Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 284 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wf. >M — 18. Jaul fttW OIE STIMME Ti . I, I Knl Zionistische Flili rer (j. r.) In der letzten Woche konnte das zionistische Wien fahrende zionistische Persönlichkeiten in seiner Mitte begrüßen. Es weilten hier aut ihrer Rückreise nach Palästina der Leiter der Palästina-Exekutive und Führer der palästinensischen Arbeiterschaft Dr. Chaim Arlosoroff, der eben eine mehrwöchige Europareise zum Abschluß brachte, und der Direktor des Hebräischen Qymnasiums «Herzliah» in Tel- Awiw und bekannte Führer der Allgemeinen Zionisten in Palästina, Dr. Benzion M o s s i n s o n, der die palästinensische Völkerbundliga aut dem Weltkongreß der VölkerbundUgen in Montreux mit großem Geschick vertreten hat. Trotz der Kürze ihres Wiener Aufenthaltes haben beide zionistischen Führer in Wien vor einem mehrhundertköpfigen Auditorium Vorträge über zionistische und jüdische Probleme gehalten, über die wir im folgenden berichten. * Die Redaktion der «Stimme» hat überdies die Anwesenheit Dr. Mossinsons zu einem Interview über den Werdegang und die Entwicklung des berühmten Hebräischen Gymnasiums «Herzliah» in Ted-Awiw benützt, dessen schöpferischer Leiter Dr. Mossins"».! ist. Wir berichten darüber in der heutigen Beilage «Palästinensische Lehranstalten». Judennot und Palästina Vortrag Dr. Chaim Arlosoroff im Großen Konzerthaussaal Auf seiner Europareise, die der Mission großzügiger Kojonisationspläne der Jewi9h Agency im Zusammenhang mit der Lage der deutschen Juden dient, traf Dr. Chaim A r 1 o s o r o f f, der Leiter des Außenpolitischen Departements mrd Vorsitzende der Palästinaexekutive, der Jewish Agency, Donnerstag, den 8. d. M., zum zweitenmal in Wien ein, wo er noch am selben Abend im Großen Konzerthau s $ a a 1 vor einem mehrhundertköpfigen Publikum einen Vortrag über «Judennot und Palästina» hielt. Dr. Arlosoroff, der eben aus Deutschland zurückkehrt, streifte einleitend die ökonomischen Möglichkeiten einer teilweisen Lösung der deutschen Judenfrage durch Einbeziehung Palästinas als eines wesentlichen Faktors in den Rahmen einer allgemeinen Hilfsaktion konstruktiven Charakters. Dieser großzügige Plan, den Dr. Arlosoroff auf Grund, seiner persönlichen Studien der Verhältnisse in Deutschland entworfen und Über den die «Stimme» bereits vor einigen Wochen ausführlich berichtet hat, ist unseren Lesern bekannt Die ürundzüge dieses Planes sind: Die Transferierung der aus den deutschen Schulen verdrängten jüdischen Kinder in palästinensische Lehranstalten, die Berufsumschichtung der deutschen Juden und ihre Einordnung in landwirtschaftliche und industrielle Betriebe Palästinas, wobei an die 90.000 Dunam Boden für 4000 JCteinsiedlerfanriHen sofort zur Verfügung stehen, ferner die Liquidation der jüdischen Vermögen in Deutschland, die mit Hilfe diplomatischer Verhandlungen durchgeführt werden* müßte. In dieser Frage wird allerdings ein Minimum von fair play von der deutschen Reichsregierung vorausgesetzt in der Entwicklung Palästinas einzig und allein von der Leistung aller Juden in der Welt abhängig ist Was die politischen Voraussetzungen für eine großzügige Kolonisationstätigkeit in Palästina betrifft, hebt Dr. Arlosoroff vor allem die gebesserten Beziehungen der Juden zur britischen Palästinaadministration, die mit der vollständigen Liquidation des Passfieldsehen Kolonisationregimes eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen hat. Viel