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Die Stimme · 1933-06-22 · Heft 286 (22.6.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 286 (22.6.1933)
Date
1933-06-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Hr. m — 22. Jtinl 1933 DTE STIMME Seite 3 CHAIN ARLOSOROFF Das tragische, frühe Ende Arlosoroffs schreit zum Himmel. Ein wirklicher Pionier im reinsten Sinne des Wortes ist durch eine sinnlose, mörderische Kugel gefallen. Von seinen Leistungen und Taten, seiner hohen Begabung, seinem scharfen Intellekt und seines trotz jugendlichen Alters, so zielsicheren und erfolgreichen Aufbauarbeit im Dienste des zionistischen Ideals war in diesen Tagen überall viel die Rede. Dr. Chaim Arlosoroff war ein aufgehender, aber bereits sehr viel Licht spendender Stern am nationalen Himmel der Juden. Er war mit Recht der Stolz der zionistischen Arbeiterschaft Palästinas und der ganzen jüdischen Arbeiterbewegung. Er war aber auch der Stolz der allweltlichen zionistischen Bewegung. Er war Hoffnung und Erfüllung zugleich. Jung, von umfassende! Bildung, voll Energien und stählernem Charakter, wuchs er im Laufe der Jahre immer mehr zur zentralen Figur des aufstrebenden Palästinas, zur führenden Persönlichkeit der zionistischen Politik. Noch ist unser Schmerz zu stark, noch sind unsere Kräfte paralisiert, noch ist die Distanz zu diesem tragischen, sinnlosen Geschehen eine zu nahe, um Arlosoroffs Persönlichkeit, seiner Wirksamkeit voll und ganz gerecht zu werden. Dies müssen wir im Schmerze des Augenblicks dem künftigen Historiker überlassen. All seine Leistungen waren bloß schwache Anfänge jener Schaffensfähigkeiten und schöpferischen Taten, die von Dr. Arlosoroff noch zu erwarten gewesen wären. Seine Persönlichkeit war eine glückliche Synthese ostjüdischer Herkunft und westeuropäischer Erziehung. Die Kugel, die Arlosoroff in abendlicher Abgeschiedenheit am Tei-Awiwer Strande dahinraffte, traf uns alle. Sie hatte sich das Herz und das Hirn unserer Aufbauarbeit als Zielscheibe auserwählt. Und sie zielte gut. Mit der Fällung Arlosoroffs sollte unser Haupt getroffen werden. Die erste jüdische Stadt der Welt ist durch das unschuldig vergossene Blut eines jungen, starken, Schaffens- und zukunftsfrohen Führers besudelt worden. Eine menschliche, eine nationale Tragödie, die das Herz krampfhaft zusammenpreßt. Der Gottesacker der jüdischen Stadt Tel-Awiw ist trotz der Jugend dieser Stadt mit Märtyrergräbern reichlich besät. Hier liegen die ersten unglücklichen Opfer der Aufstände aus dem Jahre 1921, der ersten blutigen Versuche, das Werden der nationalen Heimstätte zu untergraben. Hier ruhen dieMärtyrer der Augustgeschehnisse des Jahres 1929. Und hier ruht nun der so jung dahingegangene Führer Arlosoroff. Zu den hunderten Menschen, die als Pioniere und Verteidiger der nationalen Heimat gefallen sind, ist nun auch ein Führer auf dem Altar des Heiligen Landes gestorben. Die Lücke, die sein Tod gelassen, ist groß und nicht auszufüllen. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas steht verwaist da. Weit und breit ist nicht der Mann, der Kopf, die Persönlichkeit, die das noch lebenswarme Erbe Arlosoroffs antreten könnte. Chaim Arlosoroff sank zu Boden, noch hochhaltend die Fahne des arbeitenden Erez Jisraels. Bis zu seinem letzten Atemzuge, mit jeder Faser galt sein Tun und Streben dem jüdischen Volke und seiner Zukunft. Ihn wiederaufzurichten vermögn wir nicht, durch das tragische Geschick der grausamen Natur. Aber an seinem offenen und frischen Grabe legen wir den Eid ab, die Idee, für die