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Die Stimme · 1933-05-30 · Heft 282 (30.5.1933) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 282 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 383 —30. Mit 109' DIB STIMME Scffi 9] CHIWUOTH EDWARD BARCLEY Die beiden Goldfische Eine orientalische Erzählung zum Schewuothfest Vor vielen hundert Jahren lebte in Aegypten ein wohlhabender jüdischer Kaufmann mit Namen Sakkai, der so fromm war, daß er es niemals versäumte, wenigstens einmal im Jahre nach Jerusalem zu reisen, um dort Gaben unter die Armen auszuteilen und an der Tempelmauer zu beten. Stets unternahm er seine Reise zum Schewuothfeste und noch niemals hatte er es versäumt, sich rechtzeitig so einzurichten, daß er zu diesem Tage in der heiligen Stadt eintraf. Ein Schewuothfest außerhalb Jerusalems war für ihn kein rechter Feiertag... Die Reise durch die Wüste war freilich keine einfache Sache. Er mußte eine kleine Karawane zusammenstellen und brauchte einen erfahrenen Kameltreiber, um den schwierigen Weg durch die Wüste zurückzulegen. Einmal jedoch erkrankte der Kameltreiber, der Sakkai meist immer nach Jerusalem geführt hatte, und es dauerte eine Woche, bis er einen anderen fand. Der neue Treiber, Ali Badah mit Namen, war ein abergläubischer Mensch, für den die Reise durch die Wüste mit allerhand geheimnisvollen Gefahren verknüpft schien, und Sakkai mußte ihm einen hohen Lohn versprechen, bis er ihn davon überzeugt hatte, daß er unterwegs nicht von Drachen oder anderen Ungetümen verschlungen werde. All das verzögerte die Abreise derart, daß Sakkai schon Angst hatte, nicht mehr rechtzeitig zum Schewuothfeste in der heiligen Stadt emzutreffen. Zwei Kamele wurden hastig fertiggeinacht, und in der Morgenkühle einer frühen Stunde reisten sie ab. Trotz der Eile hatte Sakkai nicht vergessen, seine üblichen Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Er hing eine reich mit Goldstickerei geschmückte Börse, gefüllt mit Kieseln, an den Kamelsattel, und einen purpurnen Beutel mit Steinen verbarg er in den Falten seines Gewandes, während er seine Wertsachen sorgfältig und sicher in seinem Turban unterbrachte. Nun war der Kameltreiber Ali Badah zwar alles andere als ein unehrlicher Mensch, fürchtete sich auch davor, daß Dämonen und Geister ihn für jede Untat strafen konnten, — aber der Anblick der Börse, die offenbar mit Goldstücken gefüllt war, und des Beutels, in dem er Juwelen vermutete, raubte ihm ganz die Sinne und bereitete ihm sichtbare Qualen. «Warum», murmelte er, als ein Tag der Reise vergangen war, «warum soll ich diesen reichen alten Juden für wenige Sil'berstücke durch die Wüste führen, wenn ich ihm mit Leichtigkeit seinen Sack voll Juwelen und seinen Beutel mit Gold rauben kann? loh kann ja später nach Mekka fahren, mich dort mit einem einzigen Goldstück von der Rache der Dämonen loskaufen, und den Rest meines Lebens kann ich dann leben wie ein Fürst!» Und der Plan, seinen Herrn zu berauben, festigte sich immer mehr bei ihm und gedieh bis zu dem Entschlüsse. Als sie an einer Oase angelangt waren, legten sie sich unter den Schatten der Palmen zur Ruhe, um dort einige Stunden zuzubringen. Der alte Sakkai war bald eingeschlafen, aber Ali Badah blieb wach. Leise stand er auf und riß die Börse vom Kamelsattel, dann schlich er lautlos wie ein Vogel zu Sakkai und nahm den Beutel aus seinem Gewände. Kaum hatte er ihn ergriffen, als er stolperte und zu Boden fiel, so daß Sakkai erwachte und aufsprang. Er sah den Araber dicht bei