Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 284 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIB BTIMMB Nr. 284 — tg. Juni 1033 Oer Protest des Weltkotteresses der Völkerbendiieen: Moralische Ohrfeigen für Nazi-Deutschland Zu dem in der vorwöchigen «Stimme» als erstem lener Blatt veröffentlichten Bericht über Verlauf und Beschlüsse des Weltkongresses der Völkerbundligen in Montreux wäre noch folgendes hinzuzufügen: In der letzten Sitzung der Assemblee wurde nach einem ausführlichen Bericht der Präsidentin der Minoritätenkommission Mme. Bakker van Bosse, welche den Inhalt aller in der Kommission zu diesem Gegenstand gehaltenen Reden wiedergab, die Resolution zur Abstimmung gebracht und bei Stimmenthaltung der Deutschen e i n s t i m m i g angenommen. Nunmehr erklärte der Präsident Lord Robert Cecil die Tagesordnung für beendet und den Kongreß offiziell für geschlossen, worauf sich die deutschen Dele* gierten entfernten. Alle übrigen Delegierten verblieben im Saal, und vor ihnen verlas Lord Cecil — dem in der Resolution enthaltenen Auftrag entsprechend den Brief. Mit diesem feierlichen Appell hat die Tagung in eindrucksvoller Weise geschlossen, ln der Kommission bei der Beratung über die Resolution hatte Herr v. Schnee die Erklärung abgegeben, daß er zwar ein Eingreifen ln die Inneren deutschen Verhältnisse zurückweisen müsse, die deutsche Delegation habe aber ein Gefühl für die tragische Situation des deutschen Judentums und nehme den Geist der Resolution zur Kenntnis. Dir Wortlaut der Resolution gegen die Judenverfolgungen Im folgenden veröffentlichen wir den Wortlaut des von der Minderheitskommission und der Hauptversammlung des Weltverbandes der Völkerbundligen in Montreux am 7. Juni 1933 einstimmig angenommenen Resolution gegen die Judenverfolgungen in Deutsch- I land, sowie im Anschluß daran den vom Präsidenten | des Weltkongresses, Lord CecllofChelwood, an die deutsche Liga gerichteten Brief: Die XVlIte Hauptversammlung, tief belegt durch die Lage, in welche die jüdische Bevölkerung des deutschen Reiches seit einigen Monaten versetzt wurde, erinnert an die Resolution, welche sie soeben bezüglich des internationalen Schutzes der Menschenrechte und der auf diesem Oebiet dem Völkerbund obliegenden Aufgabe angenommen hat; erinnert daran, daß der Völkerbund die Hoffnung zum Ausdruck gebracht hat, daß zum mindesten die gleichen Rechte, welche den Minderheiten der Rasse, Religion und Sprache durch die Minderheitsverträge garantiert sind, von allen dem Völkerbund angehörigen Staaten respektiert werden sollen und daß der Weltverband sich dieses Prinzip zu eigen gemacht hat; erinnert gleichzeitig daran, daß die deutschen Delegationen beim Völkerbund ständig zugunsten der Beobachtung der Minderheitsrechte aufgetreten sind; steltt mit Befriedigung fest, daß der Völkerbundrat an die Prüfung der Lage der Juden in Deutschland herangetreten ist; weist darauf hin, daß die Aufrechthaltung der in Deutschland ergriffenen Maßregeln geeignet wäre, das gute Einvernehmen unter den Nationen zu stören; drückt demgemäß die Hoffnung aus, daß die deutsche Liga alle Anstrengungen machen wird, um in ihrem Land die Wiederherstellung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung nach den Grundsätzen des Hauptverbandes und des Völkerbundes zu erreichen und bittet den Präsidenten des Weltverbandes, Lord Cecil, in einem an die Deutsche Liga gerichteten Appell, sich zum Dolmetsch der Empfindungen des Weltverbandes zu machen. Der Brief Lord Cecils an die deutsche Delegation Montreux, den 6. Juni 19S3 Eure ExmeRens! Ich