er verbluten mußte, hochzuhalten und blutenden Herzens wollen wir uns in dem Augenblick des Schmerzes an den Glauben der schöpferischen Energien der jüdischen Erneuerungsbewegung klammern, die uns die Kraft zur Weiterarbeit in seinem Geiste, im Sinne seines hehren Märtyrertums, verliehen werden. Dr. Jakob Rosenthal. COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX., Spitalgasse ö Tel. B-42-5-38 Ferienreise nach PALÄSTINA 11. JULI 1933 * Nichtiüdische Kundgebung in London für die Juden in Deutschland Unter dem Vorsitz des ehemaligen Lord Chancellor Lord Buckmaster Ein Resolutionsantrag des Erzbischofs von Canterbury London. Ein nicht jüdisches Komitee, als dessen Ehrensekretäre der ehemalige Chefsekretär der Palästinaregierung Sir Wyndham D e e d e s und Mrs. D u g d a I e, die Nichte Lord Balfours, fungieren, bereitet . eine große Kundgebung für die Juden Deutschlands vor, die am Dienstag, den 27. Juni, in der Londoner Queen’s Hall unter dem Vorsitz des ehemaligen Lord Chancellor Lord Buckmaster stattfinden soll. Bei dieser Kundgebung wird der Erzbischof von Canterbury, das Oberhaupt der englischen Hochkirche, folgenden Resolutionsantrag stellen: Deutsche Christen beteiligen sich an der Hilfsaktion für deutsche Juden in Palästina Niederösterreidilsdie Escomple«Gesellstiialt Die 80. ordentMche Generalversammlung der NiederösterreichXsctien Escomp^e-Gesellsdiaft findet am 30 Juni 1933, 4 Uhr nachmittags statt Deponierungsfrist: 16. Juni bis 22. Juni 1933 (Nachdruck wird nicht honoriert) Außenminister Benesch über die Judenfvage Prag. Der Außenminister der tschechoslowakischen Republik Dr. Eduard Benesch empfing den Brünner Industriellen und Publizisten Fritz Jellinek und gab ihm Aufschluß über aktuelle Zeitfragen. Zur Judenfrage äußerte sich Dr. Benesch folgendermaßen: «Bei uns in der Tschechoslowakei gibt es keine Judenfrage. Einer Regierung, die eine solche Frage kennt oder stellt, würde ich gewiß nicht angehören wollen. Um Ihnen den Standpunkt, der, wie ich glaube, von der überwältigenden Majorität aller Tschechen und Slowak e n zur Judenfrage eingenommen wird, darzustellen, will ich zu einer historischen Reminiszenz greifen: auf der Friedenskonferenz war die Rede davon, daß der Tschechoslowakei ein Minderheitenschutz für die jüdische Bevölkerung aufgetragen werden sollte. Ich erklärte damals, daß ich einen solchen Standpunkt niemals akzeptieren oder unterschreiben würde, denn erstens sei es eine Beleidigung des tschechoslovakischen Volkes, wenn ihm zugemutet würde, daß eine solche Klausel im Minderheitenvertrag nötig wäre, und zweitens dachte ich bei meiner Weigerung auch an die eigenartige politi- cheSchichtungderJudeninder Tschechoslowakei: getreu unserem Grundsatz, daß in der Tschechoslowakei niemand, der sich loyal zum S t a a t e bekennt, wegen seiner Nationalität oder wegen seiner Konfession verfolgt oder beeinträchtigt werden dürfe, wollten wir allen Juden unseres Landes die Wahl ihrespolitischen Bekenntnisses vollkommen freistellen. Ich wollte, daß die zionistisch-nationaljüdisch Orientierten, ebenso wie die der tschechischen oder der deutschen Seins- und Meinungswelt verbundenen Juden In unbedingterFreiheit der von ihnen erwählten politischen Richtung sollten leben und wirken dürfen. Es Ist meine Ueberzeugtmg, daß In der Tschechoslowakei alle Nationalitäten geachtet und geschützt werden müssen. Niemand, selbstverständlich auch kein Jude, der sich zum Deutschtum bekennt, ich betone das nochmals — könnte bei uns wegen seines Bekenntnisses verfolgt werden, wenn die Verbundenheit