Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 282 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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SeTfe 9 DIB STIMME Nr. 282 — 30. Mal 1933 «Helft mir!* schrie er. Die Fischkm schwammen m dem Dunst wie im Wasser und sagten: «Halfst du deinen Eltern?» «Ich will es tun, ich wiR es tunt» schwor der Mann, «nur rette mich*. Sofort stieg eine Rauchsäule aus der QueNe und verwandelte sich in Beine, Körper und Kopf eines Kamels. Die Kleider des Mannes erschienen wieder aus dem Rauch, er legte sie an. bestieg sein Kamel, ritt nach Hause und sorgte von nun an gewissenhaft für seine Eltern. «Noch schlimmer», sagte Sakkai, der mit Genugtuung bemerkte, wie der Araber ihm voll Spannung zuhörte, «noch schlimmer und viel trauriger erging es einem Dieb, der den Fisdien zu entfliehen suchte. Der Dieb war ein Kameltreiber. Viel kräftiger als du und immer fröhlich bei allem seinen Verrichtungen. Sein wohlhabender Herr war »hm zugetan und hielt ihn wie seinen Sohn. Aber der Treiber war ein unehrlicher Mensch und stahl, so oft er konnte, seinem Herrn Silber und Ooid. Als eines Tages der Herr die Kamele belud, packte der Treiber einen Kasten mit Silber und verbarg ihn unter seinem Mantel. Aber der Kasten war so groß, und der Dieb so ungeschickt, daß man wohl sehen konnte, wie er etwas verbergen wollte. So fürchtete er sich denn, seinem Herrn unter die Augen zu treten und floh in die Wüste. In einer Oase machte er halt. Hastig Öffnete er den Kasten, als er eine Stimme hörte. «Hast du Silber gern?* «Ja!» antwortete verblüfft der Dieb, indem er mit seinen Händen hi den Silbermünzen wühlte. «Bringe das Silber wieder datun, woher du es genommen hast, du hast ein Oebot Gottes verletzt!» «Ich will es aber nicht zurückbringenl» schrie der Dieb. «Bring es zurück», gebot die Stimme. «Ich wäl nicht!» war die Antwort des Diebes, Kaum hatte er es gerufen, als zwei feurige Fische aus der Quelle der Oase herausschossen, jeder packte ihn an einem Ohr, und sie drückten seinen Kopf hinein in den Säberkasten, bis er fest darin stecken blieb. Darin steckt er bis heute.» Als Sakkai geendet hatte, war AH Badah mit Schweiß bedeckt. Scheu schlich er zu der Quelle und schaute hinunter. «Was gibt's dort?» fragte ihn Sakkai. «Die Goldfische», rief der Araber, steif vor Schrecken, «da sind sie alle beide 1» Sakkai sprang zur Quelle, — er sah nichts als klares Wasser. «Sie klagen mich ant» schrie der Araber. «0 Herr, erlaube nicht, daß sie mir ein Uebel zufügen», bat er und fiel vor Sakkai ln die Knie. «Warum sollten sie dir etwas tun?», fragte Sakkai und steQte sich ahnungslos. «Ich habe deine Börse mit Gold gestohlen und deinen Sack mit Juwelen», winselte der Araber, Indem er die entwendeten Gegenstände aus seinem Mantel herauszog und sie Sakkai zeigte. «Verzeih mir, verzeih mirl* wimmerte er. «Nur Qott allein kann verzeihen», antwortete Sakkai und öffnete Börse und Beutel. «Was soll das bedeuten?», rief er aus, als die Steine und auch für unsere Juden einst in Uman und heute ln anderen Orten . , . und für die Thorarollen, die man zerrissen hat, und für die ... Aul Aul Hilfe 1 Hilfe) Wer reißt mich denn am Ohr? Zwei ordenttiche Stöße ln den Rücken und ein paar Ohrfeigen im Quadrat ins Oesicht ernüchterten mich augenblicklich. Ich sah vor mir einen Mann — «Ochrlm den Qemüsegärtner!» hätte ich schwören mögen. Woher kannte ich Ochriml Er hatte mit uns Geschäfte, d. h, er lieh bei meiner Mutter immer vor Pessach Qeld, und ums Laubhüttenfest herum fing er gewöhnlich an, aus seinem Erlös die Schuld allmählich abzutragen, und die Zahlungen trug Mutter in ihr dickes Gebetbuch auf der Unken Einbanddecke (dort hatte sie ihre ganze Buchhaltung) am Rande ein, auf einen speziell dafür eingerichteten Platz, mit großen Buchstaben Uberschrieben: Konto Ochrim . . . Und trotzdem Mutter nicht begütert