wurde vom Weltverband der Völkerbundligen gebeten, seine Empfindungen bezüglich gewisser jüngster Ereignisse ln Deutschland, insbesondere soweit sie die gegen die jüdischen Bürger dieses Landes unternommene Aktion betreffen, durch Sie der Deutschen Delegation zum Ausdruck zu bringen. Der Weltverband anerkennt, daß er kein Recht hat, sich in die inneren Angelegenheiten irgendeines Landes einzumengen und hat auch nleht den Wunsch, es zu tan. Anderseits haben die in Frage stehenden Ereignisse tatsächlich eine sehr ernsthafte Beunruhigung in vielen Teilen der Welt, besonders in Europa und in den Vereinigten Staaten hervorgerufen. Es ist nicht za viel gesagt, wenn man behauptet, daß sie nach den Worten des Völkerbundpaktes das gute Einvernehmen unter den Nationen gefährdet haben. In vielen Ländern, darunter meinem eigenen, haben sie das Anwachsen einer sympathischen und verständnisvollen Einstellung gegenüber Deutschland und seinem Volke unterbrochen, welches allmählich an die Stelle der durch den Weltkrieg notwendigerweise heraufbeschworenen bitteren Empfindungen getreten war. Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, irgendwelche einzelne Ereignisse zu erörtern. Ich will gerne glauben, daß übertriebene Berichte über das, was vorgefallen ist, ihren Weg in die Presse gefunden haben. Mag aber noch soviel Uebertreibung sein, so bleibt die Tatsache bestehen, daß durch die deutsche Regierung legislative und administrative Maßnahmen gegen eine Gruppe ihrer Staatsbürger lediglich deshalb getroffen wurden, weil sie rassenmäßig zum jüdischen Volke gehören. Eine unterschiedliche Behandlung dieser Art erscheint dem Weltverband ganz unvereinbarlich nicht nur mit dem Geiste des Völkerbundpaktes, sondern auch mit jenem Fortschritt westlicher Zivilisation in den letzten 2 oder 3 Jahrhunderten, zu welchem Deutschland in so hervorragendem Maße bei getragen hatte. Sie erscheint dem Weltverband als ein Rückfall in den Glauben an bloße, von der Gerechtigkeit unabhängige Gewalt als Instrument des Regierens, welcher ln Verbindung mit öffentlichen Aeußerungen hochgestellter Funktionäre des Deutschen Reiches tiefe Be* ängstlgung in sehr vielen Ländern hervorgerufen hat. Der Weltverband hat mit Freude die Versicherung Eurer Exzellenz vernommen, daß die Deutsche Regierung eine Politik des Friedens und der Versöhnlichkeit zu verfolgen wünscht. Die Rede des Kanzlers vom 17. Mat bewegte sich in derselben Richtung, und diese Versicherungen haben viel dazu beigetragen, um dem unglückseligen Eindruck entgegenzuarbeiten, auf welchen ich angespielt habe. Der Weltverband hofft und glaubt daher, daß die künftigen Ereignisse im Sinne einer Wiedererstarkung des Vertrauens zwischen Deutschland und anderen Ländern wirken werden, und ich glaube Eurer Exzellenz versichern zu dürfen, daß. nichts das gute Einvernehmen zwischen uns, das wir alle wünschen, wirksamer fördern könnte, als der überzeugende Nachweis, daß in der Zukunft alle Bürger des Reiches ohne Rücksicht auf ihre Rasse, Sprache oder Meinung auf die gleiche Behandlung vor dem Gesetze rechnen können. Ihr ergebener Lord Robert Cecil (Präsident) Die Rede des palästinensischen Delegierten Dr• Mosstnson Im folgenden bringen wir auszugsweise die Rede des Delegierten der palästinensischen Völkerbundliga, des Herrn Direktors Dr. Benzion Mossinson, am Weltkongreß der Völkerbundligen in Montreux, die auf alle Teilnehmer des Kongresses außerordentlich starken Eindruck hinterfassen hat. Männlicher Mut und ernste Sachlichkeit zeichneten diese Ansprache Mossinsohns aus, düe nicht wenig zu den bedeutsamen