Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 282 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054037--3541-3059066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 282 — 30. Mai 1933 DIE STIMME Seite 9 Jabotinskys Judenstaatsvision Palästina im Jahre 1953 Vortrag im Großen Konzarthaussaai Im bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Großen Konzerthaussaal sprach Donnerstag abends Vladimir Jabotinsky, der Führer der Zionisten-Revisionisten, über «Palästina im Jahre 1953». In dreieinhalbstündiger Rede schilderte Vladimir Jabotinsky die Entwicklung Palästinas in einem Ablauf von zwanzig Jahren, wie er sie sich vonstellt, deren einzelne Phasen und Erscheinungen auf revisionistischprogrammatischen Prinzipien beruhen. Jabotinsky wählte sich diesmal für die Behandlung seines Themas eine überaus originelle Art Er setzt als gegeben voraus, daß wir uns bereits im Jahre 1959 befinden, und seine Ausführungen sollen eine retrospektive Betrachtung über einen Entwicklungsprozeß sein, dessen Ablauf nicht vor, sondern hinter uns liegt Er gliederte die zwanzig Jahre von 1933 bis 1953 in vier Perioden sogenannter vier Fünfjahrpläne, wobei er jeden Abschnitt separat behandelte. Der erste Filnfjahrplan 1933—1938. «Mein Thema* — beginnt Vladimir Jabotinsky — «ist dn wenig phantastisch. Wir befinden uns bereits im Jahre 1953. Palästina ist bereits aufgebaut Und ich will als Historiker Ihnen erzählen, wie und mit welchen Mitteln dieser Entwicklungsprozeß, der aus Palästina einen Judenstaat gemacht hat, sich vollzogen hat» Und er schildert, wie in dem Zeitraum von 1933 bis 1938 sich vor allem in der zionistischen Bewegung vieles grundlegend geändert hat Der Keren Hajessod, der vorher ausschließlich die nationale Kolonisation gestützt hatte, war in einen Kreditgarantiefonds umgewandelt worden. Privates Kapital strömte in großen Mengen ins Land, so daß die frühere Funktion des Aufbaufonds eine andere geworden war. Eine ebensolche Reform wurde beim Keren Kajeraeth (Jüdischer Nationalfonds) durchgeführt. Seine Hauptaufgabe galt nicht mehr der Erlösung des Bodens wie bisher, sondern vielmehr der Erlösung des Wassers. So wurden die modernsten Bewässerungsmethoden in Anwendung gebracht, die darauf hinzielten, aus dem wasserarmen Palästina ein wasserreiches zu machen, ln steinernen Bassins, die zwischen den Gebirgslinien des Landes gebaut waren, wurde das Regenwasser autgefangen und durch Röhrenanlagen, Zisternen und Talsperren den Feldern zu geführt Die Wasserquellen des Jordans und des Kinerethsees sind ebenso ausgenützt worden wie die des Jarmuk und des Tiberiassees. Das machte eine intensive Landbewirtschaftung möglich, durch die die Ertragbarkeit des Bodens eine ungewöhnliche Steigerung erfuhr. Die Entwicklung der Orangenproduktion hat eine unvorstellbare Höhe erreicht. Etwa sieben Millionen Kisten Orangen pro Jahr wurden exportiert. Es entwickelte sich eine eigene Orangen- Ki s t e n i n d u s t r i e. Ja, eine spezielle jüdische Schiffslinie mußte für den Orangentransport ins Ausland errichtet werden. Die Juden in der Diaspora wieder haben diesen Aufschwung Palästinas auch dadurch besonders zu fördern begonnen, indem sie für die Verbreitung der Palästinaprodukte («Tozereth Haaretz» in aller Welt sorgten. Im selben Zeitraum ist auch das Prinzip der nationalen Arbitrage realisiert worden. Zur Schlichtung sozialer Konflikte zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurden Schiedsgerichtskommissionen, paritätisch beschickt, eingesetzt, die den sozialen Frieden des Landes sicherten. Trotzdem sind in diesem Zeitraum nicht mehr als hunderttausend Juden ins Land eingewandert. Dieses Tempo hätte sich wahrscheinlich nicht viel