Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 283 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Set!» 4 DIE STIMME Nr. 283 — 8. Juni 19& AuslancUeutsdie u. Juden Das offizielle Programm der Nationalsozialisten steht bekanntlich für die in Deutschland lebenden Minderheiten, insbesondere für die Juden, eine Reihe der schwersten, geradezu ans Mittelalter erinnernden Bedrückungen vor. Dabei aber verlangen die Nationalsozialisten für die im Ausland lebenden Deutschen die volle kulturelle und bürgerliche Gleichberechtigung mit dem Staatsvolk, in dessen Ländern sie leben. Es darf nicht übersehen werden, daß mehr als ein Drittel sämtlicher Deutscher nicht in den Grenzen des Deutschen Reiches lebt und ungefähr ein Viertel aller Deutschen auch bei der weitestgespannten nationalen Expansion niemals mit dem Deutschen Reiche vereinigt werden kann. Nach deutschen Angaben gibt es ln der ganzen Welt 94,428 430 Deutsche. Davon leben nur 63,225.000 innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches, also 31,203.430 außerhalb der Reichsgrenze. Außerhalb des Deutschen Reiches lebt daher die doppelte Zahl Deutscher, als es Juden auf der ganzen Wett gibt. Wenn man daher von zwei Nationen sprechen kann, daß sie in der ganzen Welt verstreut sind, so gilt dies von den Deutschen und den Juden. So gibt es nach den deutschen Schätzungen — die geringeren offiziellen Volkszählungszahlen werden in Klammer beigesetzt, die Wahrheit dürfte ungefähr in der Mitte liegen — in Rumänien 750.000 (Volkszählung 1920 715.000), ln Ungarn 600.000 (Volkszählung 1920 513.472), in Polen 1,300.000, in Jugoslavien 700.000 (1920 513.472), in Italien, Südtirol 300.000 (amtliche Zählung 1921 195.650), in der Tschechoslowakei 3,500.000 (Volkszählung 1921 3,217.885), in Dänemark 60.000, Lettland 71.000, Litauen 131 000, Estland 30.000 (amtliche Zählung 1922 18.319), im Woigagebiet allein 400.000 Deutsche, ln den westeuropäischen Staaten befinden sich in Belgien ungefähr 130.000, in England ungefähr 20.000, in den Niederlanden ungefähr 80.000 und in Frankreich 10.000 bis 15.000. Aber nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt zerstreut befinden sich Deutsche. So in den Vereinigten Staaten allein nach deutschen Schätzungen 10,000.000 (Volkszählung 1920 8,164.111), in Brasilien 720000, in Kanada gegen 300.000, in Australien gegen 161.000, in Sibirien 100.000 (Volkszählung 1920 88.978), im Kaukasus 70.000. Ein bedeutender Teil der Deutschen lebt räumlich derart getrennt vom Deutschen Reich, daß eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich aus rein geographischen Gründen ausgeschlossen ist. So 2. B. die schon angeführten 750.000 Deutschen in Rumänien, 600.000 Deutschen in Ungarn, 30.000 Deutschen in Estland und 71.000 Deutschen in Lettland und die Deutschen in Sowjetrußland, deren schätzungsweise Zahl 1,000.000 beträgt. Aber auch in Jugoslavien leben 600.000 Deutsche, die niemals mit Deutschland vereinigt werden könnten, nur gegen 100.000 in Südkärnten und Südsteiermark lebende könnten zu Oesterreich und auf diesem Umweg zum Deutschen Reich kommen. Ebenso gibt es in der Tschechoslowakei mitten im tschechischen Sprachgebiet vorgeschobene Sprachinseln, so im Preßbunger Komitat 60000 (Zählung 1921 56.869), Zipser Komitat 30.000, in Brünn 60.000, in Aufruf Infolge der bekannten Vorkommnisse besteht die Gefahr, daß die österreichischen Kurorte und Sommerfrischen ln der heurigen Saison