Beschlüssen dieses Völkerbundiigen-Kongresses, über die wir vorstehend berichten, beigetragen hat. Der Führer der österreichischen Delegation, Gesandtre a. D. Dumba, konnte nicht umhin, Dr. Mossinson für sein mutiges und männliches Auftreten herzlich zu beglückwünschen. Die Rede Leo Motzkins bringen wir in der nächsten Nummer. (Anm. d. Red.) Die palästinensische Völkerbundliga Ist die Vertreterin des palästinensischen Judentums, das sich als Avantgarde des jüdischen Volkes betrachtet. Vierundfünfzig Nationen, darunter auch die deutsche Nation, haben das Recht des jüdischen Volkes anerkannt, in seine historische Heimat zurückzukehren, um dort das jüdische Land aufzubauen. Die palästinensische Völkerbundliga hat es daher als ihre Pflicht erachtet, die Frage der deutschen Juden vor dieses hohe internationale Forum zu bringen. Erschüttert sehen wir, wie 600.000 Juden, deutsche Bürger, über Nacht ihrer Rechte beraubt wurden. Zehntausende wurden aus ihren Stellungen gejagt und brotlos gemacht, Tausende von Menschen, oft von internationalem Ruhm, die sich die größten Verdienste um die Wissenschaft, ja um die Menschheit erworben haben, wurden aus ihren Wirkungsstätten gerissen und der Möglichkeit weiterer Arbeit beraubt. Und dies alles nur ihrer Rasse und ihrer Religion willen. Was sich in Deutschland abspielt, wie der Jude seines Lebens nicht sicher ist, wissen Sie aus Zeitungsberichten und von Hunderten von Flüchtlingen und von objektiven Beobachtern. Die größte Grausamkeit dabei ist aber vielleicht die, daß man den Leuten den Mund verschließt, damit sie nicht einmal schreien körnten. Jedoch, nicht die ZaM der Oetöteten und Oefolterten ist die Hauptsache, sondern die Lage der ganzen Masse d€f 600.000 Juden. Ihre psychologische Verfassung ist erschreckend. Sind sie doch jeden Mbment der Willkür ausgesetzt und wissen niemals, was ihnen eine Stunde später widerfahren kann. Es scheint oft, daß die Lage derjenigen, die schon im Braunen Hause gewesen sind und als Krüppel zurtickkehrfcen, besser ist als die derjenigen, die noch den Besuch der SA-Leute zu erwarten haben. Die unbeschrettS» liehe Lage der jüdischen Kinder in den deutschen Schulen hat Ihnen bereits Frau Dugdale (eine englische Delegierte, Nichte Lord Balfours. Anm. d. Red.) so ergreifend geschit* dert. Und es fällt mir auch außerordentlich schwer, dies zir wiederholen. Wir können uns über die Leiden unserer 600.000 Brüder nicht hinwegsetzen und müssen unsere Klage gegen die deutsche Regierung auch vor diesem Forum Vorbringen. Die Juden in Deutschland werden nur deshalb verfolgt, weil Sie Juden sind, und dies gibt dem Problem das Gepräge. Deshalb fordern wir eine klare Antwort auf diese rein jüdische Frage. Es handelt sich aber nicht nur um eine Frage der deutschen Juden. Die neue deutsche Regierung hat dem ganzen jüdischen Volke den Krieg erklärt. Ein altes Volk, das der Menschheit soviel gegeben hat, eki Volk von 17 Millionen Menschen wurde degradiert und als minderwertig erklärt. Haß und Hetze wird nicht nur auf Deutschland beschränkt. Sondern auch in das Ausland getragen. Ale Vertreter-des jüdischen Volkes müssen wir dagegen protestieren und die ganze Menschheit aufrütteln, um uns gegen diesen Anschlag auf einen der größten menschlichen Werte, die Gleichheit aller Menschen ohne Unterschied ihref Abstammung und Religion, zu Wehren. Mit großer Genugtuung nehmen wir die Tatsache wahr, daß der Völkerbund begonnen hat, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Es ist auch seine Aufgabe, denn der Völkerbund kam, um eine Welt a'uf GrUhd von Recht und