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Die Stimme · 1933-06-08 · Heft 283 (8.6.1933) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 283 (8.6.1933)
Date
1933-06-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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- * Jrml 1G33 DIB STIMM!, Seif* S LITERATUR-BEILAGE Mönchsorden Jüdische Daß das Christentum viele Gedanken und Zeremonien d*m Judentum verdankt, weiß jeder Gebildete. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß zu diesem jüdischen Lehngut auch die Institutionen der Mönchsorden und Klöster gehört. Sie wirkt vielmehr auf uns Juden so befremdend, daß man die Schrift P h i 1 o s Über «das beschauliche Leben», in der hierüber berichtet wird, lange für gefälscht hielt, doch steht heute ihre Echtheit fest, mit ihr die Wahrheit der folgenden Schilderung des Lebens der «Therapeuten» in Alexandrien: «Sie entsagen ihrem Besitz, den sie unter ihre Ver- .wandten und Freunde verteilen, verlassen ihre Familie, ihre Freunde, ihre Vaterstadt und finden ihre wahre Heimat in der Vereinigung mit Gleichgesinnten. Diese Vereine linden sich in vielen Teilen Aegyptens, namentlich bei Alexandrien. Hier bewohnt jeder für sich allein eine einfache Zelle, nahe bei denen der anderen, wo er ln beschaulicher Frömmigkeit die Zeit verbringt. Ihre Nahrung ist sehr einlach: Brot, Salz und Wasser. Am Sabbat vereinigen sie sich, Männer und Frauen, in einem gemeinsamen Festsaal, m dem aber die Geschlechter durch eine Scheidewand getrennt sind, zu frommen Vorträgen und Gesängen. Sie verwerfen den Fleischgenuß, den Wein und die Sklaverei.» Es ist wahrscheinlich, daß alexandrinische Juden die Anschauungen der Therapeuten nach Palästina brachten und dadurch das Essäertum beeinflußten, dessen Anhänger gleichfalls nach bestimmten Ordensregeln in kommunistischen Gemeinschaften zusammenlebten. Während aber die Therapeuten in beschaulichem Nichtstun von der Arbeit anderer lebten, erhielten sich die Essäer selbst. Für Ihre Arbeit brauchten sie Produktionsmittel, ihre Mitglieder verschenkten daher ihr Besitztum nicht an Außenstehende, sondern widmeten es zu gemeinsamem Gebrauch. Sie wohnten bei Ausbruch des verhängnisvollen jüdischen Krieges mit Rom 4000 Mann stark in verschiedenen Dörfern Judäas in Ordenshäusem zusammen. Philo schildert das wie folgt: «Sie wohnten zusammen nach Korporationen, Freundsthaftsbünden, Tischgesellschaften organisiert und regelmäßig mit Arbeiten für die Gemeinschaft beschäftigt. Keiner will eigenen Besitz haben, sondern indem sie alles ohne Unterschied Zusammenlegen, haben sie alie gemeinsamen Nutzen davon. Das Geld, das sie durch verschiedene Arbeiten erwerben, geben sie einem erwählten Verwalter. Dieser empfängt es und kauft davon, was nötig ist... Nicht nur die Speisevorräte, sondern auch die Kleidung benützen •ie gemeinsam. Denn was einer hat, gilt als Besitztum aller, und was sie alle haben, als das jedes einzelnen.» Das religiöse Leben der Essäer schildert F1 avius Josephus: «Nach dem Morgengebet werden sie von ihren Vorstehern entlassen und jeder geht an die Arbeit, die er gelernt hat, und wenn sie bis zur fünften Stunde (das ist 11 Uhr) fleißig gearbeitet haben, versammeln sie sich an einem bestimmten Ort, gürten sich mit leinenen Tüchern und waschen den Körper mit kaltem Wasser. Nach dieser Reinigung (von den Christen als «Taufe» übernommen. Anm. d. Verfassers.) gehen sie in ihr Speisehaus, wohin niemand Zutritt hat, der nicht zu ihrer Sekte gehört.. Sie kommen so sauber dahin wie in einen Tempel. Nachdem jedem der Bäcker Brot und der Koch sonstige Speise vorgesetzt haben, kommt der Priester und segnet das Essen. Und es ist nicht gestattet, etwas zu kosten, ehe man gebetet. Nach dem Mittagmahl sprechen sie in gleicher Weise die Danksagung und preisen also am Anfang und Ende des Essens Qott als Spender aller Nahrung. Sodann legen sie ihre Gewänder wie ein heiliges Kteid wieder ab und machen sich wieder an ihre Arbeit bis zum Abend. Das Nachtessen vollziehen sie genau so wie das Mittagmahl.» Diese Lebensformen gestalteten das Eheleben zu einem schwierigen