geändert, wenn nicht im Jahre 1933 die jüdische Tragödie kt «Ruretanien», einem Lande im Herzen Europas, wie es der Redner nennt, das Judentum in der ganzen Welt aufs tiefste erschüttert hätte. In diesem Lande hatte sich in jenen Tagen eine fürchterliche Katastrophe zugetragen, deren Opfer über eine halbe Million jüdischer Menschen geworden waren. Die Katastrophe wirkte umso tragischer, als sie einen Teil des Judentums betrat, das wie in keinem Lande der Welt durch seine Leistungen auf den verschiedensten Gebieten dem Wirtsvolke zu seinem Ruhme in aller Welt mit unerhörtester Hingabe verholfen hatte, das auf eine sechs Generationen hindurch währende Assimilation grausamsten Dank durch rücksichstloseste Vernichtung und Deklassierung erhielt. Diese in der modernen Kulturgeschichte einzig dastehende elementare Katastrophe rüttelte das Weltgewissen ln besonderem Maße auf. Insbesondere aber fanden diese Erschütterungen bei den Juden selbst ihr gewaltiges Echo. In der ganzen Welt setzte eine von den Zionisten organisierte Petitionsbewegung des gesamten Judentums ein, die auf eine Siegmund Gitter und Frau beehren sich hienut anzuzeigen, daß die Trauung ihres Mnx summ rum. min iimr Sonntag, den 4. Juni, vierte! 5 Uhr nachmittags, im Tempel, II., Leopoldsgasse,: stattfindet. Wien, II., Sebastian Kneipp-Gasse 11. Un Mai 1933. unbeschränkte Oeffnung der Tore Palästinas hinzielte. Durch Meetings und Demonstrationen, die gleichzeitig in jedem Lande von den Juden veranstaltet wurden, sollte der Forderung Nachdruck verliehen werden, daß die Oeffnung Palästinas für eine jüdische Masseneinwanderung heute das einzige Mittel zur Lösung der J u d e n f r a g e sei. Gleichzeitig setzte ein« gewaltige sogenannte illegale Einwanderung nach Palästina ein. Die Grenzen Palästinas, durch welche ein reger Menschcnschmuggd betrieben wurde, der für die Betroffenen oft von unheilvollen Begleiterscheinungen war, war der Schauplatz permanenter Skandale, die das Augenmerk der ganzen Welt auf sich lenkten. Auch diese Erscheinung war ein Mittel im Kampfe zur Durchsetzung der Forderung nach Verstärkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Der Ablauf des nächsten Fünfjahrplanes von 1938 bis 1943 sieht bereits einen gewaltigen Aufschwung des Landes vor. Eine alte Forderung der Zionisten ist bereits erfüllt Die Agrarreform ist durchgeführt, durch welche den Juden große Staatsländereien zur Verfügung gestellt werden. Ebenso hat eine Internationale Anleihe dem Aufschwung des Landes große Dienste geleistet Im Laufe dieses Zeitraumes sind 200.000 Juden neu ins Land gekommen. In Palästina ist bereits ein Parlament geschaffen, das allerdings von den Juden boykottiert wird. Es zeigt sich aber bald, daß das einzige Ziel der arabischen Parlamentspolitik, die Verwirklichung der panarabischen Idee, die Schaffung eines Großarabiens, gegen die Interessen der Europäer gerichtet war. Die Engländer erkennen die Gefahr, die für dile europäische Machtsphäre kn Orient damit verbunden ist, den Weg durch den Suezkanal nach Ostindien, China, Japan usw. zu verlieren. Das Parlament wird aufgelöst und die Folge sind Aufstände in Palästina, Syrien und Mesopotamien. Im gleichen Maße wie die palästinensischen Araber in Erkenntnis, daß die jüdische Position im Lande eine so starke geworden ist, daß sie nicht mehr wegzudenken ist, von ihrer bisherigen antijüdischen Politik abgehen und resignieren, wächst die panarabische Bewegung unter der Führung von Ibn S a u d in der arabischen Welt gewaltig an. Diese muß konsequenterweise zu einem blutigen Krieg gegen Europa führen. Die erste Etappe in diesem Feldzug gegen Europa gilt für die außerpalästinensischen Araber, das jüdische Palästina. Die Juden in Palästina