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Die Stimme · 1933-06-22 · Heft 286 (22.6.1933) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 286 (22.6.1933)
Date
1933-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 286 - 22. Juni 1933 dte Strome Seite % Motzkins ,Jaccuse“ gegen die deutschen Judenverfolgungen DU Hede Len Motzkins auf dem Weltkongreß der Volkerhundligen in Montreux hn Folgerten bringen wir Ae Rede des Delegierten der palästinensischen Völkerbundliga, des Herrn Leo Motzkin, am Weltkongreß dar Völkerbundliga ln M o n t r e u x, die eine feurige Anklagerede gegen Ae brutalen Judenverfolgungen ln Deutschland war und auf alle Teilnehmer des Kongresses nachhaltigsten Eindruck ausgeübt hat Aus Raummangel sind wir leider gezwungen, diese ausgezeichnete Rede des bekannten Zionwtenführers und Minderheitenpolitikers Motzkin nur auszugsweise zu ver- /' ’ öffentlichen. (Die Rod.) f Ungeachtet der jetzt ln Deutschland herrschenden Vertuschung der Wirklichkeit, — führte Herr Motzkin aus engeachtet dessen, daß dort niemand imstande ist, über Ae Vorgänge briefliche Mitteilungen zu machen, und daß Ae meisten Mißhandelten selbst sich davor scheuen, über den Kreis ihrer Nächsten hinaus etwas darüber zu verfautbaren, ist es uns gelungen, eine große Anzahl von Angaben über Ermordungen Unschuldiger und vor aHem über furchtbare Mißhandlungen Hunderter von Menschen zu erhalten. Gleich wohl haben wir im Hinblick darauf, daß wir unter den herrschenden Umständen eine Kontrollierung aller Einzelheiten nacht haben durohführen können, so daß möglicherweise der •ine oder der andere Fehler unterlaufen wäre, darauf verzichtet, auf diese Einzelheiten eins »gehen. In den zehn Dokumenten, die wir an jedes Mitglied der Union versandt haben, findet sich nur eine ganz kleine Notiz über die Exzesse, so daß ich sehr erstaunt war, von gegnerischer Seite von neuem irgendwelche Bemerkungen über (fieses traurige Kapitel zu hören In der Hauptsache haben wir uns auf rem deutsche Quellen, wie z. B. auf das Reichsgesetzblatt, selbst berufen. Was kann stärker wirken als die Aufzählung und Reproduzierung dieser Texte auch ohne Kommentar? Sie die erlassenen Beschränkungen und Gesetze, die nacheinander im Monat April und anfangs Mai über die jüdische Bevölkerung Deutschlands erbarmungslos herübergesaust sind, nicht eine viel beredtere Sprache als Ae Meldungen von Exzessen, sind sie nicht in weit stärkerem Maße eine Art Greuelpropaganda, welche das offizielle Deutschland ohne unser Zutun in fein a(»gearbeiteten Paragraphen Über die Wett ausgehen läßt? Wer Aese Dokumente (emschiießHch der sachlichen Kommentare) durchgelesen hat, wird sich leicht vergegenwärtigen, in welche Situation die 600.000 Juden Deutschlands fast über Nacht gebracht worden sind. Durch eine systematische Ausnahmsgesetzgebung ihrer Rechte beraubt, sind bereits Zehntaiusende von jüdischen FamiKen in einen Abgrund hinabgestürzt worden und wedtare Zehntausende werden durch die Ausführungen dieser Gesetze und durch die administrative Praxis vom Ruine bedroht. Ohne irgendwelche ans Herz greifende Schilderungen über die zweifellosen grausamen Peinigungen und Mißhandlungen von Juden, über die wir mit einer langen Liste Ihnen berichten könnten, muß ich leider das allgemeine Fazit zu Ihrer Kenntnis bringen, daß Ae ganze rechtliche und wirtschaftliche Basis des Daseins der deutschen Juden so unterhöhlt ist, daß man sagen kann, daß dieses Judentum einem Vemichtungsprozeß geweiht ist Nun wissen wir wohl, daß einzelne Bilder von körperlichen und seelischen Mißhandlungen, wie sie durch Ae Presse gegangen sind, auf Ae Seelen der meisten Mitmenschen eine stärkere Wirkung ausüben als trockene Paragraphen. Seien Sie aber versichert, daß hinter diesen trockenen Paragraphen furchtbare Leiden stehen, daß Aese so gründlich zusammengesfeeliten Ausnahmegesetze das ganze jüdische Leben Deutschlands in eine Tragödie umgewadnelt haben. An einem Tage wurden