nicht von Gästen aus dem Deutschen Reiche aufgesucht werden. Dem ohnehin durch die Weltkrise so empfindlich betroffenen Oesterreich droht dadurch noch eine besonders schwere wirtschaftliche Schädigung. Es ergibt sich daraus für alle die patriotische Pflicht, nach besten Kräften dahin zu wirken, daß dieser Ausfall fm Reiseverkehre in anderer Welse wettgemacht werde. In diesem Jahre sollen alle Oesterreicher nicht nur selbst die heimischen Kurorte und Sommerfrischen aufsuchen, sondern es soll ein jeder überdies ln seinem Familien- und Bekanntenkreise außerhalb Oesterreichs sich mit allem Nachdrucke für den Besuch der österreichischen Fremdenverkehrsgebiete einsetze n. Nach den wiederholten Zusicherungen der Regierung sowie dank der Einsicht der wirtschaftlich daran besonders interessierten Bevölkerungskreise ist keinerlei Störung der Ruhe ode# Behelligung jüdischer Gäste zu gewärtigen. An die gesamte Judenschaft richten wir daher die dringende Aufforderung, In Betätigung ihres Verständnisses für diese wirtschaftlich für unsere Republik eminent wichtige Frage, anderHebungdesFremdenverkehres als einer Maßnahme mitzuwirken, die dem Wohle der Gesamtheit der österreichischen Bevölkerung dient. Der Yorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien. Wien» fan Jan! 1938. Prag gegen 30.000, In Iglau 26.500 (1921 26391), in Polen gibt es, mitten im früheren Kongreßpolen 300.000 (polnische Zählung 200.000), in Galizien 60.000, in Polnisch-Wolhynien 150.000, zusammen 510.000. Gering gerechnet, leben also in Europa mindestens achtmal soviel Deutsche, die niemals mit dem Deutschen Reich vereinigt werden können, als es Juden in ganz Deutschland gibt. Wir dürfen nicht glauben, daß die Deutschen mit Feuer und Schwert als wilde Eroberer ins Land kamen. Nein, sie kamen ats Ansiedler ms Land, wurden oft von den slavischen oder ungarischn Fürsten berufen und machten den Boden, den sie jetzt bewohnen, urbar. Nur in den baltischen Provinzen, in Estland, Lettland haben die Schwertbrüder die einheimische Bevölkerung unterjocht und es erfolgte nicht eine Kolonisierung durch die i deutschen Bauern, sondern das Deutschtum bildete eine ge- I ringe führende Oberschicht. Die Deutschen, die daher in fremden Landen leben, können ebensowenig ats Eindring- | Aus dem Prämien für Sterilisierung — Juden sollen sterilisiert werden Im Organ des Verbandes der Aerzte Deutschlands (Hartmann-Bund) fordert Medizinalrat Dr. L. Vellguth ein Gesetz, durch das die Sterilisierung von Minderwertigen als zulässig erklärt werden soll. Zu den Minderwertigen rechnet Dr. Vellguth folgende Oruppen: 1. Schwachsinnige, 2. Geisteskranke, 3. Epileptiker, 4. Unsoziale (Kriminelle), 5. Taubstumme, 6. körperliche Schwächlinge (Tuberkulose), 7. Fremdrassige. Die Aufnahme der siebenten Oruppe in diese Reihe wird folgendermaßen begründet: «Die Einsickerung fremdrassigen Blutes in den Organismus unseres Volkes wollen wir nach Möglichkeit verhindern. Juden, Neger, Mongolen und dergleichen Völker können also straffrei mit ihrem Willen sterilisiert werden, ganz gleich, ob sie gesund sind oder krank.» Schließlich wird der Vorschlag gemacht, Fremdrassigen den Entschluß zu einer Sterilisation durch eine Prämie zu erleichtern. «Auf Messen und Märkten sind Juden radikal auszumerzen I» Wie das «Pößnecker Händlerblatt», das offizielle Organ des Verbandes deutscher Händler, Schausteller und Marktreisender, der seinen Sitz in Dresden