200.000 seiner Einkünfte erfahren müssen. Die Motive dieses Rückganges sind verschiedener Art Nicht zuletzt aber sind sie in der Hetzkampagne zu suchen, die von einer bestimmten zionistischen Gruppe gegen die nationalen Fonds, insbesondere gegen den Keren Hajessod, seit Jahr und Tag geführt wird. Auch trägt selbstverständlich die geradezu katastrophale Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Jude« in aller Welt dazu bei, daß die nationalen Fonde nicht mehr auf die Einkünfte der früheren Jahre rechnen können. Es ist auch vom psychologischen Standpunkt aus wichtig festzustellen, daß der Jude, der früher nur durch Geld den nationalen Aufbau des Landes gefördert hat, nunmehr durch die Ereignisse von heute erkennt, wie sehr der Boden auch unter seinen Füssen zu brennen beginne und nun daran denkt, durch direkte Arbeit im Lande seit ' Fuß zu fassen. Dies ist einer der Gründe für den Rückgang der Keren-Hajesod-Einnahmen. Die Juden, die durch die Wirtschaftskrise verarmt sind, geben dem Kerem Hajesod kein Geld und die, welche noch über Mittel verfügen, sind zurückhaltender geworden. Die anderen wieder wollen das Geld für Palästina im Lande seihst anlegen, um so für sich und die Ihren eine neue Existenz zu schaffen. Die Aliah bemittelter Schichten steht in keinem Gegensatz zur Aliah von Chaluzim, und es ist eine böse Verleumdung, wenn behauptet wird, wir Allgemeine Zionisten wären gegen Chäluzim-Aliah. Das Gegenteil davon ist wahr. Nur behaupten wir, daß beide, Mittelstand- und Chatuzim-Einwanderung, einander ergänzen, weil wir aus Erfahrung wissen, wie sehr nationales und privates Kapital einander ergänzen. Jenen Kreisen, die heute ausschließlich vom Privatkapital das Hell Palästinas erwarten, sei gesagt, daß es ohne nationales Kapital nie für das private Kapital Arbeitsmöglichkeiten im Lande gegeben hätte. Selbst die Hochburg des privaten Kapitals, Tel-Awiw, konnte nur mit Hilfe des nationalen Kapitals, des Keren Kajemeth gegründet werden. Die ersten 60 Häuser in Tel-Awiw sind mit Hilfe des Keren Kajemeth erbaut worden. Schulen, Spitäler, und die schönen Asphaltstraßen dieser rein jüdischen Stadt sind mit Hilfe des Keren Hajessod errichtet worden. Erst auf Grund dieser von nationalem Kapital geschaffenen Voraussetzungen konnte das Privatkapital sich weiter entwickeln und entfalten. Es wäre also Undank, an die Verdienste des nationalen Kapitals so leicht zu vergessen. In diesem Zusammenhang darf auch nicht vergessen werden, daß gewisse Arbeiten nie von privatem Kapital ausgeführt werden können. Zu diesen gehört vor aHem die Trockenlegung von Sümpfen, die bisnun ausschließlich mit Hilfe des nationalen Kapitals ausgeführt wurde. Dr. Mossinson kommt nun auf die Aufgaben des Allgemeinen Zionismus im Zusammenhang mit dem bevorstehenden 18. Zionistenkongreß zu sprechen. Er weist mit Schärfe die Behauptung jener zurück, die im Allgemeinen Zionismus nur eine Negation erblicken. Es sei absurd, zu glauben, daß, wer weder Revisionist, noch Anhänger der Histadruth Haowdim ist, ein Allgemeiner Zionist sei. Es ist ebenso falsch, daß der Allgemeine Zionismus eine Front gegen links darstellt. Es ist der Stolz des Allgemeinen Zionismus, darauf hinweisen zu können, das Tausende jungen Menschen, die jetzt als Chaluzim ins Land gehen, Chaluzim des Allgemeinen Zionismus sind und dem Weltverbandt der Allgemeinen Zionisten angehören. Wenn man uns fragt, mit wem wir auf dem nächsten Kongreß gehen werden, so antworten wir, diese Frage hat für uns keine Bedeutung. Nicht mit w e m ist wichtig, ob mit dieser oder jener Gruppe, sondern welchen Weg wir gehen werden, ist entscheidend. Und mit der Gruppe, die diesen von uns für richtig befundenen Weg einschlagen wird, werden wir auf dem Kongreß Zusammenarbeiten. Freilich, wie die Situation heute liegt, können wir nur folgendes sagen. Es fällt uns schwer, mit der Linken zu gehen, weil wir die Lösung der Judenfrage und unserer