sind für sie die Exponenten europäischer Kultur. Der Kampf wind gegen die Juden in Palästina eröffnet. Es kommt zu einem arabisch-jüdischen Zusammenstoß, der die blutigen Geschehnisse von 1929 weit in den Schatten stellt. Als Mensch hofft Herr Jabotinsky, es werde zu diesen Ereignisse nicht kommen, als Historiker, als der er an diesem Abend auftritt, muß er diese Erscheinungen ins Kalkül ziehen. Der. Kampf gegen die arabische Welt wird in seiner ganzen Bedeutung «für Europa erfaßt und die Juden werden in ihrer Abwehrstellung in Palästina unterstützt. Schon vorher hatten die Zionisten durch Wehrhaftmacung großer Teile ihrer Jugend dafür gesorgt, daß der jüdische Selbstschutz gegebenenfalls innerhalb kürzester Zeit in Aktion treten könnte. Und wie im Jahre 1917 werden die Juden auch jetzt in selbständige Militärformationen in den Kampf Europas gegen Arabien mit hineingezogen. Der arabische Angriff wird abgewehrt. Die bei dieser Kampfgelegenheit in Aktion getretene jüdische Legion bleibt als erste jüdische Militärgarnison für den Schutz des Landes erhalten. Das letzte Jahrzehnt 1943 bis 1953 in Jabotinskys historischer Analyse ist eine Periode, die ausgezeichnet ist durch einen außerordentlichen Aufschwung des Landes, bedingt durch die wunderbarsten Schöpfungen auf dem Gebiete der Technokrate. Von 1943 bis 1948 kamen 300.000 Juden, in den fünf Jahren bis 1953 über eine halbe Million Juden ins Land. Landwirtschaft und Industrie entwickeln sich m gewaltigem Maße. Aber sie werden von dem Aufschwung des Handels in den Schatten gestellt In dem entworfenen Plan des utopistischen Konstrukteurs Jabotinsky nimmt der Handel den ersten Platz dn. Hunderte Millionen Einwohner aus Indien und China geben neue Absatzmärkte ab, dorthin schickt die ganze Welt ihre Produkte, die ihren Weg durch Palästina nehmen, das der Kreuzungspunkt der Welt geworden ist. Palästina ist die Hauptstation des Welthandels geworden, dazu prädestiniert, durch seine ausgezeichnete geographische Lage und das Handelsgenie de6 jüdischen Volkes, das auf seinem Boden Wurzel gefaßt hat. Der Handel — dieser wichtigste Faktor der Zivilisation — hat für Palästina Möglichkeiten geschaffen, die vorher als Utopien bezeichnet wenden mußten. Jährlich strömen jetzt hunderttausend Juden ins Land. Palästina hat bereits eine jüdische Mehrheit. Die Idee des judenstaates ist verwirklicht, der Uebergang zum Judentum ist vollzogen.» Dem inhaltlich fesselnden und oratorisch blendenden Vortrag lauschte trotz dreieinhalbstündiger Dauer das Publikum in atemloser Spannung. J. R. Dichter und Politiker Sin Nachwort xu Jabotinskys Wlanar Vortrag (g.) Jedermann weiß, daß Jabotinsky ein tüchtiger Schriftsteller und ein ausgezeichneter Redner ist. Daß er ein tüchtiger Politiker ist, bestreiten heute auch schon große Massen seiner Parteigänger von gestern. Diesmal stellte sich jabotinsky dem Wiener Publikum als Dichter vor. Er hatte die Wahl als rückwärtsschauendef Prophet aufzutreten und das Fehlschlagen seiner politischen Vorhersagen zu erklären, oder als vorwärtsschauender Prophet das Zukunftsideal seiner Politik seinen Zuhörern vorzuführen. Er tat das letztere. Vielleicht schwebte ihm dabei das Werk eines Mannes vor, der die seltene Gabe besaß, ein großer Politiker und ein begnadeter Dichter zu sein. Aber dieser seltene Mann — Theodor Herzl — schrieb erst seinen «Judenstaat» und dann erst «A11 n e u 1 a n d», türmte erst Gedankenquadern zu einem gigantischen Bau und senkte erst von ihm aus den dichterischen Blick in das Land unserer Zukunft nach Altneuland. Uns dünkt es aber, daß der Dichter Jabotinsky den politischen Trümmerhaufen nicht sah oder nicht sehen wollte, auf dem der Politiker Jabotinsky steht. Gewiß, es