war, eine Witwe mit mehreren Kindern, und von «Prozenten» lebte, nahm sie von Ochrim niemals Zinsen; er entschädigte uns mit seinen GartenfrUchten, mal mehr, mal weniger, wie ’s ihm geriet Streit gab es deswegen nicht. Die ersten grünen Zwiebeln und den ersten Jungen Knoblauch brachte er zu uns. Die ersten Frühkartoffeln und die ersten grünen Gurken waren bei uns eher als bei den Reichen, Und ich habe mehr als einmal unsere Nachbarinnen sagen hören, daß es der Witwe gar nicht so schlecht gehe, wie sie sich den Anschein gebe. «Seht nur, wie Ihr von allem Outen ln die Stube getragen wird.» Für mich war es immer ein Fest, wenn ich Ochrim in seinen großen schweren Stiefeln, in seinem dicken weißen, warmen Wollrock, den er Sommer und Winter trug, anrücken sah. Da wußte ich gleich, daß er uns eine Hucke voll Gartenfrüchte mitbrachte, und ich lief, es der Mutter zu melden. Ueberhaupt bestand zwischen mir und Ochrim eine geheime Liebe. Wir sprachen fast gar nicht miteinander. Denn erstens verstand ich vielleicht noch sein Kleinrussisch, aber er mein Jüdisch — nicht die Bohne. Und zweitens schämte ich mich; dieser riesige Ochrim —• wie spricht man denn mit ihm? Also mußte Ich mich an die Mutter halten; •Frage Ihn doch, warum er mir keine Weichselkirschen mitbringt?» — «Ach, wo soll er dir denn Weleselldrschen her- und die Kiesel zum Vorschein kamen, die er selbst hineingelegt hatte. «Ein Wunder ist geschehenI», and der Meistererzähler sah, wie der Araber starr vor Schrecken auf die gewöhnlichen Steine blickte. Die Fische haben das Gold und dl4 Juwelen kl Steine verwandelt, in ganz gewöhnliche Steine) Wehe ich Unglücklicher, mein ganzes Vermögen habe Ich verloren I» Dann warf er sich zu Boden, schaute in die klare Quelle und tat, als ob er sich mit den Fischen unterhielt, sprang wieder auf und sagte zu dem Araber: «Die Fische haben mir gesagt, wenn wir die heilige Stadt unversehrt erreichen, werden sie die Steine und die Kiesel wieder in Gold und Juwelen verwandeln.» All Badah, Immer empfänglich für übernatürliche Dinge und für Wunder, beeilte sich, seine Kamele zur Weiterreise vorzubereiten. In kurzer Zelt brachen sie nach Jerusalem auf. Sakkai erreichte schnell und sicher die Stadt und war noch vor dem Schewuothfeste am Ziel seiner Reise. (Israel. Familknbl., Hamburg.) JzäWoM Sch’wuoth war immer ein lebenadurstlges, frohsinniges Fest zur Erinnerung an die erste jüdische Gesetzgebung, gefeiert in hoffnungsvoller Zuversicht auf ungestörte Erfüllung primitivster, die rechtliche und gesellschaftliche Weltordnung leitender Menschenrechte. Im Laufe vieler Jahrtausende ist es bis heute keinem Kodifikator gelungen, ein Gesetz zu schaffen, welches so klar präzisiert und so g erecht wäre wie unsere heilige Thora. Der Geist der Duldsamkeit und Liebe, geleitet von der edelsten Idee: Schutz des Schwachen vor dem Starken. Unterdrückung der Tyrannei — das waren die Hauptpfeiler unserer Gesetzgebung, auf denen noch heute die Menschheit ihr Credo stützt. Sie wurde uns vom Sinaiberge verkündet. Ihr Geist beeinflußt auch den Mystiker und Asketen von Nazareth. Sein Olaubensreformationswerk und sein Seelenleben zeigen jüdische Grundzüge. Sein Werk trägt den Abglanz des Alten Testamentes und kennzeichnet eine selbständig sich aufschwingende jüdische Seele. Seine Frömmigkeit, sein Geist der Liebe und Hoffnung und seine Forderung nach dem sittlichen Heroismus basieren auf dem Werk unserer Propheten. So wirkt sich vom Alten Testament das Urphänomen der jüdischen Oiaubensgesetzgebung auf das Seelenleben der Menschheit bis in unsere Zeit aus. Trotzdem sind wir Zeugen des wütendsten Judenhasses in Deutschland. Auf der verzweifelten Suche nach einem wirtschaftlichen und kulturellen Regierungsprogramm erdachten die nationalsozialistischen Theoretiker eine Gesetzgebung, welche die abscheulichste Schande darstellt, die je die Welt