Ae jüdischen Beamten, darunter zahlreiche Richter und Professoren, aus ihren Stellungen verjagt, an einem anderen Tage verloren Ae Advokaten und Notare zum größten Teil das Recht auf Ausübung ihrar Praxis, ein weiteres Gesetz enthält das Verbot zur Ausübung von Kassenpnaxis für den größten Teil der jüdischen Aerzte, wodurch ihnen zweidrittel ihrer Einnahmen genommen wurden, usw. Wozu soll ich jedoch den Inhalt dieser Gesetze und der dazu nötigen Kommentare wiederholen, da ja das ganze Material Ihnen Wer schriftlich vorliegt. Erlauben Sie mir aber ganz besonders auf jenes Ausnahmerecht hinzuweisen, welches der jfleffieohen Jugend den Besuch der mittleren und höheren Schulen sowie der Hochschulen fast gänzlich nimmt und hauptsächlich den Zweck verfolgt, das geistige Niveau der Juden auf künstliche Weise herabzudrücken, eine Maßnahme, welche mit Rückiscbt auf Ae Neigungen dir Juden einen besonders raffinierten Charakter hat. Welche Wirkungen1 diese April- und Maientreebtungen, verbunden mit einer unerhörten Verhetzung, Schikanierung und Bedrohung aüer Klassen des Judentums, bereits gehabt haben, können Sie in zahlreichen Hauptstädten Europas beobachten, wo schon heute zehntausende von deutschen Juden verzweifelt und faasungs- Vom HL Jod bk Ä Augotf 19SX (Qkoo Pot* und VtoagodOMno) Mm* Knkau. Lomborg, Zwluionohthooo nid o» dh thtmoUeo» Fronita. tUo M> §gtt» HUmMt, dhoon Sommor Poko *« boonohon. 0/m» mm» *om cm* *«**• Mp* (vom ML *4» H Jul) uoiono»um wordom Rootnkrto Pütt* AotkOafh uoa Anmt'Mungcn: InhraoUoaakt Rokobbro Monbor i Co, W* /„ Sebotnnrlog SL Totiption fl 52-5-lül RoJtou. HotolaotkuoHtbJUo £ Foton4 Wto», A, Käroiiwrrlng Nr. 12, Tokphoo U 40-301 k» herumlaufen, Ae noch gestern Aerzte oder Advokaten mit solider Praxis, Gelehrte und Schriftsteller mit großer Betätigung, Notare oder Richter, kaufmännische Angestellte oder Lehrer gewesen sind und heute in finsterer Sorge um die Möglichkeit irgendwelcher Weiterexistenz nach irgendweichem Rettungsmittel suchen und vor allem auch nicht begreifen können, weshalb sie einem solchen Schicksal gewaltsam überliefert worden sind. Und was heute außerhalb der Grenzen Deutschlands zum Ausdruck kommt, ist drüben ein Erlebnis von noch weit größerer Tragik, da das Gefühl der gesetzlichen Inferiorität da* ganze Dasein des judens erfüllt und »hm das Leben in einer Atmosphäre des Hasses und der permanenten Verleumdung zu einer Höhe macht. Wie soll ach Aeses Judentum fühlen, wenn Ae Parole der Aushungerung, der physischen und geistigen, gegenüber den Juden zu einem offiziellen Bestandtefi zahlreicher Kundgebungen geworden ist. Alle Grausamkeiten und Sinnlosigkeiten, die oft bis zur Lächerlichkeit gehen, habe ich auf dem Gebiete der Judenverfolgungen verschiedener Länder ebenso wie das Pogromunwesen leider gründlich erforscht und teilweise miterlebt, aber nirgends In der Welt im letzten Jahrhundert es gegeben hat, eine solche Situation der Juden, wie jetzt ln Deutschland, nirgends, nicht einmal in dem zaristischen Rußland. Eine solche durch Gesetze und Maßnahmen sowie durch offiziell anerkannte Haßpropaganda, organisierte Aushungerung und damit Vernichtung einer jüdischen Bevölkerung von 600.000 Seelen und anderen hundertt&usenden Menschen, die nur teil weise jüdischen Ursprung und somit nicht-arisch sind, ist einzigartig. Dabei hat von all dem auf das Judentum der Welt am stärksten der Umstand gewirkt, daß dieses gegen alle Gesetze der Moral und der Religion durchgeführte System nicht irgendwo in einem entlegenen und unzivili&ierten Staate immer fanatischer um sich greift, sondern ln einem Lande hn Herzen Europas, welches wir Juden selbst als eine Quelle höchster Kultur betrachtet haben. Wenn ich nicht ein Jude wäre, sondern ein Deutscher, würde ich das Emporwachsen einer solchen Bewegung, welche ln die Seelen der jüngsten Generation zersetzenden Menschenhaß einflößt und in so hohem Abstand von den ethischen Idealen steht, noch heftiger und joch