Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 283 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 293 — 8. Juni 1933 DIE STIMME Sefffl mmmmmmme Hilfe und Aufbau An die Juden aller Lander! Das Schicksal, das aber die deutschen Juden hereingebrochen ist, hat die Judenheit der ganzen WtK aufs tiefste erschüttert. In der Hilfsaktion für die Flüchtlinge in den Nachbarländern Deutschlands sowie für die Juden in Deutschland selbst hat das Gefühl brüderlicher Solidarität seinen ersten spontanen Ausdruck gefunden. Tausende von deutschen Juden, insbesondere weite Teile der deutsch-jüdischen Jugend, sehen in der Verwurzelung in Palästina den Weg zu einem neuen Leben. Die Einwanderung deutscher Juden nach Palästina hat bereits eingesetzt Wenn Ihr wollt, Juden aller Länder, kann Palästina mit seiner stetig sich entwickelnden Landwirtschaft und Industrie, mit seiner dauernd steigenden Aufnahmefähigkeit in immer wachsender Zahl deutsche Juden aufnehmen und Ihnen und ihren Kindern, denen die übrige Welt bis auf schmale Spalten verschlossen Ist, dauernde Heimat werden. Als Beauftragte der auf Grund des Palästina-Mandates des Völkerbundes geschaffenen und von der Mandatsregierung anerkannten Jewlsh Agency for Palestine und als Freunde des jüdischen Volkes und des Jüdischen Nationalen Heims in Palästina rufen wir Euch auf zur Schaffung des Palästina- Fonds für deutsche Juden. Komitees, die die Mittel für diesen Fonds aufzubringen haben, müssen unverzüglich an ihr Werfe gehen. Aus den Mitteln dieser Fonds soll, im Zusammenwirken mit den bestehenden Finanzinstitutionen der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, dem Keren Hajessod und dem Keren Kajemeth Leisrael, Boden ln Palästina erworben und durch deutsche Juden besiedelt werden, sollen handwerkliche und Industrielle Unternehmungen gefördert, Kredite bereitgestellt, die Privatinitiative bemittelter Elemente unterstützt, der Uebergang zu neuen Berufen ermöglicht werden. Dieser Fonds soll deutschen Juden, jungen Chaluzim, Handwerkern, Angehörigen der freien Berufe, Gelehrten und Kaufleuten zur Begründung einer neuen Existenz der Arbeit verhelfen. Der Hebräischen Universität in Jerusalem, der Landwirtschaftlichen Versuchsstation, dem Technikum in Haifa soll die Aufnahme von Männern der Wissenschaft erleichtert werden, die die Möglichkeit verloren haben, an deutschen Städten der Lehre und Forschung zu dienen. Die großen wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte der deutschen Juden, die durch Jahrhunderte eine so hervorragende Stellung in der Gesamtjudenheit eingenommen haben, sollen dem Aufbau der Jüdischen Nationalen Heimstätte in Erez Israel im Zusammenwirken mit allen schöpferischen Elementen der Gesamtjudenheit eingefügt werden. Ihnen in Palästina den Aufbau eines neuen Lebens in Freiheit und Ehre zu ermöglichen, ist eine große und verpflichtende Aufgabe. Zu Ihrer Erfüllung bedarf es der Anstrengung aller Juden der Welt. Nicht milde Gaben, sondern wirkliche Opfer sind erforderlich, wenn das große Ziel der Verankerung Tausender von deutschen Juden in Palästina erreicht werden soll. Die Juden Palästinas haben als erste diese Aktion organisiert Die Sammlungen für den Palästina- Fonds für deutsche Juden sind in Palästina unter der Autorität der Jewish Agency und unter BeteQigung aller Kreise des Jischuw bereits eingeleitet. Die Juden aller Länder werden aufgerufen, diesem Beispiel durch