Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 284 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 284 — 15. Juni 1933 DIE STIMME Seite 9 Schuldbuch der Oehringer oder Wie man Haare krümmt Juden ln Deutschland wird angeblich keinem Juden ein Haar gekrümmt und der Boykott gegen die Juden Hat angeblich nur einen Tag gedauert. Wie aber in Wirklichkeit den Juden aus Deutschland mJtgespielt wird, das zeigt ungeschminkt ein uns vorliegendst Flugblatt, das von der NSDAP in O ehr Ingen fortsetzungsweise unter dem Titel tSchuldbuch der Oehringer Juden* herausgegeben wird. Die Nummer 2 dieses Pamphlets beschäftigt sich zunächst mit einem Juden namens Oustav Berliner, «dem betrügerischen Judengauner». Da erzählt ein Bauer eine langatmige Oeschichte, er habe von Berliner im Jahre 1030 eine Kuh gekauft und sei dabei betrogen worden» Nicht nur das. ein der folgenden Zeit machte steh der Jude an unserer verheirateten Tochter schuldig. Darauf verbot ich ihm mein Haus.* Und zum Schlüsse wird erzählt, der Jude Berliner habe schließlich durch den «R e chtsanw alt fad Mayer Hellbronn den biederen Bauer geklagt, der bei Oerlcht einen «V er gleich annehmen mußte*. Es scheint eben tm vorhltlerlschen Deutschland so gewesen zu sein, daß man eingegangene Schulden bezahlen mußte, auch wenn ein Jude Gläubiger war. Auch mit dem Sittlichkeitsdelikt an der verheirateten Tochter scheint es nicht weit her zu sein. Nach drei Jahren tst deren Vater plötzlich entrüstet und stellt noch dazu seine Tochter ah den Pranger. Das ist allzu durchsichtig. Die Oeschichte mit der Kuh Ist zu fadenscheinig, da muß eben die Geslchichte mit der Tochter herhalten, nur um den Juden attzuschwärzen. Dann wird eine zweite Schauergeschichte erzählt. Der ju.de Siecher Herz vermittelte einen Hausverkauf gegen eine Provision von 400 Mark und die Hauseigentümerin verpflichtete eich, diese 400 Mark auch dann zu bezahlen, wenn sie hinter dem Rücken des Siecher Herz das Anwesen verkaufen sollte. Sie tat das prompt und Siecher Herz begehrte und erhielt seine Provision von 400 Mark. «So brutal und gewissenlos sind ai'sb diese Blutsauger», sagt die NSDAP in Oehringen und kündigt weitere Veröffentlichungen an, um «das unlautere Geschäftsgebaren der Oehringer Juden gebührend an den Pranger zu stellen.* Und sie bittet, das Pamphtet Ins Ausland zu schicken^ %(n waschechter Arier tat ihr den Gefallen Und so sind wir in der Lage, die staunende Kuli Urwelt hilf dem «Schuldbuch der Oehringer Juden, 2. Fortseizu n g* ■ bekanntzumachen. Aber da die Deutschen bekanntlich das Volk der Dichter und Denker sind, wird uns im «Schuldhuch* auch Literatur und Wissenschaft verzapft. Da wird zuerst Luther, zitiert: «Sollen wir der Juden Lästerung nicht teilhaftig werden, so müssen wir geschieden sein und sie aus tmserem ln unserem Volkskörper, es ist eine verderbliche Macht.» «Wer die Geschichte kennt, wird nicht leugnen, daß Christen, besonders Kinder, jahrhundertelang durch die Hand von Juden aus Aberglauben oder Fanatismus umgebracht wurden.» Und zum Schlüsse sagt die NSDAP Oehrlngen: «Deutscher, bedenke; daß ln Berlin sind unter 3500 Rechtsanwälten 2600 Juden, unter 6000 Aerzten 5000 Juden, unter Millionen Arbeitern kein Jude. In deutschen Heflbädem gibt es nur noch jüdische Gäste, weil Du, armer deutscher Volksgenosse, kein Geld mehr hast. Deine Krankheiten zu heilen. Bleibe weg vom jüdischen Händler, weg vom jüdischen Kaufmann, Wer von dieser Frucht ißt, ist des Todes MI» So, nun ist es heraus. Es geht nicht um arme Schlucker wie Berliner und Herz, es geht um mehr: Alte jüdischen Kaufteute müssen durch Boykott vernichtet werden. Und die NSDAP Oehringen bedroht mit dem Tode jeden, der beim Juden einkauft. Aber wie heißt es doch so schön in der offiziellen Lesart? Keinem Juden wird ein Haar gekrümmt und es gibt keinen antijüdischen Boykott. Ja, man