sich und las die Schuld des Treibers in dessen Blick. Sakkai lächelte nur und fragte: «Schläfst du noch nicht? Der Araber zitterte und antwortete verlegen, indem er zur Seite sprang: «ich hatte Durst, ich wollte etwas trinken.» «Siehst du die beiden Goldfische im Wasser?» fragte Sakkai. Verblüfft starrte der Araber in die Quelle der Oase. «Goldfische?» «Siehst du sie nicht?» Der Araber schaute nochmals hinein, dann schüttelte er den Kopf. «Seltsam, sehr seltsam», murmelte Sakkai, als wäre er sehr erstaunt, «wirklich seltsam». «Aber wie sollen Goldfische da hineinkommen?» «Das weißt du nicht?» fragte Sakkai, indem er sich ganz überrascht stellte. «Setze dreh zu mir, und ich wUl dir die ganze Geschichte erzählen.» AU Badah, der an nichts' anderes denken konnte, als daß er erwischt worden war, setzte sich hin. Er konnte den alten Juden schließlich auch in der Nacht verlassen, denn Geschichten zu hören, dazu war er immer bereit Aus solchen Geschichten kann man oft Lehren ziehen, manchmal sogar gute. Also meinetwegen 1 Er setzte sich, neben Sakkai, und Sakkai begann: «Die Geschichte geht zurück auf die Zeit von Moses», sagte Sakkai, dessen Erzählungen meist mit den Zeiten Moses begannen. «Als die Kinder Israel aus Aegypten auszogen, nahmen sie viele Kostbarkeiten mit sich, so viel als sie konnten« Da waren nun zwei ungebildete Leute dabei, die glaubten, die Goldfische, welche in den Zierteichen, die Pharao in seinem Park hatte anlegen lassen, seien richtige Kostbarkeiten, und nahmen auch zwei solcher Goldfische mit. Als die anderen Juden davon hörten, lachten sie über die Brüder, und als sie einst des Mannah überdrüssig waren, wollten sie die Goldfische essen. Aber Moses verbot es. Er war gerade im Begriff, auf den Berg Sinai zu steigen, um die Gottesgebote zu empfangen, nahm die Goldfische an sich und steckte sie in die Falten seines Gewandes. Obwohl sie dort ohne Wasser waren, blieben sie doch am Leben, denn es war eine Zeit der Wunder. Aber der feurige Leuchter der Herrlichkeit Gottes blendete die Fische so, daß sie ihn baten, sie wieder zurückkehren zu lassen. Doch Moses beruhigte sie und sagte zu den Fischen: «Ihr allein von Gottes kleinen Geschöpfen werdet sein« Gebote hören! Und ihr sollt immer darauf achten, daß »re gehalten werden. In den Quellen der Wüste, in allen Wässern sollt ihr auf der Hut sein und die Menschen daran erinnern, sie zu erfüllen. Weil ihr Gottes Herrlichkeit gesehen habt, wird euch eine große Kraft innewohnen!» Er nahm die Fischlein und setzte sie in einen nahe vorbeifließenden Bach. Eine Welle kam und entführte sie über die Felsen, und bald waren sie in unterirdischen Quellen verschwunden. Dort leben sie nun und halten Wacht darüber, daß die Gebote Gottes gehalten werden. Wehe dem, der das Gesetz verletzt. Dank ihrer Wunde rmacht können sie —» «Ihrer Macht», warf der Araber dazwischen, «welche Macht haben denn die Goldfische?» «Mehr Macht als tausend Teufel», sagte Sakkai. «Höre nur weiter!» Eines Tages kam ein junger Mann, der seine betagten Eltern verlassen hatte und in die Wüste geflohen war, zu einer Oase. Er beugte sich zu der Quelle hernieder, um zu trinken, da hörte er eine feine Stimme: «Gehe zurück nach Hause! Du hast das Gebot Gottes veiletzt, gehe zurück und sorge für deinen Vater und deine Mutter!» Der junge Mann hörte nicht auf cfie Stimme und bestieg sein Kamel. Aber das Kamel brach unter seinem Gewicht zusammen und verwandelte sich in Rauch. So saß der junge Mann einsam im Sand. Die Sonne brannte auf ihn