dazu hat beigetragen, daß die Legende des angeblich durch die jüdische Kolonisation landlos gewordenen arabischen Proletariats zerstört wurde, womit der ganzen Araberfrage in Palästina die Spitze genommen war. Es waren Blöcke, die als Hindernisse auf unserem Wege der Arbeit uns entgegenstanden, die weggeräumt werden mußten. Und ebenso wie wir die im August 1929 brutal zerstörten jüdischen Kolonien von Chulda und ähnliche innerhalb kürzester Zeit wieder aufbauten, so mußten wir bestrebt sein, den Schutt, der das Verhältnis zur Administration verdeckte, wegzuräumen und eine Atmosphäre des Vertrauens herbeizufühfen. Es war keine geringe Arbeit, aber wir sie gemacht. ln diesem Zusammenhang erinnerte Dr. Arlosoroff wie das Werk ausgesehen hätte, wenn wir in jenen Tagen der Bestürzung und Rat- und Mutlosigkeit den Proklamationen jener Phantasten gefolgt wären, die auf nichts anderes als auf Unterbrechung der Arbeit abzielten. Wir taten das nicht und der Erfolg spricht für uns. Seit den Augustunruhen des Jahres 1929 sind allein 45.000 Juden ins Land gekommen, darunter 20.000 bis 25.000 junge Menschen, die große wirtschaftliche Positionen hn Lande ein nehmen. Die jetzigen Ereignisse in Deutschland bedeuten wieder einen Wendepunkt. Sie zeigen deutlich, wie die J u d e nnot zu einem aktuellen Faktor der Weltpolitik geworden ist. Die gesittete Welt reagiert heute auf die aktuelle Katastrophe des deutschen Judentums viel stärker als auf die permanente Not des osteuropäischen Judentums. Insbesondere zeigt sich dies in England, das über die Ereignisse in Deutschland erschüttert ist. Dr. Arlosoroff erinnert an (fit mächtige 1.-Mai-Kundgebung.im Hyde-Park in London, ln deren Mittelpunkt der Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland stand. Die Erschütterung über diese Geschehnisse reichen tief bis in die englischen Massen. Die Haltung Englands zu den Judenverfolgungen in Deutschland muß für die Zionisten von symptomatischer Bedeutung sein. England hat die seit der Balfour-Deklaration aus politischen Gründen beobachtete Reserve in seiner Haltung allgemein-jüdischen Fragen gegenüber verlassen und jetzt an seine alte Tradition zum Schutze der Juden Anschluß gefunden. Dies müsse von den Juden in ihren Bestrebungen, die deutsche Judenfrage einer Lösung zuzuführen, entsprechend ausgenützt werden. Den von großer Sachkenntnis und ernster Verantwortung und blendender Rhetorik getragenen Ausführungen Dr. Arlosoroffs, der unter Aufroüung aller Aspekte einen klaren Ueberblick über künftige konstruktive Arbeit zionistischer Politik gab, dankte das aufmerksame Auditorium mit reichem Beifall. Ein Propagandaabend für den Allgemeinen Zionismus Vortrag Dr. Benzion Mossinson (lel-Awiw) In seinem Wiener Vortrag beschäftigte sich Dr. Arlosoröff hauptsächlich mit den politischen Voraussetzungen und Möglichkeiten der Durchführung des großzügigen Planes. Die Frage, ob Palästina die Lösung der Judenfrage bedeute, beantwortet Dr. Arlosoroff damit, daß es in unserer Zeit kaum ein ökonomisches oder soziales Problem gebe, das eine restlose Lösung verbürge. Wohl ist es übertrieben, zu glauben, daß das deutsche Judentum in seiner Mehrheit aus. der elementaren Katastrophe, von der es befallen wurde, die richtigen Lehren bereits gezogen habe. Zu stark und zu tief ist noch das Assimilationsgift in ihrem Blute. Man kann auch heute noch die geradezu tragikomisch anmutenden Erscheinungen und Auswüchse bei den deutschen Juden beobachten. So wurde in der Chemnitzer jüdischen