an unseren Staatsgedanken gewahrt wird.» New York. Im amerikanischen Senat fand eine Aussprache über die Lage der Juden in Deutschland statt. Der Führer der demokratischen Regierungspartei Senator Robinson verlas eine Erklärung, in der unter Hinweis auf das Regierungsprogramm und die Auswirkung einer judenfeindlichen Gesetzgebung In Deutschland die augenblickliche Lage der deutschen Juden geschildert und festgestelit wird, daß das in Deutschland gebotene Schauspiel Abscheu und Entsetzen errege. Auch wenn man von offensichtlichen Uebertreibungen absehe, würden die Verhältnisse, unter denen die deutschen Juden leben, durch Reden verantwortlicher Regierungsleute, Aeußerungen der deutschen Presse, Versammlungsreden usw. zur G e n ü g e i 11 u s t r i e rt. Er wolle, sagte Senator Robinson, nicht den Vorschlag machen, daß Amerika durch eine offizielle Intervention Einfluß auf die Gestaltung der inneren Politik Deutschlands zu nehmen versuchen solle. Eine so grausame Politik, wie er sie geschildert habe, ziehe ihre Strafe von selbst nach sich. Sie würde zu einer Schwächung des deutschen Ansehens, ru einer moralischen Reaktion im deutschen Jerusalem. Die in Palästina in Angriff genommene Aktion für den Hilfsfonds zugunsten jüdischer Auswanderer aus Deutschland nimmt einen außerordentlich günstigen Verlauf. Dem Spendenaufruf des Zentralkomitees hat nicht nur die jüdische Bevölkerung in starkem Maße entsprochen, auch von christlichen Einwohnern, insbesondere von in Palästina ansässigen deutschen Christen, sind namhafte Spenden eingelaufen. In zahlreichen Begleit-* schreiben zu diesen Spenden wird dem Mitgefühl für die von einem harten Schicksal betroffenen deutschen Juden Ausdruck gegeben. Unbefugter Eingriff in die Rechts* pflege In Duis/burg haben anläßlich des ersten Wiederauftretens der zur Amtsführung zugelassenen jüdischen Rechtsanwälte vor Gericht stürmische Demonstrationen stattgefunden. Die jüdischen Rechtsanwälte wurden gezwungen, das Gerichtsgebäude zu verlassen. Die «Jüdische Rundschau» gibt anläßlich dieses Vorfalls der Erwartung Ausdruck, daß das Justizministerium im Hinblick auf diö wiederholten Erklärungen von Regierungsmitgliedern, daß Eingriff Unbefugter in die Verwaltung und Rechtspflege nicht geduldet werden sollen, Vorkehrungen treffen werde, um die von ihm angeordnete Regelung der Anwaltsfrage durchzusetzen. Volk und zu schwerwiegenden Einbußen auf dem Gebiet der Wirtschaftsbeziehungen führen. Zum Schluß gab Senator Robinson der Hoffnung Ausdruck, Deutschland werde sich binnen kurzem unter dem Eindruck der einheitlichen öffentlichen Meinung der Weit aus den eisernen Banden des Rassenhasses befreien. Die Ausführungen Robinsons wurden sowohl von der demokratischen als auch von der republikanischen Fraktion des Senats mit großem Beifall aufgen o m m e n. Nach ihm ergriffen die Senatoren Copeland, Metcalf, Walsh und Hatfield das Wort, um ihre Zustimmung zur Erklärung des demokratischen Fraktionsführers und ihre Bedenken hinsichtlich der Behandlung der Juden in Deutschland zum Ausdruck zu bringen. Unmittelbar vor der Rede Senator Robinsons war die Bestätigung des neuen Botschafters in Berlin, des bekannten Gelehrten und Schriftstellers Professor William Dodds, erfolgt. „New York Times» weist auf die Möglichkeit hin, daß Senator Robinson damit, daß er seine Rede eine Stunde nach der Bestätigung des neuen Berliner Botschafters hielt, eine bestimmte Absicht verfolgt haben könnte. Deutsche Judenfvage vor dem ameviUanischen Senat

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