Probleme nicht nacht Parteistandpimkten und Parteigrundsätzen herbeizuführen wünschen. Wir anerkennen voll und ganz die großen Leistungen der Arbeiterschaft, die in Krisenzeiten große Selbstdisziplin bewiesen hat und wie wir, das Prinzip der jüdischen Arbeit hochhält. Wir glauben aber, daß man nicht gleichzeitig die Araber organisieren darf, wie das die jüdischen Arbeiter in Palästina tun. Die Histadruth Haowdim, die eigentlich eine neutrale Gewerkschaft sein sollte, die alle Arbeitenden zu umfassen hätte, ist dies nicht, weil ihre Führer gleichzeitig die Führer der Miflegeth Haawoda, jener sozialistischen Arbeiterorganisation ist, die auf dem Boden des Klassenkampfes steht. Trotz allem müsse die Histadruth erhalten bleiben. Mit den Revisionisten können wir nicht gehen — wobei schon liier die Frage auftaucht, mit welcher Gruppe der Revisionisten — da wir das Schicksal unserer Volksbewegung nicht Phantasten und Menschen, die Phantomen nachjagen. anvertrauen können. Man kann sich wohl kaum vorstellen, wo wir heute wären, auf welchem tiefen Punkte unsere Arbeit in Palästina heute stünde, wenn wir all jenen revisionistischen Parolen gefolgt wären — vom Seventh Dominion über Non-Korporation-Politik-Atempause bis zur Petition — die seit Jahr und Tag in die zionistischen Massen geschleudert werden. Nie hätte eine Petitionsbewegung soviel politisch durchzusetzen vermocht wie unsere tagtäglich vor sich gehende Aufbauarbeit. Dies ist die einzig mögliche Politik, die wir machen konnten und die machten wir. Ein lebendiges Beispiel hiefür bietet Transjordanien, das so lange in den revisionistischen Reihen Trumpf war. Unsere Aufbauarbeit, die auch in der schwersten Stunde nach den Augustunruhen, in den mutlosesten Tagen nicht unterbrochen wurde, die wir in Palästina geleistet haben, hat die Araber Transjordaniens aufhorchen lassen und sie zu uns geführt. Arbeit, das war unsere Politik. Um diese fortzuführen, bedarf es nur vereinheitlichter Kräfte. Und hier fängt die historische Mission des Allgemeinen Zionismus an. Die Allgemeinen Zionisten müssen stark und geeinigt zum Kongreß gehen. Wir waren bisher nur schwache Träger der Organisation, wir müssen aktiv werden. Nur so können wir für unsere Jugend sorgen und die Geschicke des Zionismus wesentlich beeinflussen.. (Stürmischer Beifall.) Dr. Mossinson beschäftigt sich hierauf mit den Arbeite- Verhältnissen im Lande, die nur dann geregelt werden können, wenn sich das Prinzip der nationalen Arbeitsabritage durchsetzen wird. Die Verdienste der «Histradruth Haowdim» um die Hochhaltung des Prinzips der jüdischen Arbeit in Palästina sind ungemein große, denn wir müssen uns dessen bewußt sein, daß, wenn wir nicht auf dem Grundsatz der jüdischen Arbeit in Palästina bauen, wir alles dort erreichen werden, nur kein jüdisches Palästina. Die Verdienste der Histadruth für den Jischuw müssen anerkannt werden. Wir sind weit davon entfernt, uns zur Aufgabe zu stellen, die Histadruth zu zerbrechen, aber das heißt noch nicht, daß ein Teil des Volkes seine Ansichten dem anderen Teil des Volkes aufoktroieren könne. Wenn wir über einen gemeinsamen Weg mit der Linken sprechen, so müssen wir vor allem feststellen, daß es bis zu einem bestimmten Grade wohl einen gemeinsamen Weg gibt. Hiebei müssen wir auch noch daran denken, daß uns mit einem Teil der Führer der Histadruth, insbesondere mit den Vertretern der älteren Generation, wie dem verstorbenen Arlosoroff, Ben-Gurion und Katzenellensohn, gemeinsame Wege und Ziele verbinden. Keine Brücke aber führt uns zu jenen lOOprozentigen Marxisten des «Noah Haowed», für die weder Herz! noch die blauweiße Fahne, noch die Tikwah existieren, sondern die nur Marx und die rote Fahne und die Internationale hochhalten. Dr. Mossinson kommt auf die letzten traurigen Erscheinungen in den Ar bettskämpfen m KAtSERSTR. 123 PC ALSERSTR. 6 S16-S18-S20,

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