hernieder, und als er seinen Turban löste und ihn ausbreiten wollte, verwandelte sich auch der Turban in Rauch. Er ergriff seinen Mantel, aber auch der löste sich in Rauch auf. Ein Kleidungsstück nach dem an-. deren — alle wurden sie zu Rauch... Entsetzt kehrte er zur Quelle zurück, aber die Quelle war auch nichts anderes mehr als Rauch. Nur zwei Goldfische, flammend wie Feuer, bewegten sich darin. Scholem-Alejchem: Grün fürs Fest Eine Geschichte für jüdische Kinder Den Tag vor Schewuoth bat ich meine gottselige Mutier, mir zu erlauben, daß ich vor die Stadt hinausging, Grün fürs Fest zu pflücken. Und Mutter erb übte es, die Erde sei ihr leicht dafür! Eine rechte Fahrt nenne ich, die man für sich macht, ohne Kameraden, ohne Ablenkung. Ich bin ganz für mich allein, ein freier Vogel, in der weiten Welt Ueber mir das große blaue Käppchen, der Himmel. Für mich allein strahlt die schöne Tag-Königin, die Sonne. Um meinetwillen nur haben sich da auf freiem Plan alle die Sänger und Pfeifer und Hüpfer zusammengefunden. Und nur für mich hat sich die duftende Rose entfaltet, die langstielige, gelbe Sonnenblume auf getan, das ganze weite Feld mit allen Köstlichkeiten der milden Natur besät und besprenkelt Niemand drängelt mich, niemand stört mich, niemand sieht mich, außer Gott, und ich kann tun und lassen, was ich will: Will ich — sing’ ich ein demütig Gebet; will ich — brüll* ich wie toll los und schrei mir den Hals aus; will ich — leg. ich die Hände wie ein Schofar zusammen und blase den «großen Hornstoß» von Neujahr oder tute ein Trompeterstücklein; will ich —- kullere ich mich einfach ohne alle Umstände ins grüne Gras und wälze mich nach allen Seiten wie ein Füllen. Wer kann mir dreinreden und auf wen höre ich? Ich bin frei! Ich bin frei! Der Tag war so warm, die Sonne so heil, der Himmel so lauter, das Feld so grün, das Gras so frisch und das Herz mir so leicht, daß ich ganz vergaß, daß ich hier wildfremd war und herausgekommen war, Grün fürs Fest zu pflücken. Und ich stellte mir vor, daß ich hier der Gebieter sei, ein Prinz. Und das ganze Feld, das mein Auge umfaßte, mitsamt allem, was darauf und sogar mitsamt dem ganzen blauen Himmelsstück, —das gehört alles mir, ich bin der alleinige Herr darüber, und ich habe darüber zu befehlen und sonst keiner. Und als Herr, dem alles gehört und der Uber alles gebietet,, möchte ich nun meine Gewalt kundtun, mich bemerkbar machen, fühlen lassen, was ich alles kann und vermag. Zum ersten aller guten Dinge gefällt mir diese lange Stange mit der gelben Tellermütze, die Sonnenblume, nicht, die plötzlich in meinen Augen ein feindseliges Aussehen bekommt, wie eine Art Riese Goliath. Und alle die anderen Pflanzen mit Stangen und ohne Stangen, weiße Bohnen und Pferdebohnen — das sind lauter Feinde, das sind die Philister, die sich da bei mir auf meinem Boden räuberisch niedergelassen haben — wer hat nach ihnen geschickt? Und dort die untersetzten Dicken mit den grünen Mützen, die so dicht beieinander, ganz hart an der Erde hocken — Kraut — was suchen sie hier, diese Bauernmützen? Sie werden sich noch einen ansaufen und mir ein Unglück anrichten... Sie sollen sich zum Teufel scheren, ich brauche sie nicht. Und zornige Gedanken, wilde Instinkte erwachen in mir, und eine merkwürdige Rachlust ergreift mich, und ich gehe daran, an den Feinden mein Mütchen zu kühlen, und noch wie. Um das Grün fürs Fest zu pflücken, hatte ich eine ganze Kriegsausrüstung mitgenommen; ein Taschenmesser mit zwei Klingen und ein Schwert aus Holz, aber