Gemeinde der Antrag auf Gleichschaltung der Gemeinde gestellt. Es sollten alle marxistisch verdächtigen Mitglieder, ferner Orthodoxe, Ostjuden und Zionisten, kurz alle, die sich nicht mit Haut und Haaren dem Hitler-Regime verschrieben haben, aus der Gemeinde eliminiert werden. Dieser kurlose Antrag, der nichts anderes als die nationalsozialistische Gleichschaltung der Chemnitzer Judengemeinde woQte und auf ihre Auslieferung an nationalsozialistische Kommissäre hinauslief, hat in der Tat bereits seinen Instanzenweg beschriften und soll demnächst vor den Sächsischen Gemeindebund zur Verhandlung kommen... Allein auch jene Kreise, die noch vor kurzem von Palästina als einer konstruktiven Lösung der Judenfrage nichts hören wollten, müssen heute anerkennen, daß dieses kleine Ländchen im Mittelpunkt der jüdischen Wandern n gsbewegungsteht. In den letzten drei Monaten allein haben sich 40.000 deutsche Juden an die Palästinastellen wegen ihrer Uebersiedlung gewandt Das beweist zur Genüge die starke Umwälzung im gesellschaftlichen Bewußtsein der deutschen Juden. Denn Palästina bedeute, im Gegensatz zu anderen Immigrationsländern, für die Juden keine Zwischenlösung und kein Nachtasyl Zum Unterschied von Guatemala, Uruguay und Bolivien entwickelt sich die jüdische Gemeinschaft in Palästina in einer Atmosphäre freier Leistung und Selbstbestimmung, wobei die Qrenze für die Leistungsfähigkeit des Landes einzig und allein von den Juden abhängt. In den letzten dreizehn Jahren sind 140.000 Juden nach Palästina gebracht worden. Sie haben die ökonomische Physiognomie des Landes verwandelt Trotz der bestehenden gesetzlichen Hemmungen in der Einwanderungspraxis der britischen Politik, trotz des arabischen, Antagonismus wäre es möglich gewesen, in demselben Zeitraum 250.000 bis 800.000 Juden nach Palästina zu bringen. Auf die Zukunft , projiziert bedeutet das aichts anderes, alt daß die Steigerung Dr. Benzion Mossinson, Direktor des Hebräischen Gymnasiums «Herzlia», der als Vertreter der palästinensischen Vöikerbundliga am Weltkongreß der Völkerbundligen in Montreux teUnahm und dort erfolgreich die Resolution gegen die deutschen Judenverfolgungen vertrat, traf Freitag früh zu einem zweitägigen Besuche in Wien ein. Das Zionistische Landeskomitee hat die Anwesenheit Direktor Mossinsohns zu der Veranstaltung eines Vortrages benützt, der Samstag abends im Vortragssaale der Zionistischen Bezirkssektion Leopoklstadt stattfand, da alle größeren Säle besetzt waren. Es sei vorweggenommen: Man muß dem Landeskomitee Dank wissen, daß es dem zionistischen Publikum Wiens Gelegenheit gab, die faszinierende Persönlichkeit Direktor Massinsofins kennenzulernen und einen Abend lang einen mit gründlicher Kenntnis und verantwortungsvollem Ernst ausgestatteten prächtigen Redner zu hören. Das zionistische Wiener Publikum scheint überdies eine richtige Witterung zu haben, denn es füllte den großen Saal der Zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt und dessen Nebenzimmer dicht gedrängt bis aufs letzte Plätzchen aus. Vor dem Vortrage Dr. Mossinsohns berichtete der Präsident des Landeskomitees, Dr. Oskar Grünbaum, über seine Reise nach Genf und Montreux zur Tagung des Vötkerbundrates und dem Kongreß der Völkerbundligen. Sowohl in Genf als in Montreux seien große Erfolge erzielt worden. Eis werde steh nun darum handeln, die Erfolge auszubauen. Der Völkerbund müsse dazu aufgerufen werden, für die deutschen Juden konstruktive Hilfe zu leisten. Das sei nur durch eine