Opfer und Leistung unverzüglich zu folgen. London, am 29. Mai 1933. Lord Robert CeciL Dr. Cyrus Adler. David Lloyd George. Morris Rothenberg. Sir Herbert SamueL Nahum Sokolow. General J. C. Smuts. Felix M. Warburg. Dr. Chaim Weizmann. Deutsche Juden nach Palästina Ein Weltappeü Die über die Juden in Deutschland hereingebrochene Katastrophe hat in weitesten jüdischen Kreisen aller Länder den stärksten Widerhall gefunden. Nicht bloß darum, weil der planmäßige, brutale Angriff des regierungsfähig gewordenen deutschen Nationalsozialismus dem Judentum in seiner Gesamtheit gilt, sondern auch aus dem Grunde, weil der plötzliche Zusammenbruch des deutschen Judentums ungezählten Tausenden von Juden die Labilität der gesamtjüdischen Situation mit erschreckender D e u 11 i c h k e i t vor Augen geführt hat. Niemals noch hat es sich so prägnant erwiesen, wie sehr wir Zionisten — leider — Recht behalten habenl Es liegt nunmehr an uns, den Juden in allen Ländern ihrer Siedlung, daß dieser tragische Augenblick, da eine hochstehende jüdische Gemeinschaft niedergetreten wird und der im Herzen Europas infernalisch entfesselte Haß über die Grenzen des Dritten Reiches schlägt, auch wirklich zu einem historischen Moment werde: Dies wird dann der Fall sein, wenn die Weltjudenheit ihre Lage erkennt und daraus ihre Aufgabe folgert. Aus dem Niederbruch muß Umbruch werden und Neubeginn! Abwehrkampf gegen den Feind mit allen zulässigen Mitteln ist wichtig, wichtiger noch Zusammenschluß und aufbauende Tat. Die Katastrophe des deutschen Judentums muß einen Markstein bedeuten in unserer jüdischen Bewegung, deren Energien nunmehr vervielfacht werden müssen. Nie wie gegenwärtig war es an der Zeit, daß sich die Bewegung des jüdischen Palästina-Aufbaues in ihrer vollen politischen Großzügigkeit entfalte, daß die Frage der jüdischen Heimstätte vor dem politischen Weltforum in ihrer gesamten Breite aufgerollt werde und daß parallel damit eine mächtige Einwanderungsbewegung nach Palästina einsetze. Um diese in die Wege zu leiten, bedarf es e b e n s o s e h r politischer Maßnahmen wie materiell e r G r u n d 1 a g e n. Es gilt, eine möglichst große Zahl deutscher Juden nach Palästina zu verpflanzen, ohne daß die übrige reguläre Palästina-Einwanderung Einbuße erleide. Schon erdulden tausende deutscher Juden das herbe Flüchtlingsschicksal in den verschiedenen Ländern Europas, aber weitere Tausend sind es, die keinen anderen Wunsch haben, als der «Heimat» zu entrinnen, die sie zu verhaßten und rechtlosen Fremdlingen stempelt. Die «Greueltaten» mögen aufgehört haben, aber der kalte Vernichtungspogrom geht unbarmherzig und mit systematischer Gründlichkeit weiter. Hilfsmaßnahmen verschiedener Art sind in zahlreichen Ländern eingeleitet worden, aber diese, so notwendig sie sind, bedeuten keine Lösung des brennenden Problems. Es gilt wirklich, zu retten, was zu retten ist, Sorge zu tragen für den Nachwuchs des deutschen Judentums, der auf andere Weise unterzugehen droht, und in dieser Situation sind es nicht mehr die Zionisten allein, die ihre Blicke nach Erez Israel richten, das in einem immer greifbareren Sinne zum «Land der Verheißung» für das bedrohte Judentum werden will. Der Aufruf «An die Juden aller Länderl», den wir an anderer Stelle abdrucken, ist der Auftakt zu einer allweltlich-jüdischen Aktion, die machtvoll und unverzüglich in allen Ländern einsetzen muß. Männer von politischer Weltgeltung