Problem, so daß allmählich die Ehelosigkeit, die uns heute innerlich mit dem Begriff des Mönchtums unlöslich verknüpft erscheint, als das Ergebnis äußerer Schwierigkeiten für die Ordensmitglieder überhand nahm. Es ist erwiesen, daß auch die ersten Gemeinschaften der Urcbristen aus solch kommunistischen Kollektiv-! wirtschaften bestanden. Als bei zunehmender Verbreitung des Christentums im römischen Weltreich auch Vornehme und Wohlhabende in immer stärkeren Scharen den christlichen Gemeinden zuströmten, empfanden diejenigen unter ihnen, die zu Hause besser zu essen gewohnt waren, den Gemeinschaftszwang als lästig. Sie spendeten nicht ihren ganzen Besitz, sondern nur noch Almosen für die Gemeinschaft und an die Stelle der gemeinsamen Mahlzeiten trat das Kosten von Brotstücken und das Nippen von Wein als rein symbolischer Akt (Kommunion), dem die eigentliche Mahlzeit zu Hause folgte. Doch wurde auch die Urform des christlichen Ge- Mormonen, so nennen sich die Träger einer Bewegung, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts vom Christentum ausging, aber in der Folge sehr weit von ihm abwich. Der Gründer der Sekte Joseph Smith, im amerikanischen Sharon geboren und 1844 in lllonis gestorben, behauptete, auf Offenbarung hin im Gebirge goldene Tafeln ausgegraben zu haben, die er nur selbst kraft eines Wundersteins lesen konnte, und die «The Book of Mormon» enthielten. Dieses Buch, die Bibel der Mormonen, leitet in weitschweifig unklarer, romanhafter Darstellung die Indianer von den Juden ab und berichtet Uber ein Judenchristentum, das in Amerika längst vor seiner Entdeckung bestanden haben soll. Er fand mit seinem Buche — in Amerika war eben schon im vorigen Jahrhundert nichts unmöglich — großen Anhang und konnte an mehreren Orten der Vereinigten Staaten Gemeinden gründen. Sein Lebenswandel — er erlaubte und hielt selbst die Vielweiberei — seine Geschäftspraxis und seine Lehren verursachten aber schließlich heftige Streitigkeiten, in deren Verlauf Smith ermordet wurde. Da aber fing die Bewegung erst an aufzubiühen. Ihre Anhänger gründeten nunmehr einen eigenen Staat in dem noch heute wenig besiedelten Westen der Vereinigten Staaten. Die Mormonen bilden heute in ihrer eigenen Hochburg, der Hauptstadt ihres Staates, nur noch 60 Prozent der Gesamtbevölkerung von etwa 135.000 Seelen. Die Missionäre anderer Kirchen, die einen erbitterten Vernichtungskampf gegen die Mormonen noch bis vor ganz wenigen Jahren führten, haben zahlreiche Urmormonen bekehrt. So ist auch die Unsitte der Vielweiberei abgeschafft worden oder besteht doch zumindest offiziell nicht mehr. Die Juden von Salt-Lake-City spielen in der Stadt eine beachtliche Rolle, obwohl ihre Zahl nicht mehr als etwa 1600 beträgt. Die gehobene Stellung verdanken die Juden im allgemeinen der Tatsache, daß die Mormonen sich nach ihrer Lehre für Ephraimisten, also für Abkömmlinge des jüdischen Stammes Ephraim halten, und sich als das Vettemvolk der Juden bezeichnen. Dementsprechend nennen sich alle Führer der Mormonen «Söhne Israels» und in ihren Vorträgen und Publikationen ist kein Wort so häufig, wie das «Israel». Daher kommt es wohl in erster Linie, daß das Verhältnis zwischen Mormonen und Juden stets ein sehr freundschaftliches war. Auch die Mormonen betrachteten sich als ein verfolgtes, um ihres Glaubens willen geplagtes Volk, und fühlten sich so mit den Juden doppelt wesensverwandt. Es ist z. B. schon eine ganze Bücherreihe über das Verhältnis der Mormonen zu den Juden von den ersteren herausgegeben worden. Alle diese Bücher tragen als Motto den Ausspruch, den das Haupt der östlichen Mormonenmission B. H. Roberts in einer seiner Predigten geprägt hat: «Die Zeit ist nun gekommen, da Juda nicht mehr Ephraim verleugnen und Ephraim nicht mehr Juda quälen wird». Es ist nicht sehr verwunderlich, wenn eine intensive Missionstätigkeit, die getragen wird von einem ehrlichen Willen zur Verständigung, einige, wenn auch spärliche, Ergebnisse gezeitigt hat. Es ist so in der Tat in Salt-Lake- City und in Chicago und New York zu Mischehen zwischen Mormonen und Juden gekommen. In allerletzter Zeit