scharf, das ich noch von der Kinderschlacht am Lagbeomer-Tag her hatte. Blut (dürft ihr mir ohne Eid glauben) hatte es nicht vergossen. Es war gewissermaßen wie die Waffe beim Militär in Friedenszeiten. Keine Spur von Krieg, Mäuschenstille ringsum, doch immerhin, sozusagen um der friedlichen Verständigung willen, mögen da Flinten, Kanonen, Pferde, Soldaten kriegsbereit dastehen — «gebe Gott, daß man sie nicht braucht!» wie meine Muhme Ettel zu sagen pflegte, wenn sie Himbeeren einmachte. Das weiß jeder, daß man im Krieg auf die höhere Charge zielt, den Offizier. Kann man gar den General treffen, das ist noch besser. Da fallen die Soldaten schon von selber. Ganz logisch also, daß ich zu allererst den Riesen Goliath anfiel, ihm mit dem Schwert einen saftigen Hieb Über den Kopf mit der gelben Tellermütze versetzte und einige hübsche Stöße von hinten. Und der Bösewicht schlug, wie lang esr war, vor meine Füße hin. Danach legte ich noch eine hübsche Anzahl anderer handfester Bösewichter um, riß ihnen die Stangen aus den Händen und schleuderte sie zu allen Teufeln. Und die untersetzten Dicken mit den grünen Mützen nahm ich noch anders in die Arbeit: Wo ’s anging, schlug ich die grüne Mütze herunter, und die anderen trat ich mit Füßen, erledigte sie ein für allemal! Ist man im Krieg erst richtig in Zug gekommen mit Blutvergießen, so hört die Ehrfurcht vor dem Alter, die Rücksicht auf das schwache Weib, das Erbarmen mit den kleinen Kindern auf. Auch ich kam, nachdem ich die ersten tüchtigen Streiche ausgeteilt hatte, erst richtig in Hitze, stachelte mich selbst immer mehr auf und geriet in einen solchen Blutrausch, daß ich alles, was mir unter die Augen kam, hemmungslos zersäbelte, nach allen Seiten um mich schlug. Und am meisten hatte das arme Kleinzeug von mir zu leiden . .. Die jungen runden Kürbisse, Melonen mit den dicken Bäuchen, Würmchen von jungen Gurken, die eben erst aus dem grünen Kelch die gelben Nabel hervorsteckten, reizten mich durch ihre Schweigsamkeit und Kaltblütigkeit. Sie werden an mich zu denken haben: ich köpfte sie, schlitzt« ihre Leiber auf, zerwackte und zerstückelte sie — ich begriff selbst nicht, woher mir soviel Mordlust kam. Arme, unschuldige Kartoffeln, die tief in der Erde saßen, grub ich aus und ließ sie erfahren, daß es vor mir kein Verstecket! gibt . . . Jungen Knoblauch und grüne Zwiebelchen riß ich mit der Wurzel aus, kleine Rettiche flogen bloß so, — und straf mich Gott, wenn ich auch nur einen einzigen winzige« Rettich genoß, denn das hatte ich behalten aus dem Buch« Esther: geraubt haben Juden nicht. Jedesmal, wenn mich di« Lust anwandelte und verführen wollte, ein Zwiebelchen z« genießen, vom Knoblauch zu kosten, trat mir der Satz au« dem Buche Esther entgegen, Wort für Wort, in der vorge» schriebenen Singweise und Betonung: «Aber nach Beut« streckten sie nicht aus ihre Hand.» Und ich hörte nicht auf zu schlagen, zu vernichten, zu töten, jung und alt, klein und groß, arm und reich, ohne jedes Erbarmen ... Im Gegenteil, ich stellte mir vor, daß ich ihr Schreien, Weinen und Flehen hörte — und keine Regung von Mitleid! Seltsam—« ich, der nicht Zusehen konnte, wie ein Huhn geschlachtet eine Katze geprügelt, ein Hund beleidigt, ein Pferd geschla* gen wurde, sollte so grausam und blutrünstig sein? . , Rache — hörte ich, wie berauscht, nicht auf zu schreien ich will abrechnen mit euch für das jüdische Blutl Ich will euch -zahlen für Jerusalem .und .für -Spanien .und .Maccktyl

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