haben als bewährte Freunde der Politik des jüdischen Nationalheims ihre Unterschrift jener der Repräsentanten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zugesellt und rufen das jüdische Volk auf, ein Maximum von Anstrengungen und Opfern zu erbringen und so einen großen Fonds zu schaffen, mit dessen Hilfe die Ueberführung deutscher Juden nach Erez Israel ermöglicht werden soll. Dieser Appell ist aber darüber hinaus bestimmt, ein neues und großes Kapitel jüdischer Palästina- Bewegung zu eröffnen. Die Judenschaft der Welt wird aufgerufen zur Rettung der deutschen Juden, das heißt aber zur Erlösung des jüdischen Landes, zum Aufbau derjüdischen Heimat. Dieser Ruf soll nun nicht mehr verstummen, er muß unabhängig bleiben von guten oder bösen politischen Augenblickskonjunkturen. Die Palästina-Bewegung muß zu einem mächtigen Strome anschwellen, welcher die gesamte Judenheit mit sich reißt. Es ist einleuchtend, daß den Zionisten in allen Ländern in dieser Stunde eine besondere Aufgabe zufällt: Vorarbeiter und Bahnbrecher zu sein, die seelisch erschütterten jüdischen Massen zu organisieren und zu Tat und Leistung zu erziehen. Fürs erste aber gilt es, einen großen Fonds durch Anstrengungen in allen Ländern zu schaffen, der die Inangriffnahme möglichst großzügiger Palästina- Aufbauarbeit ermöglicht. Diese Sammlung bedeutet nicht bloß Geld-, sondern auch Menschensammlung und gleichzeitig soll sie den Charakter eines wichtigen jüdischen politischen Aktes tragen. In diesem Sinne soll der Aufruf an das Weltjudentum verstanden sein! Juden Oesterreichs! Die große Sammelaktion zur Ueberführung deutscher Juden nach Palästina hat allenthalben eingesetzt. Auch wir österreichischen Juden dürfen und werden nicht zurückstehen. Vom gleichen Hasse angefallen wie unsere Brüder in Deutschland, wollen wir unsere Solidarität mit ihnen durch Taten manifestieren. Die außerordentliche Zeitlage erfordert außerordentliche Opfer! Wir rufen Euch auf zu sofortiger opferbereiter Tat! Helfet den Brüdern In Deutschland! Denket an Eure und Eurer Kinder Zukunft! Bringt Eure Opfer für Palästina dar! A d o 1 f B ö h m, Dr. Desider Friedmann, Dr. Fritz Ekstein, Hofrat Dr. S. Frankfurter, Rabb. Sal. Friedmann, Pr. Oskar Grünbaum, Dr. Heinrich Glücker, Obering. Otto Krasny, Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Dr. Josef Löwenherz, Dr. Leopold Plaschkes, Sophie Löwenherz, Mendel Singer, Dr. Heinrich Sokal, Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Hofrat Dr. Ludwig Werner* * Der Sitz des Komitees Ist: Wien, I., Kärntnerstraße 28 (Tel. R 27-4-20, R 27-3-20), Postsparkasse** Konto C 133.988. Mitarbeiter wollen sich gefl. am angegebenen Ort unverzüglich melden. Der Weltkongreß der Völkerbund* Ilgen ln Montreux Dr. Oskar Grunbaum und Dr. 1. Margulles, Vertreter der österreichischen VÖlkerbundHgav Auf dem dieser Tage stattgefundenen Weltkongreß der Völkerbundliga in Montreux war die österreichische Völkerbundliga durch ihfen Vizepräsidenten Dr. Oskar Qrünbaum, sowie Generalsekretär Dr. Isidor M a r g u 1 i e s vertreten. Großer Jionzerttkaussaat Donnerstag 8. Juni 1933 ‘/28 Uhr abends Dr. CHAIN! ARlOSOROFf Leiter des auswärtigen Amtes der Zionistischen Exekutive in Palästina Judennot«. Palästina Karten von S I.— bis S 3.— KARTENVORVERKAUF: Lanyi, I., Kämtnerstraße 44, M. Rath, II., Taborstraße 20 a, Zion. Landeskomitee, L, Käratneratr. 28, Poale Zion-Hitachduth, U., Blumauerg. 1