erlebt hat Nie noch wagte es eine Regierung, die Pflicht zum Judenrassenhaß in Staatsgesetzen zu verankern und die jüdischen Bürger, die den Weltruhm Deutschlands vermehrt haben, elend verbluten zu lassen, nur deswegen, weil sie — Juden sind. Das Gewissen der gesitteten Welt hat bereits sein Urteil gesprochen. Durch die rücksichtslose Vernichtung einer halben Million jüdischer Existenzen hat sich jedoch der Nationalsozialismus selbst gerichtet Die neueste Gesetzgebung des Dritten Reiches hat in erster Reihe das Ideal der nehmen? In einem Oemüsegarten wachsen keine Kirschen.» — «Warum wachsen denn in einem Gemüsegarten keine Kirschen?» — «Warum, warum, warum — darum» macht Mutter und klatscht mir eine. «Aber Frau Abraham, schlagen Sie doch das Kindchen nicht,» nimmt sich Ochrim meiner an. Ja, so ein Mensch war Ochrim, und ihm war ich nun also in die Hände gefallen. Ihm muß, als er ihm Näherkommen eine solche Verwüstung in seinem Garten erblickte, zuerst einfach der Verstand stillgestanden haben; was haut denn da nach allen Seiten um sich, ein böser Geist, ein Waldachratt, der Satan selber? Und er bekreuzigte sich gewiß. Als er aber dann ausgerechnet doch einen jüdischen Jungen mit einem Holzschwert so hingebend am Werk erkannte, da nahm er mich beim Ohr, aber so herzhaft, daß es mich magnetisch zur Erde zog und ich mit einer ganz fremden Stimme zu schreien begann; Aul Aul Aul Wer zieht mich denn am Ohr? Und erst nachdem es die saftigen Rippenstöße und gepfefferten Ohrfeigen geregnet hatte, blieb Ochrim sprachlos stehen: «Frau Abrahams Kindchen?» Er bekreuzigte sich, fing an den Schaden näher zu besehen, jede Zeile und jedes Bodenstück — und die Tränen traten ihm in die Augen. Er stellte sich vor mich hin, legte die Hände zusammen und fragt« nur ein Wort; Warum? Erst da ging mir auf, was ich angerichtet hatte und wem ich soviel Schaden verursacht hatte, und ich fragte mich selbst; Warum? Warum? Und es wäre mir lieber gewesen, Ochrim hätte mich noch geprügelt, als daß er so gebrochen vor mir stand . . . Brauche ich euch zu erzählen, was Mutter dazu sagte, ihren Schreck ausmalen, ihren Zorn, wie sie die Hände rang, •ls Ochrim ihr alles berichtete? Und was ich von ihr vor Schewuoth bekam und vom Lehrer nach Schewuoth? . . . Und dann der Schimpf, den Ich das ganze liebe Jahr von meinen Kameraden auszustehen hatte. Sie legten mir einen sehr vornehmen Uebernamen zu: Gemüsegärtner, Josse! Qemüsegärtner. Der Uebernahme blieb mir noch lange nachher, fast bis zu meiner Hochzeit. So war Ich also ausgegangen, Grün fürs Fest zu pflücken. (Deutsch von A. S u h I.) christlichen Nächstenliebe geschändet. Die Bilanz der dreimonatlichen Herrschaft ist der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands, ein Vermögensverlust von fünf Milliarden Mark, die Verödung sämtlicher Hochschulen, der katastrophale Rückgang des Exports, speziell in der Textilindustrie bis zu 42 Prozent, der Sturz sämtlicher deutschen Wertpapiere an den Weltbörsen und dl« komplette politl» sehe Isolierung. Wir Juden sind das unglückseligste, aber auch das willenstärkste und im unverschuldeten Abwehrkampfe leidenschaftlichste Volk der Erde. Wir haben die spanische Inquisition und die russischen Pogrome überlebt, wir werden auch die neueste Gesetzgebung des Dritten Reiches ertragen. Die Weltgesittung und das aufrechte Christentum helfen uns nach den Festspielen in Potsdam, nach den Neronischen Saturnalien in Berlin und anderen, die Volksmenge blendenden Paraden — das Schauspiel der deutschen Göteendämmerung geduldig zu verfolgen. Am Sch'wuoth-Tage denken wir an die Erlösung unserer Brüder aus der deutschen Hölle. Wir sind ein aufstrebendes, um Freiheit ringendes Volk und besitzen ein blühendes, eigenes Land — Erez IsraeL Das ist am Sch’wuoth-Tage unsere einzige Antwort auf die judenvernichtende Gesetzgebung des «Dritten Reiches». Unser