ist schmerzlich, sich selbst zuzurufen: «Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!», aber «rückwärts» heißt oft: Heraus aus der Sackgasse und vorwärts. Dadurch unterscheiden sich eben Dichter und Politiker, daß der Politiker zwangsläufig strauchelt, wo der Pegasus den Dichter mühelos in himmelblaue Höhen emporträgt. Der Dichter kann nicht straucheln, wohl aber der Politiker. Strauchelt der Politiker — auch er kann irren wie jeder Mensch — dann muß er den falschen Weg verlassen und den richtigen Weg finden. Sonst ist er kein Politiker. Allerdings, es ist billiger, sich Wunschträumen hinzugeben als politische Niederlagen einzubekennen. Und wir meinen: Jabotinskys Vision über «Palästina im Jahre 1953» war ein Zurückweichen vor der Wucht seiner politischen Niederlagen. Lassen wir doch einmal Jabotinskys Politik Revue passieren: Der Politiker Jabotinsky war es, der C h u r c h i i 1 s Weißbuch mitunterfertigte, dafür also die Verantwortung trägt, aber nicht sich selbst, sondern Weizmann dafür verdammte. Der Politiker Jabotinsky war es, der das Heil des Zionismus darin erblickte, daß Palästina als siebentes Dominion dem britischen Reiche einverleibt werde. Er hat es erlebt, wie diese Idee zu Grabe getragen wurde. Hat sich der Dichter Jabotinsky ausgemait, was Passfield 1929 aus dem siebenten Dominion und damit aus der zionistischen Bewegung gemacht hätte? Das gäbe doch ein wunderbares Thema für eine Vision «Palästina im Jahre 1953»! Der Politiker Jabotinsky war es, der nach den Augustunruhen des Jahres 1929 die Parole von der «Atempause» ausgab. Hat sich der Dichter Jabotinsky ausgemalt, wie Palästina heute aussehen würde, wie unsere politische Lage heute wäre, hätten wir seine Parole befolgt? , Das gäbe doch ein wunderbares Thema für eine Vision «Palästina im Jahre 1953»! Der Politiker Jabotinsky war es, der vor zwei Jahren am 17. Kongreß das Ende des Zionismus voraussagte.; Hat er recht behalten? Das Gegenteil von seinen Unkenrufen ist eingetreten. Palästina blüht, unsere politische Lage ist gefestigter denn je. Die von ihm so bekämpfte zionistische Weltorganisation hat zu diesem Aufschwung wesentlich beigetragen. Wo war der Politiker Jabotinsky? Das gäbe doch ein wunderbares Thema für eine Vision «Palästina im Jahre 1953»! Es ist ein erschütterndes Schauspiel. Der Politiker jabotinsky eilt von Niederlage zu Niederlage. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß viele ihm nur mehr Gefolgschaft leisten, weil sie den Menschen und Dichter Jabotinsky lieben und verehren. Und sie berauschen sich mit ihm an dichterischen Visionen, helfen ihm und sich zur Flucht in Wunschträume, wollen, wie er, nicht sehen, daß sie nicht aufbauen, sondern zerstören, daß sie Herzls größtes Werk, die Zionistische Weltorganisation, unterminieren. Jabotinsky gleicht Ikarus, nur daß ihn seine Phantasie, die Macht seiner Rede immer wieder emporreißen ~ um ihn durch die Macht der Tatsachen immer wieder zu Boden stürzen zu lassen. Er ist eine tragische P e r s ö n-! i c h k e i t, die stets das Gute will und doch das Böse schafft Aber gerade darum ist er eine Gefahr und diese Gefahr muß gebannt werden. Am 14. Kongreß hat Jabotinsky ausgerufen: «Ich stehe hier in Canossa. Ich glaubte vor vier Jahren, daß ich, wie manche Emigranten, mein Vaterland verlassen müsse, um noch besser dafür zu kämpfen. Als Baal Teschuwa stehe ich vor euch. Der Kongreß ist souverän, deswegen stehe ich hier.» So sprach Jabotinsky einmal als wahrer Politiker. Beh. konz. Realbüro ING. M. MUHLBAUER Kauf und verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredit' Gebäudeverwaltung Büro: Franz Josefs-Kai 11 Tel. R-25-U-44 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88