Völkerbundanleihe, durch eine uneingeschränkte Erfüllung des Palästinamandats möglich. Große Massen deutscher Juden können dann in Palästina angesiedelt werden. Dr. Mossinson wies einleitend auf die Tragödie der deutschen Juden hin, die ein entsetzliches Debakel ihrer AosJmitationspoUtik erlebten. Der Nationalsozialismus ist eine deutsche Abart des Kommunismus. Berlin ist ohne Moskau undenkbar. Obwohl die zionistische Ideologie Ereignisse, wie wir sie jetzt in Deutschland erleben, vorausgesagt habe, seien auch die Zionisten durch die ungeheure Brutalität des Nationalsozialismus schwer erschüttert. Dazu trage viel bei, daß die zionistische Organisation dem Sturm der Ereignisse gegenüber sich als schwach erwiesen habe. Bis zur Balfour-Deklaration habe sich die zionistische Organisation darauf beschränkt, das Volk für das Land geistig vorzubereiten. Seit der Balfour-Deklaration konzentrierten wir uns auf den Aufbau, wir vernachlässigten die geistige Erfassung der Massen, wir bereiteten das Land für das Volk vor. So sei es gekommen, daß die Entwicklung in Palästina derzeit von der Organisation nicht wesentlich beeinflußt werde. Wir stehen vor der doppelten Aufgabe, das Volk für das Land und das Land für das Volk vorzubereiten. Die letzten Ereignisse haben deutlich gelehrt, wie sehr es notwendig sei, sich auf die Prinzipien einer breiten und starken nationalen Volksbewegung zu besinnen. Ueber die Organisation hinweg geht ein unterirdisches Streben und Sehnen in den breiten jüdischen Volksmassen nach nationaler Befreiung vor sich. Diese Energien, die in dieser Volksbewegung liegen, müssen von einer ihrer Verantwortung sich bewußten zionistischen Organisation ausgenützt werden. Allein die heutige Organisation biete das traurige Schauspiel eines Bruderkampfes und einer Zerrissenheit, wie sie in keinem Stadium der Bewegung zu beobachten war. Rechts und Knks stehen einander die Gruppen gegenüber, (Be vor lauter Kampf gegeneinander das große Ziel nicht sehen. Das große Ziel — nationale Befreiung des Volkes. Einzig der Allgemeine Zionismus, der auf dem Primat des Volkes vor allen Sonderinteressen aufgebaut ist, vermag eine aufbauende Arbeit zu leisten. Dr. Mossinson weist mit Schärfe die Behauptung jener zurück, (Be im Allgemeinen Zionismus nur eine Negation erblicken. Es sei absurd, zu glauben, daß, wer weder Revisionist noch Anhänger der Histadruth Haowdim ist, ein Allgemeiner Zionist sei. Es Ist ebenso falsch, daß der Allgemeine Zionismus eine Front gegen links darstelit. Es ist der Stolz des Allgemeinen Zlo* nismus, darauf Hinweisen zu können, daß Tausende junger Menschen, die jetzt als Ch^iuzim ins Land gehen, Chaiuzim des Allgemeinen Zionismus sind und dem Weltverbande ier Allgemeinen Zionisten angehören. Wenn man uns fragt, mit wem wir auf dem nächsten Kongreß gehen werden, so antworten wir, diese Frage hat für uns keine Bedeutung. Nicht mit wem ist wichtig, ob mit dieser oder jener Gruppt, sondern welchen Weg wir gehen werden, ist entscheidend. Und mit der Gruppe, die diesen von uns für richtig befundenen Weg einschlagen wird, werden wir auf dem Kongreß Zusammenarbeiten. Freilich, wie die Situation heute liegt, können wir nur folgendes sagen. Es fällt uns schwer, mit der Linken zu gehen, weil wir <tie Lösung dar Judenfrage und unserer Probleme nicht nach Parteistand» punkten und Partei grundsätzen herbeizufflhren wünschet, Wrr anerkennen voÄ und ganz die großen Leistungen dt Arbeiterschaft, die in Krisenzeiten große Selbstdiatlptit ha*