ewige «.Gott spricht such heute vom Berge Sinai. Israel Auerbach gibt seine Worte rm Poema «Das groß« Wecken» wieder: So tief schläft nimmer Israels Oebein, Ich wecke euch und hauch’ euch Leben ein! So finster ist kein Winkel dieser Welt, Daß er vergessen euch im Kerker hält! Von Nord und Süd, vom fernsten Erdenrand Führ* ich euch heim ln euer Väterland, Auf Adlers Flügeln trag? ich euch daher, Mein Voikl Mein Israeli Dr. Karl RosenWd. Der Zionismus in Ungarn Wie wir bereits in unserer letzten Nummer berichtet haben, weilte anläßlich der Sitzung der Leitung der Allgemeinen Zionisten in Wien Dr. Nlson Kahnn, ein alter, erprobter Führer der ungarischen Zionisten. In einem Gespräch mit unserem Redakteur äußerte eich Dr. Kahan über den Zionismus in Ungarn wie folgt: «Es muß vorausgeschickt werden, daß die ungarische Regierung sich der zionistischen Organisation gegenüber io äußerst loyaler Weise verhält. Wir stehen im ständigen Kontakt mit dem Pressebureau der ungarischen Regierung, welches unsere Berichte stets mit Wohlwollen benützt. Anläßlich der Vorgänge in Deutschland wurde ein antizionistisches Blatt, das gegen unsere Interessen Propaganda machte, für zwei Wochen eingestellt Unsere Organisation ist in stetem Aufschwung begriffen. Wir besitzen eine starke Chaluzbewegung und bezeichnenderweise ist es Baron Edmund Hatvanyf, der selbst aus dem Judentum ausgetreten ist, welcher unsere Hachscharahbewegung durch ständige Aufnahme von Chaluzim auf seinen Gütern tatkräftigst unterstützt. Er geht so weit, daß er für hundert junge Chaluzim eine eigene koschere Küche eingerichtet hat Anläßlich einer falschen I. T. A.-Meldung über angebliche Besiedlung von deutschen Familien in Ungarn, entsandte die ungarische Regierung einen Beamten, der die Unrichtigkeit dieser Meldung feststellte. Allenfalls griffen diese unverantwortliche Falschmeldung antisemitische Blätter auf und es bedurfte erst des Einschreitens der Regierung, um die öffentliche Meinung zu beruhigen. Die jüdische Presse, die in Ungarn erscheint, und zwar zwei Wochenblätter außer dem «Zsido-Szemle» und «Mult 4s Jövö», stellen sich unserem Aufbauwerke gegenüber positiv ein. Auch die W1 zo macht erfreuliche Fortschritte und dringt in gänzlich assimilierte Kreise ein. Der Pro-Palästinaverband, den wir vor längerer Zeit gegründet haben, veranstaltet Propaganda-Abende für weiteste Kreise der jüdischen und ungarischen Intelligenz. So sprach an eklem solchen Abend der reformierte Bischof Baltezar mit großer Begeisterung über uneer Aufbauwerk. Diese Rede erregte in eilen ungarischen Kreisen riesiges Aufsehen. Leider stehen noch die offiziellen Führer des Judentums unserem Aufbauwerk ablehnend gegenüber. Bei der wohlwollenden Haltung der Regierung dem Zionismus gegenüber, Ist zu erhoffen, daß auch diese Kreise sich eines besseren belehren lassen werden. Was den Allgemeinen Zionismus anbelangt, so ist der überwiegende Teil der ungarischen Zionisten allgemein-zionistisch eingestellt. Allenfalls gibt es bei uns keine Auswüchse der parteipolitischen G e g e n s ä t z e, wie sie leider ln anderen Ländern Vorkommen, Samuel Uatmnyev will den Audi* «emitlstnus vor dam Völkerbund fea* kämpfen New York. 8amue| Untermyer, einer der berühm* testen Rechtsanwälte der Vereinigten Staaten und führende« Mitglied des American Jewlsh Congress, wurde vom Verband der jüdischen Kriegsveteranen Amerikas aufgefordert, vor dem Völkerbund und vor der Weltwirtschaftakonferens gegen die ln Europa gegen Juden getroffenen gesetzlichen Beschränkungen aufzutreten. Rechtsanwalt Untermyei hat sich bereit erklärt, dieser Bitte unter der Bedingung zu entsprechen, daß sich ihr auch die niohtjüdlschen Krieg*. Veteranen Amerikas anechließen. Der Generalsekretär de« Völkerbundes Sir Brie Drummond wurde telegraphisch von dem Sehritt des Verbandes der jüdischen Kriegs- Veteranen Amerikas verständigt.