Gerechtigkeit aufzubauen an Stelle einer Welt, in der nur Faustrecht zu gelten hat. Und es wird unmöglich sein, eine Well des Reohtes und der Gerechtigkeit unter den Nationen aufzurichten, wenn nicht auch dem jüdischen Volk Recht und Gerechtigkeit zuteil wird. Und nun stehe ich vor Ihnen, aber nicht nur als Jude, Denn die Frage ist nicht nur eine jüdische Frage, sondert, eine allgemein menschliche, eine tiefgreifende Weltfrage. Das neue Regime in Deutschland reizt die niedrigsten Instinkte der Massen auf, vergiftet;die Jugend schon in de? Schule mit .der Lehre von Haß und Feindseligkeit. Und wenn einmal das Tier im Menschen wachgerufen und losgelassen wird, dann kann man es nicht so.leicht.wieder zähmen,und es macht vor keinen Schranken halt. Heute geht es gegen den.'Juden, morgen gegen, den Pplen,. und, übemnorgen gegen den Franzosen. Wo kommen wir d^nn hin?, ■;i Ich . habe in diesen Tagen eine kleine Notiz in den £e£*! tungen über die Inaugurationsrede des neuen Rektors , der Frankfurter Universität gelesen. Er scheint ein Vertreter des neuen.deutschen Geistes zu sein; denn er erklärte feierlich, «auch die Wissenschaft muß .aufhören, objektiv zu sein. Auch sie muß in den Dienst der politischen Propaganda gestellt werden. Nicht mehr humanistische Erziehung, sondern eine militante, den Kampfesgeist weckende Erziehung». Wohin führt diese neue Lehre die Menschheit? Es scheint mir fast, als ob ich die deutsche Kultur gegenüber den Deutschen in Schutz nehmen müßte. Ich habe auf einer deutschen Universität studiert, habe deutsche Kultur in mich aufgenommen, schrecke jedoch vor der neuen deutschen Kultur zurück. Wo bleiben denn alle großen Ideale, die dem Völkerbunde zugrunde liegen? Wo bleibt die friedliche Verbrüderung der Nationen, die als Parole unserer Union dient-? Dies, meine Damen und Herren, sind die Beweggründe, weshalb wir mit unserer Resolution vor diese hohe Ver* Sammlung treten. Wie tief wir auch daran interessiert sind, die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden in allen Ländern zm schützen, wie energisch wir jetzt auoh die Wiederherstellung der Rechte der Juden in Deutschland fordern, sö halten wir es für unsere Pflicht, auch jetzt zu erklären, daß die Lösung der judenfrage im Aufbau des jüdisch-natidnäleh Heims m Palästina liegt. Und wenn jetzt Zehntausend« von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland, die kaum ihr Leben retten konnten, von Land zu Land wandern, so danken wir aus tiefstem Herzen allen Ländern» die jüdische Flüchtlinge aius Deutschland aufnehm-en. Aber wir verlangen vom Völkerbund, der die Erfüllung des Mandates zu überwachen hat, und von der Mandatarmacht, der die Ausführung des Mandates zusteht, daß sie jetzt ernsthaft zu Werke gehen, um die wirkliche Lösung der jüdischen Frage in weitem Maße zu fördern. Vor allem müssen die Flüchtlinge aus Deutschland offene Tore in der alten historischen Heimjrt Palästina finden, die ihnen und dem ganzen jüdischen Vojjke kraft Rechtens und nicht aus bloßer Duldung vom Völker» bund zuerkannt wurde. Dies ist ein Akt der Repatriierung, wie er schon vom Völkerbünde für andere leidende Volksteile vorgenommen wurde. Zum Schluß möchte ich nur wiederholen: es kann ein wirklicher Friede in der Welt nicht hergesteät werden, es kann ein neues Leben auf der Basis von Recht und Gerechtigkeit nicht begründet werden, wenn nicht gleichzeitig auch die Judenfrage, die Frage des leidenden Sietaehn-Miälonen- Volkes auf derselben Grundlage von Recht, Gleichheit und Freiheit sowohl in der Diaspora als auch in seinem Heimat» lande geregelt wird. 1