schwerer verdammen. Nun hat einer der Redner, ein wirklicher Freund und Kämpfer der unterdrückten Minderheiten den Juden Deutschlands den Rat gegeben, daß sie ach als eine nationale Minderheit erklären sollten. Der Rasse und der Art nach, sagt er, seien sie zweifellos ein anderes Volkstum als das deutsche, und sie sollten sich dazu bekennen. Ich persönlich und die palästinensisch« Assoziation, di« Ich hier vertrete, hätten wirk lieh nichts dagegen, daß die deutschen Juden sich nicht ais Deutsche, sondern als jüdische Volksgenossen betrachten sofien, ja ein ganzes Leben hindurch haben wir ihnen neben der Betonung ihrer historischen Unsicherheit und neben der beständigen Erkenntnis von der bedrohten rechtlichen und wirtschaftlichen Situation der deutschen Juden in Momenten starker Umwälzungen zugleich die Notwendigkeit einer Bekeonung zum eigenen Volkstum, nämfich zum jüdischen gepredigt. Nur ein Bruchteil des deutschen Judentums hat den Ernst und die Richtigkeit unserer Einschätzung Uuer Verbundenheit mit der jüdischen Nation anerkannt, während die Majorität Ae Stimmen, die auf Vergangenheit und natürliche Wesensart ftinwieaen, mit aller Bestimmtheit zurückwies. So waren wir Nationaljuden oft eine Stimme in der Wüste, was ich aber den deutschen Juden nicht übelnahm. Selten hat eine große Masse in solch konsequenter Weise das Streben gehabt und durchzuführen gesucht, sich seines eigenen Wesens zu entkleiden und in ein anderes Volkstum überzugehen, selten ist die Assimilationsgier in so ungeheurer Form aufgetreten, wie es bei den deutschen Juden der Fall gewesen ist. Die deutsche Erde war ihnen teuer, die deutsche Literatur einschließlich der chauvinistischen, war ein Teil ihres Lebens, und vielleicht mehr als die anderen Klassen des deutschen Volkes haben sie die deutsche Kultur gepflegt, ja sie hatten ein ganzes System ausgebildet, wie sie ihre nationalen Eigenheiten abstreifen sollten. Es war ein furchtbar tragisches Bild, das Bild dessen, wie die deutschen Juden gegen das überkommene jahrtausende alte eigene Wesen wüteten und einen SelbstvenAchtungsprozeß durchmachten. Man kann sich darum vorstellen, welche Tragik diese Judenheit jetzt durchmacht, eine Judenheit, welche noch vor wenigen Monaten nicht hat glauben wollen, daß die Majorität der sie umgebenden Bevölkerung sie als Fremde betrachtet. Wenn man Angehörigen einer Minderheit als Kompensation für die gewahrten Rechte in irgendeinem Lande das Bekenntnis zur Assimilation aufdrängt, so kann ich mich nur dagegen E Billige Sommerttnd Ferienreisen nach Polen. Wer billig und bequem nach Polen fahren will, benütze die Reise, welche am 15. Jufi von Wien abgeht. Diese Reise führt nach Krakau, Lemberg, Stanislaus und allen Zwischcnstationen. Zur Bequemlichkeit der Reisenden wurde der Termin so erstellt, daß man sowohl acht Tage in Polen bleiben kann als auch 30 Tage. Keinerlei Paß oder Visagebühren. Plätze werden reserviert. Weitgehende Ermäßigungen bei Hotetbestefiung oder bei einem eventuellen Kuraufenthalt in den Sommerfrischen Polens. 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Wie selbstverständlich hat es sich dabei nicht gehandelt, für Irgendwelchen Teil der Bevölkerung eines Staates ein minderes oder höheres Recht zu erlangen, sondern Gleichberechtigung des InAviduums und der Kollektivität unter internationalem Schutz. Da mögen die Führer der deutschen Minderheiten an folgende geschichtliche Episode erinnert werden: Damals, im Jahre 1919, als anläßlich der Friedenskonferenz über das Schicksal des größten Teiles von Europa und der darin wohnenden Völker entschieden wurde, kamen auch wir jüdische Repräsentanten nach Paris, um während dieser Verhandlungen die rechtliche Gleichstellung der jüdischein Minderheiten durch bestimmte Forderungen zu erwirken. Kaum aber hatten wir, jüdische Delegierte aus 15 Ländern (später aus 20 Ländern) uns zusammengetan, da dachten wir schon gleich zu Anfang nicht nur an die jüdischen