allerdings hat die Missionstätigkeit der Mormonen unter den Juden in Salt-Lake-City von selbst aufgehört, da die Mormonen sich jetzt aus taktischen Gründen überhaupt mit der Umwelt gut verhalten wollen meinschaftslcbens aus der Zeit, da nur Geringere dieser Gemeinschaft angehört hatten, konserviert, und zwar in den Klöstern, deren erstes im 4. Jahrhundert in Aegypten, der Heimat der jüdischen Therapeuten, erstand. Noch heute unterscheidet man unter den christlichen Mönchsorden solche, die nur der beschaulichen Frömmigkeit leben, wie die Therapeuten, und solche, die Kulturarbeit verrichten, wie die Essäer. Beide Spielarten sind also Fortpflanzer von Institutionen, die von Juden, wenn auch vielleicht unter dem Einfluß der griechischen Pythagoräer, eingeführt worden sind, aber als jüdische Organisationen zugleich mit dem jüdischen Staate zu bestehen aufgehört haben. Dr. Hugo Spiegler. und durch ihre Propaganda unter den Juden auch zahlreiche jüdische Organisationen zum Kampf gegen sich gereizt haben. Ob es nun ein Zeichen der Sympathie ist oder eines für die individuellen Fähigkeiten des Mannes, Tatsache bleibt jedenfalls, daß der erste Jude, der Gouverneur eines amerikanischen Staates wurde, Simon Bamberger, der Herrscher des Mormonenstaates war. Tatsache ist ferner, daß aus Anlaß der blutigen Palästinaunruhen in 1929 die Mormonen bewegte Protestkundgebungen veranstaltet haben und daß an der Utah-Universität besonders viele Juden als Professoren wirken. Nachkiänge zum Penktubkongreß Die ergreifende Ansprache Schaiom Asch* Der Internationale Kongreß der Penklubs in Ragusa, über dessen stürmischen Verlauf bei der Auseinandersetzung über die Verfolgung jüdischer und freiheitlicher Schriftsteller in Deutschland im Zusammenhang mit unserer Ifcitik der unerhörten Haltung des österreichischen Delegierten wir bereits in unserer letzten Nummer berichtet haben, wurde am 27. Mai geschlossen. Im folgenden berichten wir übev die letzte Sitzung, deren Höhepunkt eine Ansprache des jüdischen Dichters und Präsidenten des Warschauer Penklubs Schaiom Asch’ bildete, der auch die Vertretung des Hebräischen Penklubs in Palästina übernommen hatte, da die palästinensischen Delegierten im Hinblick auf die durch den Präsidenten H. G. Wells entgegen seiner früheren Zusage gestattete Zulassung der offiziellen deutschen Delegation ihre Teilnahme telegraphisch abgesagt hatten. Schaiom Asch, dessen Bücher bei den Jüngsten Autodafes verbrannt worden sind, obwohl er weder hn Bereich der deutschen Literatur schafft, noch jemab Werke politischen oder deutschfeindlichen Inhalts verfaßt hat, erklärte, die Leiden der Juden ln Deutschland hätten die Herzen der ganzen Welt, nicht aber die Herzen der In Deutschland Regierenden gerührt Obwohl die Juden Deutschlands Ihre besten Gedanken, Ihre schönsten Lieder, die größten Dichter, Künstler und Philosophen gegeben hätten, seien sie heute 2m Reich ans Kreuz geschlagen und baden ln ihrem eigenen Blut Bei diesen Worten brach Schaiom Asch ln Tränen ans. Zum Schluß erklärte er, er habe seine Stimme im Namen der Gerechtigkeit und des Glaubens erhoben; sie müsse ln der ganzen Welt gehört werden. Die Rede Schaiom Asch’ rief ln der Versammlung tiefste Bewegung hervor. Wie wir erfahren, haben Franz Werfel, Stefan Zweig, Alfred Polgar und einige andere österreichische Schriftsteller ein Telegramm an die Kongreßleitung gerichtet worin sie gegen die passive Haltung der österreichischen Penklub-Delegation auf dem Kongreß protestieren. Zunr Präsidenten di?s internationalen Penklubs wurde für die Dauer eines Jahres H. G. Wells durch Akklamation gewählt. mBSBmemmaBSBssssKSFn~~*£BSB~BB*esmssBBBsgBsam Die Liga für das arbeitende Palästina veranstaltet am Samstag, den 10. Juni 1933, um 7 Uhr abends am Konstantinhügei, II., Hauptallee, ein Gartenfest. Mitwirkend: Tanzgruppe Gertrude Kraus, L. Lewitzka, Sularaith Silber, Preisträgerin im internationalen Wettbewerb für Gesang und Musik, Max Brod. Kartenverkauf II., Blumauergasse 1. Gibt es jüdische Mormonen? Werbet für die Jüdische Volkspartei Oesterreichs

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