hat, mitteilt, erklärte auf einer Oautagung des Reichsverbandes ambulanter Gewerbetreibender der Oabführer im Verlauf einer Debatte über die künftige Zulassung jüdischer Händler und Gewerbetreibender zu den deutschen Messen und Märkten, die Juden müßten aus Messen und Märkten radikal ausgemerzt werden. Nur bewährte Frontkämpfer sollten auf Grund besonderer, durch das Präsidium des Reichsverbandes auszustellender Auswege eine andere Behandlung erfahren. Inzwischen ist bekannt geworden, daß die vom Reichsverband gewünschten Grundsätze schon jetzt auf vielen deutschen Kleinmessen und Kleinmärkten praktisch zur Anwendung kommen. So wurde einer jüdischen Händlerin, die seit längerer Zeit für eine Bude auf dem Konstanzer Markt vorgemerkt war, vom Stadtrentamt ln Konstanz der Bescheid erteilt, die Bude könne nur nichtjüdischen Bewerbern zugewiesen werden. Der städtische Marktmeister in Darmstadt antwortete auf eine Bewerbung: «An jüdische Händler dürfen zu den hiesigen Messen keine Plätze ahgegeben werden.» — In Frankfurt a. M. war bereits auf der letzten Ostermesse die Verfügung getroffen worden, daß die jüdischen Händler ihre Plätze in einer besonderen «Judenreihe» zugewiesen erhielten. Eine gesetzliche Bestimmung oder eine Anweisung der Zentralbehörden, auf die sich solche Maßnahmen berufen könnten, bestehe nicht. «Epa» entläßt alle jüdischen Angestellten Der «Westfälische Kurier» meldet aus Bielefeld: Sämtliche jüdischen Angestellten der hiesigen «Epa»-Filiale sind mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Diese Maßnahme wurde laut «W. K.» auf Anordnung der jetzt rein deutschen Hauptleitung der «Epa»-Betriebe in Berlin getroffen, die am Donnerstag dieser Woche diesbezügliche Beschlüsse gefaßt hat. Mit der vorläufigen Geschäftsführung In Bleiefeld wurde das Mitglied der NSDAP. Sollbach beauftragt. Jagd auf arme Juden — Großrazzia im Berliner Grenadierviertel Unter Leitung des Polizeipräsidenten von Levetzow wurde in dem hauptsächlich von armer ostjüdischer Bevölkerung bewohnten Berliner Qrenadiervlertel am 30. Mal eine Razzia vorgenommen, die der Fahndung nach Hehler* nsstent, steckbrieflich gesuchten Personen und unangemeldet ln Berlin sich aufhaltenden Ausländern diente. Verschlossene Wohnungen und andere Räume wurden von beson* Hnge behandelt werden, wie die Juden, die in Deutschland leben. Die NatioflalsozteHeten aber, dir so empfindlich für das Wohl und Wehs ihrer deutschen Volksgenossen im Ausland sind, haben ein Programm ausgearbeitet, das an kalter und rücksichtsloser Grausamkeit beispiellos erscheint. Denn während alle anderen Völker die Deutschen nur zu assimilieren trachten, haben die Nationalsozialisten die Juden als Pariavolk erklärt und systematisch entrechtet. Die Nationalsozialisten lassen den Juden nicht einmal das, was sie in ihrem Parteiprogramm angekündigt haben und was schon Andersdenkende in den finsteren Verfolgungen der Reformation zustand, das Privilegium flebile emigrationls (das traurige Recht der Auswanderung). Man bedarf ja zum Grenzübertritt eines Unbedenklichkeitsvermerkes, der Juden nach dem Ermessen der Polizeibehörden versagt werden kann. Manche, gewiß oft äußerst beklagenswerte Maßregeln, die gegen die im Ausland lebenden Deutschen getroffen wurden, erreichen an Ungeheuerlichkeit gewiß nicht entfernt das Judenprogramm der Nationalsozialisten. Es ist nach dem Angeführten beinahe nicht mehr nötig, darzustellen, was eintreten würde, wenn