Minderheiten, sondern auch an die anderen und an deren künftiges Los. Ausgehend von dem grundsätzlichen Standpunkt, daß sämtliche Völker das Recht auf Dasein und Entwicklungsmöglichkeiten haben müssen, haben wir nicht einen Augenblick gezweifelt, daß die Forderungen der Juden über den Rahmen dieses Volkstums hinausgehen und einen allgemeinen Charakter zu tragen hätten. Deswegen ist das von uns damals überreichte Memorandum, welches den Charakter und die Form der später gewährten Minderheitsklauseln In solch hohem Maße beeinflußt hat, abgesehen von zwei Spezialpunkten, ein allgemeines und nicht eines zugunsten der jüdischen Minderheiten geworden. Obschon sonst jede von uns aufgestellte Forderung in unserer eigenen Mitte stürmische Kämpfe hervorrief, weil wir uns damals noch gar nicht einig waren, wie wert wir mit Bezug auf die Forderungen der Minderheitsrechte gehen sollten, so hat darüber,, ob wir auch für Ae mchtjüdischen Minderheiten plaidieren sollten, nicht die mindeste Diskussion stattgefunden. Von höheren ethischen Gesichtspunkten, die hn heutigen Deutschland so weltfremd erscheinen mögen, geleitet, führten wir einen Kampf für sämtliche Minderheiten, obwohl wir uns dessen bewußt wareot daß diese Methode für unsere Aktion keine Erleichterung, sondern eine Erschwerung gewesen Ist. Und wenn heute auch zehn Millionen Deutsche außerhalb des Reiches in Europa die Minderheitenrechte wenigstens bis zu einem gewissen Grade genießen können, so gestatten Sie mir gerade an dieser Stätte zu sagen, daß es wohl in erster Reihe jenen Aktionen zu verdanken ist, die wir, nur auf Recht und Menschlichkeit bauend, im Frühling und im Sommer 1919 mit Energie entfaltet haben. Ich kann Sie versichern, daß wir unsere damalige Stellungnahme auch weiter beibehalten und es uns als eine Ehre anrechnen, daß wir so und nicht engherzig gehandelt haben, aber unwillkürlich drängt sich uns die bittere Frage auf: Wo sind Ae Führer der deutschen Minderheiten? Warum schweigen sie heute so beharrlich? Und wenn das Gefühl versagt, so könnte wenigstens der Verstand sie daran erinnern, daß das gegen Juden angewandte Entrechtungssystem morgen sie selbst hart treffen kann und schon jetzt die gesamte Minderheitenbewegung untergräbt. Ohne hier diese Materie eingehender zu behandeln, sei es klar herausgesagt: Bleibt dieses System der Beschränkungen und des Ausnahmerechts ln Deutschland weiter bestehen, so ist die gesamte Minderheitsbewegung aufs schwerste gefährdet und überhaupt nicht zu halten. Wir werden aber den Kampf für die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland unausgesetzt in der internationalen Welt ausfechten. Sagen Sie uns nicht, daß es eine interne deutsche Angelegenheit ist. Es gibt Grenzen auch für das interne Recht, und ein System, welches zur Vernichtung einer ganzen Bevölkerung führen soll, gehört Acht mehr zu den internen Akten eines Landes. Die Art jedoch, wie die Judetjfrage in Deutschland behandelt wird, wie Acht nur in der Literatur, sondern selbst in der Gesetzgebung die Ideologie einer Ausschließung der Nichtarier zur Realität wird, trifft nicht nur das deutsche Judentum, sondern das ganze Judentum der Welt. W i werden deswegen nicht ruhen und nicht rasten, um auf Schritt und Tritt die ganze Welt auf die Gefahren eines solchen antimenschüchen Systems hinzuweisen, um sowohl die Herzen als die Geister derer, welche noch an Menschlichkeit glauben, zu mobilisieren und eine besondere Art einer hehren Revolution gegen ein solches System von Unterdrückung und von Vemichtungstendenzen zu schaffen. Denn wir können uns nicht beruhigen, solange. nicht all das wieder annulliert wird, was in den letzten Monaten in Deutschland gegen 600.000 Juden durch Gesetz und Praxis zur traurigen Realität geworden ist. Die beste Gelegenheit, Ihr Kind verläßlich am Plattensee unterzubringen unter Aufsicht der Trau Julia Hoffmann, Wien, 6. Bezirk, Liniengasse 84

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