lädt sogar die ausländischen Juden ein, in die deutschen Heilbäder zu kommen und verspricht ihnen koscheres Fleisch, das offenbar trotz des gesetzlichen Schächtverbotes «unter der ehrwürdigen Aufsicht der NSDAP* geschlachtet wird. Wäre das altes nicht so unsäglich traurig, man müßte eine Satire schreiben. Eines finden wir aber durch das uns vorliegende Pamphlet mit erschreckender Deutlichkeit dokumentarisch bestätigt: Die Nationalsozialisten wollen das deutsche Judentum ausrotten. Gegen diesen brüteten Vernichtungskampf ist unsere derzeitige Abwehr viel zu schwach, wir müssen sie tausendfach verstärken. Denn sonst könnte in Orten wie Oehringen auch unser Schicksal entschieden werden. Jüdische Volkspartei Oesterreichs Die Organisierung der einzelnen Bezirksgrappen ist in Angriff genommen worden und erfordert regste Mitarbeit! Die Mitglieder der einzelnen Bezirke werden ersucht, sich zu dieser Arbeit unverzüglich zur Verfügung zu stellen und (fies dem Sekretarfat der «JÖdrscheri Voffepartef», Wien, I! Untere Augartenstraße 30 (Tel. A 45-6-3$), bekaimtzugeben. Parteienverkehr, Auskünfte usw. täglich von 10 bis 14 Uhr. Der heutigen Auflage für Oesterreich liegen Beitrittserklärungen der «Jüdischen Vollcsparteä Oesterreichs» bei. Alle diejenigen, die bisher den Beitritt zur «Jüdischen Volkspartei Oesterreichs» noch nicht vollzogen haben, mögen die Karten gefertigt an das Sekretariat einsenden. E Ferienfeise nach Palästina. Das große Interesse, das sich in siirnti cht n Schiebten der jüdischen Bevölkerung für das neue Palästina zeigt und in dem großen Andrang zu den vom Reisebüro Compass Tours bisher veranstalteten, so sehr erfolgreichen Gesellschaftsreisen nach Erez Israel Ausdruck fand, hat dieses Reisebüro bewogen, wieder eine Gesellschaftsreise nach Palästina zu führen, diesmal unter dem Motto «Ferien in Israel». Um auch den weniger bemittelten Jüdischen Kreisen die Möglichkeit zu geben, fhreit Urlaub in Palästina zu verbringen, hat sich das Reisebüro Compass Tours entschlossen, diese Ferienreise zu sehr er« mäßigten Preisen durchzuführen. Die Reise nimmt Ihren Anfang am 1 l.Juli ab Wien und erreichtPalästina am 17. Juli. Die Ueberfahrt erfolgt von Triest. Während des zehntägigen Aufenthaltes irrt Lande wird dasselbe gründlichst in jeder Beziehung besichtigt, sowohl in kultureller als auch landwirtschaftlicher und industrieller Hinsicht. Da täglich zahlreiche Anmeldungen einlaufen, die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze aber beschränkt ist, wird den Interessenten empfohlen, sich sofort mit dem Reisebüro Compass Tours in Verbindung zu setzen. Anmeldungen und Auskünfte, IX., Spitalgasse 3, Tel. B 42-5-38, Compass Tours, Die wirklich billige Schuh» queIle finden Sie bei »DH-HO« (Inh David Htnowüz) Wisnll^htborshaß^j^lb Ecke Gredlerttraße Qualitätsware %u flugenl billigen Preisen, Bei Berufung auf «Be »Stimme« S Prosen! Rabatt Das mflna-UMMct ist soeben erschienen! Das einzige Buch in deutscher Sprache, das alle Fragen über Palästina. Palästinaverwaltung, Steuer-, Rechts-, Verkehrs- und Zollwesen, Touristen- und Uebersiedlungs beatimmun gen, Existenzmöglichkelten, Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft, präzise beantwortet, zugleich aber einen Führer durch Palästina darstellt und ein hebräisches Vokabularium (ln Lateinschrift) enthält. 116rDkta'vselten, Tatsachen, Ziffern und Daten, mit einer Landkarte, objektiv gehalten. Zu haben Im Palästinaamt und Im Zion. Landeskomitee, Wien, I., Kärntnerstraße 28. Preis (exklusive Versandspesen) S 4.