die anderen Staaten die nationalsozlalistl* deren, mit allen erforderlichen Werkzeugen ausgerüsteten Kommandos gewaltsam geöffnet Die «Berliner illustrierte Nachtausgabe» bringt eine genaue Schilderung des Herganges, ln der es u. a. heißt: «Im Hause Grenadierstraße l war eine Wohnung als Privatsynagoge eingerichtet worden. Die Kerzen brannten noch und mehrere Mitglieder dieser jüdischen Sekte hatten sich dahin geflüchtet, vielleicht weil sie glaubten, dort vor der Polizei sicher zu sein. In diesem Raum entdeckte man zwei verschlossene Blechkassetten» die nach Angabe der Hausbewohner bereits vor sieben Jahren dort abgegeben worden waren. Als man sie öffnete, fand man darin alte, außer Kurs gesetzte Silbermünzen und Wertpapiere. Verschiedene Personen hatten sich auf Hausböden und ln anderen Verstecken verborgen. Sie wurden aber ausfindig gemacht und festgenommen. Zunächst hatte man etwa 60 Personen zwangsgestellt, von ihnen wurde aber ein großer Teil nach kurzem Verhör wieder entlassen. 34 Personen aber, darunter neun Frauen, mußten den Weg zum Polizeipräsidium antreten. Soweit sie sich nicht ausweisen konnten, wurden sie dem Erkennungsdienst zugeführt, andere, die keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besaßen, wurden der politischen Polizei übergeben.» — Man kann sich vorstellen, wie zartfühlend die braven S. A.-Leute hiebei mit den schon seit Monaten gehetzten Juden dieses armen Berliner Viertels umgegangen sein mögen. «Panem» gibt es nicht, aber für «Clroensea» sorgen schon Immer wieder die Herren des Dritten Reiches! Badesaison in Hiiiev Deutschland Tübingern Juden dürfen nicht baden! — Wiesbaden: Einladung an ausländische Jaden Wir lesen in reichsdeutschen Blättern zwei Nachrichten anläßlich der herannahenden Badesaison, die in bezeichnendem Kontrast zu einander stehen. Aus Tübingen wird berichtet: «In der Tübinger üemeinderatssitzung vom 15. Mal wurden von der NSDAP, ein Antrag eingebracht, ln dem es u. a. heißt: «Juden und Fremdrassigen ist der Zutritt zu der städtischen Freibadeanstalt zu verwehren.» Der Antrag wurde mit allen gegen drei Stimmen angenommen.» Aus Wiesbaden wird berichtet: «Das Kurgeschäft ist in diesem Jahre bisher weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben... Es ist daher im Interesse der Kurindustrie zu begrüßen, daß Magistrat, Kurdirektion und die nationalsozialistische Kreisleitung ln einem Aufruf an alle in Frage kommenden Stellen des in- und Auslandes bekanntgeben, daß die Heilquellen und sonstigen Heilmittel Wiesbadens auch unter der neuen Regierung allen Heilung- und Erholungsuchenden aus allen Ländern nach wie vor ungehindert zur Verfügung stehen, daß Ruhe und Ordnung niemals hier gestört waren. Es heißt weiter: Die für die Verwaltung Wiesbadens maßgebenden Stellen sind sich voll der Verpflichtung bewußt, die ihnen sowohl der Bevölkerung wie den auswärtigen Gästen gegenüber obliegt, und verbürgen allen, die zum dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt nach Wiesbaden kommen, gleichgültig, welcher Konfession und Einstellung, einen ungestörten, sicheren und angenehmen Aufenthalt.» Also: inländische Juden werden vom Baden ausgeschlossen. Ausländische Juden, die Geld nach Deutschland bringen, sind bestens willkommen. Das ist die Moral im Dritten Reich. Dritten Reich Juden, spendet anläßlich der JUnl-Bticliseil-Leer UMg des Keren Kajemeth reichlichst für die Erlösung des Bodens In Erez Israel