—. Land vertrieben werden.» Dann wird «der Hofprediger des alten Kaisers** Stöcker, zitiert. Wir lesen da a. a.: «Das moderne Judentum Ist ein fremder Blutstropfen Bad Tatzmannsdorf (Burgenland) Schon seit alter Zeit ist dieses hervorragende Frauenimd Herzheilbad durch seine heilkräftigen Quellen bekannt Mitten im Kurort entspringen sieben Quellen, die einerseits zu den kohlesäurereichen, eisenhaltigen, erdigen Wässern, andererseits zu, den Sauerwässern, bezw. zu den selten auffindbaren, glaubersalzhaltigen, kohlensäurereichen EisenwÄSsem zählen. Als Frauenheilbad steht Tatzmannsdorf unter «ten österreichischen Kurorten bestimmt an erster Stelle. Tatzmannsdorf Ist aber auch berufen, als Herzheilbad an erster Stelle erwähnt zu werden, da es alle Faktoren zur Anwendung einer Nauheimer Kur besitzt. Den derzeitigen Verhältnissen entsprechend sind die Pensionspreise sehr mäßig gehalten, ebenso auch die Taxen für den Kurgebrauch, so daß auch Bad Tatzmannsdorf tatsächlich als einer der billigsten Kurorte angesehen werden kann. Vortragsabende, Kunstakademien, Tneateraufführungen und Tanzreunionen ergänzen das Vergnügungsrepertoire. Ansonsten ländliche, gottvoll Idyllische Stille, die auf die Sinne und Nerven wie Balsam wohltuend ein wirkt und das Wunder der Heilwässer ergänzt. E Im Herzen der Stadt Ist vor kurzer Zeit ein Lokal eröffnet worden, wie es in Wien bei den heutigen Zeiten unbedingt notwendig war. ... t . . Gut und billig ist hier alles zu haben. Man bedient sich selbst erspart alle Nebenauslagen und mit einem Minimum von Kostenaufwand verläßt man dasselbe, in dem Bewußtaein, daß alles, was verabreicht wurde, bester Qualität ist und zu einem Preise gegeben wurde, der dem Gebotenen kaum entspricht Die Idee, ein solches Lokal zu schaffen, blieb Herrn Otto Kaserer, dem altbewährten Wirt des Rat häuskeHers, Vorbehalten. Er hat damit allen denen, die mit dem Groschen rechnen müssen — und deren gibt es heute in Wien »ehr viele — Gelegenheit gegeben, für wenig Oeld Ihre leiblichen Bedürfnisse nach Jeder Richtung hin voll zu befriedigen. Ä L Wir können unseren Lesern das «O. K.» bestens emp- S fehlen. Herrn Kaserer aber muß man für »eine neue chöpfung Dank sagen, denn er hat etwas geschaffen, was ln Wien gefehlt hat, aber eine unbedingte Notwendigkeit Die «PAG» teilt ans mit, daß ihr I n f o r m a t i o n sdlen st mit 15. Juni L J. Uber die Sommermonate eingestellt worden ist. Mündliche Auskünfte nur an Mitglieder der «PAG» Dienstag und Freitag von 2 bis 3 Uhr nachmittags. Nichtmitglieder erhalten nur schriftlich Bescheid bei Einsendung eines ntemaHonalen Postantwortscheines; unter gleicher Voraussetzung werden Interessenten auch die «PA G-Mi tte il u n gen» vom Juni 1. J. zugesendet, welche u. a. genaue Reiseprogramme für das ganze Jahr 1933 samt Preisangaben (von S 235.— aufwärts!) sowie die derzeit geltenden Visa- und Landungsvorschriften, Teiinahmebedingungen etc. enthalten. Telephonische Anfragen zwecklos! Anschrift der «PAG»: Wien, III., Landstraßer Gürtel 9. Juden, kaufet Palästina-Produkte bei SamuelHalpem Wien, II., Förstergasse 6, Tel. A-46-4-12 Jaffa-Orangen nur noch kurze Zeit. 1 kg S l.—- Reisebüro., City" Inh. Dr. J. H. Körner, Wien, I., Kohlmarkt 8, Telephon U 26-4-22 Verkauf sämtlicher Fahrkarten zu Originalpreisen Billige Tour-retour-Karten: Rom S 98.—, Grado S 77.—, Nizza S 108..— etc. etc. Schiffskarten, Hotelreservierungen etc. etc. Beatrijcbad. Russisches Steinschwitzbad mit ßesenbehandlung, neu errichtet. Dampf-, Wannen-, Schwimm- und Heilbäder. Die Leser der «Stimme» erhalten an der öadekasse gegen Ueberreichung dieses Kupons (ausschneiden!) um nur S 1.30 ejn russisches Schwitzbad mit Wäsche. Gültig bis Ende Juni 1933. volk»artei Zwßl üroßB VortTä J$ 3 bßfldß OESTERREICHS Thema: 9 9 „Die DoroDnoe ln Deutschland und die österreichischen Juden“ Mtnslsg. des SO. Juni 1933, ha.b 9 Uhr abends in Hans Krasnitzkys „Mariensäle“ Wien, XlV., Reindorfgasse 8. Referenten: Oberbanrat Ing. Robert Stricker, Dr. Oskar Grünbanm BOMtrstSfl, den 22. Juni 1933, halb 9 Uhr abends im Restaurant Karl Kolarik, Wien, V., Maigaretenplats 7. ReteienteB: Dr. Deaider Fiiedmann, Oberbaurat Ing. Robert Stricker